Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2874 (27.2.1927)
- Date
- 1927-02-27
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite *0 Men, Sonntag Wiener Morgenzelttmg 27. KMuar K27 mt. 2874 Das Klebemittel. Von Leo Clifford. Mr. Carpenter soß wieder einmal auf dvn Twckenen. DaS passierte ihm barrd)fcfjutttTicf; alle drei Jahre einmal, dauerte etliche Wochen und verging tvi^>er so Ungefähr wie ein leichter Schnupfen oder eine Reisebekmmt - schüft zwischen Brooklin und der Mten Welt. Denn Mr. Carpenter besaß imerschöpstiche Reserven an merkantilein Genie, Mißte ans Bestandteilen der Luft, des Wassers und der Übrigen allgemeinen Gebrauchs gegenstände, die die Natur gratis beistellt, hochwertige Handels^ artikel zu machen, bilanzierte aus jeder totsicheren Pleite ftir sich noch ein AktivUrn heraus, tvar bisher unerreicht in der Grazie, mit der er Gesellschaften, Konzerne inrd Trusts gründete, und war auch sonst ein Mann, der zu leben wußte —-womöglich auf Kosten anderer. Diesmal war es nrit der Stagnation arg geworden: seit ztvei Monaten — so lange war cs nämlich her — seitdem ferne „Felder-Beregmmgsgesellschaft" den Weg aller Gründungen gegangen war, die im Laufe der Jahre ins Leben traten, damit Mr. Carpenter Generaldirektor werden könne, also seit zrvei Monaten „tat sich nichts Wesentliches mehr"... Das hieß: das Geschäft stockte. Niemand hatte Lust zu Gründungen, niemand erlag dev Lockimg, mit Mr. Carpenter durch Ankauf und Exploitierung eines Geheimpatentes steinreich zu. tverden, niemand hatte Zeit und Geld für Ideen. Und die Ideen waren Mr. Carpenters ureigenstes Gebiet! Er schuf sie zu Dutzenden, rvarf sie unter die aufhorchende Menge, ohne durch Preisgabe von Details ihre Ausnutzung zu ermöglichen, er spie sie ordentlich zwischen dem Frühstück im Autobus und den: Lunch über den Asphalt hin, er begeisterte, berauschte sich an ihnen, ließ sw vor Interessenten und solchen, die es rverden sollten, in allen Fassetten aufleuchten, brannte Feuerwerke von Geist, Erfindung und Witz ab, ftmkelte von Genie, strömte über von Talent und stand neben Edison tote die Freihcitsstatue «Ävn einem Schuhputzerkwsk. Aber kein Huhn legte mir ein Ei mehr seinetwegen: .*.. Es war trostlos. Netvyork ging über den größten Geist seiner Zeit hinweg, als ob er ein simpler Millionär wäre. Newyork bran-' 8ete, toste, glühte und dröhnte von morgens früh bis in dis tiefe Nacht hinein vor Kraft und Wucht der Arbeit, hie in seinem Schoße rumorte. Newyork besaß endlose Straße» und Querstraßen, auf denen trach seinem eigenen Lieb- Lngsausdrucke das Geld lag, aber seit ztoei Monaten bückte « sich vergeblich danach., I, Mr. Carpenters Mtentasche tvurde zutn Massenquar- Üer dvn Exposees, Vorverträgen, Enttvürfen und Präliminarien, bauschte sich, bis sie die Form einer überfüllten! Reisetasche annahm, aber das Geld, das angeblich auf der Straße lag, schien ditrch die zahllosen Räder sestgeftrhren zu sein —, es war nicht zu heben... .. Mr. Carpenter brütete über tveltbctvegenden Projekten. Irgendetwas müßte doch zu nranagen sein, zun: Ten- Iel! Die Ausnützung von d&fec und Flut für die Erzeugung von Kraftstrom? — Lächerlich, ungezählte Projekte dieser Art hatten die Referenten der technischen Konsnlentenbureaus zu fressen bekomnven! Oder vielleicht eine kleine Broschüre: „Wie schütze ich mich bei Benützung des Trottoir roulant vor Seekrankheit?" — — — Den kleinen Schmöcker müßten eigentlich Taufende kaufen, denn wer tat nicht etwas zur