Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2884 (9.3.1927)
- Date
- 1927-03-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Jette 4 Men, Mittwoch Wiener Morgenzeitnng 9. März 1927 Nr. 2884 kamen. Diese Bitte nmvde ihnen natürlich abgeschlagen, da es sich doch der Polizei gerade darum handelte, die arabischen Diebe einer Lchchet-EMvöhmnrgZknr zu unterziehen. Kisevbahnunsall in RumSnien. Bnkarest, 8. Ddärz. Ein aus B u z e u kommender Zug stieß infolge des herrschende dichtet! Mbels auf dein Bahnhofe Crivina mit einem Güterzug zusammen. Es wurden mehrere Waggons zertrümmert. Sechs Personen wurden getötet und viele verletzt. Der S a ch s ch a d e ist groß. Panik bei einer Rabbiner-guftalliemog Aus Budapest wird uns berichtet: Letzten Sonntag nachmittags 4 Uhr fand die feierliche Einführung des neuffÄvähtten Oberrabbiners Dr. Dosider Fried mann statt. Ettoa 5060 bis 60w Menschen hatten sich in der engen Straße, die zur Synagoge fi'chrt, ang:sammelt. In dem Augenblick, als der Kultusvorstand mit dem Oberrabbiner die Straße passierte, wurde das Pferd eines Wachmaiuies schert und galoppierte in die Menge, wobei etwa 12 Personen zu Fall kamen, von den Pferde Husen getreten und zum Teil schwer verletzt wurden. Die weiter rückwärts stehenden Zuscharver gerieten in Panik und rannten davon, wobei wieder einige stürzten. Der Polizrioberiivspoktor Egon Salm, der sich bemühte, die Ruhe wieder herztlstellen und das 'schon.^'wordene Pferd zu zügeln, wurde niedergewovson mrd erheblich verletzt. Die Rettungsgesellschuft leistete erste Hilfe und mußte sechs schwerverletzte Personen ins 'Spital überführen. Auch eine,Anzahl Kinder und Frauen, die im Gedränge in Ohnmacht sielen, mußten behandelt werde-rr. Erst nach einer Stunde tmt Beruhigung ein und die Jnstallieruugsseier konnte ungestört vollzogen werden. Die Liebe in Abstufungen. Aus dem Hirtenbrief des legitimiftii'djeit Bischofs Mikes. Wie alle katholischen Bischöfe, hat auch der Bischof von Steinamanger, Johann Mikes, den üblichen Fasten- Hirtenbrief erlassen. Der Kirchenfürst behandelt die Frage der Menschenliebe, für die er nicht uninteressante Abstufungen empfiehlt. Er schreibt u. a.: „Die Liebe muß sich auf alle Menschen ohne Unterschied, also auch auf diejenigen erstrecken, die von der Gnade der Erlösung noch nicht erfaßt wurden oder sich ihr verschließen, demnach auch auf die Heiden und Juden, die gleichfalls in das Reich des Herren geladen werden. Die Liebe kann durch keinerlei Landesgrenze, Rassenunterschied oder Klassenabgrenzung beschränkt werden. Das schließt jedoch die patriotische Rassenliebe nicht aus. Im Gegenteil. Die regulierte Liebe fordert es geradezu, daß ihre wärmenden Strahlen zunächst sich über die ergießen, die uns am nächsten stehen. Doch soll die Liebe der eigenen Rasse nicht in Uebertreibungen ausarten, wodurch der Blick verdunkelt und der Meusch ungerecht und gewalttätig toirb. Und wehe, wenn die Liebe der Mitglieder einer Klasse zueinander zum Haß gegen andere Klassen führt. Auch die Verschiedenheit der Religionen kann kein Hindernis für die Liebe bilden, denn eines muß vor Augen gehalten werden: die Liebe hat mehrfache Abstufungen." Sie Ehre der Bndavester Sittenpolizei. B u i) ape st, 8. März. Zwei höhere Beamte der Budapester Oberstadthauptmannschaft haben von dem Chefredakteur des . Monragbiattes „A Reggel", Nikolaus Lazar, ritterliche Genugtuung verlangt, weil in der gestrigen Nummer ors Blattes den Beamten der Sittenpolizei eie Fähigkett abgesprochen wurde, über künstlerische Dinge zu urteilen. Die Sekundanten der beiden Polizeifunkiionäre setzten sich heute mit den Mandataren des Chefredakteurs Dazar zu einer Konferenz zu sammen, in welcher die Ehre des V ea m t e nk 5 rp ers der Polizei in unblutiger Weise gereiret wurde. Nikolaus Lazar erklärte nämlich, daß er den Aufsatz nicht gelesen habe und daher die Verantwortung dafür nicht übernehme. Damit zogen die Bevollmächtigten der Polizei befriedigt ab. Anffinvnng eines Rotizbncher Aeethovenr. Moskau, 8. Mürz. Ein bisher unbelamues Notizbuch Beethovens, das Entwürfe zum A-Mollmrd B-Dur- QuarteU ans dein Jahre 1825 enthält, ist von einem Schüler des Moskauer Konservatoriums, der mit dem Ordnen der Mnsikschristeir im Zentralarchiv beschäftigt war, gefunden toovbcn. Das Büchlein, das bas Format eines gewöhnlichen Heftes hat, ist in imitiertem Leder gebunden und mit Goldschnitt verziert. Anläßlich des 100jährigen Todestages Beethovens tvird das Konservatorium in der Jubiläumsnunrmer seiner Musikzeitschrift photographische Na ^düngen des Büchleins veröffentliche. Englischer Parlameatr-umor. Die koutiueutalen Parlamente besitzen nicht viele Redner, die Über einen nie versiegenden Humor verfügen und die Eintönigkeit der langen Verhandlungen duüch Witze verkürzen. Mer im englisichen Unterhaus gibt es einige Abgeordnete, die stets daS „Ohr des HauseS" für sich haben, weil man weiß, daß es bei ihnen immer etwas zum Laichen gibt. Als den erfolgreichsten Humoristen unter den englischen Politikern bezeichnet der Abgeordnete Leslic Hore-Belifha Lloyd George. Schon wenn er auf der Tribüne erscheint und man fein joviales Gesicht mit den vergnügt blitzenden Augen sieht, begrüßt ihn ein Lachsturm, und man täuscht sich nicht in der Erwartung, etwas Vergnügliches zu hören. Dabei ist Lloyd George selbst sein bestes Publikum, denn keiner lacht so über die Witze, die er macht, wie er selbst. Ein Humorist ganz anderer Art ist Sir Alfred Mond. Dieser große Industrielle ist ein Vertreter des „trockenen" Humors. Wenn man nachher seine Rede durchliest, so begreift man gar nicht, warum man an ihr so viel Spaß gefunden hat, denn der sachliche und nüchterne Vortrag verleiht den spöttischen Bemerkungen das eigentliche Salz. Mond hat die seltene Gabe, alles, was er verurteilt, in einem lächerlichen Licht zu zeigen, nicht durch besonders komische Ausdrücke, sondern durch das sarkastische Mkenenspiel, das seine Worte begleitet. Ein anderer Redner, den man hören muß, um seine Wirkung zu begreifen, ist der sozialistische Abgeordnete Thomas. Er ist ein Meister der spöttischen Anspielung, und die Phantasiegespräche, die er mit dem Kabinett führt, sind von erschütternder Komik. Derber und offener sind zwei andere Parlamentarier, die die Kunst besitzen, Beleidigungen in. der gefälligsten Form zu sagen, nämlich S n o w d e n und M o s l e h. Wenn Mosley durch Zwischenr JKätchen «fei? Weltliteratur figflssisdic &atmmiun& aus dem Verlag Eugen Diederichs, Jena für £m>atfisene und Minder (20 £3Aride) zum Teil mit reichem Bildermaterial versehen, in entzückender Ausstattung von Prof. Ehmlce Jeder £3and tfcftiffing Jas Radio als Mittel zm anttsemiiischm