Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2873 (26.2.1927)
- Date
- 1927-02-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2873 Wien, Samstag Wiener Morgenzeiturg 36. Februar 1927 Sette S Av^r ir jöU nicht versuchen, seine poetische Verständnislosigkeit der Gesamtbavegung aufzudrücken. Er soll nicht aus seiner Not eine Tugend machen, die entscheidende Gefahr für alle Menschen, Bewegungen und Gruppen mit ausgesprochener Sonderart. Wenn ein deutscher Zionist für sich erttärt, daß das politische Endziel für ihn weniger wichtig sei, dann verstehe ich es; wenn er sagt, daß er es für umvesentlich halte, ob wir Majorität oder Minorität in Palästina sein wecken, dann hat er subjektiv vielleicht ein Recht dazu. Gefährlich nnck es, wenn er glaubt, L'etat e'est moi, und «r seine persönliche, aus den spezifischen Bedingungen seiner Welt und seiner Herkunft bedingte zionistische Sonderart der Gesamtbewegung aufzwingen will. Wenn er das tut, überschreitet er die ihm gesetzten Grenzen und wirkt schädlich; und in dem Maße, in dem er seine spezifischen Tugenden der intellektuellen Verfeinerung, der Gründlichkeit, der unbedingten Kortsequenz in den Dienst dieses Versuches stellt, in dem Maße wirkt er noch gefährlicher. Seine Tugenden werden dann zu seinen Nöten, und die Gesamtbewegung wird sich mit Recht gegen diese» Versuch auflehnen, der nicht nur objektiv falsch, sondern auch, subjektiv gesehen, von der Struktur und den Aufgaben des deutschen Zionismus aus, illegitim ist. Was die jüdische Rundschau" im letzten Jahre hinsichtlich der Formulierung unseres politischen Endzieles getan hqt, ist der traurige Beweis für meine Worte. Es wick ihr nicht gelingen, die klaren und unzweideutigen Instinkte des jüdischen Volkes und der zionistischen Bewegung zu verfälschen. Von der obersten Spitze der Bewegung, De. Wcizmann, der eine jüdisch.' Majorität in Palästina in unserer Generation sogar als das ceterum censeo proklamiert, bis zu den anonymen jüdischen Massen in Krakau und Lemberg und Newyork wehrt sich die gesamte Bewegung gegen diesen Versuch der „Jüdischen Rundschau" eines Verzichtes auf unser entscheidendes politisches Ziel. Das Resultat der von der „Jüdischen Rundschau" entfachten Diskussion ist — ich habe es zu Beginn bereits gesagt — doppelt vehemente Bekenntnisse zum Judenstaatsgedanken auf der einen Seite, ein billiger Triumph der Gegner der Bewegung auf der anderen Seite, und über allem eine unfruchtbare Diskussion, die wertvolle Kräfte in einer Zeit vergeudet, in der die Konzentration aller Energien auf die praktische Ueberwindung der Krise in Palästina erforderlich ist. Was aus einer solchen Diskussion, wenn sie einmal — und ich hoffe, es wird sehr bald der Fall sein — verflogen und vergessen sein wird, zurückbleibt, ist ein Mer Beigeschmack und eine berechtigte Mißstimmung gegen den deutschen Zionismus. Ob dies notwendig und unvermeidlich war, überlasse ich zur Beurteilung den verantwortlichen Instanzen des deutschen Zionismus. Spanien nimmt an der Weltwirtschaft»' konser-nz nicht teil. Genf, 25. Februar. Die spanische Regierung hat dem Generalsekretär des Völkerbundes den Beschluß zur Kenntnis gebracht, zur Weltwirtschaftskonserenz keinen Vertreter zu entsenden. Tagesbericht. Sine neue Grippewelle. SemWe r« itttontunicn in Bltn. Die ungünstigen WitterungSverhältnisse der letzten Zeit, der rapide Wechsel der Temperatur, haben in den letzten Tagen eine nicht unbedeutende Erhöhung der