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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-25 · Heft 2872 (25.2.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2872 (25.2.1927)
Date
1927-02-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. SRS Men, Festtag S8. Febraar 1927 Seite 8 Lagesbericht. Stt ftSrzrnüe Gesimse. v*ine Statt auf de« SieptzanSptatz schwer verletzt. Ern UnglückSfoll, der sich gestern auf dem Stephansplatz ereignete, hat großes Aufsehen hervovgerusen und große Menschenansammlungen zur Folge gehabt. An dem Hause Nr. 2 des S:epharnsplatzes, daß der Nähmaschinenfirma Singer». Komp, gehört, hat sich ein Baugeb rechen eingestellt. Gegen 6 Uhr abends ist aus der Höhe des mitten StoidverkeS die steinerne Gesimsstühe in ansehnlichem Gewichte in die Tiefe gefallen. Das große Stück, das etwa 30 Zen:imeter im Durchmesser hat, bröckelte im Fallen in mehrere Teil« auseinander und die größeren Stücke schlugen mit großem Gerose auf das von Passanten dicht begangene Pflaster auf. Entsetzt stoben die Leute auseinander. Eines der kleineren Stücke traf die 90jährige Private Truide Sandig, 2. Bez., Rembrandtstraße 34 wohnhaft, die sofort schwer verhetzt und blutüberströmt zusammenbrach. Trümmer fcs Mauerlverles bedeckien das Straßenpflaster. Passanten sammelten sich in solcher Menge an, daß der Verkehr an der Stelle stockte. Man mußte befürchten, daß noch »»eitere Mauerstücke herabfallen könnten. Das Wachzimmer Am Peter wurde in Kennmis gefetzt und die ganze verfügbare Mannschaft rückte aus, um die Straße an der Unfallstelle abzusperren. Indessen hatte man eie Verletzte in den Flur des Hauses getragen. Die ReimngSgesellschaft wurde berufen und der Arzt stellte bei der Verunglückten eine schwere Gehirnerschütterung, eine zwei Zentimeter lange SBiwtfx oberhalb des rech:en Auges und eine zehn Zentimeter lange Platzwunde am Scheitel fest. Diese Wunde blutet« sehr stark mtfc erst die klinische Untersuchung wird ergeben, ob auch der Schädekknochen verletzt ist. Die Frau wurde verbunden und auf die Unfallstation gebracht. Das Staktbauam: verfügte die Absperrung der Unfallstrlle in weitem Umfange. Das Haus sollte schon längst repariert werden, doch hatte sich die Angelegenheit hinausgezogen. Nun wird dsr Bauzustarch genau untersuch: werden. Traf Stenlierg kontra Keyserling. Ter Darmstädter Weisheitslehrer Graf Keyserling, einer der ödesten Klugschwätzer der Gegenwart, hat jüngst in Wien einen Bartrag über den „Sinn Europas" gehalten; auf dieses Gerede, das ernst zu nehmen er sich angesichts der herrschenden Keyserling- Moide anscheinend verpflichtet fühlt, antwortete gestern Graf Adalbert Sternberg, ein reger, aber wahrlich kein übermäßig philosophischer Geist, in einem nicht allzu stark besuchten Vortrag im Großen Konzerthaussaal. Er wandte sich vornehmlich gegen Keyserlings Stellung (oder wie man es sonst nennen will) zum Christentum und zum Paneuropa-Gedanken. In langer, von allerhand Vergleichen und Symbolen begleüeter Darstellung legte Graf Sternberg seine philosophische Auffassung vom Christentum dar, das ihm u. a. verklärtes Judentum bedeutet. Bon der Anschauung ausgehend, daß Politik eine Ausstrahlungsform der Religion sei, stellte der Vortragende sodann eine Art religiösen Paneuropäismus als menschheitliches Ideal auf. Ter Borttag war einigermaßen ermüdend und sein Anlaß war eigentlich nicht die Bemühungen des Vortragenden wert. wwWR Wi«cgfR]«tlitltg 8ai «ei» Dorker Schachturnier. Rem Hort, 24. Februar. In der vierten Runde des Weltmetsterturniers kämpften als