Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2878 (3.3.1927)
- Date
- 1927-03-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Wiener Morgenzeirung S M6rz f9BT 0dte 8 s-choft. Es ist utts-er aller moralische Pflicht, den Ausbau Palästinas, diese herrliche wirtschaftliche und nationale Zusanrmenjiass-ung der Kräfte des Judentums, zu unterstützen, und an dieser Arbeit müssen gleich den englischen und deutschen Protestanten auch die ungarischen Protestan ten teklnshmen.", „Mit Vergnügen über nehme ich d i e s e P i o n i e ra r b e i t," schl-oß Bischof B a l t h a z a r seine mit großem Beifall aufgenammene Rnde, „:oas ja manchmal die Konsequenz hat, daß einem der Kopf eingeschlagen wird. Aber die christliche Gesellschaft weiß es ebenso wie die jüdische, daß ich, wenn ich ein Ziel für schön und heilig, einen Weg für erhaben und rein halte, unbekümmert um mein persönliches Interesse und um das Urteil anderer, gerade und ohne Rückhalt dem Kompaß folge, den Gott in meine Seele gesenkt hat." Las New Borker Schachturnier. Aus Newyork wird berichtet: In der achten Runde konzentrierte sich das Hauptinteresse auf den Kampf Capablanca—Niemzowitsch. Capablanca, der die weißen Steine führte, eröffnete unregelmäßig. Beide Meister behandelten die Partie gut und vorsichtig. Nach drei/stg Zügen einigte man ^ich auf Remis. Auch die Iaririe Aljechin—Spielmann,' ein Damengambit, nahm einen kurzen, wenig aufregerrden Verlauf und schloß gleichfalls mit Remis. Unbeendet blieb die Partie V L d m a r— Marshall. Sie wurde in einer schwer zu beurteilenden Stellung abgebrochen. Stand nach der achten Runde: Capablanca 6, Niemzowitsch 5 (1), Aljochin- 3 (1), Spielmann 3, Vidmar 21/2 (2), Marshall U/2 (2). Arbeitslose khineseo drinnen In dir Pariser Semadtchast ei«. Paris, 2. Mürz. Heute vormittags drängen etwa 30 arbeitslose Chinesen in die hiesige chinesische Gesandtschaft ein. Die Polizei räumte das Gebäude und nahm mehrere Verhaftungen vor. Sin psrlugiestscher Wellflug. Lissabon, 2. März. Der Flieger S a r m e n t 0 Beires ist zum Flug um die Welt aufgestrcgen. Le Plnedo ln Buenos Aires. Ma i l a n d, 2. März. De Pinedo ist heute vormittags 11 Uhr 30 Minuten von Porto Allegro gestartet und nachmittags um 5 Uhr 30 Minuten mitteleuropäischer Zeit glücklich in Buenos Aires gelandet. Er wurde im Hafen von dem Gehcul der Dampfersirenen und unbeschreiblichem Jubcl begrüßt, offiziell empfangen und 'm festlichen Zuge nach dem italienischen Klub geleitet. Beugen Sie vor l der am meisten gefürchteten Alterserscbeinung, durch Verwendung von Sklerolsyrup nach Univ-Prof. Dr. MIadeiovsky. Sie fördern damit den Blu kreislauf und vermindern , die Beschwerden. In allen Apotheken erhältlich. Haupt-Depot: Apotheker C. Brady, Wien,Rotenturmstr. 18. Ser sefangengehaltene Liebhaber. Mtittiom« »nd etnsent. Aus Budapest wird gemeldet: Eine Frau Julius Meszaros, die Gattin eines Provinznotars, hat in ihrer Budapester Wohnung ihren Liebhaber, den Studenten Ladislaus Körtveiyessh, zwei Jahre lang gefangen gehalten. Frau iEszaros, die Mutter von zwei Kindern ist, hatte in Budapest eine Krawattcnnäherei eingerichtet u:ck> überdies, um ihre Einkünfte zu erhöhen, ein Zimmer im Oktober des Jahres 1925 an Körtvelyessy vermietet. Der Gatte der Frau ist Notar einer kleinen Gemeinde und kümmerte sich wenig um feine in Budapest lebeirde Gattilr. Die Nachbarn hatten bemerkt, daß die nach dem Hof gehender: Fenster der Wohnung der Frau Meszaros dicht verhängt blieben. Den jungen Mann sah man itir aus der Wohnung kommen und gehen. Etwa ein halbes Jahr, nachdem der Fünfkirchner Student zu Frau Meszaros gezogen war, erblickte ihn zufällig der Hausinspektor und stellte fest, baß der 25jährige junge Mann nahezu unkenntlich geworden war. Er trug euren langen Bart, sein Gesicht