Förderung, seiner Gesundheit?! Oder —■ Carpenters Geist machte einen Gewaltsprung — was wäre es mit einer' Unfallversicherung für -Fassadenarbeiter und 'Dachspengler, mit gleicher, bloß nach dem Grade der Schwindelfreiheit variierter Prämie imb gestaffelt nach der Anzahl der .Stockwerke, von denen der Verunglückte gefallen wäre? Das war utrstreitig genial. Und tvürde bei der; einschlägigen Berussgemeinschasten den größten Zuzug finden. Dettn wenn da so ein Kerl das Glück hatte, von: achturtd^ dreißigsten Stock herabzupurzeln, so tväre er doch nach dieser Art der Renteitbemessung auf Lebenszeit ein gemachter Mann! Aber bann kamen denr genialen Burschen doch Bedenken: wie wenn Leute ohne Gewissen das ausnützen würden, um sich durch einen kühnen Sturz zu kleinen Rvckefellers zu machen?! Solaitge nicht der Grad der Verletzung maßgebend wäre, könnte geschwindelt werdet:. Man braucht doch dann bloß ein Sprungtuch anfhalten zu lassen, sich hinunterzuwersen, unverletzt oder lediglich mit ein ober zwei gebrochenen Armen mtd Beinen anzukommen — aber weil es der siebenundzwanzigste Stock war, kriegt so ein arbeitsscheues Individuum, so eine Drohne der Gesellschaft, am Ende eine Riesenrente! Mr den kleinen Sprung, dm die Filmheldett täglich nmchen müssen, um die arnvselige Gage vor: ein paar tausend Dollars! Carpenter gab aus ethischen Gründm das Projekt *?. '• ^Aber irgend etwas inußte doch geschehen. Halt! Jetzt Hatteers: die Landnngsboje auf hoher See! ' Dev trattsatlatrtische Flug leidet :wch inrmer unter der 'Schwierigkeit, Notlandungen im Wasser vorzntrehtttert. Dem mußte abgeholfen tverden! Unb ztvar gattz einfach: man ' verankert, an Stellen, die sich laut Lotttng als nicht allzu . bodenlos erweisen, mtd derer: gibt es im Atlantik zahlreiche', mein Junge, riesige, flache Bojen nach Art der Platten/ etwa eine halbe Meile latrg mtd eine viertel Meile breit. Die diemn als Landnngs- und Abflugplatz für Flugzeuge! BÄ^in- und Oelstation werdm angegliedert, Heulsirenen und Leuchtraketen, die unausgesetzt ausfliegen, zeigen dem saht . müden Flugzeug diese Rettungsinfel, eit: in den Schiffsraun: der Boje eingebautes kleines Hotel dient der Erfrischung der Passagiere und Piloten. Fertig ist die Laube! Carpetrter strahlte, dmn er hatte sich wiedergefunden: das war bol nimmermüde Geist des Ganzgroßen, der sich in diesem Projekte knndgab! Und der Nebenverdienst durch Einführung einer eigenen Sportmarke, die nur auf diesen Retttmgsinseltr erhältlich und abstempelbar wäre! Junge, du hast ja doch die Anlagen zum Carnegie in dir, flüsterte er sich beMckt zu. Mr. Carpmter ging mr die Ausarbeittmg des Projektes. Aber es gibt ein Gesetz der Serie und dem verfiel er nun; btte Ideen überstürzten, überrannten einander! Jetzt ging es wieder mit frischgeöltem Geist. Er arbeitete mit der Lust, die n:an an den Tag legt, wenn man weiß, daß die Arbeit sich bestens rentieren wird. Vier Tage später stat:d Mr. Carpenter vor dem Chef des Hauses Gryce & Cie, welches sich mit der Explvitie-- rung von Erfindungen: beschäftigte. Mr. Gryce war zuerst zugeknöpft bis oben, meinte, die Zukunft gehöre nicht der freien schienenloset: Lustschifsahrt, sotrdern der durch Wellensysteme zwangsläufig in gewissen Bahnet: erhaltenen, ließ Andnttungen fallet: über den: sogenannten „Tunnel durch die Luft", nahm aber schließlich doch eine Zigarre und ließ sich das Projekt der fliegenden Nettungsinseln vorlegen, denn: Carpenter hatte die Idee inzwischer: dahin ausgebant, daß die