Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2874 (27.2.1927)
- Date
- 1927-02-27
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 2874 Wiener Morgenzettung 27. Februar 1937 Wi«t, Sonntag Seite 9 T TTFR ATTTR BF TT A aF. DER ."WIENER MORGENZEITUN 6- Untere 3eit iw Ztantn. Herbert George Wells: Der Traum (1927. Paul Aso ü. nay Verlag, Berlin-Wien-Leipzig). Bor nicht langer Zeit hat H. G. Wells, der stärkste.-. Romantiker unter den. englischen' Schriftstellern unserer Zeit (weil seine Phantasie die sozialen Ideen in kosmischutopistisches Getyand kleidet), eine „Geschichte Unserer Welt" geschrieben, die auf 600 Seiten mit kühnen und überraschenden Strichen die Glücksteudenzen der Menschheit zeichnet. Jetzt schreibt er diese Weltgeschichte retrospektiv. Sein neuer Roman „Der Traum" schildert das gegenlvärtige Zeitalter der Menschheit aus' der Perspektive einer zweitausend Jahre . vorliegenden und vorgeschrittenen Epoche. Sarnac, ein Mensch dieses glücklichen fünften Jahrtausends der. heutigen Zeitrechnung, hat Linen Traumin dem er' als Harry Moxttmer Smith das Leben eines Durchschnittsengländers um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung lebt. . Er erzählt dieses Leben seiner Gefährtin und Freunden, die sie beideauf einer Sommerwanderung getroffen haben, ' " Hiese Einkleidung, die im ersten Äugeirblick schriftstellerischer Trick zpr Erhöhung' der Spannung scheint, ist weit mehr als das: sie gibt die kritjische Folie für die Beurteilung unseres Zeitalters, wobei gewissermaßen jede Parteinahme aüsgeschaltet wird. Diese Traumerzählung ist wissenschaftliche Analyse einer Epoche, der Epoche, in der wir leben. Aus. der Gegenwart in die historische Perspektive gerückt, wird unsere Zeit, wie Es, was wir uns unter dem Gesichtswinkel von Historie vorstellen, zum Traum. Und wird in jener zwingend analytischen Art, die. Wells anwendet, zum alpartig bezwingenden Traum. Doch darüber hinaus, klingt in das Trauminotiv eine p Hanta st i f che R e l i g ip s i t ä t, die am Schluß des Werkes sein Held, Sarnac,. also formuliert: „Es war ein Leben und war ein Traumein Traum innerhalb meines fetzigen Lebens und auch dieses ist-nur ein Traum Träume, im ' anderen enthalten, und Träume, die wieder Träume in! sich schließen — bis wir am Ende vielleicht zum Träumer aller Träume .gelangen, zu hem Wesen, das alle -Wesen: Msich faßt. Das Leben — was wäre ihnr unmöglich, was , zu wunderbar und "was zu schön?" Wie Sarnac seinen. Traum erzählt, erwächst ihnr aus den Engrammen, die fernste.Geschlechterfolgen und. vergangenste Leben in ihn — wie in jeden Menschen aller Zeiten — eingezeichnet haben, eine Wirklichkeit, die er begreift und zugleich nicht begreift. Dieser philosophische Kern des Wells'schen Werkes, der sich vom landläufigen Rationalismus oder Skeptizismus der gangbaren Romanspekulation wohltuend abhebt, , bildet einen besonderen Reiz. Es ist, als ob eine glückliche Zeit einen u m gc k e h r t e.n M-y t.h o s bistete, —; nicht den Mythos vym strahlenden Halbgott, sondern den vom Zlvergmenschen, etwa so wie Jonathan Swift seinen Gulliver unter die Zwerge geraten läßt und in blutiger Satire (die sich bei Wells in heiligen Ernst verwandelt hat) Menschenleben und »treiben in unwahrscheinlicher Verkürzung der Maße abrollen läßt. In diesem nachdenklichen Buche Wells' gibt es Stellen, darin jene perspektivische Methode..au; Formulierungen führt, die für Dauer geeignet sind.' So läßt> Wells seinen Helden über die Literatur jenes Zeitalters, das er als Harry Mortimer Smith