war fahl und seine Körpechaltung gebeugt. Es stellte sich heraus, daß die Frau den Studenten in einem Zimmer gefangen halte und daß der junge Mann vollständig in die Gewalt der Frau geraten sei. Vor etwa einem Jahr unternahm der Student einen regelrechten Fluchtversuch Ms seiner Gesänge,:- schuft. Er kletterte zum Fenster hinaus rnrd reiste in vollständig herabgekommenem Zustand zu seinen Elter;,. Nach zwei Wochen erklärte er jedoch seiner Mutter, daß er rurch Budapest zurückreisen müsse, weil er ohne die Frau nicht leben könne. Er sagte, daß er zur Frau Meszaros in einem sexuellen Hörigkeitsverhältnis stehe. Mle Bitten seiner Eltern blieben fruchtlos, und Ladislaus Körtvelyessy kehrte rerrig wieder in die Gefarkgenschaft nach Budapest zurück. Vor kurzer Zeit beschloß die Mutter des jungen Mannes, ihren Sohn den Händen seiner Geliebten zu entreißen. Sie erschien in Begleitung ihres Bruders bei Frau Meszaros. Da auf das Klopfen aber nicht geöffnet würde, ging Frau Körtvelyessy Mf die Oberstadthauptmannschaft und ließ sich zwei Detektive beigeben, mit denen sie neuerlich zur Wohnung der Frau Meszaros eilte. Erst auf die Drohung der Detektive, die Wohnungstüre zu sprengen, ließ Frau Meszaros die Detektive und die Mutter ihres Geliebten in die Wohnung. Als man in bas gänzlich verfinsterte Hofzimmer des Studenten eindrang, fand man Ladislaus Körtvelyessy in unbeschreiblich verwahrlostem Zustand vor. Das Zimmer war seit einem Jahre nicht mehr gelüftet noch aufgeräumt worden. Derjunge Mann wurde uach Fünfkirchen zu seiner Familie gebracht. Gegen Frau Meszaros wurde das Strafverfahren wegen Freiheitsberaubung es, geleitet. Budapests sittliche Erneuerung. B u d a p e st, 2. März. Die sittliche Erneuerung der Hautztstaidt -macht rapide Fortlschvitte. Der Polizeirichter des 7. Bezirkes fällte heute mehrere Urteile im Sinne der neuen Verordnung des Innenministeriums zun: erhöhten Schutz der Sittlichkeit. Eine Trafikant: n, die in ihrer Auslage Ansichtskarten -m.i t A k t - Photographien zur Schau gestellt hatte, wurde zu zwei Tagen Arrest und 2 0 Pengö GeIdstrafe verurteilt. Ein Kunsthändler, bei dem Polizei Nr. 3878 Gien, Donnerstag Tagesbericht. flia pkoiestaatifcher Bischof über deu gioalrmu«. Di>e Pro-Pnlästitta-Aktion in Ungarn. Debreezin, die Hochburg des ungarländischen Protestantismus, die im -ungarischen Volksmund „das kalvinisch? Nom" genannt wird, war von jeher der Mittelpunkt des in allen Wechselfällen der Politik sich treu bleibenden Liberalism-us. Besonders ist dies in den letzten Jahrzehnten der geistigen Führung des Bischofs D e s i d e r B a l t 'h a z a r zu danken, der selbst zur Zeit des blutigsten rassen/schützleriischen Terrors den Mut zum Protest fand. Ein Mann von solcher Einsicht konnte naturgemäß auch an der Entwicklung des Zionismus nicht achtlos vorü>berg:heu. Vor kurzem berief die unter Führung d:s Bischofs Valthazar stehende Verein!- gung der Kalviner in Debreezin eine Versammlung ein. um zu der (von uns bereits berichteten) erfolgreichen Pro-Palästina-Aktion in Ungarn Stellung zu nehmen. Zu dieser Versammlung wurde auch der Leiter des Jüdischen Nationalfonds in Ungarn, Herr Bela S z e k c Imit dem Ersuchen eingeladen, das Referat über den Zionismus und die zionistischen Fonds zu halten. Die im Prunbsaal der theologischen Hochschule stattgehabte Versammlung war außerordentlich gut besucht. Die Eröffnungsrede hielt der Rektor der theologischen Hochschule, Dr. Karl E r d ö, der darauf hinwies, daß die Aufbauarbeit des Judentums in Palästina dem Heiligen Lande feine alte Heiligkeit wieder zurückgibt. Nach dem Referat Bela Szrkelis hielt Bischoz Balthazar eine großangelegte Rede, die er mit denk hebräischen Gruß „,Schalvm Ub'racha" begann. Er führte dann aus: „Die Judensrage, die uns jetzt beschäftigt, ist