Anziehende Capabl an ca gegen Bidmar, Niemzowitsch gegen Spielmann, Marshall gegen Aljechin. Alle drei Partien wurden unregelmäßig eröffnet und keine von ihnen kam zu Ende. Capablanca und Niemzowitsch haben gute Gewinnchancen, während das Endspiel zwischen Marshall und Aljechin aller Wahrscheinlichkeit nach Remis enden wird. Der gegenwärtige Turnier st and ist: Capablanca 2J£, Niemzowitsch, Vidmar lfä, Mjcchin, Spielmann 1, Marshall H. Aljechin und Spielmann haben zwei Hängepartien, alle anderen Teilnehmer haben eine Hängepartie. 81« verwegener Kaffenranb. Am Potsdamer Bahnhof. Berlin, 24. Februar. Ein dreister Kassenraub wurde gestern abends gegen 12 Uhr auf dem Potsdamer Bahnhof verübt. Im Vorraum der Fahrkartenschalter hatte sich bereits seit langer Zeit ein Mann in verdächtiger Weise bemerkbar gemacht und die Aufmerksamkeit der Beamten auf sich gelenkt. Dieser Verdächtige schlug plötzlich mit dem Schaft eines Revolvers vor den Augen, zahlreicher Passanten eine Schalterscheibe ein und raubte den Kaffenbestand der Fahrkartenausgabe für den Fernverkehr. Dem Täter sielen mehrere hundert Mark in die Hände. Auf die Rufe „Haltet den Räuber" richtete der Täter auf seine Verfolger den Revolver. Es gelang dem Burschen, nach dem Potsdamer Platz zu flüchten und hier im Gedränge zu verschwinden. Heltiger Schneeftnrm in «nmSnien. Bukarest, 24. Februar. Seit 48 Stunden wütet ein heftiger Schncesturm, durch den der Eisenbahnverkehr auf der 2i::ie Bukarest — Constanza gänzlich unterbunden wurde. Auf den anderen Linien können die Züge nur mit großen Verspätungen verkehren. Die Radio-Empfangsstation in Constanza hat von mehreren Schiffen auf hoher See Notsignale erhalten. Aus dem ganzen Land wird außerordentlich starker Frost gemeldet. In Klausenburg betrug die Temperatur heute früh Minus 22 Grad. Eine Mion gegen die ßmisten-Unknhen. Lond»«, 22. Februar. (I. T. A.) In der letzten Sitzung des Board of Deputies wurde mitgeteilt, daß dem rumänischen Gesandten in London, Herrn Titu - l e s c u. ein Schreiben übermittitt wurde, in welchem unter Anführung zahlreicher Tatsachen dargelegt wird, daß die Unsicherheit der jüdischen Bevölkerung in Rumänien eine Verletzung des Minderheitsvertrag.es b 'deute. Der Gesandte hat den Brief seiner Regierung übermittelt und dem Joint Foreign Committee mitgeteilt, daß M i t de Februar eine ausführ - liche Antwort geg?ben werden würde. .Eine gleiche Aktion wurde von der Alliance Jsraelite Universelle in Paris unternommen. Das Komitee der jüdischen Delegationen 'hat in dieser Angelegenheit eine P e tition an den Völkerbund gerichtet, in welcher formell um Intervention zum Schutze der rumänischen Juden und gegen die Verletzung des Minderbeitsvertrages ersucht worden ist. L9weii Franzbranntwein alt Menthol Das gute Einreibe- Hausmittel. fetaumufc. üeberall erhältlioh. OOOOOOOOOOOOOOOOCOOOOOOOOCXXXXX)OOOOOOOI Joint Foreign Committee b e sch l o tz, falls die Korrespondenz mit der rumänischen Regierung nicht zu einem befriedigenden Resultat führen sollte, Schritte nach anderer Richtung zu unternehmen. Bis jetzt ist die angekündigte Antwort nicht eing:troUen. rer Sowjet'Anlisemktismnr. Moskau, 24. Februar. (I. T. A.) Nach den bisher vorliegenden Nachrichten haben sich an den Wahlen zu den ersten 10 jüdischen Dorfsowjets in der Ukraine 62,2 Prozent der Wähler beteiligt. Unter den Gewählten sind 10 Prozent Frauen, 17 Prozent der Gewählten sind Kommunisten, 39 Prozent arme Bauern. Da das neue Wahlgesetz von manchen Ortsbehörden streng ausgelegt wurde, durften sich zahlreiche ältere