Erkältungserkrankungen, unter denen sich auch viele Grippefälle befinden, mit sich gebracht. Der Zuwachs an Krankenfällcn stieg in der ersten Februarwoche auf 1607 gegen über 1544 Fälle der letzten Jännerwoche, wogegen in der zweiten Februarwoch« bereits 1843, in der letzten 2257 und in dieser Woche sogar 2512 Zuwachsfälle gezählt wurden. Es handelt sich nach den Feststellungen der Krankenkassen zumeist um kurze Erkrankungserscheinungen und leichte Fälle. Zu Besorgnissen ist kein Anlaß vorhanden. Sine politische Mordtat a« der bürgenländischen Grenze. Wie erst jetzt bekannt wird, ereignete sich in der Nacht von Sonntag auf Montag in der Gemeinde Reisenberg bei Grummat-Neusiedl ein Totschlag, der auf Politische Streitigkeiten zurückzuführen ist. Der 25jahrige aus Donnerskivchen im Burgenland stammende, beim Kaufmann Sidon in Reisenberg Vedienstcte Knocht Josef Schmied weilte Sonntag abends mit einem Kollegen im Gemeindegasthaus. Ein Trnpp junger Leute, die dem katholischen Burschenverein angeh'lrten, kamen ebenfalls ins Gasthaus. Bald darauf entstand ein hestiger politischer Diskurs. Schmied und sein Kollege vertraten ihren Strandpunkt als Sozialdemokraten, worauf sie von den Bauernburfchen beschimpft und bedroht wurden, die ihnen noch für abends eine Tracht Prügel in Aussicht stellten. In der Dunkelheit gingen Schmied und sein Kollege nach Hause. In einem finsteren Gäßchrn wucken sie überfallen. Während der Begleiter Schmieds flüchten konnte, stürzte dieser selbst unter den Schlägen seiner Gegner zu Boden, worauf diese noch mit Messern blindlings auf ihn los stachen. Er ist bald darauf seinen Verletzungen erlegen. Als mutmaßliche Täter verhaftete die Gendarmerie die Bauernsöhne Eduard Suchentrunk und Josef Schuster. In der industriereichen Gegend hat sich wegen der Bluttat der Arbeiterschaft gr-oße Erregung bemächtigt. Ile EchShung de» egttutionsfteien Minimum». Da der Nationalrat das Gesetz über die Erhöhung her in der Exekutionsordnung bestimmten Wertausmaße entsprechend den Vorschlägen des Bundesrates abgeändert hat, hat dieser gestern den Nationalratsbeschluß genehm! g t. Sie Bestattung Brande». Kopenhagen, 25. Februar. Die Feuerbestattung Georg Brandes' fand heute in aller Stille statt. Anwesend waren nur die Verwandten des Verstorbenen und einige seiner Freunde. Unter den zahlreichen Kranz- Der Kluge baut vor. Dies gilt besonders während der gegenwärtig herrschende» Grippe u. Influenza Sanitätsbehörden and Aerzte empfehlen als bestes Vorbeugung»- mittel strenge Hygiene. DIANA" FRANZBRANNTWEIN HIT MENTHOL ist das beste Hausmittel zur rationellen Pflege der Atmungsorgane sowie des Körpers. Täglich mehrmalige Spülungen von Mund and Bachen, einige Tropfen dem Waschwasser beigegeben erhöhen die Widerstandskraft and stärken den Organismus ■Mama - Franzbraiiniweln fiBER ALL ERHÄLTLICH! spenden fiel besonders diejenige des Königs auf. Auch aus Deutschland waren zahlreiche Kränze eingelangt. Schriftsteller Soph-us Michaelis sprach ein Gedenkgedicht, Ernst Toller überbrachte die Grüße Deutschlands. Sapnbluuka schlügt Aliechi«. Die fünfte Runde ves Newyorker Schachturniers. Aus Newyork wick berichtet: Die fünfte Runde, l* letzte im ersten Turnus des Sechsmeisterturniers, brachte das mit Spannung erwartete Zusammentreffen des Schachlveltmeisters Capablanea mit dem russischen Großmeister Aljechin, der noch Heuer mit dem Kubaner ein Match um den Weltmeisterschaftstitel austragen wick. Aljechin, der die weißen Steine