Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-02-26 · Heft 2873 (26.2.1927) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2873 (26.2.1927)
Date
1927-02-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2981961--29213-3017321
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wiener Morgerrzeitrmg 26. Februar 1967 Nr. 2873 Mit der Zolltarisnovelle geht es übrigens vom sozialdemokratischen Gesichtspunkte aus wie in der Geschichte von dein zerbrochenen Topf. Herr Bauer hat ja kürzlich <ntseinandergesetzt, die Novelle sei erstens eine Augenauswischcrei, zweitens können ihre Sätze wegen den handelsvertragliche»» Bindmtgen n»it Ungar»: und Jugoslawin» nienmls »virksam werden. Wozu also das Geschrei? Doch nur dazu, die in- und ausländischen J»»den als Verräter, ais Brottierteuerer, als Kömdl-Wucherer und schließlich auch als opferbereite Verbündete der christlichsozialen Reaktion an den Pranger zu stelle»» uttd dem lieben Volk der Wähler sich selbst als Retter der deutschen Treue und her deutschen Ernährung bestens . zu cinpfehlen. Zu diesem Zweck die Proskriptiottsliste nnt I den dazu gehörigen Erzählungen. Bon Lr. Rahn« Goldman«.*) »Zerbe S Wien, Samstag ollo oju? ’oirö' oiro o][o mstm 6)fo .o\/o ol so ptQro} fexyis) ZU DEM LSXiASJ KREUZWORTRAETSEL Nr. 14 (ojGJLSJ ,WIENER MORGKNZEITÜNG" isjom WuT ollo olfo ojlo ott« owo .o»/o. ol/o ol so ol so olso Zn- und ausländische Juden. —y, Wien, 26« Februar. „Tie in- und ausländischen Juden". Das Wort ist gestern in der „Arbeiter-Zeitung" zu lesm. Es ist also nicht notwendig, besonders hervorzuheben, daß es dort im antijüdischen Sinne gebraucht ist. Diese innud ausländischen Juden sollen in Niederösterreich begütert sein, was in den Augen des sozialdemokratischen Zentralorgans schon an sich ein Verbrechen ist. Das ist ihnen von der Partei des Rechtes, der Freiheit und der Gleichheit schon wiederholt gesagt worden, und die gegen die Verausländerung durch Juden gerichteten Brandartikel würben durch den Abgeordneten Schneeberger im Nationalrat und durch den Abgeordneten Popp im Landtag mit der gebührende»» Entrüstung verlesen und mit der deutlich an die Antisemiten der schwarzen Couleur gerichteten Anklage, daß sie das Vaterland an die Juden verkaufen. Der gestrige Ausbruch ist aber besonders bemerkenswert. Das Zentralorgan ist daraufgekommen, daß diese Juden zu dem antisemitischen Wahlfonds Beiträge leisten. Bewiesen ist das nicht (wobei wir uns erinnern, daß das Zentralorgan bisher noch immer nicht die Zusage eingelöst hat, gelegentlich die christlich sozialen Kuckuckseier in der „Wiener Morgenzeitung" aufzuzählen). Es wird behauptet. Was denn? Mittwoch fand im Liechiensteinschen Palais eine Großgrundbesitzerversammlung statt, in welcher vorgeschlagen wurde, einen Schilling pro Hektar zum Wahlfonds zu leisten. Unter den rund ziveihuttdert Teilnehmern waren viele jüdische Großgrundbesitzer und Pächter, die zumeist für den Antrag stimmten. Ob die ganze Geschichte wahr ist, wissen wir nicht. Wir haben Grund, eher das Gegenteil anzunchmen. Wenn sich aber die Sache so verhält, fo ergibt sich, daß viele Juden da waren, von denen die Meisten für den Antrag waren. Dieses „viele" und ,^»ie meisten" besagt also für die Gesamtheit, daß es wenige waren. Was der Angelegenheit sofort ein anderes Gesicht gibt. Es wäre natürlich «in Verrat an jedem jüdischen Interesse, wenn auch nur ein. Jude auch nur einen Groschen für einen antisemitischen Fonds hergibt. Das zu erklären, haben aber nur Juden das Recht, die sich eben als Juden bekennen. Keinesfalls aber hat die „Arbeiter-Zeitung", die in ' puncto Wahlgelderannahme sonst nicht antisemitisch gestimmt ist, dieses Recht zur Rüge. Um kein Mißverständnis hervorzurufen, »vollen wir gleich sagen, daß wir es auch als antijMsch ansehe»», wenn ein Jude für den sozialdemokratischen Wahlfonds, den