Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2883 (8.3.1927)
- Date
- 1927-03-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Men, Dienstag Wiener MorgenzeiLirng 8. März 192? Nr. rsss 'oJlo ojv* ojio 'ojry cjfo' ojlo ä£öls ©Vo OjfO OUC* 0)f0 OjfO ZU OEM KREUZWORTRAETSEL Nr. 24 .WIENER MORGBNZE1TÜNG1 DER (2jG*s) xJ[o ojfo qj\P ^J\9 ro][o' '57 [o^ o7fa ojfo ojfo OJfÖ ojfo 0|{O oVo oVo OjfO iiisiii Las Alibi der LiMker. -y, Men, 8. MSrz. Die „Arbeiters-Zeitung" rückt gegeu die Hakenkreuzler aus. In der Hochschule für Bodenkultur haben am Samstag antisemitische Radaubrüder Unfug getrieben; auf dem Sportplatz Hohe Warte gab ein Fußballmatch der Hakoah gegeir den Wiener Sportklub den Windjackenhclden Anlaß, ihr Lexikon aufzusagen. Die „Arbeiter- Zeitung", die sonst den Hakenkreuzlem durchaus nicht grün ist, macht Miene, sich auf ihre Seite zu stellen. Aber sie dichtet sich zu der Pogrommelodie ihren eigenen Text. Der Oberzionist Plaschkes, sagt sw am Sonntag, ist da mit gar feinen Leuten in die Eiilheitsfront geraten; am «Montag ersucht sie den Bundeskanzler, er möge seinem Plaschkes und sich zuliebe die Bundesgenossen aufmerksam machen, daß Pogrome bis zum 24. April unerwünscht sind. Daß also die Zionisten sich bereit machen, mit Riehl in die Einheitsfront zu gehen, wird von der „Arbeiter-Zeitung" bereits als Tatsache hingestellt. Sie hat dafür keinen Beweis, es seien denn die noch immer nicht aufgezählten christlichsozialen Kuckuckseier in der „Wiener Morgenzeitung" und die jüdischen Pächter im Liechtensteinpalais, die den Reden der Herren Streeruwitz und Pater Sturm begeistert zustimmten. Aber wo kein Beweis ist, da erfindet man sich ihn, und kann man ihn nicht erfinden, so legt man aus und legt man unter. Das Mittel verfängt immer. Es gehört zur Taktik. Es gibt ein Prinzip, ein Programm und eine Taktik. Gewöhnlich ist die letztere das stärkere. Die Sozialdemokratie ist eine Partei der Freiheit, des reinen Denkens, des reinen Tuns, des unerbittlichen und unbeirrbaren Glaubens an die Weichheit der Menschen. Sie kämpft gegen die Unterdrückung des Menschen, des Gewissens, des Rechtes. Sie ist die Wahrheit. Das ist das Programm und Programme sind immer das Werk von Idealisten, die von der Echtheit dessen überzeugt sind, was sie niederschreiben. Dann kommt die Politik, die Taktik, das Kompromiß. Erft nur der kleine Finger. Es wird mit einerseits — andererseits operiert, und schließlich landet man beim „Als ob". Die Sozialdemokratie, nämlich die deutschösterreichische, muß, wie sie behauptet, der Massenstimmnng Konzessionen machen. Sie ist angeblich antisemitisch, und man will doch die Massen gewinnen. Man muß zu ihnen niedersteigen und auf die Volksseele horchen und sie, wenn man nichts hört, zu erraten suchen. Ist auch das ergebnislos, dann gcht's vielleicht mit provokativen Injektionen. Das Land soll erobert werden. Der Kampf um das Dorf soll bis an die letzte Scheune herangetragen werden. Das ist ein schweres Beginnen. Aber vielleicht wird's etwas leichter, wenn man auf den jüdischeil Grundbesitzer oder Pächter hinzeigt. Der verteuert euch das Brot, das hat er mit dem Seipel so ausgemacht und dafür gibt er Geld für die Wählen. Das ist auf dem Land. In der Stadt ist die Taktik anders. Dort schweigt sie zum, Rechtsbruch an jüdischen Optanten, zu den Pöbeleien gegen jüdische Studenten. Es ist kein sittliches Gut des Proletariats in Gefahr, und für die hakennäslerischen Opfer des .Jcmhagels streiten doch die Zionisten. Aber die Zionisten nehmen sich auch die Freiheit heraus, als jüdische Staatsbürger die Stellung