Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2873 (26.2.1927)
- Date
- 1927-02-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seide 4 Wien, Samstag Wleaer Mvrgerrzettrmg 26. Fdbruar 1827 Nr. 2873 Der Freispruch Nrlolai Lotus. (Bon unserem Czernvwitzer Berichterstattter.) Unser Korrespondent begleitet seinen Artikel mit der folgenden Vorbemerkung ein: Es ist keine Versäumnis, daß einige Tage verstrichen sind, ehe der Bericht an die ^Wiener Morgenzeitung" abgesendet wurde, über diesen Prozeß, der in Rumänien so viel Aufsehen erregt hat. Es lag darin vielmehr begründete Absicht, zumal man nicket ruhiges Blut bewahren kann, wenn ein Ereignis so überraschend kommt und es notwendig wird, eine gewisse Distanz zu gewinnen, um die Angelegenheit klar und sine kra et studio zu schildern. Wenn ein rumänischer Staatsbürger jüdischer Mtionalität zur Feder greift, um in einer ausländischen Zeitung über die Justiz in Rumänien zu schreiben, muß er sich ja darüber klar sein, daß dieser Artikel mit dem Kopfe und nicht mit dem Herzen geschrieben sein muß. Unter diesen Erwägungen wollen wir die rumänische Justiz beleuchten und ganz besonder? die Anwendung von zweierlei Maß gegenüber Juden und Nichtjubett hervorheben. Der Fall F a l l i k steht nicht vereinzelt da. Er bildet nur den Höhepunkt von Uebergriffen, die von der Justiz nicht geahndet wurden. Es ist noch in allgenreiner Erinnerung, daß der Redakteur des „Weverul" Rosenthal von dem rumänischen Advokaten und Mitgliede der „Criftlichen Liga" Bacalogliu schwer verletzt wurde und längere Zeit bewußtlos blieb. Wohl gemerkt! Rosenthal ist kein nationaler Jude, vielmehr einer von jenen, welche höchstens an: Jom Kippur ihr Judentum zur Schau tragen. Es gab in ganz Rumänien große Aufregung und,.. das Gericht verurteilte den Advokaten Bacalogliu zu 50 Lei Geldstrafe. Der Jude Lerner, der in Jassy zufällig Professov Cu za, den Fiihrer der.rumänischen Antisemiten anspricht und um eine Auskunft bittet, erhält von Cuza einige Stockhiebe; als er den Versuch macht, sich zur Wehr zu setzenp wird er sofort verhaftet und zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Der Student T o t u kommt nach Czernowitz, schießt hier im. Justizpalais den jüdischen Abiturienten F a l l i k nieder, wird verhaftet, kommt vor ein Geschworenengericht in Kimpolung (Bukowina), erklärt bei der Verhandlung, d a ß e s ihm ein Vergnügen ist, den Mord am Juden Fallik begangen zu haben; er wird mit 10 gegen 2 (deutsche) Stimmen freigesprochen und sofort aus der Haft entlassen. Hingegen wird ein jüdischer Journalist, der im „Curierul Jsraelite", dmn Organe der „Union rumänischer Juden", gegen den Numerus clausus und gegen Cuza Stellung nimmt, von Cuza geklagt und zu drei Monaten Gefängnis und 60.000 Lei Geldstrafe verurteilt. Die Juden in Piatra Nearnti werden am Jom Kippur des Jahres 1926 von cuzistischen Studenten in der Synagoge überfallen. Sie setzen sich zur Wehr, werden angeklagt und in derselben Zeit, wo Totu frei gesprochen wird, werden 11 Juden zu zwei Jahren, vier zu einem Jahre und einer zu sechs Monaten Gefängnis und zur Zahlung von insgesamt drei Millionen Lei Schadenersatz verurteilt. Das gibt doch zu denken l Hier urteilt doch nicht mehr eine antisemitisch verseuchte Schichte der rumänischen Bevölkerung, nicht mehr die Christliche Liga, sondern das Volk selbst, die Geschworenen. Das muß die größten Besorgnisse erregen. Die von den Cuzisten betriebene Hetze hat cmch auf die bäuerliche Bevölkerung übergegrifsen und den sonst gutmütigen Rumänen von seinem richtigen Wege abgelenkt. Sicherlich liegt die Schuld hauptsächlich an der Regierung Averesm, welche die cuzistische Bewegung toleriert imb fördert. Das ganze Reich wird mit Broschüren und Zeitungen überschwemmt, welche offen zu Mord und Totschlag gegen die Juden auffordern. In der Tat haben sich in den letzten Tagen traurige Ereignisse zugetragen. Mag es der Regierung recht sein oder nicht, es steht außer Zweifel fest, daß jüdische Reisende gerade in den letzten Tagen Ueberfällen ausgesetzt find, ohne daß die Regierung den ernsten Willen bekundet, energisch einzugreifen und Ordnung zu schaffen. Es liegt ganz in der Hand