Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2876 (1.3.1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gien, Dienstag vlfllCT wiUI!(J1EHfCIIUIiy 1. Mürz 1907 Nr. 3876 jette 4 JÜDISCHE WEIT Ae kulturelle und wirtschaftliche Lage der guveu iu Frankreich. lieber dieses Thema hielt Dr. Ernst Ligeti nach seiner Rückkehr aus Frankreich dieser Tage in Klausenburg einen Vortrag, in welchem er nach einem Rückblick auf die hiftorische Entwicklung der französischen Juden und die sozialen Verhältnisse in Frankreich vor und nach dem Kriege u. a. aus führte: Obgleich das französische Judentum besonders in kultureller Beziehung typisch assimilatorisch ist, so lebt doch in ihm in starkem Maße das jüdische Selbstbewußtsein. Dieses erfuhr ganz besonders zur Zeit des DrehfuS-Prozesses, der die Bevölkerung Frankreichs in zwei Lager geteilt hatte, eine Erstarkung. In Frankreich gibt es einen.Antisemitismus, wie es einen schon früher gegeben hat und wahrscheinlich auch in Zukunft geben wird. Aber dieser Antisemitismus ist jedenfalls weniger aggressiv und intolerant als in Osteuropa. Obgleich in Frankreich ein aktiver Antisemitismus tatsächlich vorhanden ist, finden die Juden trotzdem den ihrem wirtschaftlichen und kulturellen Gewicht entsprechende» Platz im öffentlichen Leben Frankreichs sowohl in den Regierungsämtern als auch im Handels-, Gewerbe-, hauptsächlich jedoch im künstlerischen und literarischen Leben. Wichtig ist jedenfalls die Feststellungdaß die wertvollsten nvb geistig höchststchenden Elemente der französischen Gesellschaft ausgesprochene Judenfreuude, viele sogar B^ounderer des Judentums sind. Selbst der genialste nationalistische Schriftsteller Maurice Barr es hat sich nicht gescheut zu bekennen, daß die Leistungen der Juden im Weltkrieg auf der Seite Frankreichs alle Anerkennung und Belvunderung verdienen. Die rechtsorientierte Gruppe in Frankreich verfügt jedoch in den Royalisten ein recht ansehnliches Lager, das unter Führung Leon Daudets sich um die „Action francaise" schart und ähnlich den auf Basis der „Protokolle der Weisen von Zion" verleumdenden Antisemiten den Inden allein alle Schuld an den verschiedenen Krisen in Frankreich zuschiebt. Das Tragischeste und zugleich Komischeste dabei ist jedoch daß diese royalistische Gruppe ihre aggressive Zertrümmerungspolitik als Anhänger der philosophischen und metaphysischen Theorien des jüdischen Philosophen Bergson verkündet. Achen diesem theoretischen Antisemitismus gibt es naturgemäß auch einen wirtschaftlichen Antisemitismus, der den Juden die Erfolge auf wirtschast- Rchem Gebiete neidet und besonders den steigenden Einfluß der jübischeu Intellektuellen in Literatur und Konst mit scheelen Augen verfolgt. Die Balfour-Deklaration hat die Juden Frankreichs durchaus nicht gleichgültig gelassen. Ist auch von gewisser jüdischer Seite gegen das Palästina-Mandat eine Opposition laut geworden, so geschah dies aus französischem Chauvinismus. Die französischen Juden hatten es übel genommen, daß England und nicht Frankreich das Mandat über Palästina erhielt, obgleich Frankreich in Bezug auf das Protektorat über Juden bereits auf eine Trinitron hinzuweisen vermochte. So wurde darauf verwiesen, daß namentlich die Juden in Tunis bereits zu einer Zeit die vollberechtigte französische Staatsbürgerschaft erlangt hatten, als dies bezüglich der übrigen Bevölkerung von Tunis noch nicht der Fall war. Diese Verstimmung war jedoch vorübergehend, und heute ist bereits das gesamte französische Judentum von der Ueberzeugnng durchdrungen, daß Palästina aufgebaut und als Nationalheim für das allen zügellosen Leidenschaften ausgesetzte Ostjudentum gestaltet werde» müsse. Dieser Gedanke findet jetzt in Frankreich eine ernste und tiefgehende Propaganda, die sich auch in der Literatur christlicher Autoren ausdrückt. An der geistigen Reuaissauee des französischen Judentums ist heute eine ganze Reihe hervorragende jüdischer Schriftsteller und Künstler tätig. Einer der Repräsentanten der modernen französischen Literatur, Marcel Proust, ist gleichfalls Jude, und Juden sind die bedeutendsten Vertreter der französischen Literatur. Sie alle bekennen sich als selbstbewußte Juden, und ihre Begeisterung für die Verjüngung des jüdischen Volkes ist durchaus vereinbar mit ihrer Hingabe für die Entwicklung der französischen Kultur. 