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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-06 · Heft 2881 (6.3.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2881 (6.3.1927)
Date
1927-03-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2881 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeiinng 6. Äkarz TOS7 Laaerbericht. Gin vielseitiges Individuum. Sottlng«. »u SchkMIter. -o»k»m-e-» «xd Mrs«- fpetnlant. Var zivor Jahvon hat an fcer Seite Gatte rnmyors ein gewisser Fvarnz Göttinger in den Strahsu LKiens eine ziemliche Nolle gespielt. St« war lärmen-, hin and loieder auch schmerzlich. Göttinger tvar ein Hmiptrufer und -schxeibec rn dem Kampf wider das Judentum. Es nnr damals der Zi 0 nistenk 0 ngreß angesagt, die Nitualnrovdpoesse hatte gute Jetten. Galtermayec arrangierte die Einbrüche in dm Stadtpark, Göttinger schrie über die Ztoniston, die van der Tschcchofiotvakoi bestochen sind, und 60.000 Turner in Wien konzentr-teron. Im Nebenamt leitete c>r die Ausbildung der Kolporteure, die vor dem Cafe Sillor, am Praterstorn, bei der Wcstbahnund am Schottentor brüllten: „Christen, schützet eure Töchter Var den Juden!" Göttinger gab die Pawlcn ans. Einmal geriet er ins Ge-, dränge und erhielt einen Tritt in die Kehrseite. Ec hinkte in sein Zimmer in der „Deutschösterveichischeu Tageszeitung" und schrieb, dag die Inden zwei A r i r u in g c b r a ch t hätten. Im L<cmfe der Zeiten -lvandeln 'ich die Geschicke. Die .DeuitschöstvvooMsche Tageszeitung" ist auf ein Nachuüttagskomnren die Enthüllimgen aibch über Göttinger. Seine Nolandbichn« ist verkracht, die Adreßlksten in den Blättlein hat der StaatsaiNvalt eingestellt und man erfahr! jetzt von Göttinger, daß er in aller.! den Spuren Gattermayer,s gefolgt ist. Die „Arbeiter-Zeitung" hat Behauptnnaen seiner eigenen Kameraden erhalten und erbietet sich, vor Gericht den Delveis zu fuhren, daß Göttinger in seinen! HakonIvcnAlevblatt blutrünstige Aufsätze gegen Börsenspekulanton schreibt imd selbst ein Börsenspekulant ist; daß er, der Führer der nationalsozialistischen Arbeiter und Angestellten, sich an die ärgsten Ausbeuter uud Bedrücker der arischen Arbeiterschaft Steisrmavks, ja geradewegs an den Hauptvcrband der Judustvie Oesterreichs herangemacht und sich ihnen zur Besorgung von Aufträgen angeitrcvgen hat, die f ü r einen Arbeiterführer und Journalisten nicht anidsrS als niedrig und l u mpig bezeichnet Iverden können. Das ist viel auf einmal gegen einen so bedeutonden Biann. Sein Charakterbild wird ergänzt, nicht sehr zur seelischen Erhebun>z der christlichsozialen Nogieruugspcrrtei, die mit ihm die Einheitsfront schließt; aber schließlich nicht zur Ucberuaschuug für uns, die wir ja wissen, welch erbärmliches Gelichter vorn Jnchonmord lebt und ihn als Geschäft bot reibt. Jetzt ist Göttinger dran Der Nächste! HalentteuzkrawM an Her WEMMMWle. Es hak zwei Wochen lang in Wien kein Studentenkralieall stattgesuniden. Das ist für die Marodeure des Staates blakt eiuMschrumpft und Göttin gor mußte sich von ihr tvemmr. Er wurde Hanptschvistleiier des hitlerlosen Hitler- Blattes. Gattsrnrayoc verschtvand aus der Leitung, nachdem ihm intime Kenntnisse der Börse nachae wiesen und außerdem dar Verdacht eines Liiebesl'erihältiusseZ zu cmrr Jüdin entstanden rvcvr. Seitdem darf er nur noch bei Jntseiten in der Provinz reden. Suchen!virth-Suchauck nmchte sich selbständig und gründete ei>ue eigene Pogrornpartei. Göttinger schrifilovterte sloißisg und hilft jetzt dem Niehl den Weg i n d i e Einheitsfront 'der Anchiiuarxisten finden. Nun aber eine zu lange Fmist, und so ging es gescern ioieder loS. Diesmal an der Hochschule für Welthandel. Der bekannte „Tiploru-Kansma-nn" Körb er, einer der herberragendsilen Straßenschreiiier, drang mit etwa 80 Freunden in die Anstalt ein. Drinnen begannen sie, jüdische und ausländische Hörer zu belnsti'oen. Die Ursache der Stänkere len!va>r, daß der Rektor den überpm'üsiischou Klub „Konkordia" durchaus nicht au stös eit will, obwohl dies die Hakenkueuzler als einen der deutschen Belange bezeichnen, und schließlich noch die Tatsache, das; div deutsche. Stu-de-nten-' schaft dieser Hochschule zu ihrem Ball euch P rose s.s 0 r : u ei u geladen hat, die die arische Ahn-eifprobe nicht bestehen könnten. Es waren demnach wichtt-ge 2ebeuSsrr;e'l der völkischen Siaffe. gefährdet und sie zog mit G u in m i k n ü t t e l n ans. Aber die Herrschasken Umrden diesmal rasch abgcseriigt und sie mußten unter Führung des Herrn Korber sich lvi-eder z-urück.sichen. Weshalb lvtrd dieser Korber nicht wegen. seiner ilnsugseiste-reien unter Anllage gestellt? Schützt ihn schon die Einheitsfront? k m Va*. MKehr Dr. KSnierr. Der Präsident der Hakoah in Wien eingetroffe«. Dr. I. H. Körne r, der Präsident des Sportkwbs Hakoah, ist gestern nachts mit der Westbahn aus Amorika in Wien eingetroffen. In seiner Begleitung befanden sich die Klubleitungsmitglieder der Hakoah, die Herren Dir. Spiegler und Grünfeld, dis Dr. Körner bis Linz entgegcngefahren waren. Zum Empfang hatten sich die Herren der Leitung und des Sekretariats des jüdischen Vereines cingefnnden. Dr. Körner hatte sich Ende Jänner nach Nvwyork begeben, um die Vorbereitungen zu der zweiten Amerikareise der Hakoah in die Wege zu leiten. Wie berichtet, hat der Hakoahpräsident eine große Tournee für seinen Verein abgeschlossen, die von den bekannten Klubs Grants und Bethlehem Steel durchgeführt l'jcrbcn wird. Ter amerikanische Fußballverband hat erst in den letzten Tagen die Bewilligung für 15 Spiel« der Hakoah in den Vereinigten Staaten erteilt. Dr. Körner wird die Hakoahmannschaft Ende dieses Monats nach Amerika führen. Trinke Kathreiners Kneipp Malskaffee? Deinen Kindern schmeckt er desonders gut. Er bekommt ihnen bestens, sie gedeihen prächtig. 2mm 19. Geburtstage Professor Wagner- Zaureggs. Von Dr. Sanel Beer. Einerd erg roßten medizinischen Gelehrten, der «ns der Wiener al.cn, Schule noch hervorragt, feiert jetzt die Bollendüng seines 70. Lebensjahres. Hofvat Professor Wagner- Jauregg ist uuterd en medizinischen Autoritäten einer der Führenden. Wenn die Wiener Schule noch etwas von ihrem allen Glanze besitzt, so ist dies an den Namen Wagner-Jauregg geknüpft. Als Professor der Nieren- und GeisteSkranHebte» seit 1894 Chef der neurologischen Klinik hat er durch feine aufsehenerregenden Forschungen über die Behandlung der bisher unheilbaren Gehirnparälyse Weltruhnr erlangt. Von der Beobachtung ausgehend, daß bei Paralytikern nach Uebcvstehen von fieberhaften Erkrankungen Besserungen in dem schweren KraEheitÄbilde au'fireten, baute Professor Wagner-Jauregg die sogenannte Fieberthercrpie bei Nervenleiden aus, die aber erst mit dem Beginn der Ma lariabobfUMIimWJUUiJBUl Srimenmgev. Von Jehudo Epstein. * fiLtt* einer ungedruckten Autobiographie.) Der bedeutende Wiener Maler Jchudo Epstein, ein litauischer Jude, hat soeben eine Studienreise nach Palästina angetreten. Aus diesem Anlaß veröffentlichen wir einen Mfchnitt der Joch ungedruckren Autobiographie des Künstlers, der bekanntlich auch eine ausgezeichnete Feder führt; das Kapitel entnehmen mir mit Erlaubnis oer Hebrith-Berlagsgesellschast dem soeben erscheinenden Märzhest der „Menorah", Jüdisches Familienvlatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur. Die Ferien roaren vergangen. Ich kehrte zurück nach Wilna. Mein drittes Schuljahr begann. Das Zeichnen nach iden gipsernen Köpfen tvar mir schon längst langweilig geworden. Ich hätte mich gortw im Naturkopfzeichnen versucht. Wer das Arbeiten nach lebendem Modell war nicht leicht einzurichten. Jivan Petrowitsch hätte wohl nichts dagegen gehabt, ja, es wäre ihm sogar willkommen gelvesen, es verliehe ja der Anstalt selbst einen höheren Anstrich, wenn man dort das Studium nach der Natur betriebe, aber der Schule standen für solche Zwecke keine Mittel zur Verfügung. Das Zeichnen nach der Natur wäre nur zu ermöglichen gewesen, wenn wir Modelle für eigene Rechnung stelltün. Um bei meinem kargen Einkommen die Ausgaben leichter tragen zu können, assoziierte ich mich mit zivei anderen vorgeschritteneren Kollegen und machte mich auf die Suche nachi Modellen. Gerne hätte ich einen schönen alten Judenkopf gezeichnet, aber bis auf den heutigen Tag bringt man einen orthodoxm Juden leichter durch das Oehr einer Nadel als zum Modellstehen. Gelingt es auch manchmal, so gehört immerhin große Geduld und eine