Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-03-02 · Heft 2877 (2.3.1927) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2877 (2.3.1927)
Date
1927-03-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2981965--29255-3017367
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Sette 2 Wien, Mtkvoch Sozialismus und Gewerkschaftswesen - Zionismus und Tiafporadolitik. Von I. Hellendkrg. - rWas sollen die Gewerkschaften? Sie sollen die Lage «der arbeitenden Menschen,. ihre Lebensunb Arbeitsbedingungen irn Rahmen der kapitalistischen Ge* sellfchastSordnrmg verbessern. Ga, aber was hat das mit Sozialismus zu tim? Besteht nicht im Gegenteil die Gefahr der Verankerung der Arbeiterschaft in der kapitalistischen Welt durch die Gsrverkschaften, ihrer Ablenkung vom notwendigen Kampf um das Endziel? Was soll es für einen Sinn haben, wenn Sozialisten- Revolutronäre sich in gerverkschaftliche Funktionäre verivandeln? Können unsere Känripfer für eine lichtvolle Zukunft die Aufgaben der GegeMvart iübernehmen? An diese imd ähnliche, heute beinahe unverständliche Diskussionen aus der Frühzeit der sozialistischen Arbeiterbe w-egurrg wird man unwillkürlich erinnert, sobald man einzelnen Wiener Sozialdemokraten gegenüber die politische Frage der jüdischen Minorität in Wien, ihrer notwendigen Vertretung und ihrer Aufgaben aufs Tapet bringt. „Was wollen Sie?" — bekommt man da zu hören. „Gegen die jüdische Aufbauarbeit in Palästina hat kein Mensch etwas einzuwenden. Darin liegt allerdings nichts Antisogialistisches." (Daß man das endlich einsieht!) ,Mber eine Wischnationale Bewegung in Wien? Erlauben Sie mal! Die politische VertrÄung der Wischen Volksmassen in ihren jeweiligen Wcchnländern kann doch nicht Ausgabe der Zionisten sein. Das ist Sache der auf Grund' der Klassengliederung organisierten großen politischen Parteien." Marl könnte zunächst Genugtuung darüber empfinden, daß nur gegen unsere Palästinaarbeit „kein Mensch etwas einzuwenden" habe, daß darin nichts Antisozialiistisches mehr erblickt werde. Vor der Balfourdeklaration las man es bekanntlich anders. Wenn nur das offizielle Organ der sozialdemokratischen Partei,- die Wiener ,Mrbeiter-Zeitung", nicht in ihrer unheilbaren Verständnislosigkeit sich immerzu so benehmen würde als sei es direkt ein sozialistisches Gebot, die Tätigkeit für den Palästina-Ausbau bei jeder Gelegenheit herabzusetzen, wo man sie nicht mehr totschweigen kann; als sei es -direkt eine „Mitzwch", die Menschen, die sich dieser Arbeit widmen, und. wenn es sich auch um . repräsentative Persönlichkeiten der ausländischen Bruderparieien handelt, denen man zumindest taktvolle Höflichkeit schuldig ist, >hä-misch anzufallen. Wenn nur nicht die offiziellen Persönlichkeiten der österreichischen Sozialdemokratie^ offenbar unter weitgehender Bedachtn-cchme auf die Diplomatie Sowjetrußlands, die ja überall, in Vorderasien aber aus Kosten des jüdischen Volkes, als Gegenspieler Englands auftritt, sich angst« lich vor jeder Berührung mit Menschen der Palästina- Arbeit lhiüiten würden! Gerade in den Fragen des Palästinaaufbaues steht unsere offizielle österreichische Sozialdemokratie leider mitten in der antijüdischen Einheitsfront", die vom Vatikan bis Moskau, von den Römffch-Klerikalen bis zu den sowjetrussischen Imperialisten, alle Gegner des jüdischen Aufbauwerkes vereint. ■ . Aber ist es -denn wahr, daß in der