Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2877 (2.3.1927)
- Date
- 1927-03-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Mittwoch Wahlrechts. Wir verlangen von Ihnen die Entscheidung über diese unaufschiebbare Frage des jüdischen Lebens. Wir wissen, daß wir diese Forderung nicht verstummen lassen können, weil wir eine Entwicklung des Judentums in gesunde Bahnen, einen sozialen Aufschwung wünschen, der auch tmi edelsten Sinne ein nationaler sein wird. Nac^ein noch die Vertreter des Klubs sür soziale Tätigkeit, Moritz, Dr. Bader und Dr. Mairz sich für die Vcrallgenreinerung des Wahlrechtes ausgesprochen hatten, gab namens der Majorität Dr. Ticho die Erklärung ab, daß seine Partei unter Aufrechterhaltung ihres Mehneuden Standpurrktes die Zuweisung des Alltrages nicht an eine Wahlreformkommission, sondern sofort an das Vertreterkollegium beantrage. Der Obmänn des zionistischen Klubs Olwrbaurat Stricker ^ab folgende Erklärung ab: „Wir lverden dem Antrag unter der Voraussetzung zustimmen, daß die Arbeit im Vertreterkollegium eine ernste und sachliche sein wird und daß die Frage des allgemeinen Wahlrechtes, tvelche heute unaufschiebbar geworden ist, die dringlichste Behandlung erfahren wird. Im Vertreterkollegium, der wichtigsten Institution unserer Verwaltung, sind sämtliche Parteien vertreten und unsere Mandatare werden dafür sorgen, daß unser Dringlichkeitsantrag ohne Verschleppung erledigt wird. In diesem Sinne werden wir für den Antrag stinvmen." Tier Antrag. wurde sodann einstimmig angenommen. Das Plenum genehmigte sodann die Eintragung der Wiener israelitischen Kult n s g e mein de in das „Goldene Buch" des Keren Kajemeth Leisrael anläßlich des 2öjährigen Bestandsjubiläums gegen Bewilligung einer Spende von 20 engl. Pfund. Bon der Kultusgemetnde Eg er ist gemeinsam mit dem Rabbinate dieser Gemeinde ein Ansuchen um Beitragsleistung zur Errichtung eines Grabdenkmales für Dr. Hugo Zuckermann eingelangt, in welchem ein Appell an die große jüdische Oeffentlichkeit zur Ehrung dieses Toten gerichtet wird. Mit Zustimmung des Vertreter-Kollegiums hat das Präsidium 1000 tsche chische Kronen dem „Dr. Hugo Zuckennann-Denkrnalfonds" zngewendet. Das Plenum genehmigte schließlich einen Antrag des Vertreter-Kollegiums auf Bewilligung von 15.000 Schilling für einen Betsaalanbau zum Ottakringer Gemeindetempel. 30.000 Schilling bringt der jüdische Kultus- und Tempelbauverein" in -Ottakring auf. Ferner wurde eine Abänderung des Gehaltsschemas der Gemeindeangestellteir beschlossen, die eine Bess'.stcblnng der, Angestellten und Pensionisten beinhaltet. Re Anerkennung der jüdischen Volkstums in Bulgarien. Mer Eiudrns in den Mkerdnndtteisen. Aus Gens wrrd uns geschrieben: Tie Nachricht, daß sich die bulgarische Regierung entschlossen habe, das Zenträlkonsistorium als die Vertretung der Juden zu bestätigen, hat in den Völkerbundkreisen den besten Eindruck hervorgerufen. Diese Anerkennung ist ein weiter Schritt nach vorwärtauf dem Gebiete des Minoritätenrechtes. Die Vorteile für Bulgarien sowohl wie für die jüdische Bevölkerung des Landes liegen auf der Hand und zeigen sich zunächst in einer Vereinfachung des Verwaltungsverfahrens. Was aber dieser Reform ihren besonderen Charakter gibt, ist die in ihr sich aussprechende Verbesserung des inneren Verhältnisses. Tie Beziehungen werden von Volk zu Volk geregelt, Mißverständnisse im Wege der direkten Fühlungnahme aufgeklärt und so eine gesunde, natürliche Entwicklung angebahnt. Obzwar die Anerkennung der jüdischen nationalen Minderheit vom staatsjuristischen Standpunkt noch nicht vollständig ist, darf man sie doch als einen in der heutigen Zeit höchst wertvollen Ausdruck des guten Willens nehmen. Bulgarien will sich die volle und