Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2876 (1.3.1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerte 2 Wien, Dienstag Meirer Morgenzettrrng i. März 1907 Ae erfundene Versammlung. —v Wien, 1. März. -tie ganze schöne Geschichte, die die ,Arbeiter Zeitung" am Freitag erzählt hatte, ist nicht wahr. Die Versammlung im L recht ensieinpalais hat nicht .stattgesunden. Die zweihundert Teilnehmer waren nicht am wesend, die Redner Streeruwitz und Pater Sturm haben nicht gesprochen. Es wurde kein Antrag auf Beisteuer zum antisemitischen Wchlfonds gestellt, die vielen Anden, von denen die meisten für den Antrag waren, sind Erfindungen der Wahliphantaisie. Es ist alles nicht wahr. Die „Arbeiter-Zeitung" chatte bereits am Freitag die Berichtigung des Abg. Streeruwitz iu Händen, er habe in einer solchen Versammlung nie gesprochen; trotzdem widmete sie am Samstag der Versammlung einen Leitartrkel, in.welchem sie darüber spottet, daß „die Löw und Strakosch, die Mandl, und Weiner" sich schüchtern und verlegen in die vornehme Gesellschaft gemengt hatten. Die Gesellschaft war nicht erschienen und diese Juden mußten sich nicht mengen, nicht stimmen, nicht anHoren. Das Matt, das sonst ein so eifriger Wächter über die Reinlichkeit der Presse ist und sein Amt mit aller Schärfe versieht, hat die Berichtigung erst gestern im Abendblatt veröffentlicht, ohne aber im iÜwigen darauf weiter einzugehen. Der proletarische Leiser erkennt nicht so rasch, daß mit dieser kleinen, versteckten Note eigentlich zwei große und für ihn bedeutsame Artikel wertlos und sinnlos geworden sind. Daß er dies nicht ernennen soll, ist ja der Zweck der UkLung. Er hat nur in Erinnerung, daß ihm am Freitag gesagt worden war, tschechische Juden, die alle freiwerdenden Giiter ankaufen, seien für den antisemitischen Wahlfonds und-sie wären 'bereit, Geldopfer auf sich zu nehmen als Honorar für die von der Regierung eingebrochte Zolltarifnovelle. Diese tschechischen Juden — so wurde dem Proletarier gesagt — ' sind eine nationale Gefahr und sie verteuern das Brot. Das wurde am Freitag deutlich und ohne Umschweife dargelegt, in einer Art und einem Ton, der doch keinen Zweifel daran ließ, daß der gesamte Bericht den ,,in- und ausländischen Juden", der gesamten Judenfrage gewidmet war. Mn, er war zu diasem Zweck erfunden, und mit der Fest' stellung, daß die Versammelten gar nicht versammelt gewesen waren, fallen ja doch alle übrigen Behauptungen von dem Antrag bis zur.Zolltarisnvvelle rn sich zusammen. Aber das erfährt der proletarische Leser nicht, das darf er nicht erfahren, da er sich doch als ehrenhafter Mann, seine Gedanken über diese Pressesitten und über diese Art. politischer Taktik machen würde. Aber damit er ganz fest innerhalb der vorgeschrkbenen Gomütsstimmung gegenüber den Juden verbleibe und sich nicht davon abbringen lasse, daß die Juden dem Seipel Geld geben und für ihn stimmen, wird ihm am Sonntag ein angeblich hmnoristisch-ffatinscher Brief des Abgeordneten Laurenz Berglhuber an den Wirtschaftsbesitzer Peter Schießwohl kredenzt, in dem von der Festsetzung des 24. April, des letzten Pessachtages, als Wahltevmin die Rede ist. Dieser Dag steht für viele Juden an Heiligkeit auf S«r gleichen Stufe, wie der Karfreitag für die Katholiken, und es ist M lder Tat ein starkes Stück, daß die HristlichsMale Regierung zu einer Art Ausnahms- Verfügung ihre Zustimmung gibt. Für die Sozialdemokraten, die doch, nicht wahr? imbedingt für Gewissensfveilheit eintreten, ist das ganze ein Quell unendlicher Heiterkeit. Wir setzen -deshalb den