Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-02-25 · Heft 2872 (25.2.1927) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2872 (25.2.1927)
Date
1927-02-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2981960--29202-3017309
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 Wien, Freitag Wiener Morgenzeitnng 25. Fe-bruar 102TT Nr. 2872 ZudenstaatundiüdifcheMajorMinPMftina. »on Ir. Rahum Solvmann*) IV. - Ans einem ganz anderen Kreis von Gedankengängen und Empfindungen heraus ist der zweite und eigentlich entscheidende Komplex von Argumenten geschöpft, mit dem man gegen die hier vertretene Formulierung des zionistischen Endzieles ankämpft und aus dem heraus vor allem man zu ihrer Anzweiflung gelangt. Es ist dies die Frage der Gestaltung der Beziehungen des jüdischen Volkes in Palästina zu den Arabern. Ohne die Bedeutungsschwere der arabischen Frage irgendwie verkennen zu wollen, die ich zu einer Zeit schon als das erüscheidende Problem des Aufbaues betrachtet habe, als die' jüdische Rundschau" nne alle arideren noch mit Begeisterung Weizmanns Formel von „Palästina, das so jüdisch sei wie Erlgland englisch", bejubelt hat, muß ich doch sagen, daß wir in den letzten Jahren bei manchen cir,e Manie in der inneren Bewertung und Beschäftigung mit dem arabischen Problem beimachten können, der schon wenig mit rationellen Argumenten beizuwmmen ist und die schonbeinahe ins Gebiet der Psychose hineingehört. Auch das ist jüdisch, galutjüdisch in einem hohen Grade: sich Sürgen zu machen um das Uebermorgen, bevor das Morgen noch irgerünme klargestellt ist. Die berühmte Milchrechrmng ' ist bei anderen Bölfent ein Kuriosum; bei uns ist sie das Uebliche. Ter völlige Mangel an Sinn für Tatsächlichkeiten und die bequeme Neigung, im luftleeren Raum entfernter Visionen zu operieren, beides wesentliche Eigenarten galutjüdischer Psyche, die aus der Situation im Galut durchaus begreif? lich sind, vereinen sich zu der Eigentümlichkeit, Probleme lösen zu wollen, deren Aktualität noch nicht im geringsten vorhanden ist. Damit will ich nicht sagen, daß es keine Araberftage für uns heute gibt. Es gab sie vor dem Kriegs eS gibt sie insbesondere nach dem Krieg, und vor Jahren schon habe ich mir erlaubt, darauf hinzuweisen, daß sie an Bedeutung fast noch wichtiger ist als die. Beziehung zur englischen Maudatarmacht. (Man wurde da-, mals verfemt, wenn man es zu sagen wagte.) Aber diese Araberftage ist heute in erster Reihe eine Frage der menschlichen Haltung der Juden Ln Palästina auf der einen und der politischen Tagesarbeit auf der anderen Seite. Wenn man in dieser Hinsicht aus die zionistische öffentliche Meinung einwirkt, wenn man dafür Sorge trägt, daß die Juden Ln Palästina zu einem wirklich nachbarl«yen, menschlich - -anständigen, Verhältnis zu den Arabern erzogen wejden und daß aufder aicheren. Seite unsere politische Arbeit jede nur denkbare Aufmerksam^ keit diesen Dingen widmet, dann ist es wohlgetan und ein nützliches Werk. . Sinnlos aber wLG es, ioenn man auch hier sofort nach dem Letzten greift.und schon heute eine klare Forfür die endgültige Beziehung zwischen Juden und Arabern'aufstellen will. Es ist unmöglich, es heute ^zu tmi,. weil die Voraussetzungen dafür fehlen, die nämlich darin bestehen, daß, um. hier schon gar nicht mehr von einer Majorität zu reden, Juden und Araber in Palästina'einigermaßen in gleicher Starke vertreten sind und so eine wirkliche Verhandlungsmöglich keit zwischen beiden Gruppen gegeben ist. Diese Möglichkeit ist heute noch, mcht..vorhanden, weil die Juden im Lands zu fchwach. und die Araber im Lande politisch viel zu wenig reis und organisiert sind, um eine solche endgültige Form' der Beziehungen schaffen zu können. Gerade solche Dinge, wiq die Regelung der Beziehungsformen zwischen zwei Bevölkerungsgruppen eines Landes — schwierigste wub delikateste Aufgabe der Politik überhaupt — lassen sich nicht