uneingeschränkte Mitarbeit der Juden an dem staatlichen Aufbau sichern und dazu ist die nunmehr erfolgte administrative Anerkennung ein guter Anfang. Die Führer der jüdischen repräsentativen Vertretung, die nach jahrelangen Vorarbeiten zu einem auch für andere Staaten beispielgebenden Erfolg gelangt sind, darf man dazu beglückwünschen, daß sie das Verhältnis zum Staat und zur Gesellschaft von jeder Zweideutigkeit befreit haben. Ebenso ha« die Regierung Liaptschew ein gutes Zeichen staatspoMscher Einsicht gezeigt und bewiesen, daß ein so mißverständliches und heikles Problem auf dem Wege der Veruifo :;mgen zur Lösung gebracht werden kann. Das kann Silben Teilen nur tznm Vorteil gereichen. Lar New Dorier Schachturnier. Klus New Aork wird berichtet: Montag wurden di» Hängepartien erledigt. Es konnte aber nur die Partie Niemzowitsch gegen AI j e ch i n beendet werden. Sie wurde nach kurzem, wechselvollem Kmnpf von N i e m z o w i t s ch gewonnen. Die Partien V id mar gegen Aije chin und Niemzowitsch gegen Mars Hall schweben noch. Vidmar hat einige Gewinnchancen, tvährend die andere Partie aller Wahrscheinlichkeit nach remis wenden wird. Der gegenwärtige Stand des Turniers ist: Capabianca 6%, Niemgowi tisch 4A und eine Hängepartie, Aljechin 2A und eine Härlgepartie, Bidlnar 214 und eine Hängepartie, Spielmann 2A, Marshall VA und eine Hängepartie. Wiener Morgerrzettrwg Furchtbare Bergwerkskataftrophen. gjWoflOH in einem cnglititcn etelntotlenBetotoert. 13 satt, 2$ setmlBte. London, 1. März. Heute vormittags wurde« durch eine Explofion in einem Steinkohlenbergwerk in Ebbw Bale 125 B er garbeiter verschüttet. Etwa M von ihnen gelang es, sich an die Oberfläche emporzuarbeiten. Die unverzüglich eingeleiteten Bergungsarbeiten gestalteten sich infolge Gesteinsverschiebungen und Vergasung der Stollen schwierig. Die Bergwerksinspektoren haben nach einer Besichtigung des Bergwerkes nachmittags die sofortige Einstellung der Rettungsarbe'iten angeordnet, bis das Bergwerk hinreichend gelüft e t ist. Im Unterhaus teitte Handelsminister Cunliffe-Lister mit,' daß infolge der Explosion in Ebbw Vale in einer Galerie 33 Bergarbeiter den Tod gefunden haben. In einer zweiten Galerie befänden sich noch 28 Leute, die zu retten nur sehr geringe Hoffnung bestehe. 1« BrStitet In einem SMt etttnnlen. London, 1. März. Bet der Abtäufung eines neuen Schachtes in B i l st h e r p e in Nottinghamshire brach ein Wasserrohr, so daß der Schacht überschwemmt wurde. Die von dem Wasser mit nach unten gerissenen Erbmassen verschütteten siebzehn M a n n, die sich in dem Schachte befanden. Ein Mann ist lebend geborgen worden. Man befürchtet, daß die am-deren ertrunken sind. Wngwetter und SWinflnnrn Im Siifitgt&lrt. Dortmund, 1. März. Bei einer Schlagwetterentzündung auf der Zeche „de Wendel" bei Hamm sind 25 Mann verletzt worden. In einem abgedämpsten Brandherde ist heute früh eine Explosion erfolgt, durch die -der Damm gegen den Einziehstrom zerstört worden ist. Bei der Wie-, derherstellung des Dammes find die Bergarbeiter zwei Stunden später durch eine Schlagwetterexplosion überrascht worden. Die Verletzungen der Bergleute sind schwerer Natur. Aus den bedrohten Nachbarrevieren ist die Belegschaft herausgezogen worden. An Prozeß «m die RelativitSlsiheorle. Die Freiheit der Forschung in Amerika. Aus Virginia kommt die Nachricht, daß an der dortigen Hochschule der Physikprofessor James Carter von den Unterrichtsbehörden seines Amtes enthoben ivurde, weil er die Kühnheit hatte, über die R e l a t.i v i t ä t s l e hr e eine Reihe von Vorträgen zu halten.. Gegen James Carter wurde eine Disziplinarimtersuchung eingeleitet und zugleich verfügt, daß er bis zum Mschluß des Verfahrens keine Vorlesung e n an der