der Juden zum Staat, zur Verwaltung, zur Steuerpolitik zu prüfen und dagegen zu protestieren, daß der Bund und die Gemeüche mit ihren Praktiken gerade dm jüdischm Kaufmann, die jüdische Weißnäherin, den jüdischm Intellektuellen aussaugen. Die Zionisten sind nicht damit einverstanden, daß ein Bewerber für ein öffentliches Amt den Taufschein oder die Bestätigung seiner sozialdemokratischen Gesinnung vorlegen solle. Sie sind überhaupt gegen die „Gesinnung" und die damit verbundene Schnüffelei. Sie verlangen, daß ein Jude, wenn er für ein Amt taugt, nicht noch mehr als die Qualifikation Nachweisen solle. Und sie findm sich nicht damit ab, daß die Partei der Gewissensfreiheit im Judenpunkt kapituliert und Ausnahmszusvände mit ihrem Stempel versieht. Sie und nicht nur sie, sondern jeder freiheitlich empfindende Mensch wehrw sich aus aller Kraft dagegen, daß diese deutschösterreichische Sozialdemokratie irgendwie als Zentrum einer geistigen. Opposition gegm die Schmutzflut der Reaktion geltm dürfe. Die Zionisten wehren sich dagegen, daß Menschen jüdischen Stammes, die ihre Abkunft als einen Makel empfinden, richtunggebend auftreten und die große Partei auf dm Irrweg der Lüge führm. Das als eine Stellungnahme für die „antimarxistische Einheitsfront" auszudeuten, ist eine der vielen Fälschungen, die das Zentralorgan immer begeht, wenn es von Juden und jüdischen Dingm sprechen soll. Die Hakenkrcuzexzesse sind da gern gesehen; Ko schaffen das AM. Aus Sm Arael. Ile Bersmimig Her WirtMIttnst. ruf« lern, 7. März. Der OberkommiffSr, Lord P l u m« r, bewilligte öd einem Besuche Tel Awiiys R cg i e r n n g s k r e d i t e für öffentliche Arbeiten. Er versprach gleichzeitig eine stärkere Beteiligung der Regierung an dem Erziehungs- und Gesundheits-Budget der 'Zionistischen Exekutive. Nathan Straus spendet« zur Linderung der schweren Mrtschaftsnot in Tel Awiw 20.000 Dollar, i Sie BQQI Sei ffläWee in Malern. Ierusale in, 7. März. Nach dem „Haaretz" betrug die Zahl der bis zum 18. Februar registrierten Wählerin Jerusalem 1025 Juden, 1250 Mohammedaner und 800 Christen. ' rer Hasen von Pott Food. Jerusalem, 7. März. Nach dem „Haaretz" hat sich der Rat der Negierung mit der Frage der Eisenbahnstation von Kantara nach Port Fuad beschäftigt und ist zu dem Beschluß gekommen, die Station an ihrem Ovte zu belassen. Im allgemeü.nen war die Kommission der Ansicht, daß dem Hafen Port Fund für Palästina keine besondere Bedeutung zukomme. Ser amerikanM-Wische Kongreß. New U or k, 7. März. Der amerikanisch-jüdische Kongreß nahm in seiner Schlußsitzung unter anderem folgende Resolution an: " . „Der amerikanlsch-jiMsche Kongreß begrüßt den Abschluß bt:§ Abkommens zwischen dein Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, Dr. Weizmann, und dem Führer der nichtziomftischen Palästina-Freunde, Louis M a r s h a l l, über die Erweiterung der Jewish Agency. Regierung und Rathaus lassen die Meldungen dementieren, die davon zu berichten wußten, daß am letzten Samstag das Arsenal nach Waffen hätte durchsucht werden sollen. Das Regierungskommunique behauptet, es seien auch keine militärischen Vorkehrungen zu diesem Zwecke getroffen worden. Richtig sei nur, daß durch Ansammlung einer größeren Zahl von republikanischen Schutzbündlern' im Arsenal und -dessen Umgebung beunruhigende Gerüchte entstanden sind. Es ssi. auch unrichtig, daß Bürgermeister Seitz in ümer Untero.düng mit Bundeskanzler, Dr. Seipel diesem angedroht habe, die Sozialdemokraten würden den Generalstreik für ganz Oesterreich proklamieren, wenn Bundestruppen oder Polizei neuerlich ins Arsenal