Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2881 (6.3.1927)
- Date
- 1927-03-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 9881 Sfctett, Gormtay Wlsaee M-r-errztttims S. MSrz 1687 SeM 5 dttes und neues Judentum im föurgentand. ÜeiicAilcl« Mm Ctfrfo Metern.* ®ht Wimder, unfaßbar witz die Geschichte der jüdischen Dialspora, war der Mid der uralten sieben jüdischen Gemeinden -cS Burgen'landes: Wsenstadl, Därttersburg, Deuiischkreuz, Lakenbach, Kobersdovf, Frauenkirchen, Kittfee. Jetzt, heimgekehvt van dieser romantischen Fahrt in jüdische Vergangenheit, zwei und drei Birmmelzugstunden von 38ien, sammeln sich die Eindrücke, stellen sich mir, der Person des Betrachtenden gegenüber, und er muß sich mit ihnen abstnd^n. Vs ist der Augenblick, in welchem das Abschildern, die geordnete Wiedergabe hcstovi'ischer Entwicklungen, wie sie andere, berufene, fiubeu durften, das Zusammensügen von Eindrücken, wie sie der Tagschreiber erfuhr, -nichts gilt und die eindeutige Einstellung zu dem Gesehenen und Erlebten alles. Nur solche persönliche.Auseinandersetzung kann fnick>»bar sein, auch wenn sie irrig, einseitig, ungerecht sein sollte * Wie Meteore, vom Himmel gefallen, liegen diese sieben jüdischen Enklaven imt einstigen Macht« und Schutzbereich der Fürsten Eszterhazy und haben sich, jeder gesondert, tmnrer enger eingekapselt. Ihre Gemeinschaft ist heule eine h-istcwische Erinnerung. Gin jüdisches Gemeinschaftsleben, wie es eigenartig und kraftvoll rm jüdischen Osten lebendig wurde und lebendig blieb, konnte Her nicht entsteh auch früher nicht, als noch die engere Verbindung mit dem gcseheslreuen ungarländischen Judentum bestand. Kein Mendels Mocher Ssorim, Perez oder Scholem Alejchem wurde hier geboren. Ich kenne ein Stück von Schalom Asch (.,Maschiachs Zaten"), in welchem ein junger Mensch sagt, er würde-sich schon bevcitfinden, nach Erez Israel auszuwondern. wenn er „das Sladtel" mitnehmen könnte. Ja, dort, wo die Volkssprache lebt und das Bolksliad, wo in vörlen Farbenschattierungen schillernd, in einer weiten und . großen, durch Hemmungen, Nöte und Gefahren bedrängten aber tief innigen Gemeinschaft -der Ostjude lebt — dort ist der zaghaste Wunsch, „>dos St-ädtel" mit-nehmen zu dürfen, aus die palästinensi'sche Evde z-u begreifen, — dort bei den östlichen Massen kann ein solcher Konflikt entstehen. Hier, in diesen sieben jüdischen Spliitevn wirkt wohl noch das Wunder der jüdischen Vergangenheit. Aber niemand w'rd so starke Zeichen des Eigenlebens, der schöpferischen Sondernrl finden, die die Kraft und das Recht hätte, innerhalb der E rem-S langen von Frauenkirchen und Deulschlrvug, ja nicht einmal in der lebendigsten Gaß, der von - Mattersburg, die jüdische Welt sich begrenzen zu lassen und das große Geschehen im Judentum, das man mit einem durchaus zutreffenden Worte Renaissance nennt und dessen Auswirkung „Erez Israel" ist. nicht ’ zu ahnen, nicht zu sehen oder gar erzürnt, empört den Blick abwenden, wenn ein ■ Schimmer davon dn"b die chinesische Rauer dieser oder jener Kehilla dringt. * Was übrig blieb, ist jener Geist, der sogar die verehkuugswürdige Dreu-e, die wahrhasiige Frömmigkeit der führenden Menschen zerfrißt und die Leute, der Eaß in Ahnungslosigkeit vegetieren läßt: der Kehilla-Gcist. Während ich mit einem der gelehrtesten und aktivsten Rabbiner der Schiwe-Killes sprach, dem „ZÄemer", kam «in Knabe, die Entischcidung ein z-u holen,, ob die soeben geschlachtete GanS koscher fei. Die Unterfuchuicg des mitgebrvchten Tarmstückes war langwierig und umstün-dttch und ich smgte den - Zelemer, welche Besonderheit flinv Entschpidung in diesem Falle erschwere. Er blickte mit mit kühlem, überlegenem Lächeln an und meinte: ,.Kann man die Elektrizität in einer Mnute erklären?" -- Man kann