führte, eröffnete unregelmäßig. Nach kurzem spannenden Kampf wurde die Partie von Capablanea gewonnen. Das Spiel Bidmar-Niemzowitsch gewann Nremzowitsch als Nachziehender. Die Partie Spielmann- Marshall endete mit . remis. Der Stand nach der fünften Runde ist demnach: Capablanea 3i/2 (1 Hängepartie), Niemzowitsch 2i/2 (1), Spielmann, Bidmar je li/2 (je 1), Aljechin, Marshall je 1 (je 1). Die Hängepartien Wecken Samstag ausgetragen; damit wick dann der erste Turnus des Turniers, in dem jeder Teilnehmer mit seinem Gegner viermal znsammentrifst, beendet sein. Je Plnedo tu vraftlle«. Pernambuco, 24. Februar. (Stefan!.) De Pinedo ist um 17 Uhr 40 (südamerikanischer Zeit) hier eingetroffen. De Pinedo ist dann um 6 Uhr 40 Minute» brasilianischer Zeit (2 Uhr 47 Min. nachm, mitteleuropäischer Zeit) bei gutem Wetter von Pernambuco in der Richtung auf Bahia abgeflogen. Bahia, 25. Februar. De Pinedo ist «m 15 Uhr (brasilianischer Zeit) hier eingetroffen. Saloniki. Ein Reifebrief von Dr. E. M. Zweig. 2. Und nun zur Frage, wie sich eigentlich Juden und Griechen in Saloniki vertragen. Soweit ich während der paar Tage meines Aufenthaltes beurteilen konnte, leben beide Teile der Bevölkerung ohne rechte Beziehung dahin. Die Juden benützen im Umgang nach wie vor das Spaniolisch? und, wenn man vornehm sein will, das Französische. Auch etwas Italienisch fließt mitunter 'drein. Griechisch aber können die Juden nicht und scheinen das auch kaum anzustreben. Nur in den jüdischen Volksschulen wird natürlich die Staatssprache als ein obligater Gegenstand vorgetragen. Die Unterrichtssprache aber ist in den 7 Volksschulen der jüdischen Gemeinde Hebräisch. Daneben tobt sich die Assimilation in einzelnen französischen und italienischen Schulen an den armen jüdischen Kindern aus; doch lehrt man auch dort etwas Hebräisch. In den Paar höheren Schulen prävalieren umsomehr die europäischen Nobelsprachen. Wie man sieht, steht Saloniki auch diesfalls weit hinter Bulgarien zurück, wo das ganze jüdische Schulwesen Planmäßig und einheitlich hebräisiert ist. Von einer Verfolgung der Juden durch die Griechen kann man nicht reden. Daß z. B. die Juden Salonikis im Gemeinderat und Parlament ihre Vertreter haben, ist nur dem loyalen Entgegenkommen der Griechen zu danken, welche bisher stets den in hoffnungsloser Minderzahl lebenden Juden dieses ungeteilten Wahlkreises eine entsprechende Zahl Mandate überließen. Doch im wirtschaftlichen Leben kriegen die Faden die Konkurrenz der handelsfrohen und höchst genlügsa'men Gr recken tüchtig zu verspüren; hierzu kommt die durch das Gesetz hart erzwungene Sonntagsruhe, die unsere Juden vor die bittere Alternative Üellt, entweder zwei Tage Verdienst oder aber den Sabbat zu opfern: Alle Versuche, den Völkerbund zur Krise gegen diesen Gewissenszwang aufzurufen, blieben Werder vergeblich. Dabei ist die allgemeine Wirtschaftslage der Stadl recht trist. Einmal ist sie durch die neue griechische Grenze, die nur wenige Bahnstationen gegen Norden zu verläuft, von ihrem Hinterland, dem heute zu Jugoslawien gehörigen Mazedonien, abgeschnürt. Die Zusage Pangalos', den Serben in Saloniki eine Freihafenzone einzuräumen, wurde von seinem Nachfolger sofort widerrufen. Andererseits teilt die Stadt die Krise des ganzen Landes, das unter dem Flüchtlingsproblem, der politischen Unsicherheit und der durch die Unverkäufl'chkeit des heimischen Tabaks genährten Exportkrise leidet. Dazu die spezielle Geldnot Salonikis, wo alle