eindringen. Es scheint also die Situation so zu sein, daß die Sozialdemokraten dem Heeresminister nicht über den Wog trauen, und befürchten, daß er das Arsenal besetzen läßt, um den Frontkämpfern und haken kreuzlerischen Organisationen Waffen in die Hand zu spielen, während umgekehrt in den Regierungskreisen, die sich von Militärs beraten lassen, ein sozialdemokratischer Putsch an die Wand gemalt wird. Die Folge dieser Verstimmung ist, daß auf irgendein Gerücht hin, die militäuschen Kommandanten ihre Truppen in den Kasernen konsignieren und die Schutzbündler zum Arsenal ziehen, um eine Ueberrumpelüng hintanzuhalten. Dieser Schwebezustand ist auf die Dauer unerträglich. Wenn man den Versicherungen der Regierungsleute glauben darf, so wünschen sie selbst, daß Beruhigung ointrete. Zu diesem Zwecke setzen sie die Deinentierspvitze unaufhörlich -in Tätigkeit. Was nützt dies aber, wenn das offizielle Organ der rogierendm Partei, kaum das Beruhigung eiutritt, Polemiken veröffentlicht, aus deinen man alles andere hevauslesen muß, als die Absicht, Ruhe zu stiften. Der gestrige Tag verlief im Arsenal - ohne Zwischenfälle. In 'den Besprechungen, die sich an die gestrige Sitzung -dos Hauptausschuffes schloß, wurde wohl auch des Arsenals Erwähnung getan, aber wie versichert wird, nur in dem Sinne, daß vorderhand nichts geschehen wird, was zu neuen Konflikten Anlaß geben könnte. Wie die „Arbeiter-Zeitung" berichtet, seien in der Nacht.von Sonntag aus Montag, um 'Al Uhr, von unbekannten Tätern drei Pistolenschüsse in den Hof des sozialdemokratischen Parteihauses in der Rechten Menzeile abgegeben worden. Eine Polizeikommission habe zwei Eimschüsie sestgestellt. Man nehme an, daß die Schüsse von gegnerischer Seite abgeseuert worden waren. Unsere KreurwortrStfelkonkurrenr! Auf verschiedene Anfragen hin teilen wir mit, daß ml/sere jetzt laufende Riitfelkonkurrenz fünfzig Rätsel umfassen wird. An der öffentlich stattfindenden Verlosung der Preise werden alle jene Löser teilnehmen können, die mindestens vierzig richtige Auflösungen einsenden. Das in unserer Sonnta gsnumm er veröffentlichte Rätsel Nr. 2 2 wurde irrtümlicherweise in die Konkurrenz ausgenommen und wird ansgefchjeden «nd durch ein anderes, in den nächsten Tagen zur Veröffentlichung gelansendes Rätsel ersetzt werden. Tagesbericht. Was in Wien möglich ist. Der Ritualmord als Agitationsmittel. Das Hakenkreuz-ler-Blatt, das bis vor «xntkjen Tagen mit der Mordliste indischer Persönlichkeiten sein Handwerk betrieb, ist beim R-itualmord augekommen. Die Nummer vom 5. März enthält das „Palästina-Mazzoth"-Jn>>erat aus der „Wiener MargenzciiMig". Der Titel lautet: Handel mit Menischeudlut. Dem Inserat folgt ein Abdruck aus einem Buch „Der Ritualmord bei dvn Talmud-Juden", das ein Doktor der Theologie, namens Karl M o m m e r t, geschmiert hat. Den Inhalt kann mau sich vorstellen. Der Staatsanwalt hat den Aufsatz gelesen und ihn nicht beschlagnahmt. Wir fordern die Kult-usgemeinde auf, bei der Regierung anzufragen, wie lange dßeft Frechheit noch geduldet werden wird. Ile zigeuner vo« Kascha«. Sechs Menschen anfgefresicn? Kasch au, 6. März. Die Untersuchung gegen die verhaftete Zigeunerbande Filko wird von der Kaschauer Gendarmerie mit allem Eifer weitergcführt. Es ergeben sich Bilder schauerlichster Roheit und es wird immer klarer, daß die Zigeuner' in vielen Fällen ihrem Hang zum Aberglauben nachgegeben haben, als sie ih-re unmenschlichen Taten vollbrachten. Die verrohten tierischen Gestalten,, die vor den Unisersuchungsbeamten stehen, geben ganz trocken und ohne Erregung Handlungen