Landespolitik alle Agenden der jüdischen Bevölkerung von den „auf Grund der Klassengliederung. organisierten großen Parteien" besorgt werden? Bleibt uns wirklich nichts jfu wünschen übrig? Was -halten die Herren, beispielsweise, von folgendem kleinen Wunschzettel, .der -gar nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben und -auch kein Programm sein will? 1. In nationalkultureller Hinsicht: Wiederermöglichung eines jüdischen Kulturlebens auf moderner Grundlage. Abwehr der Entjudungstendensen in den städtischen Schulen und allen öffentlichen Lehranstalten. Förderung des Wischen Schulwesens im Sinne der Bestimmungen der Friedensverträge -über die Mnoritätenrechte. 4. In arbeits- und gewerberechtlicher Hinsicht: Gleiches Recht auf Arbeit für alle, ohne Unterschied der Nationalität. Kampf gegen die Zurücksetzung jüdischer Arbeit in den öffentlichen Institutionen und Unternehmungen. 3. In Fragen der Wirtschaftspolitik: Aufhebung aller die Wirtschaft im allgemeinen schädigender:, unseren Kampf ums Dasein aber in unerträglichem Ausmaße Wurmenden Ein-- und Ausreisebeschränkungen. 4. In Fragen der Sogialpölitik: Wahrung aller sozialpolitischen Errungenschaften und Kampf gegen ihre Beeinträchtigung.für die Wischen Volksmassen durch antisemitische Handhabung der Gesetze und Verordnungen. 5. Allgemeines Staatsbürger- und Heimat recht: Aufhebung der insbesondere gegen unsere ostliidischen Volksschichten gerichteten recht sbefchränkenderr Wiener Morgenzettmtg 2. Marz 1927 Nr. 2877 Verordnungen und Gesetze. Kampf gegen die antisemitische Praxis bei Erledigung von 'Staatsbürgerschafts- oder.Hcimatsrechtsgesuchen. Ist eine der großen politischen Parteien irr Wien bereit, uns diese Sorgen ab-unehmen? Können wir Jrrdeu ans diese Forderungen verzichten? Oder sollen wir uns auf den Standpunkt des Schutzjudentums stellen und esn rückhaltloses Eintreten für unsere An« gelcgenHeiten denjenigen Überlassen, die vor allem an die Bedürfnisse des MajoritätsvoMs zrr denken haben? Ist es nicht unsere ureigene Sache, Kr die politischen Aufgaben unseres Volkes irr der Diaspora, die Voraussetzungen seiner nationalen Regeneration, ebenso wie die Vertreter anderer Völker die eigene Haut zum Markte zu tragen? -st ' Es war die große Leistung des wissenschaftlichen Sozialismus, dasjenige, was seine „Entwicklung von der Utopie zur Wissenschaft" ansmacht, in der modernen Arbeiterschaft die Macht erkannt zu haben, die „bei Strafe des Unterganges die Umwälzung zu vollziehen genötigt ist", und in -der modernen Arbeiterbewegung, den Gewerkschaften und sonstigen praktischen Gegenwarts-Organisationen, die Mittel gefunden zu haben, welche das Proletariat, durch die Hebung seines Lebensniveaus, erst befähigt, seinen weltgeschichtlichen Beruf zu erfüllen. Der positive Zionismus, der in sich selbst nickst eine Organisation zur Flucht vor antisemitischen Verfolgungen, sondern eine historische Nenaissancebewegung des lebendigen jüdischen Volkes, ein Wiederaufleben 0J\0 OlfO ui ®A°TC7®JV*> TCT°Jl®Tw oJ oirojf>LoifojPloifojf)X«i (WS) PON ZU DEM KREUZWORTRAET8EL Nr. 18 )ö5Es DER „WIENER MORGENZEJTÜNO“ zur freien Entfaltung seiner menschlichen .und kulturellen Kräfte sieht, hat schon längst in den jüdischen Massen jene Macht erkannt, die ihre nationale Selbstbefreiung und kulturelle Enranzipation „bei Strafe des Unterganges zu vollziehen genötigt ist". Es ist seine große