3er Proeb Schwaribarth. Aus Paris meldet die I. T. A.: Der Verteidiger von Schalom Schwarzbart, Mvokat Torres, hat einige Opfer der Petljura-Pogrome, die jetzt in Argentinien leben, unter ihnen einen gewissen Jo ine Israel, als Zeugen für die Mitschuld Petljuras an den Pogromen namhaft gemacht. Die Proskurower Landsmannschaft in Argentinien hat sich erbötig gemacht, die Reisekosten für die Zeugen zu bestreiten. Die Stadt Proskurow in der Ukraine hat bekanntlich am meisten unter den Pogromen gelitten; der größte Teil ihrer Einwohnerschaft wurde durch die Soldaten Petljuras abgeschlachtet. Der Prozeß gegen Schalom Schwarzbart wird frühestens i m M a i 1927 stattfinden. Der bekannte Führer der ukrainischen Sozialisten Matuschenko, der seine Partei in der 2. Internationale zu vertreten pflegt, erklärte seinen Austritt aus der ukrainischen Sozialdemokratie, weil sich diese in Verbindung mit der Schwarzbart-Affäre für die Person Petljuras eingesetzt hat, obwohl er für die Pogrome in der Ukraine verantwortlich ist. Der Historiker Prof. Dr. M. Balaban 80 Jahre alt. Am 20. Februar wurde der verdienstvolle jüdisch: Hiporiker und Pädagoge Prof. Meir Balaban in Warschau 60 Jahve alt. Professor Balaban widmet sich seit 30 Jahren der Erforschung der Geschichte des polnischen Judentums und hat bis heute rund 150 historische 'Abhandlungen mit wichtigem Material veröffentlicht. Seit JednS Jahren ist Prof. Balaban Direktor des Rabbiner-Seminars „Tachkemoni" in Warschau. Der 70. Geburtstag Süden Wolfs. Au Ehren des Herrn Lueien Wolf, der eben sein 70. Lebensjayr vollendet hat, gab die Jüdisch-Historische Gesellschaft am 21. Februar in London ein Festdiner. „Hilfsverein israelitischer Gewerbetreibender in Leipzig. Der in Leipzig bestehende „Hilfsverein israelitischer Gewerbetreibender" kann jetzt auf eine 40jährige Tätigkeit zurückblicken. Der Verein genießt in Leipzig und über diese Stadt hinaus wegen seiner pbilantropi>'-en und gemeinnützigen Tätigkeit große Popolarität. erzählt. Der Bürgerkrieg begann im Jahre 49 v. Chr.; Plutarch schrieb etwa 80 Jahre später; er hatte also nach 130 Jahren noch, hören müssen, was Cäsar mal irgendwo vor sich hingemurmelt hat, eine Leistung, die ich selbst einem Plutarch nicht zuzutrauen vermag. Hat jemand einmal den Namen Galilei aussprechen hören ohne den Zusatz: „Und sie bewegt sich doch!" („Eppur si nmove!^? Dies Wort soll Galilei bekanntlich nach Verwerfung seiner Lehre vom Kreislauf der Ecke um die Sonne im Jahre 1633 gesagt haben; in Wirllichkeit aber geht das Wort auf den Abbe Trailh in Paris zurück und stammt aus dem Jahre 1761, ist also erst 128 Jahre später geprägt wocken. In protestantischen Gegenden wick selten vom Jesuitenorden gesprochen, ohne den Satz: „Der Zweck heiligt die Mittel" als Quintessenz der jesuitischen Lehre hinzustellen. Vergebens haben die Jesuiten Hunderte von Malen erklärt, daß sie eins solche Lehre nie verkündigt und diese Worte nicht gebraucht hätten, und sie haben recht gehabt, denn der Versuch, ihnen diese wie andere gefährliche Äußerungen zuzuschreiben, geht auf PaScäls berühmtes Werk „Les Provineiales" zurück, das zwar in seiner Art glänzend geschrieben ist, jedoch die wenig empfehlenswerte Methode befolgt, einen jeden unglücklich formulierten Satz, der sich etwa in den damaligen obskuren Handbüchern der spanischen oder flämischen Jesuiten aufstöbern ließ» den Jesuiten in corpore in die Schuhe zu