zu, die fast das menschliche Begriffsvermögen übersteigen. So erklärte gestern einer der Zigeuner, warum der Gymnasiast Onderezo sein Leben lassen mußte. Onderczo hatte rote Haare und war ein unschuldiger Junge. Das Herz solcher Kinder hat nach der Ansicht der Zigeuner besondere Wunderkraft und wer es genießt, dein bringt es stetig Glück. Der Baudeuführer Filko ivar entmenscht genug, das noch blutwarme Herz Onderczos roh zu essen, und den übrigen Mitgliedern der Bande das Blut zum Trinken zu geben. . Angesichts dieser Aufdeckungen steigt die Erregung der Bevölkerung begreiflicherweise in immer größerem Maße und es wird bereits die Befürchtung gehegt, daß die Einwohner das Gefängnis stürmen und die Banditen lynchen wollen. Der Gefängnisschutz ist daher besonders verstärkt worden. Die Nachgrabungen der Gendarmen waren von Erfolg begleitet und man hat bisher sechs Leichen der Ermordeten aufgefunden. Aus den Erhebungen geht erst hervor, daß die Morde schon bis zum Oktober 1923 zurückreichen, so daß anzunchmen ist, daß noch weit mehr Morde verübt wurden, als die Banditen bisher eingestanden haben. Die Untersuchung der Angelegenheit wird daher noch geraume Zeit in Anspruch nehmen. Äeuner-Melterlolonlen beantragt. Die Gräueltaten der Zigeuner in der Slowakei haben die slowakischen und agrarischen Abgeordneten im tschechoslowakischen Parl-ament veranlaßt, bei der Regierung auf die Errichtung von Zigeuner-Arbeitskolonien zu dringen-. Es wird daraus verwiesen, daß die bisherigen Polizeivorschriften keine Sicherheit für das Leben der Landbevölkerung bieten, die insbesondere in den südböhmischen Waldgegenden und in den Einöden den Zigeunern wehrlos ausgeliescrt sei. Es wivd vorgeschlagen, gesetzlich Zigenn-er-Arbeitskolonien zu schaffen, wo die Zigcuner zu Arbeiten aus >den staatlichen! Gütern herangezogen werden. Aus der ungarischen Gesellschaft. Große Betrügereien einer Baronin. Budapest, 7. März. Die Oberstadichauptmanns schaft erließ heute ebnen Haftbefehl gegen die Baronin Gisela von Starkenberg tvegen ebner Reihe von Verbrochen. Die 34 Jahve alte Baronin war in der hauptstädtischen Gesellschaft all-gemobn beliebt und spielte ebne fühMNide Rolle, ©fe führte ein. verschwenderisches Leben und geriet dadurch in große Schulden, die sie schließlich zu verschbodenen Betrügereien vsranlaßten. Zuletzt beschäftigte sich die Baronin mit dom kommrssiouswoksen Verkauf von Wawon, führte aber die dafür erlösten Gelder nicht ab. Als ihr mit de« Stvafangetge gedroht, lourde, fälschte sie auf den Namen eines bekannten Budapester Ariftokraten einen Wechsel und behob >damit 8200 Dollar bei einer hauptstädtischen Dank. Als nun der Wechsel vor oinbgen.DagM präsentiert wurde, wurde der gmige Schwindel entdeckt, doch nahm der betvefsonde Avistokvat Abstand vor dsr Erstattung einer Stvafanzoige. Die Baronin verlegte sich hieraus unter Berufung aus ihre ioeibvorAweigten Verbindungen auf Paß- und Visa» s ch w i n d e l e i e n. Sie nahm von kleinen Leuten gegen das Voespvechon, ihnen amerikanische Visa zu verschaffen, Vorschüsse von 3 bis 5 Millionen Kronen, die fti dann nicht meihr zucückzahlle, obwohl es ihr nicht gelang, die Visa Al vouschaffon. Ms vor einigen Tagen die orstav Stvafanze^sn gegm sie orstattet wurden, stellte sich hemus. daß sie aus der Hauptstadt spurlos v e r s ch w u n d : ti war. Der Steckbrief tvurde allen mropäischen Polizei» dilvekti-onen übermittelt. Der Schaden, den die geschidigtep Heimen Leute, denen die Baronin -das amerikanische Visun zu verschaffen versprach, erlitten, wird mls mehrer, 1.00 Mill-ionen Kronen geschätzt.