Jnselt: auch imd) Bedarf verlegbar sein sollten. Carpenter sprach eindreiviertel Stunden. Das tim* enorm lang und bei Mr. Gryce ein Ausnahmsfall, ^denot der war mit den meisten Erfindern nach zehn Minuten« innerlich und äußerlich fertig. Ms den: genialen Manne und Vater der atlantischen Rcttungsgesellschast für Flugzeuge die Puste ausging, tvar er mit seinen:' Plane.auch bereits fertig. , „Horen Sic, Mr. Carpenter," begann er langsam. „Die Sache sagt mir zu, aber ich will,nicht früher hineinsteigen, bevor ich Siepersönlich auf anderem Gebiete yiusgekundschaftet habe! Sie werden, mich verstehen: Sie reflektieren doch sicher darauf, als Generaldirektor der neue:: Gesellschaft an gestellt zu werden?" Carpenter konnte es nicht verneinen. . „Gut. Dazu gehört allerhand Genie. Fachkenntmsse in den verschiedensten Branchen, Orgamsatioyskunst und so weiter. Bevor ich m: die neM Sache herchigehe, .muß ich Ihr« Art erst naher kennen." Sonst arbeiten wir aneinander vorbei. Mer ich mache Ihnen gleich einen Vorschlag: .Beteierhalten Sie für 2 Schilling pro Band: Madelung, Die Gezeichneten Das, Altenbergbuch .. , Bang, Ein herrlicher Tag Geijerstam, Geschichte eines Unglücklichen Tschechow, Lustige Geschichten F1 a u b e r t, Tagebuch aus Aegypten Chester, Das Geld auf der Straße Strauß, Der nackte Mann Rey m ond, Lodz Gourmont, Ein jungfräuliches Herz für 3 Schilling pro Band: Flaubert, Bouvard und Pecuchet Gorki, Drei Menschen Gorki, Foma Gordejew Zola, Germinal Gogol, Die toten Seelen Strindberg, Beichte eines Toren Meyrink, Walpurgisnacht Mozkowski, Venuspark France, Clio Zola, Nana Jeder Band in gediegener Ausstattung Buchhandlung R. Ltfwlt Wlon. I., Rotenturmsfrafle 32 ligen Sie sich an einer anderen Sache, die.ich selbst jetzt zu lancieren in: Begriffe bin, mit einem Drittel <— obctj wenn Sie wollen, mit zwei Dritteln, ich bin großzügig! es handelt sich nicht um so große Beträge: achttauseick Dollars, das Drittel. — Haben Sie etwas gesagt??!" Nein, Mr. Carpenter hatte nichts gesagt. Cr war.bloß von der Sitzflächc des Klnbfauteuils herabgerutscht. Mer im nächsten Augenblicke unterdrückte er mit aller Energie den Gedanken an seine Barbestände, die MS zweinnddreißig Dollar bestanden und sagte obenhin: „Eine Bagatelle! Achttausend Dollar... einfach geschenkt, wenn die Idee gut ist..." , s Er blieb auf ausdrücklichem Wunsch des netten alten Herrn Gryce rwch etwa eine viertel Stunde sitzen Md erfuhr, daß es sich um ein Klebemittel von so unerhörter Mebekrast handle, daß man datnit Brückenteile verbraten, Waggonräder auf 'ihre Achsen picket: könne, anstatt sie Hydraulisch aufzutreiben, Schädelfrakturen, wie sie durch abschnellende Treibriemen und unglückliche Knock-outs Vorkommen, durch einfache Bestreichung beheben und Eisenbahnunfälla verhüten könne, indem man vor dem gefährdeten Zuge chas Geleise mit dem Wundermittel beschmiere... Mr. Gryce war bestrickend nett und lud Mr. .Carpenter für den nächsten Tag zum 2lbendessem Er ^wollte mit ihm in nähere Fühlimg kommen, denn sein Grundsatz.war, daß eine Art Kompagnieschaft dem Wesen nach einem,Frmilienverhältnisse gleichen müsse. Das Geld, müsse sozusagen in der Familie bleiben! Mr. Carpenter. war begeistert. Besonders von dieser letzten Wendung: denn sie klang.nach Gütergenreinfchaft und bei einer solchen konnte er bei.feinen momentanen Geldverhältnissen nur gewinnen. Es war am nächste:: Mmd ungemein heiter bei Mr. und Mrs. .Gryce. Auch die jungverheiratete Tochter war gekommen, ebenso