Hetze. Aus New York wird uns berichwr: In der letzten Zeit mißbrauchen bie K u-K l u x- K l<rn-Leute den Radiovcrkehr zur Hetzpropaganda gegen Juden und .Katholiken. Das jüdische Kongreßmitglied Samuel Dickst ei n brachte im Einvernehmen mit den übrigen jüdischen und katholischen Kongreßmitgliedern eine Gesetzesvorlage im Kongreß ein, durch welche vre Verbreitung »eS Hasses gegen Rassen, Nationaliräten, Konfessionen oder auch Einzel- Personen durch vaS Radio mit schweren Strafen beiegt werden soll. Der Entwurf wurde der geschäftsordnungsmäßigen Behandlung gugeführt. Ein Wolkenirnher skr die Rrw Völker UniverMt. Das Kuratorium Der Newtzorker Universität har gemeinsam mit hem Senat beschlossen, ein neues Univevsitätsgebäude mit 22 Stockwerken aufbauen zu lassen. Das neue Universitärsgebäude wird auf dem Blockfront von Washingtons Square zwischen Washington-Platz und der Vierten Straße des Westens errichtet werden. Der Kostenvoranschlag beträgt zweieinhalb Millionen Dollar. Die neue Universität soll eine Musteranstali mit den modernsten neuesten Einricütungen werden und Platz für 800 Studenten haben. VarrdMO sind: Französische Märchen, 2 Bände Finnisch-estnische Märchen Malaisdie Märchen Indianermärchen aus Südamerika Kaukasische Märchen Afrikanische Märchen Neugriechische Märchen Südseemärchen Nordische Volksmärchen, 2 Bände Plattdeutsche Volksmärchen Musäus, Volksmärchen der Deutschen, 2 Bände Chinesische Volksmärchen Buddhistische Märchen Deutsche Märchen seit Grimm Russische Volksmärchen Kinder- und Hausmärchen von Grimm, 2 Bände BUCHHANDLUNG £t. jCöivit Wien, V., . ROTENTURMSTRASSE 22 rufe unterbrachen wird, dann sagt er B.: ,Jck verfolge stets mit Interesse und Anteilnahme die Entwicklung jener seltsamen Geräusche, die sich gelegentlich von den Bänken der Opposition erheben, weil sie das dumpfe und instinktive Verlangen der stummen Kreaturen darstellen, sich zu den Flügen der menschlichen Rede zu erheben." »Meine dumme Frau." Die Frauenfrage in Japan. Im alten Japan geschah es höchst selten, daß Mann uub Frau gemeinsam auSgingen. Die durch die Ueberlieferung geheiligten Bräuche verlangen, daß die Herrin des Hauses, die Ehefrau, in ihren vier Wänden bleibe und jich dort ihren häuslichen Pflichten widme. Tie moderne Japanerin jedoch, so schreibt „Osaka Asaki", läßt sich diese.Rolle nicht mehr gefallen; sie tvill in allen Dingen mitreden. .Sie verlangt von ihrem Gatten, daß er sie auf den Bummel oder ins Theater führe, und wenn auch die allen »Schwiegereltern darüber außer sich geraten. Ost gmug müssen freilich die moderner gerichteten Japaner einsehen, daß die alten Sitten mit den neuen »Anschauungen des fernen Westens nicht zu pereinbaren sind. Djte Japaner sind gewohnt, ihre Frau als nicht ganz auf gleicher Stufe mit den Männern stehend zu behandeln. .Eins ritterliche Geste des Gatten erregt daher bei den Zeugen peinliches Aufsehen. So kommt es, daß die weniger mutig veranlagten Ehemänner auf Nippon sich vor der starren Tradition beugen und auf der Straße vorauSgeh e n, während ihnen die Gattin in gemessenem Abstand und in unterwürfiger Haltung folgt. Wenn jedoch keine Gefahr besteht, von konservattv gesinnten Landsleuten gesehen zu werden, ändett sich das Bild. Derselbe Japaner wird seine Frau nie anders als mit tjbciu Worten: „Meine dumme Frau" Vorstetten. Das Ideal