Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2880 (5.3.1927)
- Date
- 1927-03-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 8836 Men, Samstag 4« Wiener Semeiaveral vor der AaslSsnas. Die Wiener Theaternot. Die Auflöstmgsstimmung hat auch auf den Wiener Gemeinderat übergegriffen und die Kampfstimmung der beiden Parteien gelähmt. Der Wiener Landtag wird in der Sitzung am nächsten Freitag das Auflösungsgefetz annehmrn; die Fnnktionsdauer des Wiener Landtages und Gemeindcrates wird jedoch bis zum Zusammentritt der neugewählten Körperschaften fortdauern. Di« gestrige Sitzung des Gemeinderates stand ganz im Zeichen der Agonie; von einigen kleineren Zwischenfällen abgesehen, waren beide Parteien bemiiht, in Ruhe die 24 Geschäftsstücke, meist ohne Debatte, zu erledigen und doch irgend etwas für die Wühler zu sagen. Bei der Bewilligung einer Subvention von 25.000 Schilling für den notleidenden Bühne nverein erklärte Stadtrat Rumm e l h a r d t, daß die Lustbarkeitssteuer an dem Ruin der Theater schuld sei. Nur das Deutsche Bvlkstheater ltttb das Theater an der Wien seien noch imstande, ohne Defizit zu spielen. Die Volksoper habe einen Steuorrückstand von 2 Milliarden, der das Theater zugrunde richte. Gelegentlich eines Zwischenrufes stellten die Christlichsozialett fest, daß ans Wiener Stenergeldern der Stadt Linz eine Anleihe gewährt wurde. Einem christlichsozialen Dringlichkeitsantrag, der die Untersuchung von Miß ständen in der K ranke nfürsorgeanstalt der städtischen Angestellten verlangte, wurde die Dringlichkeit nicht zuerkannt, was wieder einigen Krawall auslöste. «jaleski in Me«. Besuch beiin Bundeskanzler. Der polnische Minister des Aeußern Zaleski, der sich zur Tagung des Völkerbundrates nach Genf begibt, hat gestern auf der Durchreise mehrere Stunden in Wien Aufenthalt genommen. Mittags war Minister Zaleski Gast des Bundeskanzlers Dr. Seipel. Abends reiste der polnische Außenminister nach Genf iveiter. Ser Krieg im Arsenal. Beschlüsse der sozialdemokratischen GewertjchastÄom«ch'fion. Die „Arbeiter-Zeitung" meldet: Donnerstag vormittag beschäftigte sich die Gewerkschaftskommission in mehrstündigen Beratungen mit den Vorfällen im Arsenal. Es wurden Maßnahmen beschlossen, die die Wiederholung solcher Fälle unmöglich machen sollen. Die Maßnahmen, die von der Gewerkschaftskommission einstimmig beschlossen tvurden, wurden von der Vorständekonferenz der Gewerkschaften, die nachmittags zusammentrat, einstimmig genehmigt. Im. übrigen wurden beide Sitzungen für streng geheim erklärt. Untat eines Studenten. Vor einigen Tagen hat sich eine 26jährige Hilfsarbeiteriu kn der Wohnung ihrer Mutter auf der Landstraße durch Einatmen von Leuchtgas zu vergiften versucht. Wieder zum Bewußtsein gebracht, gab sie als Ursache der Tat an, daß der 27jährige Student der Medizin Bogdan Lazarevic sie am Tage vorher in seiner Wohnung vergewaltigt habe. Sie war vierzehn Tage hindurch wegen eines inneren Leidens im Allgemeinen Krankenhaus gewesen und einer Operation unterzogen worden. Dort hatte sie der Mediziner für ein Stelldichein nach ihrer Entlassung ersucht, was sie ihm aber abschlug. Später sandte ihr der Student brieflich eine Einladung, in der er andeutete, daß er bisher vergessen habe, ihr „etwas" zu geben. In der Meinung, es handle sich um etwas Aerztliches, ging sie nun nachniittags zu Lazarevic, der sie unter der Versicherung, sie picht zu belästigen Wie««» Mor-M-rMms 5. März 1927 »» 8 i aiiflinnfnainniiiiiiainiiiaalMliiMtiaiaNiaiiiiinfliiifitiaiMitiaii fUBS»«ftv«aflt «rHÄltlit** Y iclMHratt eraiaiatid« f , ver erste diesjährige