traumgelebt hat (in diesem Literaturzeitabschnitt kann ein Schriftsteller selbstverständlich nicht ohne Satire auskommen), folgendes sagen: „Stets . Hat der Erzähler seinen Gegenstand nicht so sehr in der Wildnis der' Wirklichkmt gesucht, als vielmehr im erwartungsvollen Gemüt seiner Hörer oder Leser . . . Aus diesem Grunde sind viele Werke der Literatur jedes . Zeitalters/wertlos und vergänglich und nur insoferne, als sie die Wünsche und geistigen Beschränkungen der betreffenden Generation beleuchte», für den Historiker oder den Psychologen, späterer Zeiten von Interesse." Ein grausameres Urteil über Literaturgeschichte ist wohl selten und selten so gerecht gefällt, Mordest. Eigenartig in der Konzeption dieses Buches, daß alle sozialen und wirtschaftlichen Nöte unserer.. Zeit, ausgenommen vielleicht das Problem der Ehe (Wells schreibt eben doch einen englischen Roman),, nur gewissermaßen ,t»n Vorbeigehen gestreift werden; sie.huschen traumhaft -vorüber und dies . wahrt die künstlerische Linie, dieses .Buches, das zu den besten, gehört, die uns Wells geschenkt hat. Denn hier erfaßt dichterische Phantasie die Wirklichkeit, nicht bloß erklärend, sondern so verklärend, daß iie in den Traum greift und damit in die Unendlichkeit. Siegfried Schmitz..; -le Snöen Wiens. Eine statistische Studie von Dr. Leo GottHamwer. (R. Löwit Verlag, Men.und Leipzig.) Das Buch,.das den trockenen Titel „Statistische Studie" trügt, ist voll packender Kraft. Aus den Zählen entwickelt sich das' dramatische Bild des jüdischen Volkslebens, des Werdens, des Wachsens, des schweren Lebenskampfes eines alten Kulturvolkes, das in einer Welt voll feindlicher Einflüsse um seine Existenz ringt. Wer es unternehmen will, über jüdische 'DiNge ein'Urteil abzugebenirrer zu; Angelegenheiten der Judenschaft auf irgend einen: Gebiete I Stellung nehmen will, muß dieses Buch gelesen haben. Es zerstört alle falschen jüdischen und antisemitischen Legenden über das Leben der Juden. An Hand der Ziffern wird mit unbezwinglicher Logik bewiesen, daß dieses scheinbar so blühende Wiener Judentum schwerer zu leiden und schwerer. zu kämpfen hat, als seine Umgebung, daß . es untergehen muß, wenn nicht Hilfe kommt. Einige Feststellungen,' die der landläufigen Ansicht zuwiderlaufen: - Die Sterblichkeit der Juden ist größer als die der Nicht- . juden. Der Jude muß früher ins Erwerbsleben treten und er stirbt früher. Die Kindersterblichkeit hat erschreckend zugenommen,'' sie übersteigt schon" die nichtjüdische. Die Juden leben in viel schlechteren Wohnungsverhältnifsen als die Nichtjuden. Im Genüsse der neuen sozialen Errungenschaften sind die Juden beeinträchtigt. So wurden beispielsweise bei der Zuweisung von Wohnungen in den. Neuen Gemeindehäusern nicht'ein Prozent Juden > berücksichtigt. Der natürliche Zuwachs der jüdischen Bevölkerung ist verschwunden, der Geburtenüberschuß hat auf- . gehört, die Sterbeziffern überwiegen. Die Taufbewegung, im allgemeinen stark angestiegen, ist in jenen Altersstufen, die von der zionistischen''Bewegung ergriffen werden können, rapid gesunken. Wir. dieses kostbare Buch liest, dem drängt sich die Erkenntnis auf: Wenn die Wiener Jüdenschaft ihrem. Schicksal .überlassen bleibt, muß sie dem Niedergange verfallen. Nur ein neuer Impuls kann sie retten: Die nationale Renaissane e'bewegung. 