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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-05 · Heft 2880 (5.3.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2880 (5.3.1927)
Date
1927-03-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite Men, Samstag Wrerrer Moegenzeitmtg 5. März 1927 Nr. 2880 Die pMischeKomödieilWae. -y, Wien, 5. März. Jetzt geht's in die Wahlen. Der National rat hat baä Gesetz über seine Auflösung angenommen. Nach der zweiten Lesung applaudierten die Sozialdemokraten, nach der dritten die Mehrheitsparteien. Sie belohnten sich durch freudiges Händeklatschen für den bewiesenen Mut. Ob sie alle wiederkehren? Ob nicht den oder jenen die Rache unzufriedener Wähler treffen wird? Im Mai wird sich's zeigen. Vorderhand wird's noch ein paar Sitzungen geben, che das hohe Hans völlig auszrrckt. Es muß ja noch rasch, ehe das Tor zufätlt, eine zugkräftige Wahlparole erzeugt werden, und zu diesem Zweck muß die Altersversicherung der Arbeiter und Angestellten herhalteu. Die Vorlage war von den Parteien verschleppt und mit Unmöglichkeiten belastet worden, um nur ja nicht verabschiedet werden zu können. An der Not kochen sich die Vertreter des Volkes ihreil Agitationsbrei. Ehe die vorzeitige Auflösung beschlossen wurde, gab es noch den Zwischenfall im Arsenal. Einen Augenblick lang schien cs, als reife eine Katastrophe, als »vollte der Gluthauch der Revolution emporschlagen. Mer es wurde zum Glück eure lustige Operette. Zu den 5300 Fafchmgsveranstaltungen kam noch eine dazu, im tragt scheu Gewand der Haupt- und Staatsaktion. Ein There sienritter hatte in der Mauer des Uhrturms ein Loch gesehen. Hinter einem Loch können nur Maschineirgewehrc stecken, dachte sich der Brave und rief die Polizei. Die dachte weiter: Wenn dort wirklich Waffen sein sollten, bann können es doch möglicherweise die Vorräte des republikanischen Schutzbundes sein. Wenn man da .konfisziert, so würde es blutige Konflikte geben; also entschied Herr Schober — die Minister waren unauffindbar —, er werde Nachsehen lassen, die Arbeit möge aber das Militär selbst leisten. Das Militär kam so, wie das rvahrscheinlich für solche Fälle vorgesehen ist: zwei Admiräle, drei Kommandanten und Quartiermeister, 200 Säbelchargen und 150 Soldaten. Sturmhelm, Patronen, Bajonett auf, Scheinwerfer mü> Lastauto mobile. In allen Kaserrchöfen wurden dir Gulaschkanonen angeheizt. Klan fand 2000 verrostete Läufe ohne die dazugehörigen Schäfte. Es war rvirklich nichts mehr dort, urrd die interalliierte Militärkommission (die gibt es noch, und sie innß doch für ihre hohen. Diäten etwas tun) erkundigte sich eifrig, ob nicht doch....? N-in, 2000 Mannlicherläufe. Trotzdem krachten Revolution und Reaktion aufeinander. Der Chor der Provozierten und der Chor der Enttäuschten sangen ihre Aktschlüsse, und der Vorhang fiel. Trotzdem ist's eine nachdenkliche Geschichte. Jede Partei vermutet die arrdere im Besitz von Waffendepots, und jede vermehrt, den Staat nur mit Gewaltmitteln: gegen irgendeinen Anschlag schützen zu können. So schwach ist dieser Staat fundiert und so urrverläßlich ist das politische Bewußtsein seiner Bürger? Wir haben einen republikanischen und erneu vaterländischen Schutzbund; in den Lärrdern draußen bestehen Heimwehren und nationalistische Sturmtruppen. Me haben Waffen, weil sie ihrer politischen Kraft nicht trauen und nicht wissen, ob der Staat durch eine Idee zusammengehalten wird. Die republikanische war einmal vorhanden, aber sie hat sich vor der Anschlußpropaganda verstecken müssen. Der Anschluß ist aber für lange hinaus