jüdische Bauern wie auch Neu-Siedler an den Wahlen nicht beteiligen. In der alten jüdischen Kolonie Jnguliez waren 222 Bauern (12 Prozent der Wählerschaft) nicht wahlberechtigt. In der jüdischen Kolonie Jslutschiste durften 96 Bauern (10 Prozent der Wählerschaft) das Wahlrecht nicht ausüben. In der Kolonie K a m e n k a waren 100 Bauern (12 Prozent), in Neu-Zytomir 67 (9 Prozent) von den Wahlen ausgeschlossen. Auch wenn sich die jüdischen Bauern im Handel im zulässigen Rahmen der Bauernbewirtschaftung beteiligen, verlieren sie ihr Wahlrecht, andere deshalb, weil sie einmal vorübergehend sich fremder Arbeit bedient haben. Die Zeitung „Emes" bringt eine große Reihe Aufsehen erregender Tatsachen über Wahlrechtsraub in den jüdischen Kolonien und warntdavor^den Bogen zu straff zu spannen. Reichstagrprsisident Larve schwer «rtnmft. Berlin, 24. Februar. Reichstagspräsident Loebe ist von einer Blinddarmentzündung befallen worden. Heute hat sich sein Befinden so verschlechtert, daß nachmittags eine Operation vorgenommen werden soll. Die an L o e V e durchgeführte Operation hat ergeben, daß der Reichstagspräsident einerseits an älteren Verwachsungen, andererseits an einer frischen, sehr schweren Entzündung des Blinddarms mit eitrigen Belägen litt. Die Operation, die dreiviertel Stunden dauerte, nahm einen guten Verlauf, doch läßt sich jetzt noch nichts Voraussagen, zumal im Verlauf des heutigen Nachmittagdie T e m p e r a t u r g e st i e g e n war. Saloniki. Eure Reifebrief von Dr. G. M. Zwerg. 1. Wer sein Päckchen Bildung auf den Lebensweg imfcbcftwn, muß beim Namen Saloniki aufhorchen. Das stolze Thessalomke der alten Griechen, dem die Vundesgenossenschaft Athens nicht vor dem Zugriff Philipps von Mazedonien half. Die Lieblingsstadt seines großen Sohnes Alexander, durch sein Sieges-. denkmal geziert, das noch heute aufragt. Und trotz des Sturmes der Zeiten und der Böller blieb Saloniki stets als Hafen und Handelsemporium bedeutsam, bis in die Türkenärq hinein. Noch zuletzt war diese Ausfallspforte zum Mittelländischen Meer der Sehnsuchtstmum des GrotzÄsterreichertums. Bis es im Weltkrieg zur Residenz Venizelos' wurde, von wo aus die Entente zum. Todesstoß gegen die Zentralmächte ansetzte. Und gar uns Juden sagt Saloniki so viel! Hier bildete sich ein starkes Zentrum der aus Spanien Vertriebenen, reich an Bolkszahl, stark an Glaubenstreue und groß an Wissenschaft. Und Hier jubelte man mit Inbrunst Sabbatai Zewi, dem Messia's, zu. Mit Ungeduld schaute ich deshalb vom Bord des kleinen Dampfers „Poippi" aus, der mich jüngst auf der Fahrt von Palästina nach Europa von Athen her Saloniki zuflihrte. Doch welch verändertes Bild bot sich mir! Mit dem Saloniki vorwiegend jüdischen Gharcvkters, wie man es uns immer geschildert 'hatte, ist es wohl endgültig vorbei. Dieser böse Umschwung begann von dem Momente an, da die Stadt in den Balkankriegen — der Türkei entrissen — dem hellenischen Reich zufiel. Und wurde seit dem Weltkrieg nur noch beschleunigt. Bekanntlich Haben die Dikkei und Griechenland, seitdem sie zum letztenmal die Waffen gekreuzt und sich gegeneinander abgcgrenzt haben, vereinbart, ihre Minderheiten aus dem fremden Gebiet heimzuholen. So strömten Millionen flüchtiger Hellenen aus Konstantinopel und Kleinasien nach Griechenland und ein Teil von ihnen wurde in und um Saloniki angcsiedelt. In dieser Stadt stehen nunmehr 70.000 Juden nicht weniger als 400.000 Griechen gegenüber. Und während früher die Juden im Völlergemenge Mazedoniens ein Volk unter Böllern waren, geschützt und getragen vom