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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-11 · Heft 2886 (11.3.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2886 (11.3.1927)
Date
1927-03-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2886 Dien, Freibag Wke«er M-rse«-ett»«s 11. März 1987 Geste 3 wir lernen: Der Ausfall eines Zuwachses in diesem Gebiete der beiden heiligen Städte, die die Zentren des alten jüdischen Jischnw und der alten Kolonien bilden, erklärt sich aus dem Stillstand der Kolonisationsarbeit überhaupt in diesem der Pika unterstellten Derwaltungsgebiete. Wäre im Gegenteil die Vermehrung der jüdischen Bevölkerung dieses Gebietes in demselben Tempo vor sich gegangen, wie dies in den Gebieten der Meeresküste (Jaffa, Ramlch, Haifa) oder im Emek der Fall war, so hätten wir heute im Bezirk Liberias die absolute Mehrheit, im Bezirk Sa- -ed 35 Prozent der Gefamtbevölkerung erreicht. In demselben Maße, als uns das positive Beispiel des Emek und der Meeresküste als anregendes Muster dienen soll. Möge uns auch das negative Beispiel des Stillstandes der jüdischen Kolonisationsarbeit im unteren und oberen Galiläa ein Ansporn sein in unserem Aufbauwerk von Ercz Israel. Ler amerlkanifch-ivdische Kongreß gegen die autiiemilijche» 8»else in PumSnieu Der Wortlaut des Beschlusses. Washington, 9. März. Die von dem America- «tsch-Jüdischen Kongreß ednstiumii-g angenommene Entschließung in der Angelegenheit der Judenverfolgungen in Rumänien lautet: „Die Aufmerksamkeit der zivilisierten Welt richtet stch seit kurzem auf die Geschehnisse in Rumänien, wo die Juden Mißachtung und Verfolgung zu erdulden haben. Die von dort kommenden, wiederholt beglaubigten Berichte bezeugen, daß ein starker Terror gegen die Juden tot tiefem Lande geübt wird, daß sehr häufig Angriffe auf ihr Leben und Eigentum unternommen yrerden, daß die ruchloseste und schändlichste Propaganda gegen sie betrieben und daß ihre durch einen feierlichen, von der rumänischen Regierung Unterzeichneten Vertrag garantierten Rechte ignoriert und verhöhnt werden. Da die rumänische Regierung es unterlassen hat, dieser Lage durch Bestrafung der Schuldigen und durch Unterdrückung der verbrecherischen Propaganda, die auf Anstiftung von Ausschreitungen direkt ausgeht, zu begegnen, hat der Amerikanisch-Jüdische Kongreß in seiner am 21. Februar 1927 in Washington abgehaltenen Tagung b.schlossen, im Nanlen der Juden Amerikas feierlichen Protest gegen die rumänische Regierung zu erheben wogen ihres Versagens in dem notwendigen Schutz von Leben, Eigentum und Ehre der jüdischen Bürger und wogen ihrer Weigerung, die Bestimmungen des internationalen Vertrages betreffend die Rechte der jüdischen Bürger in Rumänien, die im Jahre 1919 von dem rumänischen Volke angenommen wurden, Gesetzeskraft, erlangen zu lassen. Der Amerikanisch-Jüdische Kongreß appelliert an die zivilisierten Völker der Welt, ihrer Empörung über dies'.' Verletzung der elementaren Grundsätze von Freiheit und Recht Ausdruck zu geben. Der Kongreß ermächtigt seine Leitung, jene Schritte zu unternehmen, die sie für ratsam erachtet, um der vorstehenden Entschließung Wirkung zu verleihen." Tagesbericht. 