der Regierung, die jüdisch« Bevölkerung Rumäniens endlich vor der cuzistischen Plage zu befreien. Bei aller Loyalität zum rumänischen Staate Muß offen erklärt werden, daß sich die Juden in Rumänien gegenwärtig als vogelfrei fühlen, daß sie das Gefühl nicht unterdrücken können, baß sie von seiten der Behörden gar keinen Schutz genießen. Wohin soll es führen, tvenn junge verirrte Menschen sich am Leben und Eigentum ihrer Mitbürger vergreifen und von den Gerichten für den begangangenen Mord freigesprochen,. als Triumphatoren durch die Städte Rumäniens ziehen und sich als Helden gebärden? Darf eine verantwortungsvolle Regierung in freu Köpfen der Jugend eine solche Ideologie heranreifen und nähren lassen? Darf eine Regierung auf diese Weist zweierlei Maß antvenden? Rumänien hat internationale Verpflichtungen übernommen, den Friedensvertrag von St. Germain unterschrieben, den nationalen Minderheiten ihre Rechte garantiert, all diese Bestimmungen im Parlanrente sanktioniert und darf schon aus Prestigegründen und im Interesse seines Ansehens hei den, zivilisierten Staaten Europas nicht zulasten, daß der Mord au Juden glorifiziert wird. Averernl gegen »le SludertteMnrrche«. Bukarest, 26. Februar. Ministerpräsident General NvereSen hat an den UnternchtAminifker Goga die folgende Zuschrift gerichtet: „Herr Minister! Ich ersuche Sie, auf dem Wege, den Sie hiefür gut halten, den Studenten im ganzen Lande zn eröffnen, daß sie sich jeder Manifestation enthalten sollen. Die Regierung hat keine andere Hilfe notwendig, um die nationalen Interessen zu schützen, sowie auch für die Ordnung im Lande zu garantieren, alb die Mittel, über welche sie ans gesetzlichem Wege verfügt. Jede Einmengung von Unberufenen ist ein Verlassen der Gesetzlichkeit und kann die Strenge des Gesetzes nach sich ziehen. Man darf nicht vergessen, daß in vielen Teilen des Reiches, einschließlich Bukarest, der Belagerungszustand deshalb aufrechterhalten wird, damit die Ruhe und Ordnung gesichert wird. Der Belagerungszustand gestattet keine Ausnahme, und die Regierung hat nicht das Recht, zugunsten irgend jemandes Ausnahmen zuzulassen Ministerpräsident General Averescu." Der UnterrichtSminifter hat den Text hieser Zuschrift den Rektoren mitgeteilt und sie angewiesen, die energischesten Maßnahmen zu ergreifen, damit die Studentenschaft die Ordnung und Gesetzlichkeit wahre. Es soll die Aufmerksamkeit der Studenten darauf gelenkt werden, daß die geringste Nichtbeachtung der zu diesem Zwecke ergriffenen Maßnahmen die gesetzlichen Strafen nach sich ziehen werde, wobei die mit dem Belagerungszustaud« verbundenen A u S n ahm s best i Mmu nge n unnachsichtlich zur Anwendung kommen werden. Sie Srozer Meise vor drm Konkurs. Aus Graz wird gemeldet: Auf der Tagesordnung der gestvlgen Hauplversammlung der Gramer Messe r. G. m. b. H. stand auch der Antrag auf Liquidierung oder Konkurseröffnung der Grazer Messt. Es wurde einstimmig beschlossen, dem Leitungsausschuß di« Durchführung dar notwendigen Maßnahmen zu überlass ein, wenn sich innerhalb acht Tagen die angestrebte Sanierung als. unmöglich erweisen sollte.!! Nur mehr wenige Exemplare vorrätig!! 09 j für unsere ♦ ♦♦♦ ♦ irgend r Schalom Asch ♦| Kleine Geschichten aus der Bibel S 3.— Baerwald ♦| Die Arche Noah | David und Goliath | Biblische Schattenspiele . . . 8 2.— R. Hirschfeld ♦| Saronsrosen. Erzähl, u. Gedichte S 5.— Steinhardt-Klötzel ♦| Das jüd. Jugendbuch, reich illustr. S 5.— Klötzel ♦| Moses Pipenbrinks Abenteuer . S 2.— Pulvermann ♦| Festgesch. für die jüd. Jugend . S 2.— Adele Sandler ♦| Bilderbuch. Bilder, Verse etc. unzerreißbar . . . . . . .8 4.— Jüdische Jugendbücher ♦| 8 Bände komplett ..... S 5.