Transport der weltberühmten* amerikanischen Manischewltz-Matzos rmywrijHFjKö Matzos-Grleß und Farvel Ist efngetroffen Wir laden unsere verehrten Kunden höfflchst ein, uns ihre Bestellungen aufzugeben. — Wir liefern m«MT trlSCfiftaB Jedes Pfund ist mit einem Hechscher vom Jahre 1927 ■ versehen. — Versorgt Euch mit den anerkannt besten Matzos der Welt ■ Manischewitz Matzos-Vertrleb. ZENTRALE: DEPOT: Ignatz Frost, Wien, 11., Haidgasse 9 ■ 3 Wien, II. Nordbahnstraße 38 Tel. 75-8-32 Tel. 46-8 89 W»W»»W»l»«»W»»»»»»VWWWWW»»IWWW»»V»»»WWp»»»W»»»MW«»v»»W»S»»0MS«»««»al«»W«aWW»W»«- uiib sich nur als Arzt für die Kranke zu interessieren, in seine Wohnung führte, in der er als Untermieter ein Zimmer bewohnt. Ter Student wies nun das Mädchen an, zwecks Untersuchung der Operationsnarbe sich zu entkleiden. Nachdem sie dies getan, ivarf Lazarevic sie auf eine Ottomane und tat ihr Gewalt an. Lazarevic wurde gestern verhaftet. Er behauptete bei seiner Einvernahme, daß das MÄchen ihn wohl besucht habe, leugnete aber entschieden die Gewalttat. Lazarevic wurde den: Landesgericht eingeliefert. Men, 5. März. Das Wetter. Gestern ist die Temperatur allgemein wieder etwas zurückgegangen, obwohl die Ausheiterung weiter anhiell. Die Vorhersage lautet: Wechseln», nach Westen mehr z lnehinende Bewölkung, Niederschläge, Temperatur wieder Wich: ansteigend, in den südlichen Alpen trübes Wetter. Todesfälle. Gestern, Freitag,, wurde in aller Stille Frau Hedwig G l o g a u, die Mutter unseres zionistischen Freundes Artur Glogau, zu Grabe getragen. — Donnerstag verschied hier plötzlich der in weiten Kreisen geachtete und geschätzte Kaufmann Sandor Wiener, Gesellschafter der Firma Gebrüder Wiener.' Der Verblichene, ein guter treuer Jude, war der Oheim unseres zionistif'en Freundes Felix Wiener. Das Leichenbegängnis findet Sonntag, den 6. März um halb 11 Uhr vormittags am Zentralfriedhof (3. Tor) statt. E Todesfall. Am 3. d. ist hier Herr Max Spitzer, der Begründer und Seniorchef der bekannten Damenhutfabrik M. Spitzer im 75. Lebensjahre, verschieden. Die Beerdigung findet Sonntag, den. 6. um 11 Uhr. statt. Schwerer Sturz beim Turnen. Im Turnsaal der Muchsamgashr ist gestern abends die Ichohrige Nelly Steiner, Hütteldorseostraße wohnhaft, beim Turnen von den Ringen »rei Meter tief gestürzt und blieb, an den Beinen gelähmt, liegen. Sie erlitt auch '.ne Gehirnerschütterung. Wahrscheinlich hat das Mäochen auch einen Bruch der Wirbelsäule erlitten. Einbruch in der Wohwung des ermordeten Staatsopernskingkrs Grosavescu. Im Lause -es gestrigen Nachmittags ist in der leerstehenden Wohnung des ermordeten Staalsopernsängers Trajan Grosavescu im Hause Lerchenfe^erstratze 62 auf ganz seltsame Weise ein Einbruch verübt worden. Zlbends wurde das Polizeikömmissariät Josefstadt telephonisch angerufen und eine männliche Stimme teilre mit, daß er eben rm Hause Lerchenfe-Derstraße 62 gebettelt und «aber entdeckt habe, mtz die rechtsseitige Türfüllung der Eingangstür der WoHn-uny Gros-aveScuö ausgeschnitten und nur angelehnt sei, daß «Ufa vermutlich ein Einbruch geschehen sei. Die Polizei fand alb Siegel an den Türen abgerissen. Im Salon, in dem das Telephon stch besindtt, :ag neoen .lest-m t Hammer und etm Beitzzarme, die der Täter augenscheinlich dort meoergeleg! hatte. Möglicherweise war er es selbst, der nach vollbrachtet Tat die Polizei vom Tatort aus verständigt hat. Im Dienstboienzimmer, in der Küche, rm Schlafzimmer und Kmve - avlnmer waren Kasten aufgcrissen, amtliche Stege! avgrr'sseu ser Inhalt durchwühlt. Auch Neisekoffer waren erbrochen und ihr Inhalt auf dem Boden verstreut. Selbst