2« Bundeskanzler über die SchSchtfrage. Bundeskanzler Dr. Seipel empfing kürzlich eine Abordnung des Verstandes der „Agudas Jisroel", die den Bundeskanzler von der Besorgnis bet thoratreuen österreichischen Judenschaft in Kenntnis setzte, daß die schächtgegnerischen Bestrebungen in Bayern aus Oesterreich übergreifen könnten. Die Abordnung wies besonders auf den neuen deutschen Strafgesetzentwurf hin, dcr im Zuge der R echt Sa ngleichung auch für Oesterreich von Bedeutung werden kann. Dessen Tierschutzparagraph könnte eventuell von schächtgegnerischer Seite für eine Propaganda verwendet werden. Bundeskanzler Dr. Seipel erklärte, daß ihm von derartigen Bestrebungen in Oesterreich nichts bekannt sei. Sicherlich werde von Staats wegen nichts unternommen werden, was der dersasjungsgemäß gewährleisteten freien Religionsübung widerspricht und außerdem einem von den Juden als biblisches Gebot betrachteten Brauch den Makel der Grausamkeit aufdrücken würde. Er glaube aber, daß auch in der Bevölkerung selbst, mindestens in der katholischen Bevölkerung» nicht die Tendenz besteht, den Angehörigen des jüdischen Glaubens das Schächten unmöglich zu machen. Der Bundeskanzler wird bei der errdgültigen Fassung des neuen Strafgesetzbuches für Oesterreich und Deutschland auf diesen Umstand b dacht sein Ae Spser der japanischen krdbebrnkatastrophe. Tokio, 10. März. Nach den letzten vom Ministerium des Inneren veröffentlichten Angaben wurden bei». Erdbeben 2558 Personen getötet und 4107 verletzt. Außerdem werden 88 Personen vermißt. 6000 Häuser wurden eingeäschert und 2000 stark beschädigt. Panditenübrrfall auf ein Sofioter PoNzrlamt. Sofia, 10. Murz. Gestern abend ist das Poliz.iamt des 6. Sofioter Stadtbezirkes von Banditen überfallen und geplündert worden. Zahlreiche wichtige Dokumente wurden geraubt. Die eingelckitcte Untersuchung hat bisher zu keinem Ergebnis geführt. kln Gorthesund. Berlin, 10. Wie aus Weimar gemeldet wird, wurde im Goethe-Nalimalmuscum ein sensationeller Goeth^fuud gemacht. Der Direktor des Museums Professor Dr. Wahl stieß, nachdem er drei Jahre lang in aller Welt vergeblich gesucht hatte, durch einen Zufall auf ein verschollenes Handzeichnungswerk Goethes mit 88 H andzeichnungen. Der von Goethe eigenhändig geschriebene Titel lautet: „Reise-, Zerstreuungs- und Trostbüchlein, 1806 und 1807". Das Werk weist deutsche, böhmische und phantastische Landschaften auf. Hilten Sie Steffl vor Erkältung und deren Folgen I Gebrauchen Sie daher täglich zur Einreibung LÖtXfält'Franzbranntwein mit Menthol wodurch Sie sich abhärten und sorgen Sie dafür, daß LÖWCIl-Franzbranntwein mit Menthol früh und abends aüf Ihrem Nachtkästchen steht. Ueberall erhältlich. Var Rrw Parker Schachturnier. Capablanca vergrößert seirren Bor.p.nng. Aus Newyork wird berichtet: Nach der Nemisserie des zweiten Turnus spielt Capablan:« wieder im besten Stil. In der dreizehnten Runde siegte er als Anziehender in einem Damenbauernspiel durch eine elezan c Opferkombination über Spielmann, der gegen den Weltmeister bisher im Turnier zweimal mit Remis abgefchllitteu hatte. Die Partie Aljechin—Vidmar, ein Damen ambit, wirde nach kurzem interessantem Verkauf remis. Nieiuzowitsch wählte als Nachstehender gegen Marshall die französische Verteidigung; er konnte keinen sichtbaren Vorteil erlangen und das Spiel, das nach fünf Stunden ab gebrochen wurde, sch.int sogar für Marshall etwas günstiger zu stehen; ob er freilich gewinn:»» kann, ist fraglich. So ist CapManca gegen Ni:mzowitsch, der noch eine zweite, ziemlich aussichtslose Hängepartie aus stehen hat, bereits stark vorgekommen. Die nächste Runde wird erst Frcivg gespielt. Stand: Casablanca 9 (1 Hängepartie), Niemzowitsch 7 (2 Hängepartien), Aljechin 6 (1), Vidmar 5.5, Spie*- mann 4.5, Marshall 4 (2). Die Ferien beginnen am 8. Juli. Wie amtlich verlautüart roird, hat das Unterrichtsministerium die Landcsschulbehörden und Landesregierungen crmäcl ijgt, den Unt rricht im laufenden Schuljahr mit der Zeugrusverteilung am Samstag, den 9. Juli 1927, abschließcn zu lassen. Das Schuljahr 1927/28 beginnt am Freitag, den 16. September 1927. Der 26. März