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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-24 · Heft 2871 (24.2.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2871 (24.2.1927)
Date
1927-02-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 287. Wien, Donnerstag Wiener Mersen-ettrm- 84. yebnwr 1807 Sette 3 Tagesbericht. Sie Verladung der evangelischen Vieche. DK Alldeutschen verlangen dm Arierparagraphen. Wie wie erfahren, würde in der letzten Hauptversammlung der im Verein „Schönerer" vereinigten Alldeutschen Oesterreichs beschlossen, an alle evangelischen Kirchenbehörden des Augsburger Bekenntnisses die Aufforderung zu richten, für diese Kirche den Arierparagraphen einzuführen. Das hat unseren israelitischen Assimilanten noch gefehlt. Es war doch so schön und lieblich in der evangelischen Kirche A. B. Man konnte mit einem Ruck nicht nur Christ, fottbertt auch Vollblutarier, Alldeutscher und vielleicht gar Rosch-Hekvhol, pardpn, Vorstandsmitglied der „Schönerer-Klaus" werden und für den Arierparagraphen in allen Belangen mit Gut und Blut eintreten. Die evangelischen Kirchenbehörden haben dabei offenbar kein schlechtes Geschäft gemacht, denn sie sirch, gerade in der letzten Zeit sehr bemüht, der römischen Kirche im Wettbewerb um die jüdischen Seelen den Rang abzulaufen uUd den Sieg streitig zu machen. Die evangelische Kirche A. B. scheint es aber den Herren Alldeutschen zu arg getrieben zu haben. Seit der denkwürdigen Los-von-Rom-Bewegung ivar die Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche A. B. sozusagen die Voraussetzung um als einwandfreier Alldeutscher anerkannt zu werden. Nun soll dieses kirchliche Reservoir an Uraricrn fast völlig ausgeschöpft sein, so, daß der „Schönerer"-Verein schon kaum inehr als Mtnjen an Ariern mit mehr als einem einwandfreien Ahnen aufzuweisen haben soll, während die Zahl derjenigen, die reinem^ Arierparagraph nicht standhalten könnten, so groß ist, daß die Gefahr einer Verjudung des alldeutschen Vereins besteht. Ob die aufgeforderten Kirchenbehörden für die Zukunft auf die seelischen und finanziellen Einnahmen von den fahnenflüchtigen Juden werden verzichten wollen, ist sehr fraglich. Sollten sie aber sich hiezu entschließenden Arierparagraphen auch rückwirkend in Anwendung bringen und uns die weggetauften Israeliten wieder zurückschicken, so erklären toic schon jetzt, daß wir auf solche Retourware gerne verzichten. Es waren nur „Muster ohne Wert". Rothstock. der Gre«M. Tier Atördee verrückt oder nicht? Wir haben seinerzeit mitgeteilt, daß das Wiener Zivillandesgericht die medizinische Fakultät der Wiener Universität um ein Gutachten über den Geisteszustand des Mörders Roth stock ersucht hat. Dieses Gutachten wurde erstattet und es erklärt, daß Rothstock seine Angaben unaufhörlich ändere und daß er zugab, Richter und Psychiater beschwindelt zu haben. Das Zeug zur Wahnöildung und zur okkulten Verrücktheit habe er in sich, aber er sei nicht geisteskrank. Für die Zukunft beweise das aber nichts. Zn diesem Gutachten, das von den Professoren Wagner-Jauregg und Reim ann ausgearbeitet wurde, macht nun das Rekursgericht in seinem Beschluß, Rothstock nicht freizugeben, die folgende Bemerkung: Geisteskrankheit und Geistesgesundheit seien nicht durch eine scharfe Grenzlinie, sondern durch eine breite Sphäre der Grenzfälle geschieden. Rothstocks Wesen rechtfertige Bedenken und Sorgen. Da diese nur in Mängeln seines Seelenlebens ihre Ursache haben müssen, muß daraus gefolgert werden, daß Rothstock zurzeit nicht geistesgesund sei. Das aber verpflichtet das Gericht, den angefochtenen Beschluß abzuändern und die Zulässigkeit der weiteren Anhaltung Rothstocks auszusprechen. Das will keineswegs sagen, daß er deshalb iu einer geschlossenen Anstalt gehalten werden müsse. Darüber soll die Anstaltsleitung im Einvernehmen mit den Verwal-. tungsbchörden