das Nachtkästchen un Schtaszunmer >var nicht, verschom gvblteven T e Lade trxtr hevauSgencurnien, d.l chwühlt und unter Sr) Bett ze>cho^en worden, wo auch h'f: Inhalt der Lade verst ant dem Boden lag. Eßzeug und Mäschesachen fehlen. Der kostbare Schmuck blieb unversehrt uno wurde nun in o" Safe gebracht. Dechaftung eines Milliardendefraudanten. Der 29jährige Bebbandsbeamte Wilhelm Hasse, der Ende Jänner au-S Berlin nach Unterschlagung von 55.000 Reichsmark (etwa 93.800 Schilling) flüchtig geworden ist, wurde gestern hier verhaftet Den Anstoß zu der hier erfolgten Verhaftung Hasses gab eine Depesche der Berliner Kriminalpolizei, die besagte, daß ein angeblicher Dr. Eberhard Ley aus Wien me Universität K"'n um Uebersendnng eines Dublikats seines verbrannten Doktordiplomes ersucht habe. Da nun der wirkliche Dr. Ley in Berlin lebt, vermutete die die Berliner Kriminak- Polizei einen beabsichtigten Betrug und bat das Wiener Sichcrhettsbureau, fld) um den Bittsteller ju kümmern. Kriminalbca rte trafen ihn im Hotel und nach einem vergeblichen Fluchtversuch wurde der Verdächtige verhaftet. Die Ueverrasihung. war groß, als man in dem angeblichen Dr. ,Leh an der Hand der aus Berlin eingcsendeten Lichtbilder den flüchtigen Defraudanten Wilhelm Hasse ernannte. Er gab schließlich das Leugnen auf und wird nach Abschluß der Erhebungen dem Landcsgerichte eingeliesert und dann nach Berlin gebracht werden. USIKHAUS'*l,rt”21 B-rnAnuAU ' Has,ws- 1 ETROPHON Tel. 69-4-22 Offitlelle Niederlago von The Gramophono-Co Ltd London (Gramola). — Qramophones, Platten, Tanz, Oper, Eevnes ubtt. — Größte Leistungsfähig* lteit. - Täglicher Postversand — Kataloge und Prospekte gratis und franko. — Einzige Niederlage von K*CSrfSa43 flsc», Pari« keuhaus, Friedhof, Brauthaus und Zunfthaus. Letzveve zwei Einrichtungen sind interessant: Die jüdischen Handwerker besaßen ein eigenes Zunfthaus nach dem Muster der christlichen Zünfte; im Hochzeitshause wurden Hochzeiten und lustige Feste gefeiert. Ueber die Regelung aller Gemeindeangelegenheiten geben die Responsen reichlichen Aufschluß: Die Krankenpflege war unter besonderer Obhut der Gemeindeverwaltung, die' Wichtigkeit des Hospitales geht daraus hervor, daß sich R. Meir in einem Respvnsum über eine Summe, die man dem Baue einer Synagoge oder eines Krankenhauses widmen wollte, für den Bau des letzteren entschied. Zum Zwecke der Armenversorgung bestanden verschiedene Abgaben, von denen der Zehent der wichtigste war. Interessant ist es, daß man für unabsichtliche Entweihung des Sabbat eine Summe dem Armenfowds zahlen mußte. Drückend und vielfältig waren die Steuern, die die Juden ihren Herren zahlen mußten. Denn nur diese verliehen den Juden in den Augen der Gewalthaber Existenzberechttgung. „Es ist doch allgemein bekannt" —- heißt es in einem Responsum — „daß der Herr, wenn er wüßte, daß die Armen keine Steuer zahlen, sie vertreiben würde." Die Gemeinde mußte daher zwischen dem einzelnen Juden und dem Steuerherrn vermitteln. Die Responsen geben Aufschluß darüber, wer zur Steuerleistung verpflichtet war, wieviel und wovon jeder zu zählen hatte, wie die Steuern entrichtet wurden. Merkwürdigerweise waren Liegenschaften steuerfrei. Eine Frau begrürüete dies, als sie zur Steuerleistung aufgefordert wurde, indem sie darauf hinwies, „daß ein Weinberg, der viel Mühe und Arbeit erfordert und den Gefahren und Launen der Fürsten und der Natur ausgesetzt sei, absolut nicht einem entsprechenden Geldbetrag gleichzustellen sei." — Neben den verschiedenen Stenern mußten die Juden auch Abgaben zum Schutze der Stadt leisten, wenn