machen, .sondern erwüchsen aus Jahren des Ringens, des. Zusammenlebens, des Zusammenioirkens, und man erschrecke .nicht. — auch des Miteinänderkämpsens; wie eben alle stabilisierten Formen menschlicher Beziehungen überhaupt zu erwachsen Pflegen, für die es keine Formel und keine schematisierte Form gibt, wenn sie echt und fruchtbar sein sollen. Und deswegen besagt der binationale Stckat ebenso wenig wie irgend eine andere abstrakt klingende Phrase in den politischen Resolutionen unserer Kongress. Wir können eben nicht der Zeit vorgreifen; was wir heute zu tun vermögen, ist die ehrliche Gesinnung zu haben, zu einer wirklichen Verständigung und zu kommen. Es wird. Jahre und Jah^chrüe dauern, bis aus dieser Gesinnung, wenn sie schon in der Majorität der Juden in . Palästina, verwirklicht sein sollte, die politische Form, und die Formel dafür herauswachsen wird. Mit dem' „binationalen Staat" ist doch nichts gesagt, außer dem' einen, daß wir keinen Judenstaat in dem Sinne haben werden, daß. die Araber zwangsweise Juden werden sein müssen. Gerade wenn man binationalen Staat predigt, wftd doch die Frage der Majorität oder Mir, rität die entscheidende Frage. So lange man dazu nicht Stellung nimmt, besagt jene Formel nichts, und wenn Jabotinsky sogar den binationalen Staat akzeptiert, wofern die jüdisch« Majorität Voraussetzung sei, so ist dies nicht der Versuch einer Karikierung dieser heiligen Formel, sondern die richtige politische Glossierung zu diesem nichtssagenden W'ych Siehe „Wiener Morgenzeitung" vom 19., 31., 03. und 24. FOruar. ' ■ Aber metttt schon von der arabischen Frage gesprochen ivird im Zusammenhänge mit der jüdischen Majorität, sei eS gestattet, das Problem ein wenig zu vertiefen und auf seine wirkliche Problematik zurüchuführen. Das einzig ernsthafte Argument, mit dem man sich hier auSeinander- ,setzen muß, ist die Frage, welches Recht wir Juden haben, die arabische Majorität in Palästina zu einer Minorität umzugestalten. Gerade derjenige, für den Majorität im Laude innerlich soviel bedeutet, wich das Recht dieser Fragestellung anerkennen, wenn mau sie nicht, wie es manchmal geschieht, so banal formuliert, daß mmr in dem Streben nach Majorität brutale MachtpoMk und in dem Verzicht auf sie sittlichen Pazisismus zu sehen glaubt. Mit dieser Argumentationsiveise läßt sich nichts anfangen, und es kann vor nichts mehr gewarnt werden als vor der Einführung dieser demagogischen Begriffe in unsere Diskussionen. Wenn ^nämlich Streben nach jüdischer Majorität Machtpolitik bedeutet, dann bedeutet auch Streben nach jüdischer Minorität Machtpolitik. Tenn vom Standpunkt der Araber, die heute in Palästina leben, ist . auch eine starke jüdische Minorität unerwünscht witb jede größere jüdische Immigration überhaupt. Wenn sittliche Politik nur darin bestehen soll, den Aufbau eines Landes lediglich nach dem Willen der dort lebenden Einwohner zu gestalten, dann basiert der Zionismus auf einem unsittlichen Streben, dann ist das Mandat Englands und die Balsour-Deklaration der klare Ausdruck einer Machtpolitik. Dann — die Dinge sind so offenkundig, daß mau sich wohl nicht zu scheuen braucht, sie auszusprechen — wenn man heute eine Abstimmung unter den Arabern Palästinas vornehmen würde, so würde die große Majorität gegen jede jüdische Immigration sich aussprechen, von der Balsour-Deklaration und dem. Nationm Home gar nicht zu reden. Aber wenn man diesen Standpunkt konsequent zu Ende denken würde, dann würde jü>e kolonisatorische Wirksamkeit in der Welt unmöglich; dann müßte Afrika so lange der ausschließliche Besitz der Neger verbleiben, bis diese sich von selbst zu einem hochentwickelten Kulturvolk herangebildet haben würden, dann sind die Vereinigten Staaten von Nordamerika das Produkt der größten Verbrechen, die die Weltgeschichte kennt (zum Tell sind sie es in der Tat), -und dann sind alle großen kolonisa^rischen Völker in der