es, wenn man gutes Willens ist. Solche Mserigung, satyrisch-biffig, spitzig-witzig, ist weniger fromm als hachmüt'g. Geste des Khille-Gewaltigen. Khille- Geist. Der Rabbi von Frauenkirchen war sehr zugeknöpft als ich bei ihm vorsprach. Sein gutes Recht, vielleicht auch feine Pflicht, dem Fremden gegenüber. Aber als ich erzählte, in eimer Gisenstädter Gastwirtschaft, die als eimvandswi koscher anerlatmt ist, sei ich einem Frauenkirchner begegnet, der dort kein Fleisch genoß, wurde der einsilbige Döann plötzlich lebendig. Seine Augen leuchteten auf und er triumphierte sichtlich befriedigt: „Das war recht von ihm." Und ich entnahm un schwer, daß sich aus der Kcscher-Flci-schfrage zwischen Frauenkirchen und Ebsenstadt eine Differenz von unerhörter Wichtigkeit ergeben hat. KWe-Geist. Und wie wegwerfend, wie milieidig — als hätte man eine bedatterliche Verirrung abzutun — der nämliche Rabbiner, ein berühmter Gelehrter, vom NeuhebrSischen sprach. Für ihn ist einfach ausgeschlossen, daß es so etrvas gibt und geben kann daß Physik, Chemie, Elektrotechnik in dieser Sprache unterrichtet werde. Ein verstiegener und frevelhafter Versuch, der detl neuen ,/Babelturmbau", wie er das zioniftitsche Werk in Erez Israel zu benennen beliebt, ein Ende mit Schrecken bereiten müsse. Neuhebräisch giibt es in Frauenkirchen nicht und kann es daher auch in Paläsdusa nicht geben. Khille-Geist. In Bne Berak. Nachlath Jaakob, Awodath Israel siedeln heute grse bestreue Judeic, die von reKgidfrr Inbrunst erfüllt, hinzogrn, die palästinensische Scholle zu bearbeiten. Nicht ein Iota ihrer religiösen Ueberzeugungetl und Uebungeu haben sie preisgegeben. Sie erwecken die Erde, di« Muskel straffen sich, das Auge tvivd frei. Und die Lehre blüht weilter. Aber in den Jeschiwas von Mattersdorf und Teuischkreuz müssen auch iveitechln die Bachurim körperlich verkommen und sich so lange in ärmster, dumpfestet Enge der Lehre hingeben, bis die ganz: jüdische Webt draußen, die bewegte, von GebnrtSwehen einer neuen Zeit erbebende, für sie gestorben ist. Sie dürfen nie an sich erfahren, was Rabbi Benjamin vom ,-Jablomer" be- ... *X Siehe «rwiencr HtMgLnzeicung" vom 3.. i, 9., U)., 12., Ich, Ich, 20. und 20. Februar und 3. Ntärz. richtet: „Der Rabbi von Jabloma gehörte zu den Suchenden. Tr öffnete die Augen weit und sah, daß man nicht wie bisher leben könne. Ans Erez Israel leuchtete das Licht des Aufbaues..." » Ein Paradoxon, grausam mtd lachhaft zugleich: Der Neubegründer . der e-hvwüvdig-en Gemeinde . Elsenstadt, der große Mram Asch, bleibt durch ein Gebet lebendig, das jeden Montag und Donnerstag gesprochen wird. J-n diesem Gebete heißt es ungefähr: Gott möge alle Zwietrachtstifter und hinterlistigen Verleumdet, die „Mofferer" aus Israel entfernen, das übrige Israel aber möge sich des Mederaufbaues von Jerusalem erfreuen; nach altem Brauche streut man bei der Hochzeitszeremonie dem Bräutigam Asche auf dos Haar des Vorderkopfes, um ihn an den Verlust Zions zu erinnern; durch alte Satzungen ist vorgesehen, daß im Kahal eine Anzahl von Vorstehern „für Erez Israel" gewählt wird; imt Säckchen Erde, das man den Toten bei der Bestattung unter das Haupt logt, soll, wenn immer nur möglich, wenigstens ein Parlikelchen palästinensischer Erde enthalten sein; die Synagoge von Lakenbach ist mit einer reichen Zahl von Bildern aus Erez Fsrac geschmückt, auf daß den Botowden das Land der Verheißung stets vor Augen schwebe; Rabbi Abraham Zwcber, der große Führer der Gemeinde' Kobersdorf, verließ, einem inneren Drange folgend, seine Kehilla. Eine Strecke weit geleitete ihn seine Gemeinde und er zog nach Erez Israel-aber die Schiwe-Khi lles" sind, seit Herz kam und vollends, sei idem Erez Israel wieder, ausgeHaut wird, heiß-. leidenschaftliche, ja zornige, .unerbittliche