die „Arbeiter-Zeitung" vertritt, Geld zeichnet. Wenn nun aber ein jüdischer Besitzer tatsächlich für eine antisemitische Partei Geld gibt, in welchem Zusammenhang steht dies mit „den Juden"? Das Zentralorgan stellt ihn, wie schon bemerkt, sofort her: das sind die Juden, die das Vaterland und die deutschen L ge. an die Tschechoslowakei verraten. Die „Arbeiter-Zeitung" wiederholt also die Liste dieser Verbrecher, für deren Verbrechen sie aber auch wieder nichts beweist. Sie haben Güter gekauft, das ist alles. Ihre Betriebe waren vor kurzem in einem sozialdemokratischen Organ als Musterwirtschaften beschrieben. Aber „diese Herrschaften". — sagt die „Arbeiter-Zeitung" — „bilden natürlich nur einen kleinen. Teil der in Niederösterreich begüterten in- und ausländischen Juden". Man merke sich den Ton dieser Argumentation und man überdenke nochmals den Sachverhalt: Es wird etwas erzählt, was nicht nachprüfbar ist, was, wenn es tvahr ist, nur einigen zur Last fiele; das wird erzählt, um alle anzugreifen, weil sie. als Juden, die in der Tschechoslorvakei als Juden und Deutsche bei der Agrarreform enteignet wurden, hier Meierhöfe kaufen. Mehr wird ihnen nicht vorgeworfen. Md wenn man sich das gemerkt und überdacht hat, dann vernehme man die Schlußfolgerung, zu der die „Ar-. deiter-Zeitung" gelangt, nacktem sie die Proskriptionsliste dieser tschechoslowakischen und polnischen Juden abgedruckt hat. Wozu läutet sie die Pogromglocke? Dazu: „Bisher hat man nur von den jüdischen Banke»» und Bankiers und von den jüdischen Großindustriellen gewußt, daß sie dem Herrn Dr. Seipel reichlich für den christlichsozialen Wahlfonds spende»». Nun werden auch die' christlichfozialen Bauern, denen man den Juden noch immer als den „Feind" hinstellt, »vissen, »oer ihre Brr-? tretet wählen mithilft. Man versteht aber jetzt, warum und tvozu die Regierung die Zolltarifnovelle eingebracht Hai." Hier tMen wirs also. Die agrarischen Wucherzölle fiiib eingebracht-, »veil sie von diesen jüdischen Hochverrätern und Spionen verlangt werden und die Regierung erfüllt die Forderung, tvofür dann die vielen und von ihnen die meisten für einen Wahlsvndsantrag stiminen. Man versteht jetzt die befördere ZweOestinumwg dieser denunziatorischen Liste. V. Ich verstehe, wenn Pazifisten aus diefem ©nrnbe unseren Anspruch auf Palästina beztveifeln oder gar' ab-» lehnen. Mit ihnen setzen wir uns auseinander. Aber wo die logische Berechtigung für Zionisten sein soll, eine große jüdische Minorität als sittlich berechtigt, eine jüdische? Majorität als sittlich unberechtigt zu erachten, das kann ich nicht verstehen. Man soll diese wirklich wersentliche Rechtsfrage des Zionismus mit aller Deutlichkeit stellen und beantworten. Wird Palästina unsere Heimat, dann wird sie nicht mehr Heimat des gesamten arabischen Volkes sein; sie rvird Heimat der Araber in Palästina bleiben, subjektiv, aber nicht in dem nationalen, kollektiven Sinne mehr, daß Palästina lediglich ein Teil der Gefamtheimat der arabischen Welt ist. Das ifc »Venn man es unbedingt fo nennen »vill, ein gewisses Unrecht, das aber sehr minimal wird; wenn man bchenkt, daß dieses arabische Volk noch eine ungeheure HeiMat (beinahe ganz Borderasien, von anderen' Ländern gar nicht zu reden) besitzt. Es ist für die Existenz dos arabischen Volkes nicht »»wesentlich, ob Palästina mit zu seiner gewaltigen Heimat in Asien »nitzählt oder nicht; wir aber haben keine andere Heimat auf der Welt als dieses Stückchen Land; unsere Existenz steht und fällt mit ihm. Dieses höhere Recht, dieses elementarste Recht eines Volkes, »oer»»» a»»ders man Völker als berechtigt aner- Aerztlich empfohlen. — Wirkt sicher, »n allen A-ppttieRem kennt, legitimiert uns und die Welt, insofern sie uns hilft, wenn wir dem arabischen Volke sogar eim gewisses, minimales Unrecht antiÜ»? Sosteht E Frage und