Geschichte, Römer, Germanen, Spanier, Holländer, Englärcker, reine Verbrechernationen. Man braucht diesen Standpunkt nur. ein bißchen in seinen Konsequenzen auSzudeüten, um seine Absurdität zu demonstrieren. Es ist der Standpuntt jenes naiven und bequemen Pazifismus, der sein moralisches Sprüchlein hersagt und glaubt, damit die großen tragischen Konflikte und Notwendigkeiten der Geschichte beantwortet zu haben. Geschichte ist eben in ihren wesentlichen Teilen Macht, nur — und lediglich darin ruht das Kriterium, das sittliche von unsittlicher Politik scheidet — Macht muß nicht immer äußere physische Gewalt sein. Cs gibt die höhere Macht der Leistung,, der seelischen Überlegenheit, der intellektuelle» Stärke,, die sich immer in der Welt durchsetzt auf Kdsten der. Minderbegabten, der Zurückgebliebenen, der Faulen, der Schwachen. Und von diesem Standpunkt wahren Rechtes ist das Ziel des. Zionismus, ist die Besiedlung.Palästinas durch die Juden, ist die Balsour-Deklaration, ist das Mandat eben gerechtfertigt, well es sich hier um die Eröffnung von Möglichkeiten zu produktiven Leistungen handelt; weil hier ein vertrustetes Land, das seine jetzigen Bewohner durch Jahrhunderte hindurch nicht irgendwie enttvickelt, sondern in vielem noch vevvahrloft haben, zu neuer Blüte gebracht und well und dies ist das Entscheidende — einem heimatlosen Volke, dem die Möglichkeit großer nationaler Produktivität infolge seiner HeimatDsigkeit genommen ist, diese Möglichkeit wieder zurückgegeben werden soll. Ja, ich gehe noch weiter und glaube, daß nicht nur von dem allgemeinen Standpunkte des Rechtes in der Geschichte und Politik unser Streben nach Besiedlung Palästinas durch uns gerechtfertigt ist, sondern auch von einem speziellen Gesichtspunkt aus, der gerade die Stellung des jüdischen Volkes in der Geschichte betrifft und aus den vor Jahren hingewiesen zu habe» Jakob Klatzkin das Verdienst hat. Wir Juden nehmen seit Jahrtausenden ein« Sonderstellung in der Welt ein, eine Sonderstellung im Unrecht, im Vergewaltigtwerden, in dem Leid, das man uns angetan hat. Wir haben ein Recht auf Reparation . dieses Unrechtes, wie jede- Unrecht einmal korrigiert wer- ' den muß. Sogar »venu die Rückführung der Juden nach Palästina im Widerspruch stände zu diesen oder jenen Prinzipien eines extrem pazifistischen Katechismus, so würde der sittlich höhere Anspruch, den wir aus die Korrektur des uns angetanen Sonderunrechtes haben, uns berechtigen, dieses Sonderrecht für uns zu verlangen. Tie Welt hat uns gegenüber ein großes Debetsaldo, und wenn-die Geschichte Verwirklichung der Sittlichkeit .werden soll, so muß dieses Trbetsaldo ausgeglichen werden; sogar — ich gehe durchaus so weit — loenn dadurch irgendein anderes kleines Debet entstehen sollte. ' Mer wie'gesagt, ich. wähle hier mit Absicht die extremste Formulierung, um die Absurdität jener pazifisttschtzn Argumente, die man gegen die Forderung einer jüdischen Majorität, vorbringt, auszuweisen. Und nun die ganze na- , IoTcToA‘>TcToJI«'T (/(JieilJöJlo fflOl K UP O N ZU DEM KREUZWORTRAETSEL Nr. 13 DER „WIENER MOROKNZElTÜNG" türliche Schlußforderung: Wenn der Anspruch des jüdischen Volkes auf feine Kolonisation in Palästina, präzis gesprochen, wenn unser Anspruch auf Einwanderung, soweit es nur die Möglichkeiten des Lairdes zulassen, wenn die Balfour-Deklaration, wenn das Maildat zu Recht bestehen, warum soll ausgerechnet die jüdische Majorität, die wir erstreben, ein Unrecht sein? Nicht hier liegt doch die Frage des arabischen Gegenrechtes, sondern in d«r Vorfrage, ob wir den Anspruch darauf haben, daß ein Land, das einer bestimmten Bevölkerung seit Jahrhunderten Heimat ist» uns wieder Heimat wird. Es kann und wird den Arabern auch Heimat - bleiben, aber nicht mehr so, wie eS heute ist; denn ob jüdische Majorität oder Minorität, ihr Wille wird/nicht , mehr allein das Schicksal dieses Landes bestimmen. Baldlvin an