Brief des Berglhuber in'der Originalfassung hieher: ,Mia schon alls furbei war und die mehrsien lveggylM warn stirzt auf amal der Matajer einer das er beinah a par umgrent het und schreit. , Leitln schreit er den 24. aprill mießen ma rassamier'n grad telefonnrert mir mein Freind der Kunwald das ha pesaer (Das soll Wohl Pessach heißen. — Red.) is. Das is nemli Wan dö juden oftern habrr, muaßt toifsen. No Hab i gsagt was gehn den uns dö Saufnden eanere ostern an. Solns hat mazes fressen rvans eaner schmecken. Aber da is der Burvsch fuchti gworn. SchmÄs selber -hat er gsagt. Man sicht -das der kan ferker net hat. Zu 'Ostern derfen doch dö Juden net weln. Glaubst das mir uns dessentwegen ausgfvanzt habn das wir dö Juden für uns gerwinen damit das sö jegtn net fir uns stiemen depfen. Is eh wphr hat der Jerschaböck gsagt das jidische Gett iz zwar dö Hauptfach aber eanere Stiemen san a net zum verachten. Und wen mir eana form köpf stessen tun zalns uns am end a ka geld net Mer." Das ist so derselbe Humor, -der vor vier Jahren die RabbinnvlMK an die Wände klebte. Der Sinn ist heute wie -damals der der Denunziation und des Appells an den Pogrominstinkt. Es ergibt sich, daß der Aufmarsch zu 'den Wahlen, ob sie nun im Frühjahr oder im HeM stattfinden sollen, bereits in punkto Juden voll» endet ist. Dort drüben bei der Negierung gehen die Hitlerleute in die Einheitsfront und machen den Ritualmord zur Parole; hier bei der Opposition ist der jüdische Brotwucher das Schlagwort. Die einen erfinden dre Protokolle der Weisen von Zion, die anderen eine Versammlung jüdischer Ausbeuter. Was trennt sie geistig von einander? Jüdischer Wähler, wie wirst Du wählen angeficUs dieser Einheitsfront? ' Set Amerikanisch-jüdische Kongreß. Washington, 28. Februar. (I. T. A.) Der Amerika N^ch-jÜ'dische Kongreß -hat seine Beratungen beendet. In -der Schlußsitzung wurden folgende Entschlüsse gefaßt: ES wird au die gesamte zivilisierte Welt appelliert, gegen die anti-jüdi scheu Greuel in Rumänien Stellung -u nehmen und ein« Besserung in der Behandlung der Juden zu fordern. Der Ameri'kanisch-Miiche Kongreß begrüßt den Abschluß des Abkommens Mischen dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Dr. Weidmann und dem Führer der nichtzionistischen Palästina-Freunde Louis Mars hall betreffend die Erweiterung d e r I e w i s h A g e n c y. Der Kongreß beschließt, sich der Erforschung der Probleme der Mischen Wanderungen zu widmen und sich andern Kongreß für Sicherung der jüdischen Rechte, der in einem europäischen Zentrum abgehalten werden wird, durch eine Abordnung zu beteiligen. Dr. Stephen S. W i s e wurde zum Präsidenten des Amtzrikanisch-firdischen Kongresses wiedevgewählt. Sie amerikanische »loniftilche Skganisatio« zur Vaaparisir-Konseren» eingekadea. Washington, 28. Februar. (I. T. A.) Die amerikanische Regierung hat die Zionistische Organisation Amerikas eingeladen, im Rahmen der amerikanischen Delegation an der am 11. April in H o n o l,u I it. beginnenden Panpazific^Ko-nferenz teilzunehmen, um die modernen ko l o n i f a t o r i s ch e n Me t h o d e n im Zusammenhang mit dem Palästina-Aufbau zu studieren. Skaatrsnbveatloa für jüdische und hebrüische Schulen kn Pole». Aus Warschau wird uirs berichtet: In der Freitagsitzung der Budgetkommission des Senats wurde auf Antrag des Senators Dr. Brande beschlossen, dorzuschlageN, daß die Regierung den jiddischen urrd hebräischen allgemeinen Schulen, sofern sie eine entsprechende Anzahl Schüler aufweisen und die pädagogischen Förderungen erfüllen, die ihnen gebührenden