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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-08 · Heft 2883 (8.3.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2883 (8.3.1927)
Date
1927-03-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2888 Wien, DienMag Wie«« Mp»ge«-eit«»s S. Mär- 1SS7 @e*te 3 Sie litte Slskde. In der elften Runde spielte Bidmar ein Damen gambit gegen Spielmann. Die Partie endete nach inter essantem Verlauf remis. Aljechin hat in einer unregelmäßig eröffneten Partie gegen Niemzewitfch bessere Stellung erlangt. Capablanca hat in einem Endspiel gege Marshall bei einem Bauern mehr Gewinnchancen. Stand nach der elften Runde: Capablanca 7 (einc Hängepartie), Niemzewitfch 6.5 (zivci Hängepartien), Aljc chin 5 (eine Hängepartie), Vidmar 4 (eine Hängepartie) Spielmann 3.6 (eine Hängepartie), Marshnll 3 (zwe' Hängepartien). Georg Brandes und da« Interview. „New Judäa" in London veröffentticht ir ihrer letzten Nummer einen bisher unveröffent. ttchl-en Brief Georg Brandes' an die Redaktion des Blatdes. Im Jahre 1926 erschien in dem rWoischen eingegangenen heLrSischen Dagblatt „tzajom" ein angebliches Interview mit Brandes, dessen Bc-Hauptungen die Redaktion des englischen Blattes veranlagten, den großen Kritiker über die Cchlhett der chm in den Mund gelegten Aeußerungen brieflich zu befragen. Hierauf antwortete BranüeZ: „GefbcvitM Sie mir, meine Ansicht in wenigen kurzen Sätzen bekakÄnlMgeben. Ich bin mir nicht boivußt, dem Kvrrespondenitsn des „Hajom" om Jirbsrview g-ogeben zu haben. Ich tverde den ganzen Tag unausgesetzt von Jouonaliist-en verfolgt und mom LÜrzigar Wunsch in den letzten vierzig Jahven war immer, sie mir vom Leibe zu halben. Gelegentlich gelingt es ednem. mir in die Nähe zu kommen, mck ich beh.Au.dle ihn höflich, ohne zu ahnen, daß er die Msicht habe» das, tvas er zu Höven bekommt, zu netieven und zu veröffentlichen. Auch dieser Herr ist ein solcher Namenloser. Ich betvachde den Jniervietvor als das verabscheuungswürdigste Geschöpf. Viel zu faul, um des Autors Werke zu lesen, zu söuipD oder indiffevent, um sie zu verstehen, zu unwissend, um sie im Original zu kennen, versucht er ebne fensationSlüsii'rne Oeffentlichkeit mit Bemerkungen zu traktieren, die im Laufe eines Gespräches gefallen sind, BemevkunigM, die er nicht einmal fähig ist, richtig tviederzugoban. Ich habe etwa sechzig Bände geschrieben, habe oft und eingehend mich mit jüdischen Fragen beschäftigt, habe jedes Wort abgewogen, drei Bürstenabzüge von jedem korrigiert — all dies existiert nicht fiir den Jntovvwlrer. Er belästigt den Verfasser mit indiskreten Fragen, über welche man nicht geneigt ist, eine Meinung zu äußern, und er schickt der Zeitung den absurden Stoff ein. Niemand, der mich keimt, wird glauben, daß ich Einstein rmd Bevgson mit. einem AbemKivg als gleiche genannt habe. Ich bin' ein Kritiker, das ist osfei'.bär nicht genügsam bekannt. Es wurde cnbch berichtet, daß ich von einer »Mission' der Juden gesprochen habe. Ich und eine .Mission'!" Sie Serie der BergwerksungiLcke. Mühlhausen, 7. März. In Wittenheim stürzte gestern in einem Bergwerksschacht -in dem Augenblick die Decke eines Schachtes ein, als die Bergleute zu Tage befördert wuvden. Vier Bergleute wurden getötet, zwei anderer schwerverletzt. 