zcihe Ueberrcdungskunst dazu, um allein die Präliminarverhandlungen mit so einem spröden Modell zu «ledigen. Ich sehe eines Tages ans der Straße einm Juden, dessen charakteristischer Kopf mir sehr gefällt. Der Mam» scheint arm zu sein, und ein kleiner Verdienst müßte ihm willkommen sein. Ich Eriche unausMlig um den Warm herumzugehen, um ihn von allen Seiten genau zu betrachten. Dann nähere ich nrich ihm und wünsche einen „Guten Tag". Dem Manne aber waren die verdächtigen Umkreisungen seiner Person schon ausgefallen. „Was wollen Sie von mir?" fragte er missiranisch. Ich frage ihn, ob er mir nicht Modell sitzen möchte? „Was uiollm Sie?" „Mzeichnen, abmalen will ich Sie," erkläre ich. Schon waren etliche gaffende Juden zu uns getreten, und an diese geiveudet, fragt mein Modell erstaunt, wie um Schutz bittend: „Was will er von mir?" Nun wendet sich einer aus dem Publikum in vermittelndem Tone an mich: „Verzeihen Sie, roas loollen Sie von dem Manne da?" Ich sage nochmals, was ich von dem alten Juden lvünsche. Der Wennittler versteht mich und erklärt dem anderen: „Er will Sie ,arob chapenß photographieren will er Sie." Das Wort „photographieren" macht mein Modell erst recht mißtrauisch. Er zieht verächtlich die Schultern hoch und erklärt mit einer wegwerfenden Handbewegnng, daß er sich nicht photographieren lasse. Ich bemühe mich, ihm auseinandcrzufetzeu, daß es sich um keine Photographie handelt. „Wozu brauchen Sie das?" fragt er noch iminer mißtrauisch. Ich erlvidere, daß es ihm gleichgültig sein könne, wozu ich es brauche; für ihn sollte doch die Hauptsache sein, dabet etwas zu verdienen. — Er besteht aber darauf, ich uröge ihm sagen, wozu ich eS brauche. i Ich beginne ihm auseinanderzusetzen, daß ich angehender Maler bin. Er beispielsweise ist Botengänger, dies ist sein Geschäft und ich bin Maler, dies ist miein Geschäft. Ich „chape arob", ich male die Menschen ab. — Der Mantt ist aber durch meine Erklärung nicht befriedigt. Scheinbar vermutet er, daß ich mit der Malerei irgend einen geheimen Zweck verfolge. Während wir verhandeln, sammln sich u,n uns immer mehr und wehr Zuhörer an. „Gehen wir", sagt einer düw Haufen, «er macht Ansichtskatten, eir macht ,choisik'." (Das heißt, ich will sie verspotten. Es zirkulierten damals Ansichtskarten mit gehässigen Judenkarikaturen.) Ich will auf den Mann nicht so leicht verzichtet, denn sein Kopf interessiert mich Ich bemühe mich ihm klar zu nmchen, daß von Verspotten keine Rede sein könne, denn ich selbst bin ja, Gott sei Lob und Dank, eilt jüdisch Kind. Ich verspotte die Juden nicht. Ich zeichne rürr zu uidnem Studium. Es sieht aus, als ob ndeine Worte Eindruck gemacht hätten. Jetzt konttnt die Honorarfrage aufs Tapet. Ich nmche mein Angebot. Der Mann weiß noch gar nicht, was' er zu leisten haben ivürde, aber er findet, daß ich ihm zu wenig biete. Ich bessere wein Anbot ettvas auf und nun scheint es, als ob wir uns einigen sollten. Auf einmal fragt mein zukünftiges Modell, wieder mißtrauisch geworden: „Nu, und warum wollen Sie ausgerechnet sin ich arob chapen?" Ich erkläre ihin, daß mir sein Kopf besonders gut gefällt. Gelächter bei den Herumstehenden. Man beginnt den Manu zu fiozzeln: Man hätte gar nicht gewußt, daß er eine solche Schönheit, a „Parschön" wäre. Mein Modell, durch den Spott ärgerlich geworden, zeigt mit dew'.'Finger auf einen Nebenmann und sagt: „Malen Sie lieber ihn ab", läßt mich stehen und geht davon. Voll Verdruß übep die verlorene Mühe gehe ich meines Weges. Da höre ich hinter mir rufen und eilige Schritte: Der Mann kommt mir nachgelaufen. Ich freue nttch, denn ich glaube, er hätte sich's überlegt und ich kriegte doch noch ntein Modell — aber nein — er hatte bloß vergessen mich zu fragen, ob ich hier gebürtig oder von auswärts zugereist sei. Auf jüdische Modelle mtußten wir versi siladiunrow und ich holten uns aus dem christliche! igshaus für alte Leute Modelle. Diese stellten .»gen Fragen und waren froh, auf so ruhige Art Geld für einen Schnaps zu verdienen. Sie kamen uns nicht teuer zu stehen und ich konnte Mein Verlangen nach der Natur zu zeichnen befriedigen, ohne mich in Unkoste» zu stürren.

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