untersagt, und so mußten die Parteien einen Kriegsersatz schaffen. Sie waffncn sich gegeneinander, hin und wieder toird geschossen und gezündelt, und jttwsmal wallt feurige Entrüstung auf. ES geschieht weiter nichts, weil eben nichts geschehen darf. Alle fürchten die Konsequenz, die entstände, wenn wirklich einmal das Gesetz in sein Rocht treten wollte. Und so lassen sie es lieber bei dem zum Usus g5word.ii :>. Abusus bewenden. Wozu aber hat die Republik eine Wehrmacht, die von Gesetzes wegen existiert und den Staat schützen soll? Ja, wozu sind denn die Gosche überhaupt da? Der Waffenbesitz ist für den Privaten an strenge Vorschriften gebunden.. Wenn jemand draußen an der einsamen Peripherie wohnt, so muß er einen Geburtsschein, ein Jmpfzeugnis und drei Urrbescholtenhütsnachweise erbringen, wenn er einen Knaller haben will. Die Polizei und die Gendarmerie führen genaue Evi denz. Und trotzdem gibt es das Wort Waffcndepot und trotzdem erweckt der Begriff Waffe sösort politisch-exzessive Vorstellungen. Wie wäre es, wenn sich die Wähler aus diesem leh ten Vorfall, der glücklicherweise nur eine Posse war, hie Wahlparole ableiteu würden, es müsse in Zukunft nur das Gesetz gelten und die Gliederung in Heerhaufen müßte aufhören? Es wäre sicherlich ein unerhörtes Unterfangen, und die Parteien, die den Staat als ihr Privateigentum behcurdeln, würden mit großen Augen auf dieses Beginnen sehen. Wer das wäre doch die Sanierung, die Erlösung der Bevölkerung aus der Korruption, die bei der Politik beginnt und bei den Kassen endet. Sin Reklametrick Henry Ford». Sr Ist (ein «ntllm». Scitfd) Mt fein Such .«mseftaltet*. Um ein GcschäftSuHemt der deutschen Vsrtrcturrg der Ford-Motor-Eompany im Berliner „Jüdischen GeinemdMirtt" ist ein Rummel entstandelr, der sich bei nähe-rer Besichtigung nlS ein geschickter Re klame fsld zug Henry Fords entpuppt. Die „Jüd. M. Zeitung" hatte nicht mit Unrecht die Annahme -des Inserates einer Firma, deren Chef, Henry Ford, nicht mir in Amerika durch den von ihm finanzierten „Dear« born Jndepervdent" den mrgweideutigsten Judenhaß verbreitet, sondern, wie wiederholt unwidersprochen festgestellt wurde, auch in Europa den Antisemitismus aller Schattierungen finmrziell fördert, abgelehnt und griff das „Jüdische Gemeindoblatt" wegen Annahme des Inserates an. Nun kommt die deutsche Ford» Vertve-tung, die „Motor-Company Neuberg Behrens G. m. b. H.", Mt der Enthüllung, daß Henry Ford der lammfrommst« Mann von der Welt sei,, dem nichts ferner lieg» als der Antisemitismus. In Deutschland habe sich die Meinung, daß Ford Antisemit s«i, durch die im Hammer-Verlag des überführten Fälschers Fritsch erschienen deutsch« Uebevsetzmvg von Henry Fords „Der international« Jude" herausgebildet. Nun sei fest-gestellt worden, -daß Fritsch dos Original der englischen Ausgabe „auf den antisemitischen Ton umgestellt" habe. Di« Zeutrolverrvalttmg der Henry Fovdschcn Sekretariate werde — so wird erklärt — gegen den Hammer-Verlag Schritte unternehme u, um das Weitererscheinen der Bücher zu verhindern und überdies gegen Fritsch wegen Text fälsch» ng die Schadenersatzklage einbringen. Nebenbei wlvd noch erzählt, daß die wichtigsten Mitarbeiter des Fordkonzerns Juden seien. Daß der Hammer-Fritsch das schon an sich antisemitische Buch berufsmäßig auf den preußischen Halenkreuzton „umgestaltet" hat, sei ohneweäters geglaubt. Aber die deutsche Vertretung Henry Fords scheint nicht zu wissen, was in Amerika, der Zentrale nicht nur des Fordschen Motorcar-Konzerns, sondern auch des Fordschen antisemitischen Lügenkonzerns vorgeht. Wenn Henry Ford