schieben. Dennoch hat aber auch Pascal den Satz nicht in der Schrift eines Jesuiten M finden vermocht, sondern er kommt ihm am nächsten, wenn er selbst einem Jesuiten die Worte in den Mund legt: „Wir verbessern die Schlechtigkeit des Mittels durch die Reinheit des Zieles." („Nous corrigeons 1e vice motzen par la purete de la fin.") Wie sogenannte historische Aussprüche in neuerer Zeit entstehen, weiß ein jeder. Ein klassisches Beispiel dafür sind die angeblichen Worte Eambronnes bei Waterloo: Jbk Gacke stirbt mid ergibt sich nicht!" («La gacke meurt et ne je rend pas!") In Wirllichkeit ist dieser Satz im Jahre 1815 von dem Journalisten Rougemont fabriziert worden, während Cambronne auf die Aufforderung, sich zu ergeben, bei weitem kürzer geantwortet hat; er sagte: „Mecke!", ein Wort, das man im Französischen sowohl wie im Deutschen gern durch einige Pünktchen anzudeuten pflegt. Nicht anders verhält es sich mit dem angeblichen Ausruf des sterbenden Goethe: „Mehr Licht!", der so ausgelegt worden ist, als habe Goethe dabei die Aufklärung der Menschheit im Auge gehabt. In Wirllichkeit aber waren die letzten Worte Goethes an seine Schwiegertochter gerichtet; er sagte: „Gib mir deine lleine Pfote!" Das Monumentale: „Mehr Licht!" ist erst später aus einer Bemerkung Goethes zum Diener fabriziert worden, und diese lautete: „Mach' doch den anderen Fensterladen auf, damit mehr Licht hereinkommen kann!" Ich wlll es mtt diesen wenigen Beispielen genug sein lassen, die zur Genüge dartun, wie schwer es den meisten Menschen fällt, zu verstehen, was in Wirllichkeit geschieht oder gesprochen wird, und wie geneigt ihre Phantasie ist, Gesehenes oder Gehörtes in eine schon bereit gehaltene Vorstellung hineinzuzwängen. Die angeführten Beispiele zeigen jedoch noch mehr: sie zeigen einen geradezu beängstigenden Hang zur Verallgemeinerung, der sich darin äußert, daß man aus einer vielseitigen Persönlichkeit oder Sache irgend einen Zug herausgreift und in diesem dann das ganze Wesen der betreffenden Persönlichkeit oder Sache sehen will. So wick ein solches Wort denn buchstäblich Millionen und Abevnrillionen von Malen wiederholt, bis eines Tages nach so und so viel Jahren unerschütterlich „feststeht": der und der hat dann und dann das und das gesagt ... Aus dem Dänischen von Werner Peter Sarsen Sühne «nd Kunst. „Sie Stunde des Absterbeus." Matinee deS „Theaters des Neuen". — Theater in bei Jofefstadt. Eine Höllenfahrt in fünf Akten. Der Archivar, ein Vampir, hat auf dieser Welt geherrscht, genossen, seine Opfer gequält. „Menschen zu schlürfen wie Eier, das war chm Gesetz". Er weiß, daß sie ihn alle Hassan. Die vernachlässigte Gattin, der betrogene Freund, die Frau des Freundes, die er verführte, der Sohn, den er mit der Frau des mrdern zeugte, der Tienstbote, der ihm zu Willen sein mußte. Und hat die Kraft, sich chres Hasses zu freuen. Und jubelt, weil sich di« blutjunge Nichte sündhaft an dem Greis entzündet«. Da trifft ihn der Schlagfluß, und sein Unirdisches ist verurteilt, Zeuge zu sein, wie seine Leich« verflucht wird: „Schau lebend daS Fest über deiner Verwesung". Jeder der „Leidtragenden" stößt unter Verwünschungen «inen Dolch in die .Bahre. Nur das junge Mädchen, in ^statischer Sehnsucht nach ihrem Verführer, kann nicht fluchen und stirbt für ihn. Das Unirdische des allen Sünders, im magischen Licht über die Bühne schwebend, verträgt solches Opfer nicht, begehrt wild auf und fährt eigenherrlich zur Hölle. Dieser Schluß, mterbittlich und kraftvoll, gefiel mir. Es gefällt mir aBet nicht, daß der feinsinnige, ehrliche Franz Theodor Csokvr in diesem Falle jedeSelbstkritik vermissen ließ und die antiquierte Dichtung just im Rahmen der Vorstellungen des „Theaters des sibruen" herausbrachte. Denn bis zum Beginn der „Höllenfahrt" ist sein Opus verflucht strindbergisch, und von da an — sowie sich die Sprache zu Versen und di« Handlung