6«! E Reiten, Wind. Kttlte Wird man leicht von Erkältung befallen Man muß daher rechtzeitig Sorge dafür tragen, daß im Hause nie fehle der in seiner schmerzlindernden Wirkung einzige echte DIANA Fra nzk rannt wein mit Menthol welcher für Massagfe, Einreibung, Umschläge und als GurgelWasser gleich unentbehrlich ist. Ileberall erbttlllldi. I Wen, 8. März. Das Wetter. Der herrschende Wetterchavakter ist im allgeimeiueir unverändert geblieben. Die Vorhersage lautet: Andauernd mSR>. wechselnd wollig, leichte Niederschläge nicht ausgeschlossen. Prämicn-Altion. Wir machen unsere Leser und Freunde aufmerksam, daß das dreibändige Weck „Jostfus Flavins" im Rahmen unserer Prämien-Aktton nicht mehr ousgegclben werden kann, da die Auslage bereits vergriffen ist. Monatsgespräche ln der verkehrsstarken Zeit. Vom 1. März 1927 an wurden im österreichisch-deutschen Delephorvverkehve Monatsgospräche auch in der verkehrsstarken Zeit (8—21 Uhr) singeführt. Die Spvechgebühr wird mit dem dreifachen Betrage (höchstens 6 Minuten zulässig) bemessen. Bestellungen können bei allen Delephonamtern, in Wien ausschließlich beim Fernamte, IX/1, Berggasse 35, erfolgen. Verteuerung der Arzneimittel. Das Bundcsmiinistevium für soziale Verwaltung hat in einem Erlaß bekamttgegeben, daß durch eine Verordnung dieses Ministeriums der Taxanifatz für Rezepturarbeiten in den Apotheken von 30 ans 40 Groschen erhöht wurde. Diese Preissteigerung ist durch eine zehnprozenttge Lohnerhöhung >der Angestellten bedingt. Zusammenstoß zwischen Sozialdemokraten und Nationalsozialisten in BöSlau. Aus V ö 8 l a u wird uns berichtet: Dies« Dago hätte im hiesigen Hotel Witimann eine Versammlung der Nar'onaljozialisten statifinden sollen. Sozialdemokraten besetzten schon vor Beginn der Versammlung den Saal und die antommLn- ■ den Hakenkreuzler wurllen sowohl am Südbahnhof als auch bei der Elektrischen auf Waffen untersucht. Schließlich wurde den Nationalsozialisten freies Geleile zugesichert,. wenn sie Vöslau sofort wieder verlassen. Ms die Nationalsozialisten zur Haltestelle der Badener Elektrischen kamen, erfolgte ern Zusammenstoß zwischen diesen und den Sozia^emokralen. Die Nationalsozialisten wurden verprügelt und namentlich ihr Führer Hanke aus Baden übel zugerichret. Erst dem Einschreiten der Gendarmerie gelang es, der Schlägerei ein Ende zu machen, bei der zahlreiche Leichtuub auch Schwerverletzte zu verzeichne« waren. Die gerichtliche Anzeige wurde erstattet. «it wftttiifti «Untat Mn m zmn satiuiiti Budapest,?. März. Wie der ^Pester Lloyd" meldet» ist gegen den in Szollosvar bei üksutva (Slöwcokei) wohnenden Gvoßgruridbesitzar Fürsten Lydio Odescalchi, der sich zur slowakischm Nation bekannt hat, vor zwei Tagen ein Attentat verübt worden. Ein unbekannter Täter schoß in das Feilster, hinter tvelchem Fürst Odescalchi schlief. Die Kugel blivb im Eisengitter des Fensters stecken. Es soll sich angeblich um einen Racheakt oder oin politisches Attentat handeln. Der Täter konnte bisher noch nicht crmiiiM werben. Sa« ZWpimarveriahken gegen Keving und Hoffman«. Die Anstifter der Hetze gegen den Fabrikanten Haas. Vor de nt ObrrlandeSgenichit in Naumburg hat gestorn das Diszipliinavverfahven gegerr die aus der Mordaffäve Schröder bekannten Lcmdgevichtsväte Kellia^ und Hoffman« aus Magdeburg bsgonn>en. Kellin>g hat seiniarzeit als Uiltersuchungsrichtsc twtz aller gegen Schröder vorliogend'Ln Jndizion sich nicht davon abbvingen lassen, den Grosziiidustniellen Haas als der Anstiftung zum Mord an dem Buchihaltor Helling verdächtig zu behandeln and lange Zeit in Unterfiichimi'^ZHaft zu behalten. Die Führung dar Ma^deburigier Itnibeirsuchung evregte seinerzeit die öffeiut* liiche Moiniung alrßovordeatlich. In der Presse der Linikon erschienen Artikel, die scharfe Angriffe gegen den UnterslichunigSrichtor enthielten. Auf diese Angriffe antwortete Landgevichtsvat K e l l i n g in A r t i k e l n, die er in Magdabunzloc Zeitungen unter seinem Namen veröffentlichen ließ. Man hatte in:zwischen erfahren, daß diese Artilkel rricht von Kelling selbst, sondavir von dem ihm Vorgesetzte»: Landgerichtsdirektor Hoffmann geschrieben und voll .Kelling gezoichnot worden sind. Der Skandal avurde schließlich so groß, daß er z>lt>r Diszipkinarklage gagen die beilder: Nichtor Var dem Naumburger Dn'isziplilrvaüsLnat geführt hat. Las New Hortet Schachturnier. Capablancas Nemisserie. Aus New V o r k wird berichtet: Der Schach Weltmeister Capablanca, der im ersten Turnus des Sechslneisterturniers aus fünf Partien 4 Zähler (btd Gewinne und zwei Remis) herausholen konnte, hat im zweiten Turnus erheblich nachgelassen; er vermochte nur einen Sieg (über Marshall, dessen Teilnahme am Turnier anscheinend nur dazu da ist, um den Skore Capablancas zu verbessern) zu erringen-, gegcn die anderen Teilnehmer mitßte er sich mit Remis begnügen. 'In der zehnten Runde, der letzten des zweiten Turnus, traf Capablanca mit Aljechin zusammen und die Partie, in der Aljechin die schwarzen Steine hatte, endete nach 28 Zügen mit Remis. Dde Bartven Marshall — Svielmann uns N iem zowitsch — Bidmar kamen nicht zu Ends. Da Niemzotvitsch, dessen Spielweise im zweiten Vierteil des Turiniers erstklassig war, gegen Bidmar vorteilhaft steht, so kann er Capablanca leicht überholen. Stand nach der zehnten Runde: Capablanca 7, Nicmzowitsch %% (1 Hängepartie), Aljechin 5, Vidmar VA (1), Marshall, Spielmonn je 3 (1). Ne Maske. Von Lola Landau. ,^.r.,-iuen Sje Ihre Maske ab!" Er ries es seiner Tänzerin zu. Sie hielten in einer Laube von grünen und Hellrosa Papierblumeu. Das stampfende Brausen des Festes durchschütterte sic noch, als sie stillstanden und ihre Hände sich losließen. Nach dem heftigen Tanz schienen beide auf einer ungeheuren Schaukel auf und nieder zu schwingen. Flatternde Farben jagten an chneir vorüber. Sein klares, geschlossenes Gesicht bekam plötzlich bei dem wilden Wunsch, sich ihre Züge zu entschleiern, den Ausdruck eines eigensinnigen Knaben. Er umarmte sie mit seinem Blick: den geschmeidigen Körper in der rotseidenen Jacke der Türkin, den breiten braungoldmen Gürtel, die sanften blühenden Arme, die sich bis zum lEllerrbogen nackt aus weiten Aermeln hoben, und endlich das Gesicht,, das beinahe völlig von einer schwarzen Maske verdeckt war. „Nehmen Sie die Maske ab! Sie versprachen es mir für diese Stunde." „Nein, heute abend nicht." ^,Warum nicht?" Sie schwieg. Er sah sie lächeln, oder ahnte nur liiiter dent schwarzen Stoff der Larve ein Lächeln zittern. Ihr verhülltes Gesicht — daß sie ihn mit ihrem versteckter: Mienenspiel betrügen und verhöhnen könnt«, brachte ihir in Raserei. Sei:: Blick brannte auf ihrer Maske, glaubte sie durchbrennen zu müssen bis in das Geheimnis der Beseelung. Er wollte diese Augen erraten, die Forrn» dieses Kirms, die Fläche dieser Wangen, dieser: Mund. Was ihre sprechenden Bewegungen ihm gesagt hatten, sich durch ihr Antlitz wiederholen lassen Dem: alles bei diesen: Mädchen sprach zu ihm, der aufjauchzende Tanzschritt, das leise Zucken ihrer länglichen enrpsindsamen Hände, die stürmische BÄvegung ihres Hauptes, wie cs vor seinen: dichter: Atem sich zurückwarf rmd ihm doch näher, inniger schien, je weiter es schwand. Endlich dorthin blicken, wo die S:ele in der Blüte des Gesichts aufbrach, inS Weiße der Seele hineinschauen. Durch verl rchmawu Äpali. Larve jah ec plötzlich ein Auge aufglirnmen und griff in den Stoff, um die lästige Hülle. aözureißen. Sie schrie leise auf, und schon war sie ihm entflohen, forttanzend in wirbelnder Schnelligkeit, so daß er sie erst nach einer Rrrnde des großen Saales wieder ergriff rrnd in sausendem Zweitakt tveitertrug ... Während Erna allein tanzte, fiel sie zusammen im Entsetzen ihres wirklichen Gesichts. Stürzte zurück aus der Verivirrung der Lichter in ihre eigene Mißgestalt. Sie