~- BUCHHANDLUNG R, LÖW IT, W I EN, I. ROTENTURMSTRASSE Nr. 22 Sin Aerttnec Senfationsvrozeß. ein Lmi«il»ttWe»ik »tut« SkkMrimgMttiig rnitcUMt Vor dem Berliner Schwurgericht hat vorgestern der silir vierzehn Tage berechnete Prozeß gegen den Landgerichtsdirektor Jürgens und feine Frau begonnen. Jürgens, der zuletzt Vorsitzender des großen Schösifenigeriichibes GhcwlottenLrrrg war, wurde vor einem Jahre unter anfsehencrrogenden Umständen verhaffet. Er ist einer der rechtssteh enden politischen Juristen und hat sich durch seine scharfen Urteile gegen Kommunisten einen eigenartigen Ruf erworben. Es wird ihm zur Last gelegt, daß er im Oktober 1936 aus einer Schrei'btischla-de den auf 16.000 Mark geisichützten Schmück seiner Frau entwendet und dann den VerficherungÄbetrag ein« gefordert habe. Jürgens behauptet, daß der Diebstahl aus Gründen politischer Rache von seinen kommunistischen Feinden begangen worden sei und wies einen Zettel vor, den er am Tage des Diebstahls auf seinem Schreibtisch gefunden haben will. Auf diesem Zettel, der im Prozeß eine sehr wichtige Rolle sipielt, steht mit ungelenker Schrift geschrieben: „An den Henker Jürgens! Rache ist süß! Wir kommen wieder!" Bisher 'haben drei Sachverständige die Handschrift auf dom Zettel geprüft. Einer erklärte, er rühre nicht von der Hand des Dr. Jürgens her. Ein zweiter Sachverständiger sprach sich weder für noch gegen eine Fälschung aus und der 'dritte Sachverständige, Professor Sievers, erklärte, daß der Schreiber 'des Zettels mit Dr. Jürgens identisch sei. Nun will das Gericht noch einen vierten Sachverständigen, nämlich den Wiener Graphologen Raphael S ch e r m a n n, der sich zurzeit in Berlin aufhält, zu Rate ziehen. In dem Prozeß wurde gestern die Vernehmung der Angeklagten fortgesetzt. Die Verhandlung mußte wogen eines Schwä ch -eanfall es der Frau Jürgens auf kurze Zeit unterbrochen werden. Nach Wiedereröffnung erklärten die ärztlichen Sachverständigen, daß Frau Jürgens der Vernehmung nicht mehr folgen könne. Als der Angeklagte Jürgens 'darum bat, daß bald über die Frage der Haftentlassung entschieden werde, erlitt Frau Magens erneut einen Nerven-, zuisammenbruch. Die. Verhandlung wurde auf Samstag vertagt. Ier Geruch üer Metalle. Eine merkwürdige Geschichte ist es, die uns der griechische Schriftsteller Flavius Arriauos erzählt, der im zweiten Jahrhundert n. Chr. zn Athen lebte. Er spricht von den Kunststücken, die die Geldwechsler anwandten, um falsches Geld von echtem zu unterscheide::. Bei diesen Bemühungen war eines ihrer wichtigsten Hilfsmittel der — Geruch! Sie berochen und beschnüffelten jedes einzelne Geldstück. Ans diese Weist brachten sie mit angeblich großer Sicherheit heraus, ob dem Gold oder Silber noch Kupstr beimengt war. Wenn man das liest, ist man im ersten Augenblick versucht, zu glauben, daß Arrianos etwas geschwindelt hat. Bekanntlich ist nicht alles tvahr, was in der: alten Schriftstellern steht. Aberdiese Nachricht vom Beriechen der Metalle findet sich nicht nur bei Arrianos. Man scheint darnals tatsächlich alles unter die Nase gehalten zu haben, rvas rrach Geld aussah, um oiuf 'diese 'Weist festznstellen, ob man nicht betrogen wurde. Da gab es z. B. eine Metallmischung, die man als« „korinthisches Erz" bezeichnte und zu allen möglichen Trinkgeschirren und Tafelservioen verarbeitete. Dieses korinthische Erz, das wohl eine Helle Bror:ze oder eine Art Messinig gewesen sein dürfte, konnte von echtem Gold anscheinend» rrur durch den Geruch unterschieden werden. Als Alexander» der Große in der Beute des Darius kostbare Basen fand, ließ er sie beriechen, um zu ermitteln, ob sie aus Gold bestanden. Für uns aber taucht die Frage auf: Habe:: denn die Metalle wirklich einen Geruch, und ist es möglich, sie durch diese»: Geruch voneinander zu unterscheiden? Wenn wir irgendwo die Eigenschaften eines Metalls aufgezählt finde::, so ist dabei nirgends von einem Geruch die Rede. Und doch lassen sich auch die Metalle durch den Geruch voneinander unterscheiden. Allerdings tritt dieser Geruch nur unter ganz besonderen Umständen auf. Wer etwa glaubt, er könne ihn dadurch besonders gut wahrnehme»:, daß er das Mebäll sorgfältig reinigt, würde nur eine:: Mißerfolg erzielen. Gerade die blank geputzten Metalle und Metallegierunger: sind geruchlos. Ihr Geruch tritt erft dann wieder hervor, wenn man sie an haucht. Auch beim Berühre:: oder reiben mit feuchten Händen wird er wieder bemerkbar. Manche Metalle inuß man allerdings sehr stark und sehr sorgfältig putzen, ehe sie ihrer: Geruch verlieren. Bor allein Messing und Eisen. luden! Erfüllet Eure Keren Hajessod-Pflichtvor Abschluß f f f f der Oesterreichischen Keren Haiessod-Aktion. HOOG