deren Mann, ferner ein französischer Kaufmann mit seiner Tochter, dann ein höherer Polizeibeamter, dessen Bruder und schließlich Mß Pubsey von der Sekte der Vorurteilsfreien Urchristen. Was sie damit bekundete, daß sie tvegsah, so oftljbct alte Nigger servierte, tveil sie ihre Abneigung gegen fremde Nassen nicht überwinden konnte ... Mß. Picksey war überhaupt eine entzückende Person. Fische vertrug sie nicht, well ihr der Gedanke au den toeiten Ozean Übelkeiten perury sachte, utit Deutschen verkehrte sie flicht, weil ihr Baten selig mit einem Deutschen gemeinsam in Konkurs gegangen tvar, und zu zwangswsen Abendgesellschaften erschien sie prinzipiell mtr im schwarzen Seidenkleid mit voller Flaggengala, tote Ohrgehänge, sämtliche:: 'Ringen, Perlenkette, .Brillantbroche, weil sie es für geschmacklos erachtete, dein Gastgeber nicht durch formvollendete Toilette zu ehren Md wie die Plebs aufzutreten. Aber sonst lebte sie nur denl ,Satzungen der vorurteilslosen Urchristen. ' ' -; Da Mß. Pubsey es für unpassend hielt, das Geschäftliche mit den: Gesellschaftlichen zu vermischen, legte sich Mr. Gryce Zwang auf und verschob die Vorfühmng des famosen Klebemittels auf einem späterer: Zeitpunkt, zumal Mß. Pubsey durchaus die Brillantbwche zu sehen wünschte, die «Oft; Gryce seiner Gattin gekauft hatte und von der man :n!unkelte, daß sie schöner sei, als die der,Mß. O'Connor,- jdie denmächst den Prinzen von Sagan heiraten sollte. Da brachte denn Mr. Gryce mit selbstgefälligem Lächeln das Schächtelchen zum Vorschein, in denr die Broche lag. Vierzehn Brillanten, jeder über drei Karat, glitzerten den entzückten Beschauern entgegen. Das wertvolle Ding wunderte von Hand zu Hand, wurde bestaunt, unter den Tisch gehalten, um im Dunkeln seine Qualitäten zu beweisen, gab.Anlaß zur Wiedergabe von Märchen über die Größe der.Steinie, die Mß. Pubsey besessen, bevor sie alles ihrem Vater urtbl seinem fraudulösem Kompagnon geopfert hatte Und landete auf einem Neüentisch, tvährend Mr. Gryce seinen latenten geschäftlichen Trieben die Zügel schießen ließ und dem braven Mr. Carpenter eit:e Probe des Klebemittels einhäMgte> da dieser den Wunsch geäußert hatte, das Mittel-ausproe bieren zu' lassen. . Mer von dem Wundermittel schien etwas auf die Un» terhaltung übergegangen zu sein, denn sie wurde zähe.unK dicfflüsstg und kam nicht' von der Stelle. Auf allen lag der lähmende Bann, den entweder das Klebemittel oder die Am Wesenheit der Mß. Pubsey ansübten... Als man aufbrechen wollte, vermißte Mrs, Gryce daS Schächtelchm mit der wertvollen Brillantbwche. Zuerst tvar man etwas nervös, dann erregt, dam: wie mit kaltem Wasser übergossen. Das war doch kein Spaß mehr! Man suchte, hvb die Tischtücher ab, sah, unter die Stühle... das Schächtelchen war weg! Auf allen Mienen war ein erbarmungstvürdig unsicheres Grinsen. Niemand fühlte sich schuldbewußt, aber peinlich war die Sache zum Ohnmächtigwerdem Nachdem man zum zwölften Male beit Tisch abgesucht, den Teppich zurückgeschlaM, die Stühle beiseite geschoben und trmsend alberne Möglichkeiten erwogen und wieder ausgeschaltet hatte, stand Mr. Carpenter auf und räusperte sich feierlich. ,Mein-.- Damen und Herren," begann er. „Die Sache ist mir besonders peinlich, weil ich das erste Mal die Ehregenieße, in Ihrer Gesellschaft zu tveilen. Unwillkürlich lenkt sichl jeder Verdacht auf mich — bitte nicht abzuwinken, cs ist so! Und Sie tverden es begreiflich finden, wenn ich als Mann vor: Ehre darauf bestehe, daß an mir 043366