Wohlwollen der osmanischen Staats- Nation, bilden sie Heute eine geduldete Anomalie im national geschlossenen Verband von Großhellas. Dieser Umschwung wird ans den ersten Blick sichtbar. Gaben vordem die hebräischen Lettern der Firmenschilder Saloniki ihr Gepräge, -hat nunmehr alles griechischen Anstrich. Natürlich kam das. nicht spontan, sondern unter dem Druck eines Mas, wonach jede Firmierung in fremder Sprache und Schrift hoher Gebühr unterliegt, die einer Geldstrafe gleichkommt. Im Gemeinderat «haben von 28 Mandaten die Juden ihrer nur 3 inne. Zwei weitere jüdische Mandate, die von Kommunisten besetzt waren, hat Diktator Panigalos einfach kassiert.- Die kommunistische Bewegung unter den Juden wurde dadurch freilich nicht erstickt. Beweis dessen, daß erst bei der jüngsten Parlamentswahl von den 4 jüdischen Mandaten ihrer 2 den Kommunisten zufielen. Die anderen beiden Abgeordneten sind Zionisten. Es scheint verblüffend, daß in einer Stadt wie Saloniki, wo bis auf ein paar Zigarettenfabriken fast jede Industrie samt ihrem Proletariat fohlt, und überdies in einem zum Großteil orthodox-jüdischen Milieu der »Kommunismus Fuß fassen konnte. Doch lietzt sein Nährboden in der großen Not der jüblschen Masse, die oft nicht einmal ein ordentliches Dach über dem Kopf hat. Seit dem großen Brand, den kt Weltkrieg der nachher als Oberkommissär von Syrien -berüchtigte französische General Sarail angestiftet hat, uw die Stadt mit ihren Riesenporräten nicht unversehrt den Zentralmächten zu überlassen, sind viele Häuser und besonders in den jüdischen Quartieren nicht wieder erbaut. So hausen die Aermsten in Schulen, Synagogen und elenden Baracken zrHammengepfercht. Dabei wirb der Kommunismus auch hier von Moskau aus dirigiert und finanziert. Ist es doch höchst charakteristisch für ihn, daß er sich fast.restlos kt Kampf gegen den „imperialistischen, englandfreundlichen" Zionismus erschöpft. Das von Awram Benaroja gegründete kommunistisch« Tagblatt .Avanti" unterhält seit Jahr und Dag eine skrupellose Hetze gegen jede Regung jüdischen Selbstbewußtseins. Sogar die endlich erlangte Hilfsbereitschaft des ,^Joint" wird als «in Versuch zionistischer MachtgeLüste verketzert. Eine Generatzirabe ihrer terroristischen Methoden wollten die Kommunisten im Dezember oblegen, als I a b o t i n s k y auf der Rückfahrt von Erez Israel in Saloniki angekündigt war. Man gab die Parole aus, diesen ,-Genossen Petljuras, diesen Weißgardisten und jüdischen Fascisten" gebührend zu empfangen. Die Zionisten blieben daraufhin ihre Antwort nicht schuldig und sammelten sich zu Tausenden, samt der Mischen Feuerwehr, am Bahnhof, um ihren Mann zu schützen. Sein musrkumrauschter Einzug in die Stadt gestattete sich geradezu triumphal — natiürlich Wasser auf die Mühle der Revisionisten. Der Pikanterie halber sei gleich betgefügt, daß Jabotinsky, als er für di« Weiterfahrt bas jugoslawische Transitvisum brauchte, es als Russe und daher bolschewikenverdächtig nicht eher bekommen konnte, bis der Präsident der Zionistischen ^Organisation in Belgrad, Dr. Alcalay, interveniert hatte. Gottlob g'.bt es dank der chaotischen Verhältnisse unter den seit jeher neuerungWchtigen Griechen — auch unter diesen kommunistische Querköpfe, so daß die Juden wenigstens auf diese Marke kein Monopol haben. Der Zionismus seinerseits zählte in Saloniki fest langen Jahren ergebene Anhänger. Hatte doch hier der nunmehrige Großrabbiner der Sephardim Palästinas, M v i r, seinen Amtssitz und wirkt noch Heute das frühere

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