ernstlich diejenigen, die ihn des Anti- KUPON ZU DEM KREUZWORTRAETSEL Nr. 21 DER „WIENER MORaBNZßlTÜNG" stmitismuS zeihen, klagen will, warum hat er sich bisher um alle Herausforderungen, seine bewußten judenseiMichen Verleumdungen vor amori!a.nischvn Gerichten oder vor dem parlamentarischen Ausschuß zu beweisen,, gedrückt?! Der jüdische Publizist Henry Bernstein hat alle möglichen Kniffe angewsndet, um Henry Ford stellig zu machen, aber der zweifache Doklarbillionär Ford ist jedesmal ausgekniffen. Genau so erging es auch anderen und' letzthin bent New Vörker jüdische Abgeordneten Sol. Blum. Die zur Reinwaschnng Fords angeführte Tatsache, daß der kaufmännische und finanztechnische Chef des Riastnkonzorns, Joseph Liebol d, Jube sei und daß die Ford-Company Tausende von Juden beschäftigt, hebt die andere Tatsache nicht auf, daß das einzige ausgesprochen antisemitische Blatt in Amerika Eigentum Henry Fords ist und daß die antisomiitische Welle in den Vereinigten Staaten in den letzten Jahren ihre Nahrung von tzenty Ford erhalten hat. Die angeführten. Ta isachen find bloß ein neuerlicher Beleg für die unzählige Male gemachte Erfahrung, daß avische Unternehmungen m?. Hilfe jüdischen Geistes, jüdischer Arbeit und jüdischer Treue zu ungeahnter Höhe empor klimmen und dann, saturiert, eine feste Burg aniisemitischen Undankes werden. Sie Krimlolonisation. Mische Beschwerden gegen die Sowjetregierung. — Zer Antisemitismus in Rnßiand. Der Warschauer „Moment" erhält von einem Teilnehmer an den Beratungen des jüngst stattgefundenen Charko.rer MuderbeitkongrefseS oie folgenden wichtigen Mitteilungen: Trotz aller Bemühungen der leitenden Organe herrschte währerrd des ganzen. Kongresses eine nervöse, gespannte Stimmung.. Das Hauptthenia, her Diskussion bewegte sich um die von allen Teilen, zugegebensu Reibungen zwischen beit verschiedenen nationalen Gruppen in der Ukraine: den Russen, Ukrainern und Juden, die immerfort auf der Tagesordnung sind. Cs wurden auch scharst Kritiken gegen die herrschende Haltung gegenüber den Nationalitäten in der Sowsttllkraine laut. Die Russen beschuldi gen die Regierung, daß sie bei der rücksichtslosen Ukra inisierun g des Landes die kulturellen Bedürfnisse Set SRu-feu völlig ignoriere. Tie Ukrainer wieder beschwerten sich darüöer, daß die Ukrainisierung mechanisch und ober ft a chlich dnrchgeführt werde. Tie jüdischen Delegierten des Kongresses wiesen auf das A n w a ch se n des Antisemitismus hin und hielteil der Regierung vor, daß sie sich Nur schwach bemühender antijüdischen Welle in der Ukraine einen Tamm zu setzen. UeberdieS niesen. die jüdischen Delegiertet! nach, daß die Frage der jüdischen landwirtschast'ichrn Kolonisation von der Negierung durchaus falsch behandelt werde. In dieser Beziehung wurden die folgenden konkreten Vorwürfe erhoben: Ungeachiet der starken Propaganda s.itenS der Kommunisten urrd der überaus großnr finanziellen Hilfe auS dem Ausland entwickelt sich die Kolonisierung itt sehr schwachem Tempo. Von den 1,400.000 Seelen zählenden Juden in der Ukraine haben sich im ganzen 107.000 Menschen, das heißt etwa sieben Prozent, in den Dörfern angesiedelt und bearbeiten 107.000 Tessatin Boden. Die Regierung kümmere sich gar nicht um die.Kolonisierung. Das Fehlen von Maschinen, Saatgut, künstliche Düngung und lebendigem Inventar zwinge die jüdischen landwirtschaftlichen Arbeiter zu einer unmöglichen übermenschlichen Arbeit, um ans dem Boden den Lebensunterhalt zu gewinnen. Tie neuen jüdischen Kolonisten, die dem Mittelstand entstammen, seien naturgemäß für landwirtschaftliche Arbeit nicht