war häßlich. Häßlichkeit hatte ihre Züge entstellt und zerstückelt. Häßlichkeit hatte den Einklang ihrer Züge auseinandergerissen. Nun demaskierte sie sich vor ihrer eigenen grausamen Klarheit, dachte die Larve fort. Und sah sich, wie sie wirklich aussah. Ihr entblößtes Gesicht mit der plattgedrückten Nase, dem breiten Mund, dieses flache, schiefe Antlitz, das nur Lceres zu reden schien. „Welche verschwollene, beulenhafte Häßlichkeit", übertrieb sie in ihrer Erbitterung. Häßlichkeit ist AuÄvuchs, krankes Gewächs. Sie sah ihr Gesicht nackt in der ganzen hüllenlosen Grauhcit. vor ihm, der es entschleiem wollte, und die Verdammnis ihres Schicksals brach neu über sie herein. So war es immer gewesen. Wenn aus ihrer reichen, liebreichen Seele Worte emporstiegen, klangm sie auf diesen reizlosen Lippen fahl und tonlos. Wenn ihre glänzende Seele den Strahl, den Blick hinaussandte, ward er tn ihrem Auge trübe und stumpf. Wer konnte je diesen Worten, diesen Blicken liebend entgegrneilen! Wem: Freundschaft sie auch umschlang, Liebe toandte sich ab. Bei allen Freuden und Tänze» der Jugend ioar sie nur Zuschauerin, wo sie so gerne mitgelebt hätte. Immer saß sie in Nebenziurmern, unterhielt sich mit älteren, lnüden Frauen und schien selbst keinen: Alter mehr anzugehören ... * Aber heute zum ersierunal war Erna umworben. Es umglühte sie der starke Duft, der alle Frauen durchftröntt, wem: sie Bewunderung fühlen. Lockung erfuhr sie, Abwehr, Flucht, Verfolgilug, ja Liebe. Denn dem Manne, der sie den ganzer: Abend so leidenschaftlich festhielt, war sie für die kurzen (Siuubcn das einzige, das schönste Weib. Allerdings war das Glück erkauft durch listigen Betrug, durch die lügenhafte. Verdeckung ihres Gesichts. Die Entlarvung wäre grauenvoll. Bei diesem quälenden Gedanken spürte sie seinen Arm um ihren Gürtel, wieder war sie gefangen, und da zerflog alle Schwere. „Nur genießen", dachte Erna, „nur diesen Abend einmal leben, nichts von sich selber wissen^ ruck die Seele in einem fremden, eingebildeten, schönen Körper tanzen lassen!" Sie beschloß, die Maske nienmls vor diesem Marnre zr: lüften. Gegen Morgen brachte er sie nach Hause. Die schlafercken Straßen lagen leer und tot in der weißen Helle. Ein gespenstisch erstarrter Tag blickte sie an. Doch strich schon frische Frühlust über die Dächer und netzte auch die erhitzten Stirnen der Maskierten wie kühles Wasser. Es war, als ob sie selbst aus irgend einern traumwirren Schlafsein zur Wirklichkeit neu erwachen müßte. Und da beugte er sich :wchmals zu ihr und sagte diesmal leise wie ein Freund: „Warum wollen Sie eigmtlich die Maske nicht abnehmen? Vertrauen Sie nnr de:: Gru:ck." Sie bat nur: „Quälen Sie nvich nicht", da ließ er behutsam ab. Und dann sprachen sie nur über wirklich ernsthafte Dinge. Als sie sich trennten, verlangte er ein Wiedersehen. Sie schlug dies ab, gewährte ihm aber, sie in Briefen weiter anzureden. Damit begnügte er sich zögernd. Diese Gespräche ohne die zerstreuende Wirkung eines verliebten Anschauens wurden zu dem Uesen Zwiegesang von zwei töneicken Menschen. Das Leben eines jeden floß strölnend zu dem andem hinüber. Sie kannten sich so gut, als wäre selbst ihre Kindheit eine gemeinsame gewesen. Sie halfen sich durch die abgerissenen und verknoteten Alltäglichkeiten des zusammengesetzten Tages zu dem Sinn eines ununterbrochen rauschenden Leberlsgefühls. Bts zuletzt ein Brief von ihm kam, in dein er ihr Liebe gestand und sie pries als seine von der Vorsehung und allen Mächten des Seelenschicksals bestimurte Frau. Gleichzeitig drang er nun auf ein unrimskiertes Wiedersehen, das der Anfang ihrer Bereinigung für alle .r

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