der Frauenerziehung tvar eben ganz auf das Ziel gerichtet, aus den Mädchen ausgezeichnete Gattinnen, und Mütter zu machen; alles, was diesem Ideal im Woge stand, «.etwa soziale und politische Betätigung, war verpönt. Aber dis neue Generation ist nicht mehr gewillt, diese veralteten Arr- ^'-anungen anzuerkennen. Eemefterseier im Wischen Zentrum. Das Jüdische Zcnttum der Sozialen Hüssgemem«- schaft Anitta Müller,. das im Herbste seine Wirksamkeit begann, hat vor wenigen Tagen zur Frier seines ersten Halbjahrsschlusses geladen. Diese Feier wurde in würdigster Form abgehalten. Sie bestand in einem Rechenschafts- und Arbeitsbericht, den Dr. Kl aber den Geladenen gab (man bemerkte unter den zahlreichst Erschienenen viele hervorragende Persönlichkeiten) und in einem Vortrage des Oberrabbiners Dr. Chajes, der über „Die älteste Judengemeinde Europas" sprach. — Dieser Vortrag, der in ungemein geistvoller, fesselnder Weife das Leben der ersten jüdischen Gemeinde in Rom schilderte, gab der Semesterfeier die Weihe. Herr Dr. K l a b e r erstattete dm Tätigkeitsbericht des abgelausenen Arbritsjahres. Danach erstreckt sich die Tätigkeit des Jüdischen Zentrums , auf zwei verschiedene Gebiete: auf das Fürsorgegebiet und das Gebiet der Volksbildung. An Fürsorgestellen ist das vorbildlich wirkende Hilfsbureau tätig, welches, tvie schon feit vielen Jahren, seine Hilfe in Rat und Tat den Bedürftigm zuwendet, in erster Lime solchen, welche in Wien nicht heimatsberechtigt sind, daher auf anderweitige Unterstützungen krinm Anspruch haben. Auch die Beratungsstellen, die Mutter- und Säuglingsfürsorge, die ärztliche Beratungsstelle und die juridische, welche ihren Schützlingen nichi nur unmtgeltlichen juridischen Rat erteilt, sondern auch Prozesse für sie führt in Wohnungsfragen, bei Delogierungen u. a. interveniert, wirkt ungemein segensreich. Die pädagogische Beratungsstelle leitet schon zum zweiten Gebiete, dem Volks bildenden, über. Die Sprachkurse, Hebräisch für die nach Palästina Stve»- bendeu, Englisch, Französisch Deutsch für Ausländer, dann die Handwerkkurse, der kunstgewerblich Unterricht usw. streben diesen Zielen zu. Turnen, Borträge über Jndividualpsychologie (nach Dr. Adler), Hygiene, die Dichternachmittage, die Vorträge über Geschichte, Geographie, Naturwissenschaft, Literatur, jüdische «Kunst, Liturgie usw. vermitteln den Bildungssuchenden bleibende Werte. Die Einführung von. Elternabenden, die Dr. Klaber zu danken ist, ioird sicherlich von großem Erfolge begleitet sein. Diesen Einrichtungm schließen sich die verschiedenen Jugendklubs an, welche am Jüdischen Zentrum ein Heim gesunden haben, die vortreffliche Kinderlesestube, die belehrenden und unterhaltenden Kii.dcrnachmittage. Auch an diesen seinen jungen Schützlingen weiß das Jüdische Zentrum erzieherisch und bildeiü» zu wirken. So haben sich zum Beispiel die Führungen, tvelche Dr. «Klaber für dm ,Mädchenbund Mirjam" durch verschiedene $tiftihitiouen des jüdischen Wohlfahrtswesens veranstaltet, ungemein erfolgreich erwiesen. Dr. Klaber schloß seine so dankensiverten Ausführungen mit einem warmempfundenen Nachruf für Professor Ehrmann, der ein herzlicher Freund der Sozialen Hilfsgemeinschaft und des Jüdischen Zentrums gewesen war, und mit einem Gruß an die in Palästina weilercke Gründerin und Vorsitzende, Frau Anitta Müller-Cohen.