Aufgabe, durch politische Zusammenfassung und Hebung der jüdischen Volkskräft: in allen Teilen ihrer Diaspora, das Mittel zu schaffen und zu festigen, welches das Wische Volk erst befähigt, seinen nationalgeschichtlichen Beruf gu erfüllen. Der Wiederaufbau der jüdischen Heimstätte in Palästina -hat die nationale Regeneration der jüdischen Volksmassen i-n ihren jeweiligen Wohnländern zur ' Bedingung. Ihre selbständige politische Organisation, wie ihre kulturelle Emanzipation sind -hiefür unerläßliche Voraussetzungen. Eine Ehrung für Sokolow. Ar Herbert Samuel, Lord Allenby und Kenworthy als Redner. — Der Zionismus in Frankreich. London, 1. März. (I. %. A.) Das Keren-Hajessod- Komitee der englischen zionistischen Föderation gab am 24. Februar abends zu Ehren des Präsidenten der Zionistischen Weltexekulive, Nahum Sokolow, einen Empfang, bei welchem Sir Herbert Samuel den Vorsitz Khrte. Der Aufbau des Jüdischen- Nationalheims in Palästina, sagte er, hänge von drei Dingen ab: Von der Sicherung -des Friedens und des Fortschrittes des. Landes unter -der Aegihe Großbritanniens; von der unermüdlichen und heroischen Arbeit -der jüdischen Männer und' Frauen in Palästina; von dem Ausmaße der Unterstützung, die diesen- Bemühungen von außen zuteil wird. Die Zeit wird kommen, da Palästina keiner Unterstützung von außen bedürfen wird, aber jetzt im Anfang -des Ausbaues dürfe niemand erwarten, -daß das unter dem früheren türkischen Regime tief herabgekommene Land sich selbst erhalten solle. Kapital, Menschen und Idee sind zur Stärkung der Frühzeit des jüdischen Lebens in Palästina notwendig.. Feldmarschall Viscount Allenby sagte, ihm sei die Ehre zuteil geworden, den ersten Spatenstich auf dem Wege nach Jerusalem zu tun; die Männer aber, -die die große Arbeit leisteten, seren Sir Herbert S am u e l, Nahum Sokolow und ihre Kollegen gewesen. Es sei ziemlich leicht, einen Feldzug zu führen, wenn man die Menschen und die Munition hierzu bekommt; schwerer sei es schon, ein ruiniertes Land wieder aufzubauen. Die Erhaltung des Friedens im nahen Osten ist eine Notwendigkeit. Dieses Friedcnswerk leisten Sir Herbert Samuel und Herr Sokolow, die die Zukunft Palästinas und so auch die Zukunft des nahen Ostens sichern helfen. Von Palästina als Friedenszentrum wet-den sie die Frredensidee über Syrien, den nahen Osten, ja, über die ganze Welt ausbreiten. Nahum Sokolow führte aus: Das Jüdische Nationalheim in Palästina könne sich nur unter britischem Mandat entwickeln. Man habe der Regierung des großen britischen Reiches dafür dankbar zu sein, daß sie sich von Gerechtigkeit und Gleichheit leiten ließ. Er hoffe,, es werde die.Ze.it kommen, da die britische Negierung den Juden direkt helfen werde, Palästina aufzubauen, aber man müsse eingedenk sein, daß Palästina nur von den Juden a u f g e b a u t werden solle. Der Hauptgrundsatz doS Zionismus ist Selbsthilfe. Herr Sokolow kam noch auf seinen Aufenthalt in Frankreich zu sprechen und sagte, zur Zelt der Friedenskonferenzen habe Frankreich dem Zionismus große Hilfe geleistet, aber die Sache des Zionismus stand schlecht bei den französischen Juden. In Paris galt es als lächerlich, wenn nicht gar gefährlich, ein Zionist zu sein. Das hat sich nun geändert. Jüngst sprach er mit dem Präsidenten der französischen Republik, Herrn D o u m e r g u e, der sich für den Zionismus und besonders für das Wiederaufleben der