Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2874 (27.2.1927)
- Date
- 1927-02-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sk. 2674 Wien, Sonntag WlVMkr M-rMMßettvsA 3S. Kchrvar 1807 Tagesbericht. LK draanlffertttta der zloalUche« gittrllektuellr«. Der zionistische Verband ehemaliger Hochschüler hält feine konstituierend Generalversammlung am Montag, den 28. d. M., abends, im Hotel de France, (Wien, 1. Bez., Schottenring) ab, zu welcher sowohl alle,^»l teil Herren" als auch alle zionistischen Hochschüler und Hochschülerinnen ein-geladen sind. Durch die Zusammenfassung der zionistischen Intelligenz will der Verband die zionistische Basis verbreitern und vertiefen, dte jüdische Kultur heben, die tzebräisierung. fördern und die Geselligkeit pflegen. Die Aufnahme von Mitgliedern findet bei der Generalversammlung statt. * Die Einladung zu dieser Versammlung ergeht in einer für die zionistische Organisation sehr ernsten Zeit. Sie bedarf zur Lösung ihrer Aufgaben der stärksten Mitarbeit ihrer Intellektuellen, und dies heute mehr denn je. Jeder Tag. zeigt uns, daß die Arbeit für die Organisation selbst, für ihre politische und geistige Stärkung sehr zum Schaden der Aufbauarbeit in Palästina, aber auch zum Schaden der Erziehung der Nation in der Diaspora vernachlässigt worden ist. Sie ist ins Stocken geraten, weil ihr eine ganze Reihe von Generationen' zionistisch erzogener Mitsteiretr fehlt, die ins Berufsleben getreten sind und über ihrer Tätigkeit ganz die Pflichten vergessen haben, die sie einst in den Vereinen und Verbindungen beschworen haben. Es ist ein für eine Weltorganisation, die vor dem Problem des Aufbaues einer Heimat steht, geradezu bedrohlicher Zustand eingetreten, der sie politisch zu schwächen und ihre Schlagkraft zu lähmen geeignet ist, der ihre Anziehungskraft einschränkt. Diesem Uebelstand kann nur abgeholsen werden, wenn alle wieder zur Arbeit gehen, die dem Zionismus ihr Bestes, ihren jüdischen Lebensinhalt verdanken und von ihm die Weihe ihrer Jugendzeit empfangen haben. Alle qlten Herren, die in der großen Anfangszeit des Zionismus vomjüdischen Jdea- Ü mus erfaßt worden waren, müssen in die Reihen treten und sich an ihre natürlichste Pficht zu ihrem Volk und seiner Renaiffance erinnern. Sie müssen in den Verband der ehemaligen zionistischen Hochschülcr Mann für Mann Eintreten. 8er«salem im Schnee. Au der von uns wiederholt gem-el-deten Schneesturmkat-astrophe, von der Palästina heimgesucht wurde, wird uns aus Jerusalem geschrieben: Der große Schneefall kam buchstäblich über Nacht als furchtbare Ueberraschung. Ms um Mitternacht war keinerlei Anzeichen sür einen bevorstehenden Regenfall, geschweige denn einen Schneesturm. Der Mond leuchtete wie im herrlichsten Frühling. Windstille herrschte und auch die Kälte war infolge des leichten Schneefalls am Vortage nicht übermäßig Motz. Plötzlich, um 2 Uhr. nach Mitternacht, fegte ein starker eisiger Wind durch die Straßen und ein Schneesturm zog über die Stadt einher, der bis zum Morgen anhielt. Als die Bewohner von Jerusalem am Menstagmorgen erwachten und auf die Straße traten, fanden sie diese mit einer 20 Zentimeter höhest Schneeschicht bedeckt und der Schnee stell daim noch den ganzen Tag. Die Straßen waren wie ausgestorben. Der ganze Verkehr war lahmgelegt. Nur wer unb^ingt auf die Straße mußte, verließ das Haus. Beißende Kälte belästigte die Passanten. Die GeMstSIäden -lieben geschlossen, ebenso die Schulen, man sah keinen Wagen in den Gassen, Jerusalem glich einer russischen Stadt nach den typischen SchneesErmen. Erst gegen Mittag erfuhr man, haß unter der Schneelast eine Anzahl Häuser eingestÜrzt fei. Dom Hunger getrieben, zogen etwa 300 arme Arbeitslose und von der Schneekatastrophe betroffene Personen vor das Bureau der jüdischen Stadtkommission, um für ihre hungerleidenden Familienmitglieder rasche Hilfe zu erbitten. Besonders groß war das Elend und die Not in der Altstadt. Hunderte Männer waren schon seit einigen Tagen verhindert, ihrer Tagloihnarbeit nachzugehen, und waren ohne Brot im Hanfe geblieben. Noch am selben Tage trat eine aus den Vertretern der verschiedenen Mischen Gruppenk zusammen, gesetzte Hilfskommission zusammen, um erste rasche Hilfe zu leisten. In der von Nathan Strauß gegründeten öffentlichen Küche wurden 1800 Personen ausgespeift. Jeder, der kam und um Speise bat,^ erhielt sie. Der Bürgermeister von Jerusalem sandte für die unter der Katastrophe am meisten betroffenen Familien als erste Hilfe 10 ägyptische Pfund. Auch von anderer Seite, und zwar von den sephardischen, ben jemenitischen Organisationen und den Kolelim, sowie von der zionistischen Leitung wurden noch am selben Tage 36 ägyptische Pfund zur Verfügung gestellt. Die Hadassah verfügte, daß in ihren Krankenhäusern undAmbulat orten jeder, der infolge des rapiden Temperaturwechsels erkrankt war, unentgeltliche Behandlung erhalte. Auch die Regierung sagte entsprechende Hilfeleistung zu. Die Polizei streifte durch die Straßen, um die Bauschäden festzustellen und Mkr die Evakuierung der gefährdeten Häuser zu sorgen. Zwei Tage lang fiel der Schnee ununterbrochen und die Bevölkerung Jerusalems atmete erst auf, als die ersten Sonnenstrahlen wieder durchbrachen und die unerträgliche Kälte etwas nachliieß. Die Folgen der Schneekatastrophe werden sich jedoch noch geraume Zeit fühlbar machen. "" % * fV- - V.'x - ■ '• - ( , V.-. Us SM der Stmottzpiftin. Eine sensationelle Hochzeit in London. London, 26. Februar. Der 32jährige Jvor M o n - t a g u, Sohn des Lord Swaythling, des Chefs der Londoner Banksirma Samuel Montagu u. Co., vermählte sich vor einigen Tagen in aller Heimlichkeit mit seiner Stenotypistin, Miß Ellen H e I lste r n. Der junge Montagu, dessen Vater als einer der reichsten Männer Englands gilt, ist ein erfolgreicher Verfasser von Filmb üchern. Der Vater der jungen Frau ist Schuhmacher. IVas »(tust Mn MI „Ich lasse mich mit DIana-Franzbrattntweln jfi massieren l" ■ „Warum gerade mit D 1 a n a - F r*»> H branntwel nr ■ „Weil Ich mich überzeugt habe, daß nur H Massage mtt ■ DIANA Fra nzbranntweln I mit Menthol I solche Schmerzen lindert, welche von H Ueberanstrengnng und schwerer H Arbeit herrühren. H Eben darum kaufe ich nur H Diana-Franzbranntwein I und nichts anderes." wm W«0»«r«aflB erlatiLlrfUaBft. £ eeoeeeaeftaooooeoaeegaaoeoaeeoooaoeoooa Her Stierkampf im HotelveftibA. El« KuktuvbM aus Tolrfto. Einen eigentümlichen Stierkampf konnten vor einiger Zeit die Einwohner von Toledo sehen, nämlich einen Stierkämpf im HotelbestibÜl. Ein berühmter Stierkämpfer stand im Portal eines Hotels, als ein Biehtreiber mehrere Stiere vorüvertrieb. Der Stierkämpfer kam auf den Gedanken, die Tiere in seiner üblichen