sie es nicht vorzogen, persönlich an der Verteidigung der Stadttore zu arbeiten. Die Gerichtsbarkeit war ein richtiges Agendum der jüdischen Gemeinde. Eine Rabbinatssynode hatte bestimmt, daß kein Jude einen Glaubensgenossen vor ein nichtjüdisches Gericht zitieren darf; dazu kam noch, daß die nichtjüdischen Gerichte bestechlich und grausam waren. Daher spielten sich die jüdischen Zivil- und Strafprozesse vor dem jüdischen Gericht ab. Die Responsen berichten von den Beweismitteln, vom Urteil, vom Jnstanzenzug: so gab es z. B. ein jüdisches Appellationsgericht in Marienberg. Besoiäers viel bieten die Responsen R. Meirs über den Händel der Indem Ueber ihren Groß- und Klein- Handel, über ihre Geldgeschäfte, in die sie durch Staat und Kirche abgedrängt wurden und die dann zu Wucher ausarteten, über die Zinsen, Pfänder, Bürgen. Aber auch von Handwerkern hören wir, von Goldschmieden, die sogar christliche Kunden hatten, von Goldarbeitern und Bücherabschreibern. Schwer war das Leben im engen Ghetto. Daher mußten die Juden manchmal von ihrem Jnkolatsvecht Gebrauch machen, kraft dessen sie fremden Juden den Aufenthalt unter ihnen verbieten konnten. Aber ttngeon wurde es gehandhabt. wie ein Responsum des Meharam beweist. Trotz all der Unsicherheit und Gedrücktheit hielten die Juden ihre Lehr« und ihr Schrifttum hoch und richteten ihr Augenmerk auf die traditionelle Erziehung ihrer Kinder. Sehr frühzeitig wurde den Kindern jüdisches Wissen beigebracht. „Die Eltern handelten nicht aus Eitelkeit, sondern Iveil sie darin das einzige Band erblickten, das sie trotz der Verfolgungen miteinander und mit ihrem Gotte verknüpfte", bemerkt der Verfasser so schön wie richtig. Es gab Elem-entar- und Hochschulen. Besonders häufig aber wurden die Kinder durch Privatlehrer unterrichtet. Was für" Wert die Eltern auf die Erziehung legten und wie hoch sie die Lehrer schätzten, erhellt aus der Tatsache,, daß dem Lehrer — was ganz modern anmutet —, wenn er erkrankte, der volle Gehalt bezahlt mürbe. Ein Vater, berichtet ein Responsum, verpfändete den Mantel feiner Frau beim ^Lehrer,' weil er sonst nichts hatte, um ihn zu entlohnen. R. Meir selbst war Oberhaupt einer Hochschule und hatte in seinem Hause 24 Zimmer für Studierende eingerichtet, Dem Wissen und der Gelehrsamkeit wurde höchste Achtung gezollt: Bücher waren steuerfrei und dursten nicht gepfändet loerden- Auch die Kunst hatte eine gewisse Bedeutung, insofern« man sie in den Dienst der Religion stellte. Die Synagogen hatten Glasmalereien, die Löwen und Schlangen darstellten, und die sogar bei manchen Rabbinern Anstoß erregten. An R., Meir erging eine Anfrage über die Zulässigkeit eines mit Tiergestalten bemalten Machors, die R. Meir verneinte. Auch nvit Vogelgestalten verzierlp Synagogendecken werden erwähnt. Die Reinheit und Heiligkeit des jüdischen Familienlebens Irmrde strenge gewahrt. R. Meir schreibt, „er habe eine Ueberlieferung, daß derjenige, der seine Frau schlägt, strenger zu behandeln sei, als derjenige, der seinen Nachbar schlägt, denn seine Frau zu ehren sei er verpflichtet, nicht aber seinen Nachbarn. Eine schlechte Behandlung der Frau könne man bei Nichtjuden antreffen, Gott bewahre al.cr, daß ein Jude dies täte." Auch über Kleidung und Schmuck der Juden, über ihre Münzen und Maße und über verschiedenes andere enthält das Buch viel Wissenswertes und Aufschlußreiches. —- Das / jüdische Leben in seiner häßlich-elenden Hütte und in seinem schön-erhabenen Wesen zieht darin an uns vorbei. Die jiidische Wissenschaft schuldet dem junge» Forscher Dank für diesen Stein an ihrem Bau. Salo Rappaport.