Autizionisten. Kurz, bevor ich die Fahrt ins Burgenrnru, antrat, war ich iin Men mit unserem verehrten und geliebten Dr. Schmarjahu Lewin ü«sämmen. Er kam aus Palästina und fuhr nach Polen. „Es drängt mich, zu nfahren, wie die Nachrichten von den Sorgen, in welch: der neue J'.schuw durch die Wirtschaftskrise geraten ist, auf die jüdischen Massen d:s Ostens wirken. Ich will die Herzen suchen, die bekümmert sind, ich will prüfen, in .welchem Maße dem Heroismus des Chaluz im Emek, der Arbeitenden in Tel Aw'.w und Afuleh das herzhafte Mitsühlen der polnischen Jude« entspricht, . die das Haupt-kontingent der Erbauer unseres Landes beistellen." Lewins Worte konnte ich während meiner bürge irländischen Re-k-og n oszie ru n g sfa-h r t nicht vergessen. Bei Bei treten jeder der sieben jüdischen Gemeinwesen trug ich sie ans den Lippen. Ausgesprochen habe ist sie nicht. Der 'Gvist, der hier wirkt, versagte-eS mir Mir ist der Zio'.rlsmus zu heftig, als daß ich cs vermocht hätte,- die intime.- die-faiviliäre Frage: „Seid ihr bekümmert, verstört, drängt es euch Opft-r'zn leisten, weil dort drüben jetzt nicht der 'Mut 'und -die Bc-geisterung, aber die Kraft der Tauenden beeinträchtigt ist" — au diese zu richten. Sieben Geme'n^en. jetzt wohl 'kaum. 4000 Seelen. . Eine große Vergangenheit, Grabstätten teurer jüd'scher Ahnen, auch heute noch Heimstätten gelehrter, fronnner, das Judentum heiß liebender Geister und bescheidener, arbeltsamer treuer jüdischer Menschen. Ein Eisenstädter, Dr. Alfred Fürst, hat sein inuiiges, mit wundervoller Eiusühiung in den Sinn der Ueberlieserungen geschriebenes. Büchlein über Eisenstadt, mit dem, heißen Wunsche geschlossen, der Gäist in -den -Sch'we- Khillen. möge die Ziele und Ausgaben der -MM-n.Zeit erlenns-n. An Lid.'Stelle der ,/unbewußten Jüdischkeit" müsse- „bewußtes- Judentum" treten. Als Zionist schließe ich mich diesem , Wunsche <nc. sine nsue Strafanzeige gegen Georges Golswürm. 420.000 tschechische Kronen Schadenssunime. Gegen den' angeblichen Bankier Georges Goldwurm, der bekanntlich vor kurzem unter -der Anschuldigung, dem Universitäts-Professor Hofrat Sachs einen Betrag von ..00.000 S chilling herausgelockt zu haben, verhaftet wurde, ist gestern eine neue Strafanzeige von dem in Prag wohnhaften Direktor Viktor Fleischner erstattet worden. Die Schadenssumme betrügt in diesem Falle nach Inhalt der Anzeige rund 420.000 T s ch e ch e n k r o n e n. In der Anzeige wird ausgeführt, daß Goldwurm anfangs April 1925 durch Bermiitlung eines Herrn S e g a l mit Direktor Viktor Fleischner wegen Kaufes einer größeren Partie österreichische Kriegsanleihen verhandelte. Obwohl Fleischner die Kriegsanleihen (es handelte sich um 7 Millionen Kronen Nominale) nicht besaß und sich niemals mit derartigen Geschäften akgegebeu habe, habe er sich doch durch die Versprechungen Goldwurms, der sich als Bankier und Teilhaber der Wiener Firma Na^ls u. Comp, ausgav, sowie durch die Vorspiegelungen des' Segal verleiten lassen, sich die erforderliche Kriegsanleihe zu beschaffen. Segal endete, wie es, in der Anzeige heißt, wenige Tage nach dem Geschäftsabschluß durch Selbstmord, und nun behauptete Goldwurm, er habe Sega! zur Bezahlung der Kriegsanleihe Geld gegeben, doch habe Segal dieses Geld veruntreut. Es kam dann, da Goldwurm sich weigerte, gegenüber Direktor Fleischner seine Verpflichtungen aus diesem Geschäfte nachzukommen, zunächst beim Zivilgericht in Prag, in dessen Verkauf gegen Goldwurm jetzt die Strafanzeige erstattet wurde, wöil dieser von vornherein die Absicht hafte, sowohl Fle'schner <*T* auch Segal zu schädig . ■'? Ihre Gesundheit können Sie vollständig wieder zurückerlangen, von allen Ihren Schmerzen werden Sie gründlich befreit, wenn Sie DIANA- - FRANZBRANNTWEIN MIT MENTHOL