7r. st. | Das erste große [deutsch- ■' i ■ s ■ ■ 5 8. M. Laser und H. Torczyner | S . Umfang 734 Seiten ' H 8. M. Laser und H. Torczyner J ■ In Ganzleinen gebunden 20 8 ä s i 1 Der unter mannigfachen Schwierigkeiten durchgeführte B 5 Druck dieses Werkes hat sich durch mehr als fünf , J Jahre hingezogen. Gleichviel glauben die Verfasser B ■ in diesem Werk, dem Ergebnis langjähriger Arbeit, ■ S das Hebräische in seiner Entwicklung zur modernen ■ jj Vollsprache nicht unwesentlich, gefördert und all 5 ■ denen, die am Wiederaufbau der hebräischen Sprache ■ ■ interessiert sind, ein brauchbares Hilfsbuch an die 5 ■ Hand gegeben zu haben, dessen Fehlen seit langem S S schmerzlich empfunden wurde. B Georg Brandes' letztes Werk. Der Erich Reiß Verlag, Berlin, tuvtgt dos Erscheinen deö erst vor wenigen ' Wochen vollendeten letzten Werkes von Georg Brande-, „Urchristentum", in autorisierter Uebersetzung von Erwin Magnus an. — Im gleichen Verlag erscheint unter dem Titel „Gesammelte M i n i a t u r e n" eins noch unter Mitwirlung von Georg Brandes getroffene neue Auswahl seiner beshen, in allen Weltsprachen erschienenen Essays, 8 Buchhandlung | I R. LÖWIT, WIEN, 1.1 B* >>BUWWWVWWWW^MM!WMW»A»äc«»^'-t«W JvnMpX» .«. . WWW» Rotcnturinstrafte 22. * AV«D«^M»W,WA,»U„,>NV,>„„V,,»KU>V»WU VON BÜCHERN, DICHTERN UND VERLEGERN. - Agnes Hcnningseu: Das vollkommene Weib. Roman. 1926. Gustav Kiepenyeüer-Berlag, Potsdam. Die ^berühmte däni- Ische Schriftstellerin kommt nach.langer Pause mit ei item neuen. Roman. in Uebertragung von Erwin Magnus , vor. dem deutsch- ', 'lesenden Publikum zu Wort. ..„Das vollkommene Weib" wirb'; tu drei Typen gezeigt, die getvisserinäßen Komponente einer und ^derselben wirkenden Kraft sind: die Frau, die die Liebeliebt, die Frau, die die Mutterschaft liebt und die Frau, die sich Und! in sich, den Mann liebt. In anziehender Weise beleuchtet Agnes Henningsen in diesem Rmnan die verschiedensten Wesenheiten der . ' Erotik und gibt, so offen' es eine Frau oben' zu tun vermag,; viel vom Wesen ihres Geschlechtes. Eine gewisse geistreiche Ge- ) lassenheit der Erzählung macht dieses Buch, das durchaus .modern . r. sein will, zu einer Art Brevier der modernen Frau, Es steht über dem/ Durchschnitt und bringt Ernstes, manchmal auch Tiefes geschmackinoll vor. " —.tz. ° Neue Bücher über Psychoanalyse. Der rege Internationale Psychoanalytische Verlag überrascht wieder. mit drei ■ neuen Büchern. Dr. Franz Alexander läßt seine in Berlin gehaltene Borlesung über die Anwendung von Freüds' Jch- Theorie auf Neurosenlchre unter dom Titel „Mychoanalhse der Gesamtpersönlichkeit" erscheinen. Freuds Töchter, Anna Freud, bietet eine Einführung in die Technik der KirÄier- Analyse und Dr. Theodor .Re i k, der. erst jüngst den Streit um die Laienanalyse entfesselt hat, erzählt in einer sehr klugen Schrift, wie man Psychologe wird. . Max Brods RoMan „Tycho Brähes Weg zu Gott" wurde vom Verlag Alfred A. Knopf (New Work) zur Ausgabe in englischer Sprache erworben. ' . ' . . Stephan Zweigs „Amok" erscheint demnächst bei Stock 'in Paris in französischer Uebersetzung/ ' * SUttitr Hottrsichers neues Reisebiuch. Bei S. Fisthjet/ . Berlin, ist Artur yolitschers geniales Reisobnch „Das unruhige Asien", Reise durch Indien, China, Japan,. belegt 'durch H Original-Aufnahmen soeben erschiieiten. Dieses Buch erfaßt me Seele des chinesischen Volkes sö. klar und frei'. von jeder Zomantik, wie dies bisher dem deutschen Reisebuch noch niemals geungen ist. - ' S. Mnninger: „Große jülüsche. NationaliMqgraphie" (Selbstverlag des Verfassers S. Mnninger, Cernauti,' Piäta Deeebal 1). Soeben ist das 1. Heft des 2. Dändes -der ^Großen jüdischen Nationalbiographie" Winningers evschienen,. welcher sich zum Ziel gesetzt hat, in