wird in allen Mittelschulen, die Beethoven-Feiern abhalten, schulfrei sein. Spinoza und Psychoanalyse. Ei» Vortrag des Professors Gebhardt. Am Samstag um yx8 Uhr abends wird der bekannte Spinoza-Forjcher Dr. Karl Gebhardt aus Frankfurt am Main im kleinen Festsaal der Wiener Universität über Einladung des jüdifch-akadcimischcn Philosophenvereines einen Vortrag über Spinoza halten. In den verschiedenen wissenschaftlichen Kreisen wird dem Vortrag im Hinblick auf die Person des Vortragenden großes Interesse entgegengobracht. Dr. Gebhardt ist in der Spinoza-Literatur sehr bekannt und hat erst durch das vor zirka zwei Jahren erschienene Werk: „Spinoza, von den festen und ewigen Dingen" in den Gelehrtenkreisen besondere Beachtung gefunden. Er behauptet, daß es besondere Beziehungen zwischen Spinozismus und Psychoanalyse gibt, die er gerne in Wien, der Stadt der Psychoanalyse, darstellt. New Vsrler Tdeaterluief. Aeaterzeulilr. — SW LWows SAMellerjudllSum. — 10 biwe guolsches Kunjttyeater. - Slyalom Achs ueurstes Maeurverl. — Habimahs „iSolem". Newyork, 1. März. Unsere Theaterwelt ist erregt; in allen Sprachen, die sie spricht und spielt. Denn es wird eine Zenfurkampagne gegen „unsittliche" Theaterstücke geführt. Zunächst ist einmal Bourdets „Gefangene", ein Schauspiel, in dem die lesbische Liebe vorkommt, der „Sittlichkeit" zum Opfer gefaller». Das Stück steht auf ansehnlich künstlerischer Höhe und die Zensur wirkt in diesem Falle weniger reinige»»d als lächerlich, da eigentlich das ganze Theaterwesen auf Broadway, das aus einem unglaublich niedrigen Niveau steht, vom Strichpunkt erster, sittlicher Entrüstung zensuriert werden müßte. Die Lüsternheitsdarbietungen für Lebegreise und -greisinnen jeden Alters, die man unter dem Namen „Theater" auf Broadway so häufig sehen kann, sind weit unmoralischer als ein Stück, in dem das Wort „Frauenliebe" vorkommt. Aber wir sind in Amerika, man darf um Himmelswill^-n Dinge, die als „anstößig" erscheinen, nicht beim Namen nennen. Durch den neuesten Sittlichkeitsfeldzug Haber» sich die jüdischer» Theater Newyorks (die übrigens die künstlerisch und moralisch höchststehendeu sind) die Festfreude ihrer letzter» Wochen »licht verderben lassen. Die jüdische Thcaterlvest feierte das 25jährige Schriftstellerjubiläum des russisch-jüdischen Dichters Ojs,ip Dymow, dessen größter Theatererfolg — das Schauspiel „Nju" — nun auch bald zlvanzig Jahre zurückliegt. Die offizielle Jestseier für Dymow faitb in Morris Schivartz' Kunsttheater statt; dort wurde Dymoivs jüdische Komödie „Der Singer fun sein Trauer" gegeber», die überall auf dem jüdischen Theater — von der früheren Jüdischen Volks bühne in Wien, die das Stück zuerst aufsührte, übe: die Wilnaer Truppe bis zum Newyock.r jüdischen Kunst theater — ein großer Erfolg »var. Er blieb dem Stück auch itt dem Märchrngewaud trcu, das ihn» bei de: Festaufsührung am 17. Februar der bcgablc I. B u l o w (von den Wiluaern zu Morris Schivartz' Theater übergegangen) in Gemeinschaft mit dem Maier Aronsohn gab. Buiolo als Regisseur tauchte die Komödie ganz in Märchenstimmung und gab auch in diesem Stil den Helden, den Musikanten Joschke. Die anderen Typen des Spiels in der Keuse wurden durch die erlesensten Kürrstler d.s Schwartz-Eus.rnbles dargestellt: Bina Abramowitsch gab die Hühn.r- und Eierverkäuferin, Anna Appel die Hausfrau, Berta Gersten die Köchin, Paul Baratow lieh dem Wasserträger seine große Kunst, und L. Teitelbaum war ein Kaminfeger direkt aus dem Märchc»»buch. Dann gab es Festreden, ein Glück- »vunschtelcgramm von Max Reinhardt, das Dymow nach Berlin lud, und herzliche Dankesworte des Gefeierter», dem die Bühnen der ganzen