Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2880 (5.3.1927)
- Date
- 1927-03-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2880 Wien, SainStag 6. MSr, 1SS7 tzSeike S Tagesbericht. Mdssche Kiader in jüdischer Sbhvt. Besuch bei den „Jüdischen Klnbecfreimderr". Körperpflege ist kein leerer Wahn", „Das Kind braucht Sonne, Luft und Wasser", „Pflege deine Zähne" kest man auf großen mit herzigen pausbäckigen Kindern bemalten Affichen beim Eintritt in das Heim der „I üdis ch e n K i n d e r f r e u n d e" in der Oberen Donaustraße Nr. 91. Nicht nur Sonne, Lust und Wasser und, was als Selbstverständlichkeit hinzukonnnen muß, will man eine gesunde Generation heranziehen, nämlich kräftige Nahrung, bietet diese mustergültige jüdische Wohlfahrtsinstitution den kleinen Schützlingen. Nicht nur die zarten Körperchen sind dort in bester Obhut, auch die feinen aus hauchdünner Webe gesponnenen Seelchen werden vor jedem rauhen Windstoß geschützt. Ein köstlicher Saft wird in unbeschränkter Dosis nach dem Rezept „Je mehr, desto besser" in die Psyche des glücklichen Völkchens geträufelt: „Liebe". Und Liebe ist es, die aus diesen Herzchen tausendfältig zurückstrahlt und glücklich macht, die beglücken wollen. Frohes Lachen gesunder Kinder, -ist es nicht Lohn, der reichlich lohnt? Scharf umvissen ist das Togetverk der kleinen Racker. Ordnung und Disziplin herrscht ohne Rute und finstere Kammer. Des Rätsels Lösung? Wie anders könnte sie lauten als Liebe? In der Frühe werden die Kinder von ih«n Eltern in die Tagesheimstättcn gebracht — es gibt deren drei, in der Oberen Donaustraße, im Prater und im 17. Bezirk in der Wurlitzergasie — und werden von den Ueberncchmspersonen auf ihre Sauberkeit geprüft. Peinliche Reinheit ist das oberste Gebot, das in den Heimen der „Jüdischen Kinderfvrunde" herrscht. Diese Erziehungsmaßnahme ist in erster Linie an die Adresse der Eltern gerichtet; dort wird in dieser Hinsicht leider oft schwer gesündigt. Nach dem Frühstück wird ans Tagewerk gegangen. Die Kleineren spielen und singen in Gruppen, vereinigt unter der Aufsicht von Kindergärtnerinnen. Gesprochen und gesungen wird fast ausschließlich hebräisch. Siaunenswcrt, wie die Kleinen die Sprache beherrschen. Dabei wird auch darauf geachtet, daß die Kinder ein reines Deutsch erlernen. Die Größeren — drei Jahre ist das Mindestalter für die Ausnahme — beschäftigen sich mit Zeichnen- und Klebearbeiten, die bewundernswerte Fertigkeit verraten. Zur Mittagmahlzeit finden sich auch die schulpflichtigen Kinder ein. Im Heime in der Oberen Donaustraße sind es 40 schulpflichtige gegen 70 nichischulpflichtige Kinder. Der gesunde Appetit, den die schmatzenden Kleinen entwickeln, ist wahrlich herzerfreuend. Die Kinder sitzen auf kleinen Sesselchsn an herzigen Tischchen nach dem Montcsiorisystem, essen mit kleinen Lösselchen aus kleinen Schälchen, ganz wie im Märchen. Schneewittchen und die sieben Zwerge. Nachmittag wird wsitergcspielt, während die Schulkinder unter fachgemäßer Aufsicht ihre Aufgaben besorgen. Um 4 Uhr erhalten die Zöglinge noch Jause und um 6 Uhr abends werden sie von ihren Angehörigen wieder abgeholt. Der große Wert des Vereines „Jüdische Kinderfreunde", der nebst den genannten drei H-cimen im Sommer sine Tagesheimstätte in der Weißau unterhält, liegt hauptsächlich darin, daß die Kinder den Einflüssen der Straße entzogen werden, denen sie naturgemäß ausgesetzt sind, wenn die Eltern tagsüber außer Haus verdienen müssen. Die Kinder werden in jüdischem Sinne erzogen, Gin Bi ck in da» Leben der deutschen Juden de» Mittelalter». Die, Nacht des Mittelalters lastete schwer auf dem jüdischen Volke. Haß und Verachtung der Umwelt, verbunden mit drückenden persönlichen