Weise zu reizen. Er hatte dabei den Erfolg, daß sich ein junger Stier mit gesenktem Kopf auf ihn stürzte. Der Stierkämpfer wich in das Vestibül zurück, der Stier folgte ihm. Ein Handwerker, der im Wege stand, trmrde von dem wilden Tier beim ersten Ansturm mit den Hörnern auf ge spießt und weit über den Platz geschleudert, wobei er s chwere Wunden bavontrug. Der Stier richtete nun seine Wut gegen den Stierkämiifer, der den Kampf annaym und bereit war, ohne Vorbereitung im HotelbestibÜl seine Kunst zu zeigen. Die sofort angesawmelte Menschenmenge feuerte ihn mit Zurufen an. Der seltsame Kampf dauerte einige Minuten. Das Tier Wandte sich dabei, da sein Peiniger ihm stets geschickt entwischte, mehrfach gegen die Zuschauer ttttb verletzte einige von diesen. Der Stierkämpfer lenkte ckber sofort immer wieder die Aufmerksamkeit und die Wüt des Tieres gegen sich. Endlich glüKe eS ihm dann, den Stier so schwer zu verwunden, daß er, erschöpft durch den Blutverlust, zusammenbrach. Die Menge heulte geradezu vvr Vergnügen. Ätzern feierte den Stierkämpfer, obzwar durch seine Schuld mchrere Personen schwer verletzt worden waren, wie einen Helden und sammelte Geld, damit er dem Tiertreiber das getötete Tier bezahlen konnte. Der Torero hatte bet seinen VorsWrungen in dert nächsten Tagen instrlge der gelungenen Reklame w'ohlgeMte Häuft«. Berliner Hetzjagd. Von Kurt Münzer. Es frk-ert! Nach Lenzwochen mit trübem Gewölk btaut ein eisiger Himmel. Und man packt. Die Herrkichen, bis heut vergeblichen Nodelkostüme und Skihosen. Man bricht auf. Wintersport. Die es sich leisten können, befehlen ihre Schrastlkoffer und telephonieren um die Frühjahrsgarderobo: Nizza, Cannes, Beaulieu! Es geht Fieber imd Sehnsucht durch die ganze Stadt, die großen Bälle sind ausge-tanztwas soll man noch hier! Und >da beginnt nun die Hetze bei Theatern, Konzerten, Ausstellungen, Boxkämpfen, Tanzabenden, Matineen, Mitternachtsvorstellungen, Kinos, Varietes. Schnell, so lange noch Publikum in Berlin ist! Die großen Premieren! Die Stars! Die Virtuosen! Sllles überbietet sich. Eins jagt das andere. Die Premierentiger keuchen. Und schließlich... Lohnt es sich? Man «hat die rasende Woche zur- Strecke gebracht... Und? Wozu? Mit welchen Gewinn? Genuß? Genügen? Das „Deutsche Theater" brachte — ohne Reinhardt — Fritz von Unruh3 ,-Bonaparte". Nur noch die Unentwegten, seine' Entdecker, seine Faszinierten halten an ihm fest, proklamieren jode neue Arbeit als Werk, Dichtung, Epoche. Aber! — Hat er sich nicht violleicht doch schon ausgedichtet? schwelgt nur noch in Tiraden, die gewiß echter Inspiration entströmen, doch in der Wiedergabe schon Papier, Phrase, Schall sind? verdankt die Lebendigkeit seiner Figuren nur noch der Vitalität der Schauspieler, die in ihr schlappes Futteral schlüpfen? Daß Unruh die sogenannte historische Wahrheit mißachtet, von Geschichtshelden nur die Namen, nvcht die Persönlichkeit nimmt: alles wäre dem erlaubt, der es kann! Aber Unruh hat nicht die Kraft der höheren dichterischen Wahrheit, nicht .die Fülle eigener Persönlichkeit, mn sie ln beere Schlauche zu strömen. Man glaubt ihm nicht... Wir lieben diesen Dichter. Von Liebe beseelt, lauschte ihm das Publikum. Aber ErschütteruW und Hmgerissensein blieb aus — trotz allen guten Willens. Wir tvaren bereit, ergriffen zu werden, uns auAz»liefern, diesem immer