so" alleinkann sie ein Zionist beantivorten. Was die Frage der jüdischen Majorität damit zu tun hat, ist mir unbegreiflich; es ist die typische Flucht eines sich schlecht glaubenden Gewissens, »renn man glaubt, mit bem Verzicht auf die Majorität jenes angebliche Unrecht wieder gutgemacht zu haben. Man entgeht der Frage damit nicht ün geringsten, sondern man hat das getan, was immer in solchen Fluchthandlungen erfolgt: man hat die eine Partei geschädigt, man hat der arideren nicht rocht getan, man hat nach beiden Seiten hin unfruchtbar gewirkt'und hat lediglich für sich die eingebildete, Ruhe eines angeblich guten Gewissens gerettet. Und ganz das gleiche gilt nun, urn noch den letzten Komplex von Gesichtspunkten kurz zu erwähnen, von dir oft zitierten Notwendigkeit der Rücksichtnahme a!uf die öffentliche Meinung der Welt. Unsere politischen Forderungen, argumentiert man, sind nur zu realisieren durch die Mithilfe und Sympathien der internationalen öffentlichen Meinung, und da, es nur natürlich ist, daß wir nur auf die Sympathien der fortschrittlichen, demokratischen und pazifistischen Eleme»»te rechnen können, so darf unser Programm nichts enthalten, »Vas vom Standpunkt der Prinzipien einer fortschritt-- lichen Politik verdammenswert sei. Es braucht wohl nicht, gksagt zu werden, »oie wenig entscheidend dieser Gesichtspunkt überhaupt ist. Ob die internationale Oeffentlichkeit die Berechtigung unserer Forderungen einsieht oder nicht, ist eine Frage unserer politischen Arbeit, unserer Propaganda, unserer Fähigkeit, sie von unserem Rocht zu überzeugen; aber dies kann niemals der bestimmende Gesichtspunkt für die Formulierung unserer Forderungen selbst sein. Vom Standpunkt der internationalen, fortschrittlichen Welt erschien dev jüdische Widerstand gegen die völlige Assimilation zu Beginn des 19. Jahrhunderts als ein unverzeihlicher Akt, und alle demokratischen Kreise verschrien damals das jüdische Streben nach Beinahrung unserer Eigenart als Ghettojudentum, als reaktionär, als bornierten Eigensinn eines fanatischen Volkes. Ganz das gleiche würde auch heute gelten, wertn die Situation überhaupt so wäre. Aber sie ist zum Glück gar nicht so, wie sie dargestellt wird. Diejenigen Elemente in der internationalen Oeffentlichkeit,' die unsere Forderungen verstehen, begreife»» auch die Komplikation unseres Programms hinsichtlich der Araberfrage und begreifen das höhere Recht, das u»»s legitimiert. Mit dem schematischen Maßstabe einer Merweltsdemokratic läßt sich der Zionismus und läßt sich die Judenfrage »richt messen- und wenn manche Demokraten und Pazifisten dies' nicht verstehen, ist das nicht unsere Schuld, und die Konsequenzen zu ziehen haben nicht wir. Im übrigen sind das alles eingebildete Uebertreiibungen. Wer •) Siehe „Wiener Morgenzeitung" dom 19., 31«, 26., 24. und 26. Februar. urrter den Nichtjuden die Tragik unserer Situation vev» steht, wird gerade begreifen, daß »vir in erster Reihe nach Heimat, nach Majorität streben; denn nur Juden — und leider Gottes auch Zionisten — muß dieses Streben in seiner sittlichen Berechtigung nachgewiesen werden. Ter nichtjüdische Politiker versteht es von selbst. Er kann die Existenz einer Judcnfrage Überhaupt leugnen, da nützt es nichts, wenn wir von Minorität rede»»; er kann das Streben nach Heimat negierendann gibt es für ihn. eben keine Judenfrage. Anerkennt er aber den nationalen Gedanken und begreift er die Tragik unserer heimatlosen Existenz, dann wird er ohne weiteres auch üttfer Streben nach Majoritätsbildung in einem Lande der Welt verstehen,, und alle Erfahrung beweist, daß unsere Freunde in der. nichtjüdischen Welt es sehr wohl verstanden hüben» Auch hier »st immer Schwäche der Grund dieser Argumente; man fühlt sich nicht stark in der Berechtigung dereigenen - Forderu»»gen, und daher zittert man vor Dem und fürchtetman Jenen. Die