Hochschule halten dürfe. James Carter hat die Einleitung der Disziplinaruntersuchung mit der Anstrengung eines Prozesses gegen die Direktion der Hochschule beantwortet. Auf diesen Prozeß, der an kulturhistorischer Bedeutung kaum hinter dein Affenstreit in Tennessee zurückbleiben dürfte, darf man mit Recht gespannt fein. Die Direktoren und Professoren der Hochschule in Virginia glauben, die Relativitätstheorie deshalb als religionsfeindlich bezeichnen zu können, weil der Berliner Physiker das Weltall als! endlich darstellte, ja sogar auf Grund scharfsinniger theoretischer Erwägungen ein.., Annäherungswert der ganzen im Universum verteilten Materie anzugeben vermochte. Selbstmord wesen einer Bubikopfes. Ein amerikanischer Millionär erschießt sich nach einem Streit mit seiner Frau. N e w Y o r k, 1. März. In Barbouville im Staate Kentucky hat sich, wie die Blätter Mitteilen, der 28jährige Millionär James W i l l i a m s o n nach einem Streit mit seiner Gattin erschossen. Williamson hatte eine heftige Auseinandersetzung mit seiner Frau, die sich gegen seinen Willen einen Bubikopf hatte schneiden lasten. Die Auseinandersetzung brachte den jungen Mann in solche Wut und Verzweiflung, daß er in sein Zimmer stürzte, sein Jagdgewehr ergriff und sich eine S ch r o t l a d u n g i n s H e r z jagte. E Set beispiellose Erfolg Cec «Stapel-Woche" veranlaßt das Warenhaus Brüder Schiffmann. 2. Bez.» Daibovstvaße 48, diese außerordentliche VerkaufsOkkasion dis Samstag, den 6. März, zu verlängern. Versäumen Sie nicht die letzten Lase und decken Sie Ihren Warenbedarf zu den hier angeführten Spottpreisen: Prima Hemdenzephir per Meter 60 Groschen, Prunn Wäschebatist per Meter 98 Groschen, Wischtücher per Stück 46 Groschen, Damenhemd oder -Hose aus gutein Chiffon nur 1-26 S., Hemdhosen-Kombination milt Asonr und Stickerei nur 2.90 S., Herren-Faltenhe-md, weiß, 2.00 Schilling, moderne Seidenbinder (seitone Okkasion) 1 Schilling, Rein-Schafwollrips- Popeline, doppekbreit, für Kleider, alle Modefarben 9.90 S., Marooaine und Voll-Etamin« per Meter 98 Groschen. Seide, fchwarz, weiß, per Meter 98 Groschen-, Schwedisch-Leder- Hondschuhe in allen Größen und Farben nur 480 Schilling, Maörasstoff für Vorhänge per Meter' 98 Groschen., Madras- HaWstores mit Spitzenemsatz 3,90 Schilling, Flanelldecken, tt>mplett groß« 9.90 Schilling. Seidencloth-Steppdecken, Prima- Füllung, 10.00 Schilling, Strapaz-Kniestrümpfe 49 Groschen, Prtma Wasch»Samt, alle Farben, 70 Zentimeter breitper Meter 3.90 Schilling. S. März 1M7 ÄL SM . — -..- i;"- . . --------Sre Pinedos «Mus. Rio de Janeiro, 1. März. De Pineßv ist vom Amaro-See bei Sao Paulo nach Santos weitevgeflogen, wo er heute um 11 Uhr 47 Minuten zum Fluge nach Buenos Aires aufgestiege« ist. Sin Flngversnrtz Mndriv-Rew Sott. Madrid, 1. März. Der spanische Fliegermajot Franco, der schon früher einmal den Atlantischen Ozean überflogen -hat, wird im «September dieses Jahres einen Flug Madrid —New Dork ohne Zwischenlandung versuchen. Derhastmig eines vielfettlgrn Bettßgers. Aus Kasch au kam gestern an das Sichnheitsbureau die Mitteilung, daß der 26jährige Elektrotechniker Norbert Nathan Silbermann dort wegen Betrug und Einbruch verhaftet wurde. Silbernumn, der noch eine einjährige Kerkerstrafe zu verbüßen hat, hat den Gerichten schon viel.zu tun gegeben. Er befaßte sich it. a. in Berlin mit.Grundstückschwindeleien, dann fälschte er den tschechosiotvakischen Stempelaufdruck auf österreichischen Kronennoten. Aus Bukarest mußte er wegen Scheckfälschungen, Betrügereien und Veruntreuungen flüchten. Seinen Hauptstveich führte er in Wien aus. Als Patient des Spezialarztes Dr. Leopold Weinstein in der Taborstraße schlich er sich mit ünem Nachschlüssel in die Wohnung des Arztes