entsprechend borgebildet. Tie Regierung habe nicht im geringsten dafür gesorgt, daß )ie Kolonisten vorbereitet werden, damit sie wissen, wie sie >m Boden bearbeiten sollen. Die wenigen Agronomen, die berufen wären, die Kolonisten zu unterweisen, seien selbst zu ivenig erfahren, da ihre theoretischen Kenntnisse den »r-imitiven wirtschafrlichen Bedingungen, bbbbbbbbbbbbbbbibbbbbbbbbbbbbw b Verband der ZIonlsten-Revisionlsten und 1. ]. „Brith ha Zomlf“. _ | Heute Samstag, den 5. März, um 5 Uhr nachmittag, im Verbandsheim der „Brith ha Zofim", II. Rembrandtstraße 18 Jj B s s B a a 2 Thema : Die jüdische Jugend und die kommenden Wahlen. a Referenten: Oberbaurat Ing, Robert Stricker» Dr. Paul J. Diamant» Michael öourary. ., Zionistische Gäste willkommen. — Anschliessend Diskussion. i IBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBlBBBBBBBBllBBlBBBBBBBBBiBlkM unter denen die Kolonisten zu arbeiten haben, nicht angepaßt find. Nur eine ganz geringe Zahl von Kolonien entwickle sich dank der besonders guten wirtschaftlichm Bedingungen recht gut. Große Unzufriedenheit gab sich auch gegen das rteüe Wahlsystem für das Zentralromitee kund. Die Regterimg beschloß, anstatt wirkliche Wahlen durchzufÜlMr, die Ernemumz von . Mitgliedern. des Komitees. Las Sftemichlfche Konsulat lu Jerusalem. Legatlosrmt Waller §aar äiim Koala! etnnnnt Wie die Politische Correspondenz erfährt, wird in nächster Zeit in Jerusalem ein effektives österreichisches Konsulat errichtet, mit' dessen Leitung dec bisher bei der österreichischen Gesandtschaft in Warschau in Verwendung gestandetle erste Legationsrat Haas betraut ist. - ' * Legationsrat Walter Haas ist am 8. Oktober 1684 in Wien geboren, absolvierte int Jahre 1911 die; Konsularakademie und trat daim in den diplomatischen Dienst der Monarchie. Er wurde zunächst dem Generalkonsulat in Beirut zugetellt und wurde noch im September 1911 zum Konsulatsattache ewannt. 1913 wurde er Bizokonsul. Dann kam er nach Smyrna und von dort , nach Saloniki. 1915 nmrde er -dem Konsulat in Sofia zugeteilt. Nach dem Kriege leistete er Diettst bei der ö-s^rrcichischen Vertretung in München und wurde 1922 als erster Legationsrat nach Warschau versetzt. Dort vertrat er als Geschäftsträger den östvrreichlischen Gesandten, toenn dieser verreist war. Legationsrat Hags, der katholischer Konfession ist, gilt als einer der genauesten Kenner der wirtschaftlichen Verhältnisse im vorderen Orient und wird als ein Mann von außerordentlicher Arbeitskraft urrd von großem kaufmännischem Verständnis geschildert. Das österreichische Konsulat iu Jerusalem sollte ursprünglich als eine Filiale des Konsulats irr Kairo errichtet werden. Die steigende wirtschaftliche, Bedeutung Palästinas hat nun die österreichische Regierung be, rvogen, ein effektives Konsulat zu errichten. Sk zwangS'Sonntagsruhe in AmerNa. Eine Rauferei im Kongreß. Washington, 3. März. (I. T. A.) In der Sitzung der Kongreßkommlssion über Angelegenheiten des Distrikts Columbia sprach das jüdische Kongreßmit- QÜbeb Saul Bloom gegen die Einführung des Zwangsspnntagsruhogesetzes. Ihm trat das Kongreßmitglied Blanton aus Texas entgegen und behauptete,! Bloom nehme die Interessen d e r j Ü d i s ch e n F i l m Magnaten New PorkS wahr. Bloom .erwiderte: „Der Gentleman 'aus Texas sagt die U n w a h r h ei t." Davaushn. stürzte sich Blanton auf Bloom und versetzte ihm eine Oh r fe\ ge. Bloom schlug zu rück und eS entstand ein ungeheurer Wirrwarr. Die anderen Kongveßmitglieder hatten große Mühe, die Streitenden zu trennen.

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