jünglingshaften, herzensstarken Dichter. Aber das große Drama erfüllte sich nicht. Werner Krauß und Rudolf Forster waren große Darsteller. Nicht mehr. Sie hatten keine Möglichkeit. Der Mensch versagt in diesen Rollen, es bleibt beim Schauspieler. Stärkere Ueberwältigung geschah in der. „Volksbühne", wo der ausgezeichnete- Fritz HollStrindbe rg s ,^raumspiel" iw Geilst der Moderne inszenierte. Selbst wo das Symbol nicht lebendige Gestalt wird, der Vorgang Bild bleibt, nicht seelischer Eindruck wird: dieses wunderbare Dichtwerk bewogt das Herz, das Geheime in uns, spricht unser Menschentum schmerzhaft an, deutet die Welt.um, löst sogar — kraft seines Geistes — den Weltschmerz in glückliche Wehmut. Agnes Straub ist die letzte Ergriffenheit versagt, aber ihrer Stimme und Leiblichkeit. Schönheit, Gewalt, Adel erreicht immer das darstellerische Ziel. Achaz und Gr an ach hatten die Hintergründe, die -der Frau fehlten, sie waren beide Mensch im tiefsten Sinn, jenseits ihrer Worte wirkten sie mit der Unendlichkeit kosmischen Seins. Sie Hinterlreßen ein Echo... Wo tönt bald wieder eins? Ans anderer Sphäre, echolos, aber die Stunde S schellend, spricht der alte Be%neuU. Im sanvetheat-er". Durch die junge, herbe, wohlgebaute Fräü Klabund, Carola Neher. ,Mer Mama!" ruft der Stiefsohn und meint die Geliebte, die Frau, denn es ist seine keusche, ihm aufgesparte Stiefmama, -die er heiryführt. Das ist mit gallischem Witz gemacht, mit der leichten Hand -des galanten Dichters, mrd diese Ww tzaMrr wohl w das Ghrnois und! RÄkoko -des TheaterchenL. Das Wingt zusammen wie scherzhaftes Kammerspi-el. Die edelste Heiterkeit Dt doch die, die nicht laut wird. Und sie bleibt in den Grenzen des GGHmaiW auch ün „Künstlertheater", wo der schmelzende süße Richard 'Tauber und die sprühende, berückende Wienerin Rita Georg in Lehars ^Zarewitsch" einen Serienerfolg eröffneten. Es ist ein guter Lehar, und man macht hier solche Operette mit der ganzen Verve aus, deren das norddeutsche Berlin fähig ist. Man hat nicht den letzten Mut zum Uebermut, Hat nicht den Charime von Paris, nicht den Schmeltz von Wien — aber ein Lump, wer mehr gibt, als er 'hat! Und schließlich hat auch Berlin Eigenart genug, um konkurrieren zu können. Es muß nicht gerade -die Fähigkeit zur Operette sein. Dennoch: die Meisten fitzen in der Operette. Der Beethoven-faal ist — ein Sakrileg! — nicht ausveMuft, wenn Wladimir Horow itz von Bach bis Liszt das Phänomen seiner Begabung demonstriert. Er ist, am Flügel, 'heut Wohl daS größte Wunder. Seine Technik ist die vollendetste, die man 'hören kann, weil sie restlos Ausdruck musikalischen Empfindens ist. Keine Passage läuft leer, kein Triller ist Verzierung. MusAalität und Mustkantentum, Küinstler und Virtuose sind nie völliger eins gewesen als in Horowitz. Durch -die Jagd der Wochen Hindurch werden seine Chopinschen Etüden bezaubertes Echo klingen lassen. Der Meister Frederie Lamond Melt Kvei Abende später im selben Gaal und Graicköpfe sehe ich sitzen, die schürchzen bei seinem Chopin. Große Damen vergessen, mit den nackten Schultern unterm Pelz zu kokettieren — und nur dazu kommen -sie —, wenn er dte Waldstein-Sonate -spielt. Aus Werserckung in Musik spielt -der große Alte immer noch. Und wenn er Liszt beginnt, verwandelt er sich jäh in den blendenden Virtuosen, dessen perlende Klarheit imd schillernde Eleganz «w