Welt so' viel dichterisch durchhauchtcs Theater verdanken. Nicht lange nachher durste Morris Schivartz selbst, der der echten Dichtung auf dem jüdischen Theater so viele Feste bereiten half, selbst ein Fest feiern, das des zehnjährigen Bestandes seines Neroyorker jüdischen Kunsttheaters, dem er vor kurzem ein neues eigenes Heim geben konnte. Die zehn Jahre Theaterarbeit, die Schivartz geleistet hat, waren Jahre schiversten Kampfes; es galt, ein Publikum, das primitivsten Theaterverstand besaß, zu erziehen; und das ist Schwach in zäher, geduldiger Ausdauer gelungen. Wenn auch nicht alle Blütenträume gereift sind, ivelche die jüdische Bühnenliteratur und Schwartz selbst träumten, als das Werk begonnen wurde, so ist doch erreicht, daß das jüdische Kurvst theater heute in Amerika eine führende Bühne ist nicht nur in der jüdischen, sonder»» auch in der nichtjüidischen Theater- »oelt. Und mehr als alle Festreden, die bei der Jubiläumsfeier gehalten wurde», besagt die in dem Sammelbuch des Jüdischen Kunstlheaters a»»läßlich der Uebersiedlung i»»s neue Haus zusaminengestellte Liste der Autoren und d^s Repertoires dieser zehn Jahre. Etiva 120 Werke der besten jüdischer» Autoren (von Goldfaden bis Asch) und der größten Dramatiker der Weltliteratur legen Zeug»»is davon ab, was ernste Arbeit geleistet hat. lieber dieses Gesarntverdienst hinaus ist als besonderes Berdicnst Schwär«'.' zu buchen, daß er die Gestalten des großen jüdischen BollsdichterS Schvlem Alejchem der Bühne gewonnen hat. Schon dies sichert dem Theatermann bleibende Anerkennung, die über die schnellebige Welt des Theaters hinausgeht. An dem Ehrerrabend, der anläßlich dieses Jubiläums für Morris Schivartz veranstaltet »vurde, ka»u Schalom Aschs jüngstes Bühnenwerk zur Uraufführung. Schivartz selbst, der als Schauspieler ebenso ernste Arbeit leistet wie als Theaterleiter, gab die Trtckcotte ü» Uschis neuem Stück „Reverend Dr. Silber". Das Schauspiel (das, wie ich höre, bereits von einer Berliner Bühne zur deutschen Aufführung angenommen ist) behandelt ein interessantes Problern. Den Beruf des modernen Rabbiners als geistliches Amt. Reverend Dr. Silber gerät durch die Liebe zu seiner Frau, die »hm Schande bereitet, in Konflikt mit feiner Gemeinde, welche feine Grundsätze der Menschlichkeit r»icht begreift. Das Stück ist auf iimere, seelische Motivierung angelegt, die an manchen Stellen sehr gut gelunge»» »st, an anderen wieder zu sehr am Wort hasten bleibt; der knallige Schluß »st etwas gervaltsam, gervisserinahen um mit dem Problen» zu Ende zu kommen. Die Aufführung tvurde mit große»» Beifall ausgenommen, der vornehmlich der d»»rchdachten Gestalt des Reverend Silber durch Morris Sch»vartz galt.' Bon den Stücken des Habimah-Repertoires kam als letztes „Der Golem" von H. Leirvik zur Aufführung u»rd brachte dem Moskauer hebräischen Theater den stärksten künstlerischen Erfolg, stärkeren noch, als ihn der „Dybuk" der Habimah gehabt hatte. „Der Golem" ging im Irving-Place-Theater, wo die Moskauer jetzt gastiere»», z>vei Wochen en suite und hob auch den Besuch der Habimah, der im allgemeinen viel zu wünschen übrig läßt. 9hm, da das Eis gebrochen ist, »vird das Netvyorker jüdische Theater auch den „Golem" Leitviks, der in Newyork lebt urü> dort bisher sein schon zehn Jahre altes Legendenspiel »richt auf die Rampe bringen konnte, bald in» jiddischen Original sehen. Ben-Ami »vill in seinem Jrving- Place-Theater den Versuch »»rage»», dem Habimah de»» Boden bereitet hat. Gegenwärtig spielt Bc»»-Amis Theater Galsworthys „Gerechtigkeit" dem Püblikum seines Theaters zu Dan* S. I. I e f s r i e S.

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