und wirtschaftlichen Beschränkungen, schufen jenes eigentümliche Ghnttodasein des Juden, das uns so mittelalterlich fern und unverständlich erscheint, obwohl es kaum ein Jahrhundert hinter uns liegt. Das Denken und geistige Schaffen dieser Menschen ist auf uns gekommen, in den unzähligen Werken über Bibel und Talmud, über Halacha und Agada, über Gesetz und Ritual. Das geistige Leben der jüdischen Vergangenheit enthüllt sich uns in den getreulich überDslrrten Büchern, die uns ein Bild geben von dem Strom von Gelehrsamkeit und Geistestätigkeit, die den jüdischen Alltag durchflutete. Aber gerade von diesem Alltag wissen wir 'wenig: vom Leben und Treiben, von der inneren Verfassung der jüdischen Gemeinschaft, von ihren sozialen unb poAtischen Einrichtungen, von ihrer Stellung zur christlichen Umtvelt. Gerade im einzelnen Durchschni!tsMen, wie er lernte und lehrte, wie er sein Brot verdiente, wie er sich kleidete — wie er lebte und starb, spiegelt sich uns das historische Ghetto wider; und wie liebevoll auch Romane uNd Phantasieschöpfungen der Dichter und Künstler dieses Ghetto darstellen und ausmalen mögen, wirkliche Kenntnis können wir nur ans zuverlässigen historischen Quellen haben. Die jüdische Wissenschaft hat eine Gattung von Geschichtsquellen, wie sie wohl im historischen Quellenichrifttum wohl nicht an Ergiebigkeit, aber an Beschaffenheit — einzig dasteht: die Responsen. Die mittelalterliche jüdische Welt kannte trotz der schwierigen Berkehrsmöglichkeiten und der politischen Zersplitterung der damaliger» Länder Wir Grenz"«. Der Sitz eines großen Rabbinen und Tal,,iuogctel>w.'n wurde zum Zentrum der iHliniiiiii******** — wfVHf9 V(9T0Mgttmil0 in einer Zeit, in der man in den öffentlichen Schulen alles, was jüdisch ist, auszumerzen sucht, eine besonders lobenswerte Tatsache. Gerade deshalb gebraucht man im Rathaus die Phrase von der „Klerikalen Institution", und speist den Verein mit dem lächerlichen Betrag von 800 Schilling Jahressubvention ab. Das Budget des Vereines beträgt durchschnittlich 35 Millionen Kronen im Monat. Einen Teil trägt die Kultusgemeinde bei, ein Teil wird durch Eltevnbeiträge hereingebracht. Für Spenden bleibt noch recht viel Raum, doch fließen sie leider fttzt allzu spärlich. Was Wunder dann, wenn sich die Leitung veranlaßt sieht, UnterhaltungsaÜende zugunsten der kleinen Schützlinge zu veranstalten. Gewiß, die idealste : Form des Geldaufbringens für soziale Zwecke ist dies nicht. Es ist aber ein Weg; der schlechteste nicht, denn auch er führt zum Ziel. Wenn nirgends, so gilt hier der Satz vom Zweck, der die Mittel heiligt. Der Zweck ist das jüdische Kind. Die großen politischen Parteien bemühen sich um die Seelen von Kindern, die lange noch nicht für das „Einmaleins" reif sind. Charitasverbände und sozialdemokratische Kinderfveunde wetteifern in diesem verwerfliche Treiben. Die „Jüdischen Kinderfreunde" wollen keine Politik, sie wollen nur jüdische Menschen bilden. Jüdisch im Sinne der Renaisianoe unseres Volkes. Die jüdischen Eltern werden wissen, wem sie ihre Kinder anvertrauen können. Robert Schreier. Sine krtzMon-kalntzrovhe. 1 Toter, 5 Schwerverletzte. Halle a. d. Saale, 4. März. In der technischen Versuchsanstalt der Leuna-Stickstoffwerke explodierte heute nachmittags eine Amoniakflasche. Bon den sechs im Raume befindlichen Angestellten wurde einer getötet, die übvigen wurden lebensgefährlich verletzt. Erdbeben ln Ungarn. Budapest, 4. März. In drr G:m:iirde Varpvlato, Komitat Veszprim, wurde heu2 morgens 7 Uhr 23 Minuten ein Erdbeben verspürt. Mehrere Häuser lvurden beschädigt, eine Mauer urrd 50 Schornsteine sind ein ge stürzt. TaS Beben, irecheo fünf bis sechs Sekunden dauerte, war von