eine unermeßlich große Frage, sie ist da als ewige Frage, wie das jüdische Volk selbst in seinem von Gott erhaltenen Genie, in seinen Eigenarten und . in seiner kulturellen Bestimmung ewig bleibt. Diejenigen, die sich mit dieser Frage vom Standpunkt dos Antisemitismus befassen, gehören zu den m i n d e r w e r * tigsten Elementen der Kulturgemeinschaft. Ich und mit mir die gebildete Welt sieht diese Frage nicht in dieser Beleuchtung, sondern von dem Gesichtspunkte aus. daß die christliche Gemeinschaft in ihrem eigenen Interesse dafür sorgen müsse, daß das in der ganzen Welt zerstreut lebende jüdisch? Volk in einer der gesamten Menschheit nützlichen Weise Unterkunft findet." Der Redner verwahrt s i ch da ge gen, einen Gegensatz zwischen Zionismus und Patriotismus zu konstruieren. „Der Ausbau-Palästinas ist die gründliche und erfolgverisprechende Lösung der Judensrage. Er bedeutet eine Erlösung nicht nur für das Judentum, sondern auch für jene Schichten der christlichen Gesellschaft, die das Weltproblem mit den Augen wahrer Menschlichkeit betrachten. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht bildet der Zionisinus ein gemeinsames Interesse aller Bevölkerungs'sch'ichteu. Das Judentum selbst muß es wünschen, daß die überflüssigen Elemente aus dem Wirtschaftsleben einzelner Staaten entfernt und dort vereinigt werden, wo man sie nutzbar machen kann. Aber ebenso liegt dies im Interesse der christlichen Gemein- Marioneitenleben. Zum Gastspiel des Teatro dei Pieeott im Apollotheater. Auf eine Miniaturbühne tritt mit ängstlich gemessenem Schritt eine junge Dame, ihre Glieder sind ein wmig steif in der Unbehaglichkeit des Lampensiebers, sie verbeugt sich, in ihr Schicksal ergeben, führt mit irritierter Geste ein Taschentuch an den Mund, läßt es rasch sinken, denn, schon präludiert ein Klavier und sie muß sich in die Arie stürzen, die ihr das unerbittliche Fatum ihres Liederabends vorgeschrieben hat. Die ersten Töne singt sie befangen, und man merkt ihrem Gesicht, ihrer ganzen Haltung die Bemühung an, sich freizusingen. Endlich gelingt es, soweit die Stimme dies gestatte^ und die Sängerin legt los, alle ihr selbst in Mlen Stunden klar gewordenen Mängel und Unzulänglichkeiten ihres Organs durch körperliche Ueberanspannung, durch stoßende Nachhilfe von Gebärde und Empfindungsausdruck zu decken suchend, des Atems achtend, daß er ja nicht zu früh versiege, sorgsan: hohen Schlußton vorbereitend, der dann endlich, endlich hervorgeschleudert wird und den Beifall auslöst, der dieser Marter, dieftr Seelenqnal, die sich im Namen Konzert birgt, erlösendes Ende bereite.. All das sah, hörte und empfand, bemitleidete ich, als ich die Arie der Signorina Legnetti auf ihrem Liederabend hörte; besser — glaubte es zu sehen, zu hören, zu empfi:ü)en, denn Signorina Legnetti ist eine an Schnüren gezogene Puppe des Dr. Bittorio P 0dreeea, der seit 1912 ein „Theater der Kleinen", ein Theater für die Kleinen von drei bis neunzig Jahren durch die Welt führt. „Auf dem Theater hat die Einbildung des Publikums eine weit intensivere Wirkung als jeder Kunsthandgriff eines Künstlers" — schrieb einmal BernardShaw in einem Essay über Podreeeas Marionetten, hie er in London sah. Die Kunst des Theaters besteht nun darin dieseE Eiubilhung des Publikums hervor,zurusen. Und das tun jene kaum emm Meter hohen H'-üzfigurrn Podreeeas, die von unsichtbaren, geradezu schöpferischen Händen bewegt werden, in meisterhafter, von keinem lebenden Wesen, das sich Schauspieler nennt, erreichter Weise. Ihre Gesichter sind gemalte Masken, in deren Starrheit ein im Takt mechanisch zu Wort und Gesang sich auf und ab bewegender Mund etwas direkt Grauenhaftes bringt, aber diese Gesichter bekommen in jedem Augenblick, da die Schnur, von lebenspendender Hand