ein, sprengte die Schreibtischlade auf und entnahm ihr ein Scheckbuch des Postsparkassenamtcs. Auf ein 'mitgebrachtes Stück Papier drückte er die Stampiglie Dr. Weinsteins auf. Er schrieb dann an die Kreditanstalt einen Brief, sie möge.zwei Wechsel Dr. Weinsteins im Betrage von 4350 S. einlösen. Da Dr. Weinstein ein Konto bei der Kreditanstalt besäst, und der Brief den Stampiglienaufdruck und die Unterschrift Dr. Weinsteins trug, nahm die Anstalt keinen Anstand, das Gell» auf hie gefälschten Wechsel auszusolgen. Als dev Gaunerstreich entdeckt wurde, war Silbermann schon über alle Berge. Er wurde dann im März des Vorjahres in Brünn verhaftet, als er mit einem gefälschten Empfehlungsschreiben des Oberrabbiners Dr. Chajes in Mähren Bettelbetrügereien verübte. .Ehe aber das Auslieferungsbegehren aus Wien in Brünn eingetroffen war, hatte man Silbernrann schon aus der Haft entlassen. Er ivurde ein volles Jahr vergeblich gesucht. Nunmehr wird das Auslieferungsverfahren eingeleitet werdeir. Auch die Berliner und Bukarester Mizeibehörden.interessi-- reu sich für Silbernrann. ‘ Schweres Autounglück am Praterftern. Ein Knabe löduch, ein zivelter schwer verletzt. Gost-crn in den Abenit«stunden hat sich am Praterstern ein schweres Au«:vunglück ereignet, das durch das Nichtbeachten «der Verkehrsvorfchriften durch einen Autotaxilenker hervorge« rufen wurde. Der 50jährige A'utvbefitzer Karl Stei-ndach fuhr mit fetirom Lohnauto über den Praterftern in «die Große Sta>d>:gutgafse, wobei ihm plötzlich das Lohnauto des Chauffeurs Josef Schlaghofer aus der Nordbahnftraße «nt» gegenkam. Dieser beachtete aber die zur Einhaltung des Kreisverkehres ausgestellten Holspfetle nicht und fuhr übrigens auch, wie Zeugen angeben, derart unvorsichtig, daß er an das Auw des St-einbach anfuhr. Um einem schwereren Zusammenstoß auSKutveichen, riß Steinbach feinen Wagen rasch nach links» geriet aber durch den Schwung auf das Trottoir, wo er zwei Kinder, ein B -r ü d e r p a a r, nie» devstieß. Unter den Passanten entstand «ine Panik, so daß -Wache einfchrei-ten mußte. Der JnspMonSaryt der Nettungsgesellfchcrft stellte bei dem einen Kinde, dpm Eährigen Schüler Franz Honig eine schwere Quetschung des Brustkorbes mit innerer Verletzmrg fest, der zweite Knabe, fein Bruder, der 8jährige Volksschüler Karl Honig, wies eil« Quetschung des Brustkorbes mit Verletzungen der Lunge auf. Beide wurden in das Loopoldftädter Kinlderfpitäl gebracht» wo der kleine Franz bei der UÜbergabe gestorben ist. Der Zustand des zweiten Knaben ist sehr ernst. Der Vorfall hat riestges 'Aufsehen hervorgerufeu. Die Strafanzeige gegen den schuldigen Chauff-our ist eingoleitet. kin zweiter tödlicher Unfall. Gestern nachmittags ist «2er Mechanikevme-ister Nikolaus Z i ch öv i cz mit seinem Motorrad auf dem Neubaugürtel, als er, wie Zeugen a-nge'ben, mit einer Gefchivindigkoit von zirka 60 Kilometer fuhr, an ein ihm entgegenkommendes Postau «romobil,, das der Chauffeur Isidor Wagner lenkte, mit solcher Wucht angefahren, daß das Motorrad vollständig zertrümmert wur^e. Zichob-icz erlitt einen Bruch der Halswirbeifäu-Ie und blieb auf der Stelle liegen. Mehr Arbeitslose als lm Borsahre. In der zweiten Hälfte des Febru-ar ist der Stander unterstützten Arbeitslosen in Wie:: um 1693 auf 103.M gest i est e n. Damit ist der Stand der Unterstützten des Vorjahres um 18 überschritten. Bei den Angestellten ist der Äand der Unterstützten mn 737 auf 12.61$ gestiegen. Einen geringen Rückgang von 149 verzeichnen die Bauarbeiter. Eine kleine Besserung des Be-schäftigungSstandes ist ferner bei den Schneidern, Arbeitern der Hutindustrie, den Modistinnen und in der Wäfchebranche zu der» zeichnest. In -allen übrigen Branchen stviyt die Zahl der Befchäftigu-ngslose«.