zu einem Actus mysticus verdichtet — gar sehr wildgansisch. Keilt Theater des Neuen! Dennoch keine Mache, kein Abklatsch, keine Spekulation, sondern — di« Zusammenfügung der beiden Worte wolle nicht verletzen — „echt nachempfunden". Eine sehr schöne Aufführung, von Herbert Waniek, dem Spielleiter, in edlen Linien gehalten und fein abgetönt. Karl Goetz, dem mimosenhaft Zarten, gelingt der dämonische Kraftkerl erstaunlich. Frau Witzmann, die hochbegabte, erweist wieder, daß sie zur großen Tragödinberufen, aber leider nicht auserwählt ist (man beschäftigt sie in Wierr nicht). Alles Lob den übrigen Mitwirkenden, insbesondere den Frauen Janower und Woiwode, den Herren Nowotny, Lorre und DL?- mofer. O. A. ««s oeu Lyearern. Burgtheater. Morgen, 7 Uhr, „Ea m o nt". Kartenverkauf.) Akaidemietheater. Morgen, halb 8 Uhr, „Spiel im Schloß". Kammer spiele. Infolge Erkrankung der Frau Eva Fiebig müssen die Aufführungen des Lustspieles von Rolf Lauaner ,^8enus im Völkerbund" unterbrochen werden. Operntheater. Morgen, 7 Uhr, ,Mar garet he" (Faust). Theater an der Wien. Raoul Aslan tritt heute zum ersten Male als Präsident Tontschesf in der Operette „SDIe Königin" auf. Theater in der Josef st adt. Freitag wird nach längerer Paule Goldonis Lustspiel „Der Diener zweier Herren' in den Spielplan ausgenommen. Die Titelrolle spielt Hermann Thimig. Neue Wiener Bühne. Heute gelangt der Schwank: „Er muß die Ehe brechen" von Hennequin und Beber zur Erstaufführung. Modernes Theater. Für Freitag ist die Erstaufführung des Lustspieles „Der Rote Herr" von Gabriel Dregely und Emmerich Liptav angefetzt. Drer Sketichs 'bei Rächt. Das Moderne Theater wartet von 10 vis 12 Uhr mit drei zum Teil schon bekannten, recht matten Sketchs auf. „Lord Spleen" ist eine lustiggruselige Einbrscherszene, in der Ludwig Körner gelassene Eleganz mimt. „Die Peitsche und...?" ist eine in abge- Aimarttes Grauen abgebogene sadistische Angelegenheit samt dazu golM^n Requisiten. Eine Schauspielerin aus Warschau stellt dazu liebenswürdige Entkleidung und eine unmögliche deutsche Sprache zur Verfügung; es sollte dock einmal als unumgänglicher Grundsatz feststehen, daß zur »leieret auch das Sprechen gehört Ein ausgowalztz ist „Der Herr von Nr. 13", erheiternd -noch Marletta Webers köstliche Charakteristik einer ungowöhnlichen Nuance von Hochstaplertum. Man lachte dazu und klatschte Beifall. —tz. „Teatro det Piceoli" ist der bescheidene Name für das italienische Marionettentheater, das sein Schöpfer Bittoriv Podrecca seit 1912 durch die Welt gastieren führt. Mit seinem großen Repertoire, in dem Mozarts „Don Juan", Nolsinis „Barbier", Don'zeM .Llebestr n::\ Märchen-Opern („Rotkäppchen", „Der gestiefelte Kater", TornröSchen"), ferner Shakespeares „Sturm", sowie eine Reihe der den volkstümlichen Marionettenszenen nachgevildeten komisch-lyrischen Darbietungen befinden, wird es von heute ab im Wiener Apollotheater gastieren. In diesem „Theater der Kleinen" wecken auch Barietenummern, von den ungefähr einen Meter hohen Marionetten gegeben. Ueber das Theater wird das Wiener Publikkum, dem ja die Münchener künstlerischen Marionettenspielc noch in Erinnerung sind, zu urteilen haben. Vorläufig sei nur darauf hingowlesen, was die große Eleonara Düse über dieses Theater an seinen Schöpfer schrieb: „.Ich beneide Sie. Auch ich möchte die Leiterin einer Puppen-Truppe sein. Ihre Schauspieler sprechen nicht und gehorchen, die »meine» sprechen und gehorchen nicht." Maria Orßka an de« Kammerspielen. Maria Orsdi wick im Nahmen eines kurzen Wiener Gastspieles, das morgen beginnt, zuerst in Berneuil's Lustspiel „Meine Cousine aus War«h<u? austreten. Die Künstlerin spielt ferner in Porto Rtche's Komödie „Amoureuse" und i« Berneuil's „Karussel". Ms Neuaufführung für Men flau* riert ein Molnar-Abend, der neben „Veilchen" auch den hier nach unbekannten Einakter „Stilleben" bringen wick.