dumpfenr, unterirdischem Getöse begleitet. Um 11 Uhr 50 Minuten lvurde in Varpawta ein zweiter Erdstoß verspürt, unter dessen Em- Wirkung ein schon beim ersten Beben stark beschädigtes Haus ein st ü rz t.e. Sie „BahnMonen" der Misten. B u k a r e st, 4. März. Die nationalistischen Studentenausschreitungen in den Eisenbahnzügen der Moldau und der Bukowina gegen jüdische ungarische und brutsche Passagiere nehmen ihren Fortgang. Am Id. M. spielten sich gegen 4 Uhr früh im Zuge Bukäve ft — @u* czawa turbulente Szenen ab. Ein Trupp von Anhängern Cuzas bestieg den Zug, durchsuchte ihn nach Juden und „Fremden". Alle Passagiere, die als solche angesehen wurden, darunter mehrere Deutsche, wurden verprügelt und gezwungen, während der Fahrt aus dem Zuge zu springen. Mittwoch nachts wurde ein jüdischer Student in Bukarest von antisemitischen Studenten überfallen und mit einer schweren Kopfwunde liegen gelassen. Mischen Welt, ohne Rücksicht auf seine geographische Lage. Die jüdischen Gemeinden richteten Anfragen an den Gelehrten, auch wenn dieser in einem anderen Lande oder gar in einem anderen Weltteil wohnte — man denke an die Responsen, die von Babylonien nach Marokko und Spanien gingen. So ein berühmter Gelehrter mußtft Antwort erteilen oder größere Gu! achten abgeben über rituelle Fragen, über juristische Probleme — über sämtliche Angelegenheiten des jüdischen Lebens, für welche die religionsgesetzliche Entscheidung oberstes Gesetz war. Daher enthalten die Responsen wertvolles historisches Material und geben uns Aufschluß über das Alltagsleben der Inden in jenen Zriten. Je größer nun die Gelehrsamkeit des Rabbiners war, je unbestrittener seine Autorität, desto zahlreicher waren naturgemäß die an ihn gerichtete Fragen, desto m-annig^ faltiger die ihrn zur Lösung aufgegebenen Probleme — desto interessanter und desto aufschlußreicher sind diese Responsen als historische Quelle. Einer der größten Männer des jüdischen Mittelalters in Deutschland war Meir b e n B a r u ch aus Rothenburg a. d. Tauben (1230 bis 1293), bekannt als Meharam Mi Rothenburg. Zahlreich sind die Anfragen, die an ihn aus allen Teilen der jüdischen Welt, besonders aus Deutschland und Frankreich ergingen, gelehrt und inhaltsreich die ergangenen Antworten. Ein junger Gelehrter hat es nun in seinem jüngst erschienenen Buche*) unternommen, die zahlreichen auf uns gekommenen Responsen des Meharam auf ihre historischen und kulturhistorischen Schätze zu untersuchen ünd es ist ihm gelungen, ein überaus reiches Material zutage zu fördern, das in vielen Hinsichten Licht bringt in unsere Kenntnis der inlteren und äußeren Geschichte der deutschen Juden des Mittelalters. *) Dr. I. H Zimmels: Beträge zur Geschichte der Juden ■ru D'iitschlai'.id im 13. Jahrßuodort Verlag: Jsraclit.-i'heolog. Lehranstalt. Menen KleiderHaus Ketonidk llteinfterger* 7. Bezirk, Singerstraße Nr. 6 &matHnä-Jfnxuü # f OO*— Frack- und Smoking - tethanstalt «ntiirmtttiche Hetze in Pommern. Warschau, 4. März. In dem pommerischen Städtchen Lidsbark wurde in der letzten Zeit ganz unvermittelt eine antisemitische Pogromhetze geführt, die leicht zu großem Blutvergießen hätte führen können, wenn nicht infolge Intervention der jüdischen Abgeordneten der Besitzer der Druckerei, in welcher die Aufrufe und Flugschriften hevgestellt wurden, Andrej Krigant, zur Verantwortung gezogen worden wäre. Bci seiner Einvernahme stellte es sich heraus, daß sowohl der Bürgermeister Aroman als auch der Polizeichef die eigentlichen Urheber der Bewegung sind und daß die Kosten der ganzen Hetze von den Rozwoj-Leutcn gedeckt wurden. Krigant sagte unter Eid aus, daß Bürgermeister und Polizeichef ihn der Straflosigkeit versicherten, wenn er die Verantwortung für die Druckschriften übernehme. Von anderer Saite sei ihm unter der gleichen Bedingung ein hoher Betrag zugesichert worden. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Inzwischen hat der jüdische Sejmklub die Forderung aufgestellt, den Bürgermeister und Polizeichef sofort ihrer Aemter zu entheben und in strafgerichtliche Untersuchung zu ziehen. Ile Budapester Sittlichkeit. Kricg gegen die Venus von Milo. Aus Budapest wird berichtet: Der Sittlichkeitsfeldzug hat einen neuen Höhepunkt des Humors erreicht. Neuestens beanstandete eine Patrouille der Sittenpolizei auf der Andrassy-Straße im Schaufenster der Verlagsbuchhandlung Singer u. Wolfner ein Album, das auf dem Einbanddeckel eine photographische Reproduktion der Statue derVenus vonMilo im Pariser Louvre trug. Die Budapester Sittenpolizisten fanden die Venus von Milo unsittlich »und trugen dem Buchhändler auf, das Anstoß erregende Album aus dem Schaufenster zu entfernen, was auch geschah. Sine Wohnbananleihe der Stadt Nndapeft. Budapest, 4. März. Die Finanzkommission der Stadt Budapest hat heute beschlossen, zur Deckung der Kosten der Grundstücke für die zu errichtenden 3400 Kleinwohnungen von der Newyorker Bankfirma Blair & Cy. im Wege der Britisch-Ungarischen Bank eine schweb ende Anleihe in der Höhe von einer Million Dollars bei fünfprozentiger Verzinsung auf drei, beziehungsweise sechs Mo nate aufzunehmen. Nach den Anleihobedingungen werden die Stadt nur die Zinsen nach dem in Anspruch genommenen Teil von der Anleihe belasten, während der nicht verlvendete Rest von der Bank als Einlage zu derselben Zinsenvergütung verwaltet wird, wö» sie die Stadt zu zahlen hätte. Die Responsen des Meharam erstrecken sich über drei Phasen der deutschen Geschichte, über die Zeiten Iler Staufen, des Interregnums und der Habsburger. Die Ungunst dieser Zeiten bekamen die Juden besonders arg zu spüren. Aus den Gutachten des R. Meir auf verschiedene mit den damaligen Bedrängnissen und Verfolgungen zusammenhängende Fragen erfahren wir von Verfolgungen in Frankfurt (1241), Mainz, Bachrach und anderen Städten. Heldenmut und Opferfreudigkeit kennzeichnen das Verhalten des Juden: wie erschütternd ist doch die Anfrage eines Juden an R. Meir „ob er einer Sühne bedürfe dafür, daß er seine Frau und vier Kinder in der Blutstadt Koblenz geschlachtet habe. Sie hatten ihn darum gebeten, als sie sahen, daß der Zorn des Ewigen entbrannt sei und die Feinde begonnen hätten, die Kinder des lebendigen Gottes hinzumorden,, die auch den Tod zur Heiligung des göttlichen Namens erlitten." R. Meir entschied, er bedürfe keiner Sühne. Dieses schlichte Responsum Nr. 33 spricht Bände. Die Kraft der religiösen Begeisterung wirkte unter den Juden, die das Sterben für ihren Glauben gewohnt waren, Wunder: „Hat jemand" — besagt ein Responsum — „den Entschluß gefaßt, für die Heiligung des göttlichen Namens zu sterben, dann nmg man ihm jede erdenkliche Qual zufügen, er bleibt stumpf gegen sie ... dies beweist der Umstand, daß es keinen Menschen gibt, der das Feuer mit seinem kleinsten Glied berühren könnte, ohne aufzuschreien, wenn er auch beschlossen hätte, nicht zu schreien, und wir sehen doch bei den Heiligen (Märtyrern), daß sie nicht schreien." Trotz der äußeren Zwangslage hatten die Juden ein wohlorganisiertes Gemeindeleben: die Gemeinde war die Vertreterin der Juden nach außen und Behörde nach innen. Sie hatten die Gerichtsbarkeit und die Aussicht über die Steuern, die in jenen Zeiten) in welchen die Machthaber den Jrrden nur um ihres Geldes willen das Leben gönnten, von besonderer Bedeutung war. Die Gemeinde war straff organisiert, hatte ihre bestimmten Agenden und ihren Besitz. Sie hatte Synagoge, Badehaus, Kran-