Mittel notgedrungen in die Neubauten gesteckt wurden. Und noch immer ist die halbe Stadt ein wüster, schmutziger Bauplatz. Ueber die politische Labilität ihrer Staatsregierung machen sich die Griechen selbst lustig. Als ich am letzten Abend im Kaffeehaus saß, tönten von der Reede her dumpfe Schüsse; da steckten die Neuhellenen ihre Köpfe zusammen und lachten. Man tipte auf diesen oder jenen General, der sich jetzt nach Pangalos. Kondyles und Zaimis ans Steiler gesetzt haben mag. Schließlich wars diesmal nichts davon. Die englische Eskader hatte bei ihrer Einfahrt in den Hasen nur ihre Bifitkarte abgegeben. -- . . . Bei all dem sehen die Inden, daß für sie in Saloniki keine rechte Zukunft blüht. Während der Griechen immer noch mehr werden, wandern sie aus. Merkwürdig, daß dabei sozusagen ihre Avantgarde von den „D ö n m e h" gebildet wurde. Das sind - die Nachkommen jener Anhänger Sabbatai Zewis. die, seinem Beispiel folgend, zum Islam übergetreten waren; sie hatten sich, da sie Ehen nur untereinander schlossen als deutlich erkennbare Gruppe bis in die Jetztzeit erhalten und sich soglar durch Reichtum und Bildung hervorgetan. Aus ihrer Mitte kam ja die jungtürkische Schilberhebung, welche Abdul Hamids Sturz, ferne Einkerkerung in der Billa Allatini und die Herrschaft des Komitees ,Jtch?d wetercki (Union le progres) nach sich zog. Wie hatte ich daraus gebrannt, die Dönmeh kennen zu lernen! Mein Wissensdurst sollte keine Befriedigung finden. Denn die griechische Regierung hat die Reste der Dönmeh — es waren ihrer zuletzt nur mehr 200 Familien mit 1000 Köpfen — samt allen anderen Mohammedanern aus dem Land gefegt. Sie zerstreuten sich nach Konstantinopel, Smyrna > und der neuen Dürkenhauptstadt Angora. Dort werden sie wohl bald völlig verschwinden, zumal sie ihrer besten Köpfe beraubt sind. Tallat Pascha, einer der drei Diktatoren des Osmanenreiches im Weltkrieg, wurde vor ein paar Jahren in Berlin von einem Armenier rriederg.'knallt, und kürzlich hat der Staatspräsident Kemal Pascha drei anderen . hervorragenden Dönmeh, dem ehemaligen Finanzminister Djavid Pascha, dem vormaligen Innenminister Nasmi Pascha und dem verdienten Stadtkommandanten von Smyrna Rachmi Bey, den Hochverratsprozeß gemacht und sie hängen lasten. Di-e Juden Salonikis weinten den abwandernden Dönmeh keine Träne nach. Trotz der muslimischen Maske hingen sie ja noch immer den Sabbatianischen Ideen nach; so feierten sie nach den Lehren ihres Meisters den Tischebeaw als Festtag und liefen mit Zuckerwerk, das die Aufschrift ,.Chag" trug, provozierend herum. Ja, die jüngere Generation der Dönmeh setzte geradezu ihre Force darein, als tüvkffche Ueberpatrioten den Zionismus zu vernadern. Der größte Deil der freiwillig abwandernden Juden Salonikis zieht nach Frankreich, wo sie bereits eine Kolonie von 10.000 Seelen bilden. Auch Palästina ist — dies ein Beweis der Werbekraft des Zionismus — ein beliebtes Ziel. So hat sich bei Akko eine Kolonie jüdischer Fischer angesiedelt. -- Die Salonikier Juden, die, wie die meisten Svphardim, sehr empfindlich sind und sich beim Aufbau Erez Israels zurückgesetzt fühlen, glauben, gegen die zionistische Leitung Beschwerden zu haben, daß man ihren Palästina-Immigranten nicht genügend zu Hilfe kam. Mag nun dieser Vorwurf berechtigt sein oder nicht, wäre es im hohen Interest? unserer nationalen RaMierung gelegen, den Zuftrch der volkstreuen, werktätigen Juden Salonikis nach Altneuland aufs tatkräftigste zu fördern.