Subventionen gewähre. Außerdem wurde der Vorschlag des Senators Schereschewski namens des jüdischen Sejmklub, betreffend die Subvention von 40.000 Zloty für > die jüdische Anstalt zur Heranbildung von Krankenpflegorinnen in Warschau angenommen. Großer Pettoleumbrand in Rumänien. Ungeheurer Schaden. Bukarest, 28. Februar. Drei Petroleumsonden in Petrolemngcbiet zivischen Ploesti und Baicy sind in Brand geraten. Die riesigen Flammen erleuchteten die Gegend die ganze Nacht hindurch taghell. Jeder Nettungsbersuch war unmöglich. Das ausströmendePetroleum überschwemmt die tiefer gelegenen Stellen; das F l a m m e n m «er verbreitet sich mehr und mehr. Die Arbeiter versuchen mittels Gräben dm Brand zu lokalisieren. Tie Petroleumsonden gehören der „Columbia"-Petroleumgesellschaft. Der bisher verursachte Schaden lvird auf mehrere Millionen Lei geschätzt. Se Plnevor zweiter Wellst««. In Sao Paoso angekom-men. Rio de Janeiro, 28. Februar. Marchese de Pinedo überflog auf seinem weiteren Flug die Stadt SaoPaolo. Da der Flieger mit seinem Wasserflugzeug nicht landen konnte, vollführte er über der Stadt Evolutionen. Die in den Straßen und auf den Plätzen sowie auf den Dächern angesammelte Menschenmenge brach tu Hochrufe auf Italien und de Pinedo aus. Der Flieger landete sodann auf dem Amaro-See, von wo er sich mittels Automobils nach Sao Paolo begab, wo ^zu seinen Ehren ein. großer Empfang ftattfand. Morgen setzt de Pinedo seinen Flug nach Buerws Aires fort. Sa« New Vorker Schachtaruier. Aus Newyork imw gemeldet: Im Newyorker Sechsmeisterturnier wurde gestern die siebente Runde gespielt. Spielmann hatte die lveißen Steine gegen.Capablairca. Vs ergab sich bald ein Endspiel mit Läufern von entgegengesetzte« Farbe, das remis wurde. Die Partien Vidmar gegen Aljechin und Niemzovie gegen Marshall, beide unregelmäßig eröffnet, wurden nach fünfstündigem Kanrpfe abgebrochen. Bidmar hatte gute Gewinnchancen, Niemzovie steht etwas bester. Stand des Turniers nach der siebenten Runde: Capablanca 5.5, Memzovie 8.5 (L), Aljechin 3.5 (3), Vilmar, 2.5 (1). Sptelmann S.5, Marshall 1.6 ,(1). j rheumatischen Beschwerden mehr nach eimr M- ^nttinArinbkur! Sie «nuahmepfllcht für alte Schillinge. . Der Budgetausschuß des Nqtio»mlrates genehmigt^ ge- ^stertt das Gesetz, nach welchem die össentlichen Kassen -verhalten sind, bis auf weiteres die Schillingmiinzm der Prägung 1914 in Zahlung SU nehmen. Die alten ^Schillinge bleiben zwar weiter außer Kurs, müssen jedoch 'von allen öffentlichen Aemtern -um vollen Nennwert in Zahlung und zur Berwechslnng genommen werdew KUPON ZV D£M KREUZWORTRAETSEL Nr. 17 DER „WlBSraR MORGÄNZHITÜNO** Sie Sefteneichilche Keren-Hajeffod-Akikon. Bis zum 15. März 1927 verlängert. Im Vorjahre wurde die österreichische Propaganda- Aktion zur Erhöhung der Keren-Hajessod-Eingänge und Gewinnung neuer Zeichner für dieses FinanzinstrulneM des Palästina-Ailfbaues in den einzelnen Bezirkezr gesondert in mehreren aufeinanderfolgenden Zeitabschnitten durchgesührt, so daß die Aktion ungefähr fünf Mormte in Anspruch nahm. Irr diesem Jahre wurde nach ernstlicher Beratung daS Propagandalverk des Keren Hajesfod in Oesterreich auf einen einzigen Zeitabschnitt konzentriert urrd gleichzeitig in sämtlichen Bezirken Wiens sowje in der Provinz durchgeführt. Nun hat es sich gezeigt, daß erst in derr letzten Tagen deS Morrats Februar, innerhalb welcher Zeit die Aktion hätte beendet werden sollen, das Werk der freiwilligen Mitarbeiter sich voll entfaltet hat. Insbesondere unter der Einwirkung von Meetings und kleineren Abenden in Privabhäusern wurde die Werbearbeit für den Keren Hajesfod angefacht, urrd-die Aktion würde Schaden nehmen, wenn nvan sie frühzeitig abschlösse. An die Zentralleitung der Aktion ergingen auch vielfach Anregungen aus den e i e l n e n Ä eL i r ke rr, den Ke re r. 