äußerlich zu Einreibungen, innerlich auf Zucker, tropfen* weise genommen, verwenden. Das beste Hausmittel. Dlai^i - Franzbranntwein DBEKAEI; EIBXlTUCHl Ter Kakmelttermarkt. Handel und Gewerbe sind in Wien nicht gerade auf Ülojci. gebettet. Staat und StM suchen mit der Steuerschraube au? den Geschäftsleuten herauszuholen, was nur möglich ist. Dabei hat sich der stä-dtische Finanzrefevent V reit n er ein' System zurechtgelegt, unter dem der durch die Krise arg miigenommene Gewerbestand fast zusammenzubrechen droht. Andererseits werden dem notleidenden Gewerbe alle mögliche-.'. Hindernisse in den Weg gelegt und ihm die Möglichkeit genommen, nebst der Steuer auch nur den bescheidensten Nutzen zu ve,'d:enen. Arge Mißstände herrschen in dieser Hinsicht auf den Wiener Märkten, und gerade der Karmelitcrmarkt schei.tt. besonders stiefmütterlich behandelt zu werden. Die dorn befindlichen Inhalier von Marktständen führen bitter Klage darüber, daß ihr Geschäftsgang durch unbefugte Händler boeinlrächtigt wird, ohne daß das Marktamt ihnen Schutz bietet. Nach einer Bestimmung der Marktordnung ist es nämlich den auf dem Lande ansässigen Selbstproduzenten, die über «inen Grundbesip von nicht mehr als 200 Quadratmeter verfügen gestaltet, ihre eigenen Erzeugnisse steuerfrei auf den Wiener Märkten zu der-. äußern. Diese Bestimmung ist geeignet, die Inhaber von Ständen, die hohe Steuern und Standgelder zahlen müssen, in ihrem Konkurrenzkampf schwer zu benachteiligen, weil die mit Produzentenscheinen ausgestatteten Händler ihre Ware um die Differenz der Steu-erbeträge billiger äbgeben können. Würde es sich wirklich nur um Produzenten handeln, die mir ihren Waren fallweise den Dkarkt besuchen, so konnte man diese Bestimmung, wiewohl sie immer noch eine Benachteiligung der steuerzahlenden Marktstandinhaber bedeutet, noch hinnehmen. Es hat sich aber in der Praxis heransgestellt, daß die „Selbst-. Produzenten", die täglich auf dem Markt erscheinen, nur sehrwenig mit SelbstprodiMion zu tun haben. Meist kaufen sie die Ware in'Wien von Großhändlern und geben sie billiger, als . dies die steuerzahlenden Markthandler tun können, an das Publikum ab. Diese Tatsache, über die in Markikreifen sehr geklagt wird. . hat den Bezirksrat Hermann Plaschkes veranlaßt, in der Bezirksvertretung eine Interpellation über diese Mißstände einzubringen. Der sozialdemokratische Bezirksvorsteher des zweiten Bezirkes Berdiczower hat aber die Verhandlung dieser Interpellation abgelehnt, weil er sich aus ein Gutachten der Marktamtsdirektion stützt, in dem ausgesprochen wird, daß gegen die Selbstproduzenten keine geschlickie Handhabe besteht. - Würde es sich tatsächlich um Selbstproduzenten handeln, so' konnte man dieser Auffassung beipflichten. So aber muß man der Anffassung des Bezirksrates Plaschkes recht geben, der sich auf die Gvlverbeordnung beruft, wonach der Bestich von Märkten in der Regel nur ortsansässigen Personen gestattet ist.' Durch die Stellungnahme des Bezirksvorstehers Berdiezower wurde eine weitere Verhandlung dieser für die Ständebesitzer äußerst wichtigen Frage vereitelt. Die schwer geschädigten Markthändler, unter denen sich auch sehr viele Juden befinden, werden wissen, wem sie diese Beeinträchtigung ihres Fort- ImranenS zu danken haben. Wem sie die horrenden S'.enern z" zahlenhaben, wissen sie schon längst. Ei« sensationeller Mord in Kairo. Der M^ektor des. größten Modenhau, Ticurel Bette, d voir Kairo. Mret MWe. wie au) Kairo berichtet wird, in. seinein j^Mvler Dolchstiche ennordet aufgefunden. ,. UOYB IWKTIWO ■ TMEST. Winterreisen nach Aegypten! REKORDE: Fahrtdauer Triest-Alexandrien . 3 Tage Fahrtdauer Brindisi-Alexandrien 2 Tage Billige Rundfahrkarten für Erholungsreisen xur $86. Kajütenbureau: I. Kärntnerring 8, Tel.56-0-53