bewegt, Geste, Wendung, Gang und Tanz schafft, wirkliches Leben. Drei Neger tanzen gewagtesten Charleston, ein schwarzer Akrobat vollbringt auf dem Seil Kunststücke, die einem den Atem stocken lassen, und der Zirkusschrei, den er bei seinen Meisterstücken raffiniert ausstößt, ist der Schrck, den die Kehle der Zuschauer hinabwürgt. Zwei Clowns jagen in grotesken Shimmy-Sprüngen Schmetterlingen nach und ihre läppische Gewandtheit gebiert unendliches Lachen. Eine scheußliche Negerin vergnügt sich, von ihren zwei Kleinen sekundiert, mit dem bekannten Foxtrotschlager „Salome", den sie mit urtriebhaft wilden Bauchtanzgrimassen kombiniert. In das Gebiet metaphysischer Komik gehört schon das Kammerkonzert, das vier Dilettantenstimmen zusammen mit einem musikrasenden Maestro, der am, Klavier sitzt, geben. Der Bariton, der auf seinen Einsatz paßt, ist tagsüber etwa in den Fiat-Werken beschäftigt, wo er auf präzise Arbeit zu achten hat, die sich dann in seiner musikalischen Präzision kundgibt, und der Tenor mit dem obligaten Taschentuch, dessen Haltung so deutlich den Verkäufer in einen: Modewarengeschäft wiedergibt, die stets sich zurückgesetzt fühlende Altisttn und der distanziert stolze Sopran bilden ein Quartett von hinreißender Jttusioilskraft, aus der das kleine Leben der Menschen steigt. Sie alle aber überragt jener Provinzmaestro am Klavier, dessen musikalische Besessenheit in die Regionen der Tragik steigt; sie schüttelt und rüttelt ihn wie eine böse Krankheit mtb ist sicher schuld an seinem frühen Tod. Es ist die Illusion vom uralten Widerstreit zwischen Menschenleben und MenschuUraum, die dieses „Theater der Kleinen" vermittelt. Die uralte Menschensehnsucht, ' aus den Träunven Wirklichkeit werden zu lassen, jene Wirklichkeit, die über die menschlichen Grenzen hinausführen muß, ist der Kern, der wohl jedem Theater, sicher dem in die Anfänge der Theatergeschichte zurückreichenden Marionettenspiel zugrunde liegt. Ihn hat Podreeeas Puppentheater in höchster künstlerischer Potenz herausgeschält. Darum wirkt es auch au: stärksten nach der komischen Seite hin. Dort, wo Traum und Leben Zusammenstöße:^ ist jenes Grenzland, da die unerschöpflichen Humore der Menschheit blühen oder ihre Märchenblumen. Das „Teatro dei Piecöli" verwendet diese beiden Elemente nrenschlicher Imagination am häufigsten. Eine Märchenoper von B o ttestni, dem Freunde Verdis, der auch des großenMieifters „Äida" bei ihrer Erstaufführung in Kairo zur Feier der Suez'kanal-Eröffnung dirigiert hat, bringt die Märchenillusion des Puppentheaters reizvoll zur Geltung. Eine leichte, schwebende Musik gibt den Rahmen für jenes musikalische Buffospiel, das den Titel „Ali Baba" führt. Wo es irgendwie ins Tragisch-Ernste abbiegt, ist deu Marionetten Grenze gesetzt. Aber die Urform der Oper, der Buffostil, wird vollendet durch jene wundervoll gelenkten Puppen wiedergegeben, lveit vollendeter, als es Menschon zu tun vernrögen. Denn der eigentliche Sinn der Oper, jene merkwürdige Mischung von Musik und Theater, mag wohl überhaupt nur im Puppenhaften liegen; geht er doch über die Grenze menschlicher Körperlichkeit hinaus, lveil sein eigentlichstes Wesen Einfalt ist. i Einfalt ist der köstliche Gewinn jener zweieinhalb Stunde::, die man bei den Puppen weilt. In ihrenr höchstenletzten Sinn ist sie der Stil der Welt. Ihre herrlichsten Schöpfungen, die genialen und die kindlichen, nimmt die Welt aus höchster Einfalt. Ist sie ihr, wie es so oft geschieht, abhanden gekommen, so wird sie durch beide, durch das Genie und das Ki:ü>, ihres wahren Sttls erinnert. Darum ist der Name „Theater der Kleinen", deu sein Schöpfer Podrecca seinem Ensemble von 500 Puppen gab, ein Symbol. Denn die Puppen führen uns zum ‘ glücklichsten Sinn mrb S^l unseres Lebens zurück, zur Einfalt. S - > gfried Schmitz