'j a j c ff o d- Drive nicht frühzeitig abzubreu-cn. Die Lesterreichlsch« Keren-Hqjessoö-Kommission hat die Berichte aus den Bezirken und die Wünsche der Mitarbeiter geprüft und ist z» dem Entschlüsse gelangt, dir Oeflerreichrsch« Keren-Hchessod-Aktion noch bis zum 15. März 1927 zn verlängern. Das Präsidium der Oesterreichischen Keren-Hajessod- Kommission dankt auf diesem Wege allen denjenigen, welche sich mit großer Hingabe der Arbeit für den Keren Hajesfod gewidmet haben und ersucht sie im Interesse der großen Sache, auch in den kmnmenden Wochen für die Gewinnung neuer Keren-Hajessod-Zeichner sowie für die tunlichste Erhöhung bereits gezeichneter Beittäge tätig zu lein-' Es geht um den A-üfbäu von Erez Israel, um die völlige Ueberwinbung der Krise, die durch die erhöhte u Eingänge des - Keron Hajesfod in den letzten Monaten bereit^ eine Linderung erfahren hat. Ans dem Sweirad «m die Welt. Am 1. Juli 1924 zogen drei junge Sportsleute -* unter ihnen auch der jüdische Student des Moskauer Instituts für physische Kultur N. Fr eidberg — aus Moskau aus, um auf ihren Fahrrädem eine Reis« um die Welt zu unternehnren. Di« Fahrradtour ging zunächst nach Sibirien und von dort krach China. In Schanghai mußten sie längere Zeit, ivährend welcher sie als Lastträger im Hafen Arbeiteten, auf das P a ß visum für Japan und Amerika ivarten. Eines Tages erhielten die drei Weltradsahrer von den russischen Weißgardisten in Schanghai einen Drohbrief, in welchem sie aufgesordert wurden, China schleunigst zu verlassen. Da sie der Aufforderung nicht sofort nachkamen, wurden sie eines Abends auf dem Heimweg von der Arbeit überfallen und verprügelt, ivobei einer von ihnen schwer verletzt wurde. Bon Schanghai fuhren die drei Sportler mittel-Schiff nach» Mexiko. Im Hafen tvuvde ihnen die Landung untersagt. Trotz des Verbotes kamen di« Jungen ins Land. Ohne Geld und ohne Keimtnis der Sprache gerieten sie in große Not, litten viel Hunger, mußten in Wäldern nächtigen, wo sie von den Moskitos - schwer zu leidqn hatten. Erst nach sievzeh»tägiger Wanderung erreichten sie die Hauptstadt von Mexiko, wo sie ein« russische wissenschaftliche Expedition p Studium der mexikanischem, Flora trafen, deren Leiter sie als Arbeite« aufnlahm. Froidberg und sein zweiter Gefährte bereisten auf ihren Fahrrädern ganz Mexiko, Kuba, Panama und Kolumbien Sie waren bereits im Besitze der Ginveisevistr für Nordamerika, wurden aber trotzdem nicht zur Landung -»gelassen und mußten mit dem nächsten Dampfer nach Deutschland fahren. England, Frankreich und Spanien verweigerten ihnerr die Einreisebewilligung. Nach Ueberwirckung vieler Hindernisse und Widerwärtigkeitert sind die Sportsleute auf ihren Rädern über Polen nach Kiew gekommen und dürften in den nächstem Tagen in Moskau eintressen. Die jungen Weltfahrer haben auf ihrer abenteuerlichen Tour um die Welt 50.000 Kilometer, davon 18.000 Kilometer per Rad zurückgelegt, tzirotzer gollbetra«. rag wird ge meldet: Die Prager Fivinv E. Po4^ la k u. Co.. die auch in W i «n ein« Ni-ellerl-assung hat, urch deren Besitzer ein Ameriraner und ein Engländer sind, wuche wegen ^trügerischer ZollmänipulottonM/ ist Strafuntersuchung gezogen. Die beiden Inhaber wurden verhaft«v. Der Staat wurde durch faillsche Aoü» dettarationen um mehr als 200.000 Kronen geschädigt.