diesem ..Werke 8000 Lebensporträts namhafter jüdischer Männer mch Frauen aller.Zeiten und.Länder zu bringen. Diese 9. Lieferung des in Lexikonformat' heraüsgegebenen Monument-alwerkes umfaßt den Buchstaben -D bis zum Namen Abraham Dyw Dubsiewicz. Wie der Verfasser in den vorhergehenden 8 Lieferungen-sich auf. gründliches Quellenstudium stützte, so kann man mit Genügtuung. feststellen, .'daß'er qnch'm der 9. Lieferung nach streng wissenschaftlichen MeHsolien arbeitet, überalldas Üuellenmaterial 'angibt -und die 'Biographien populär und loichtverständlich. schreibt. Die ersten. acht Lieferungen haben bereits--in der. jüdischen tNelehrtenrvelt einen warmen Widerhall. gesunden, die Kritik ist nicht nur' wohlwollend, sondern äußerst lobend und ehrend. Es ist nur bedauerlich, daß die jüdische Oeffentlichköit dieser neue-sten Schöpfung auf litorarhistori-schom.Gebiet nicht genügendes Verständ- 'ms.entgegenbringt und dem Autor .nicht .durch entsprechende Sübsktlptionen die Herausgabe des' Gesamtwerkes in rascherem Tempo ermöglicht. Für den - 1. Bänd ' hätte ein . Mäzen aus Deutschland, m Erkenntnis ->der Großem der Aufgabe, die Winninger sich gesetzt, eine größere. Suchme zur. Verfügung gestellt. Die weitere Herausgabe des 'Werkes, das bereits im Mänüskridt vorhanden ist, hängt von der Zahl der Subskribenten ab. - Dr. M. R. »Mutter Marie", der neueste Roman von Heinrich Mann, ein. Werk groß entfalteter. Reife, wird am 1. März im Paul Zsolnah-Bertag, Wien, erschienen. . Edison ist vor einigen' Tagen 80' Jahre alt geworden. ÄuS diesem'Anlaß hat Georges-S.-B r y a n beim Paul-List-Verlag, Leipzig ein umfassendes Buch „Edison, der. Mann mnd sei n W e r k" herausgcgeben, das die Laufbahn dieses genialen Amerikaners vom Zeitungsjungen bis zum Edison von heute schildert. ■ - Riesenpreisö für Bücher. Mtz Preissteigerung eines Buches von 1 Penny auf 32M-Dollar ist gewiß eine Seltenheit. Dieser ungeheure Wertzuwachs ist aber bei der ersten Ausgabe der englischen Uebersetzung des persischen Gedichtbuches „Rubajat" eingetreten. Bei der Auktion ist in den American Art Galleries zu. New Bork, auf der die Bibliothek des Majors - Whitall versteigert-wurde, erzielte das überaus seltene Heftchen die genannte Summe. Die Erstausgabe..der. Gedichte von Kea ts, London 1817, im Origtnalumschlag, brachte 3300 Dollar. Die erste Auflage des ersten' Teiles der „Dynasten" von Thomas Ha r d y, die 1903 erschien, stieg auf 2W0-Dollar. 1950 Dollar wurden für ein- Unikum, eine'.Ausgabe des „Eüdymjon", von Keats gezahlt. Ein anderer Erstdruck dieses Dichters, seine „Lamia", brachte 1550 Dollar, die 1880 erschienene Erstausgabe des ersten Buches von- George Gü s s i n g „Arbeiter in der Dämme/ turig" 1175 Dollar. BÜCHEREINLAUF. Uniy. Pros. Dr. Kurt Ziesche: Das Königtum Christi in Europa. Verlagsanstalt G. I. 'Mänz, Regensburg. H. Scharfenberg: Altpersische Liebesschwänke. Verlag L. Holzwarth. Bad Rothenfelde (T.-W.). Das Buch in der Wiifte, (Verdeutscht von Martin Bacher aememsam mit Franz Rosen zweig.) Verlag Lambert Schneider. Berlin. ‘ DaS Buch Er rief. iBevdeutscht von Märliit Buber gemeinsam mit Franz R o se «zwei g.) Verlag Lambert Schneider, Berlin- Richard Strauß' Briefwechsel mit Hugo von Hosmannsthal. Verlag Paul Zsolnay, Berlin, Wien, Leipzig. Äaz; Nrfch: Bon Berlin nach Jspahan. Verlag K.' F. Koehler. LeWg. , Dr. Emm Wexbrrg: Dys . nervöse Kind. (Ein Leitsadßn - für Eltern und Erzieher.) Verlag Moritz Perles, .Wen und Leipzig. Dr. Leo Haefelkr Syrien und sein Libanon. Verlag Raver u. Cie., Luzern.