entscheidende Frage liegt nicht hier, sondern in der Zielsetzung des eigene»» Willens. Will man Heimat, »vill ma»» Majorität und glaubt man an »hre Möglichkeit? Das allein entscheidet. Ich, habe es für notwendig gehalten, den Fragen-, konrplex etwas eingehend zu erörtern. Es ist unvermeidlich' dabei, Tinge und Gesichtspunkte zu »viederholen, die für Zionisten Banalitäten sind oder wenigstens sein sollte»». Daß es notwendig ist, sie. heute nach 25 Jahren Zionismus zu wiederhole»», ist wiederum 'das Verdienst jener, denen die alten Ideen nicht mehr genügen und die eine Revision unseres politischen Programms herbeiführen wollen. ' Zum Schlüsse sei mir sroch ein Wort erlaubt, das . sich in erster Reihe an den deutschen Zionismus richtet. Es ist bekannt, daß in der zionistischen. Welt/ , keine allzu lebhafte Vorliebe für die deutsche Spielart . des Zionismus besteht. Jch^brauche hier nicht auf die Grü»»de einzugehen, die zum größten. Teil unberechtigt sind, und niemand ,wird mir wohl nachsagen, daß es Mir an Verständnis für die spezifischen Eigenarten dieses deutschen Zionismus fehlt, der unter allen Erschieinungsformen der zionistischen Weltorganisation nicht nur eine der interessantesten, solcher», wie ich- Überzeugt bin, eine der fruchtbarsten ist. Aber cs . liegt in seinem Wesen, daß er entscheidende Elemente des Zionismus in ihrer Bedeutung unterschätzen muß, insbesondere die politischen Elemente. Ter Zionismus in , Deutschland trägt ebenso an sich die Spuren seiner Herkunft und seiner Umwelt wie der Zionismus irgend ciines anderen Landes. Dies heißt, daß er vor allem deutsch ist, und dies bedeutet apolitisch in einem beinahe unheilbaren Grade; mid dies bedeutet zum zweiten, dah er deutsch-jüdisch ist; das heißt »venig volkhaft, »venig begründet in den elementaren Instinkten und der Notwendigkeit des jüdischeu Volkslebens, sondern mehr eine Angelegenheit eilt* zclner jüdischer Menschen, atomisierter Inder», deren Wille zur Rückkehr zur jüdischen Gesamtheit noch "nicht die mangelnde Verbundenheit ersetzen kann. Nirgends im Zionismus ist so viel vom jüdischen Me»»schen die Rede wie in Deutschland; nirgends wird so viel Gewicht gvlegt auf jene allgemein menschlichen, seelischen, individuellen Motivationen, aus denen heraus ein assimilierter Jride Zionist wird. Für keinen Zionisten der Welt ist das Zioniistwevden so entscheidend gegenüber dem Zio- »ristsein wie für den deutschen Zionisten. Er ist doch immerzu ei»» werdender Zionist, A>ei£ es ihm nur selten gelingt, ein volles, wirklich jüdisches Sein Hch zu or- »oerben. Darum ist für ihn die Bewegung wlchtigerals das Ziel, der Weg wesentlicher als der Endpunkt, die " Mittel schöpferischer als der Zweck. Dies alles sei nicht im Sinne irgendwelchen Tadels gesagt; es ist begreiflich, es ist natürlich, es ist organisch, und darum ist es fruchtbar, und die »vesentlichsten Leistungen des deutschen Zionismus sowohl im Theoretischen wie im Praktischen sind Resultate dieser Eigenart. Mer es resultiert daraus mit Noüvendigkeit der Mangel an Verständnis für der» Zionismus als Volksbewegung, als die nationale Befreiungsbewegung des geknechteten jüdischen Volkes, dem das Ziel das Entscheidende ist: die Normalisierung des Volkes; für die der Eichpunkt das Weserülichste ist: die Wüidergelvinnung einer eigenen nationalen Heimat und für die der politische Charakter der Bewegung ihr entschechender Charakter »st. Es ergibt sich aus alledem, daß der deutsche Zionismus verpflichtet ist, jeritte. Grenzen zu kennen. Wirkt er sich innerhalb der ideologischen Äruichlrgung der zionistischen Idee in ihren menschlich«^» ifvh fceUr . scheu Fundamenten aus, danti leistet er Wesentliches; betätigt er sich praktisch in der propagandistischm »»nd organisatorischen ArbeU, dam» schafft er Vorzügliches.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.