Tschitscherin. —y, Men, 26. Februar. Der englisch-russische Zwiespalt, der schon feit dem Siege der Bolschewiken als drohender Schatten im Hintergrund der weltpolitischen Bühne steht, ist nun zu einer scharfen Note Englands gediehen. Dieses diplomatische Schriftstück ist an sich schon ein Unikum. England protestiert gegen Verleumdungen von Regierungsmitgliedern, tvirft Rußlands Ministern eine sixe Idee und die Verbreitung falscher Nachrichten vor und stellt den Abbruch der diplomatischen Beziehungen für früher' oder später in Aussicht. Es fehlt nur das Ultimatum. Die Note ist eine Erwiderung aus die jüngst, von Litwinow, dem Stellvertreter TschitscherinS, in. der Moskauer offiziellen „JSwestia" veröffentlichte Warnung an England, das bei einem Schritt gegen Rußland nur seine Industrie und seinen Außenhandel gefährden würde. Den unmittelbare» Anstoß zu dem schroffen Brief der Regierung Baldwins bildet die Feststellung russischer Truppen im Verbände der Kanton-Armee. Rußland wird ja die Verbindung mit diesem Bataillon, dessen Maschinengetvehre - Hangtschau eroberten, bestreiten, aber mit einem Dementi kaum viel Glauben finden. In der asiatischen Politik Rußlands ist die antibritische Tendenz das bewegend« Prinzip, und diö Sowjetpropaganda zielt immer rein« und. klarer auf die englische Position in Süd- und Vorderasien hin. Es ist die alte Feindschaft russischer und englischer Kolonialpolitik; die Gegensätzlichkeit bürgerlicher, und proletarischer Weltanschauung ist nur vorgetäuscht. In Asien arbeitet Moskau mit dem Nationalismus, und die Hörer der Universität Samarkand, die sich der Bolschewismus zum Propagandazentrum ausgebaut hat, lernen, das einzige, was ihnen im Ohr bleibt, und dort, wo Nußnur Rchen gegen den englischen Imperialismus. Das ist lands Unterstützung . gerne' angenommen wurde, geschah dies nur bis zu einem gewissen Grade. Mit russischem Geld und russischen Waffen hat Müstapha Kemal gegen die von Englmw protegierten Griechen gesiegt. Nachher öffnete « die Kerker für die Kommunisten^ Affällig ist aber der Zeitpunkt, den sich das britische Kabinett für seine Note ausgesucht hat. Im Augenblick lag bereits eine entschiedene Besserung der Situation in China vor. England' hat Hankau cmsgegeben, wahrscheinlich für immer,, und - seine ganze Kraft auf Schanghai konzentriert. Tort ist der Generalstreik aufgegeben worben. Ob er durch den Scharfrichter des Militärkommandanten gebrochen wurde oder von den Gewerkschaften freitvillig eingestellt worden ist, darüber liegen zuverlässige Nachrichten noch nicht - vor. Man wird aber nicht sehlgehen in der Annahme, dqß dse - Ankündigung amerikanischer und französischer Verstärkungen zu diesem Ergebnis sehr viel beigetragen hat. Die ausländischen Staaten mußten zur Abwendung der größten Gefahr sich zu einem einheitliche Vorgehen entschließen. Bon Dauer wird ja diese im Angesicht des Todes geschlossene Front nicht sein, und die EifersuchtsintriM, hinter denen das Prositinteresse steckt, werden nicht lang« auf sich warten lassen. Mer England hat die Atempause wahrgenommän, um die Auseinandersetzung mit Rußland nicht länger zu verschieben. Tie britische Politik rechnet imm« mit den Tatsachen, und sie findet sich jetzt damit ab, daß für die nächste Zeit die Kantonregierung in dem inneren Konflikt den Sieg davongetragen hat nick sich mit den neu auftauchenden Problemen beschäftigen muß. Dies« Notw«ndigkeit entzieht sie auch dem überstarken Einfluß Rußlands. Damit sind die Gefahrenmomente rwch lange nicht beschworen, und die Welt wird noch geraume Zeit von dem eyglisch-rnssischen Gegensatz beunruhigt werden. Tie Note Englands bringt ihn zur Entladung, aber ihr brüsker Ton muß noch nicht Krieg bedeuten, dem Rußland ich eigensten Interesse auszuweichen wünscht. Die Note ist der grobe Keil auf den groben Kliotz. Ein Frisdensschrttt iK sie ftetlich nicht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.