hebräischen Sprache in Palästina stark interessiert zeigte. Es gelte, noch eine Schwierigkeit für den Fortschritt des Zionismus zu beseitigen, das ist der Mangel an Begeisterung unter den englischen Juden. Oberstleutnant Kenworthy sprach als Letzter. Er sagte, er könne, da er soeben auS Amerika zurückgekehrt fei, versichern, daß die Juden der Vereinigten Staaten der Sache des Zionismus begeistert zugetan seren. Er hoffe, daß in wenigen Jahren der Erfolg der zionistischen Sache ein fester und unbezrveifelbarer sein werde. Eine FnveßMnskommistion für Palästina. N e w Vork, 1. März. Dr. Weizman n ist cs nach längeren Unterhandlungen.gelungen, eine Kommission führender jüdischer Persönlich lei ton aus New-England zu bilden, welche nach Palästina reisen und an Ort und Stelle die Möglichkeiten für den Ausbau Palästinas durch private Initiative studieren wird. Der Kommission, an deren Spitze der Millionär Max Schulmann, der erst vor nicht langer Zeit eine halbe Million Dollar in verschiedene Unternehmungen in Jerusalem und Haifa investiert hat, steht, gehören an: E. D. S t o n e, Präsident der Zionistischen Organisation in New-England,. A. S. K u b i e k i, Edward Cohen, Benjamin Kushin, David R. R a d o w s k i Benett Süberblatt und E. Marso n. Asieruno der Kurse. Jerusalem,!. März. (I. T. A.) Hermann Bernstein, Chefredakteur der „Jewish Tribüne" in New Bork, wurde vom Feldmarschall . Lord Plu rn e r, dem Chessekretär der Palästina-Regierung Colonel G. S. S y m e s urrd dem Gouverneur von Jerusalem, E. Keith Ro-ach, empfangen. Sowohl Lord Plurner, als auch Colonel Symcs und Gouverneur Keith Ro-ach gaben Herrn Bernstein die Versicherung, daß. sich die wirtschaftliche Lage im Lande gebessert habe. Die Wirtschaft mache, ungeachtet der Kris:, gute Fortschritte. Es bestehe die Hoffnung, daß die Wirtschaftskrise sehr bald an Schürfe verlieren wird. Der Gouverneur -des palästinensischen Sü'ddistrMs, Herr I. E. F. Campbell, teilte dem. .Arber terrat von Tel Aiwiw mit, daß . die Regierung Palästinas dem Problem -der Bekämpfung der Arbeitslofi-gk e i t ernsteste Aufmerksamkeit zuwen-de. Die Regierung erwäge verschiedene Pläne -betreffend die Durchführung öffentlicher Arbeiten, bei welchen ein großer Teil -der derzeit unbeschäftigten Arbeiter Palästinas Arbeit fir-" den würde. Große anonyme Spende für eine christliche Stift»«« in Palästina. New Nork, 1. März. Ein reicher Amerikaner» der feinen Namen nicht veröffentlicht wissen will, spendete der Aoungmens Ghri-stian Association (SD. M. C. A.) den Betrag von 600.00Y Dollar mit der Bestimmung, in Jerusalem ein Zentrum dieser christlichen Gesellschaft aufzubauen. Es Handelt sich um eine Anzahl von Ge« bänden, deren Fundament bereits auf dem St.-Julian- Weg am Zionsberg gelegt wird. Die amerikanisch-jüdische Presse nimmt, diese Meldung mit gemischten Gefühlen auf. Es ist nämlich durchaus nicht ausgeschlossen, -daß der anonyme Spender ein Jude ist, da in der letzten Zeit sich viele Juden der von den; SD* M. C. A. propagierten Christian Se i en ce-Beweg ung angeschlossen haben. Andererseits ist diese neue Gründung ein Beweis, daß die verschiedenen christlichen Konfessivnen bestrebt sind, rechtzeitig durch grüße Stiftungen in Jerusalem Fuß zu fassen und die Entwicklung des Landes im Sinne ihrer Politik und religiösen Auffassung zu beeinflussen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.