urteilen. Sitter macht Welttevolutto«. Das Organ Hitlers, der Münchener „Völkische Beobachtet, sucht sich über den totalen Zusammenbruch der Völkischen dadurch hinwegzuhetfen, daß er international wird. Er predigt die Weltrevolution: „Will der völkische Gedanke leben, so muß er genau so wie der Bolschewismus dazu übergehen, auch and-.re Staaten zu revolutironieren. Nur die Weltrevolution der Völkischen aller Staaten kann dem jüdischen Imperialismus mitsamt seinen leihkapitalisljischeu Polypen den Todesstoß versetzen. Wir haben also nicht nur schon jetzt, sondern erst recht nach Erringung der Macht in Deutschland die Pflicht, die hoffentlich entstehenden nationalsozialistischen englischen, amerikanischen usw. Arbeiterparteien auf jede Weise gegen ihre Regierungen zu unterstützen und ihnen die Durchführung der Revolution zu erleichtern. Im Kampfe gegen die Weltpest des Leihkapitals also schreiten wir international." In der gleichen Nummer wird ein Brief von Theodor Fritsch abgedruÄ, der seinen Austritt aus der Neichsleitung der Völkischen und seinen Uebertritt zum Nationalsozialismus erklärt. Kürzlich ist, wie berichtet, auch der tapfere Reventlow von der Wullr-Gruppe zu Hitler übergegangen, nachdem sich die völkische Reichstagsgruppe aufgelöst hatte. Sa» Rew Dorier Schachturnier. Berlin, 23. Februar. Die Blätter bsrichten über das Schachturnier in Newyork: Gestern wurde die dritte Runde.ausgetragen. Capablanca hatte die Weißen Steine gegen Marshall zu verteidigen. Die Partie nahm einen scharfen Verlauf und wurde von Capablanca in bestem Stil gewonnen. Die Partien Vidmar-Spielmann urw Aljechin-Niemzewicz wurden remis. Der Stand des Turniers nach der dritten Runde ist folgender: Capablanca 2,5,N iemzewicz, Vidmar 1,5, Aljechin, Spielmann 1 und eine Hängepartie, Marshall 0,5. Rotlanvung de» Wri.stiegers de Pinedo. Paris, . 22. Februar. (Havas.) Der „Matin" meldet aus Rio de Janeiro: Der italunische Ozeanfliogier de PInedo überflog hie Insel Fernando Noronha am 2 Uhr 20 Minuten nachmittags und flog in der Richtung aus Port Natal weiter, wurde aber durch eine Panne geG.vungen, auf hoher See z u l a n d e n. Ein brasilianischer Kreuzer entsandte ein Boot, das de Pinedo a-ulsnaihim. Der Mechaniker blieb aus -dem Wasserflugzeug zurück, das vom Kreuzer nach der Insel Fernando Norowha geschleppt wurde. De Pinedo ist wohlbehalten. Das WasserslnM.Ulg befindet sich zwei Dt eilen von der Insel entfernt unter Bewachung eines Bootes. Kennen Sie schon die grandiose Wirkung des DIANA Franzbranntwein Jeder GESUNDE und Jeder KRANKE wird es Ihnen bestätigen, daß die denkbar beste Wirkung durch Diana*Franzbranntwein mit Menthol erzielt wird. Vcberall ertattMHdi. kinlraMng der Wiener Kultnsgemrinde ins Goldene AnA Anläßlich des 25jährigen Jubiläums des Keren Kajemeth hat die Israelitische Kultusgemeinde Wien beschlossen, sich in das Goldene Buch des Keren Kajemeth eintragen zu lassen. Sie hat auch den entfallenden Betrag an den Keren Kajemeth abgeführt. EkhShmg der errintionsfreiea Minimums. Ter Nationmrat ist gestern der vom Bundesrat vorgeschlagenen Fassung des Gesetzes über das exekutionssre'e Minimus bcigetreten. Demnach wird die Rückwirkung auf den 1. Jänner aufgehoben. Das Gesetz tritt also am ersten Tage des auf die Kundmachung folgenden Kalendermonats in Kraft; es ist auch auf Exekutionen und emsMilige Verfügungen, die vor diesem Tage bewilligt, und auf freiwillige Verfügungen, dis vor diesem Tage getroffen worden sind, anzuwenden, aus letztere jedoch mit folgenden Einschränkungen: Ist innerhalb der bisherigen gesetzlichen Grenzen der Abzug eines Betrages in ziffermüßig bestimmter Höhe vereinbart worden, so ist dem Gläubiger dieser Betrag auch weiterhin bis zur Abstattung der Schuld auszufölgen. Ist der Abzug des ganzen der Exekution unterliegenden Betrages vereinbart worden oder übersteigt der vereinbarte Betrag die bisherigen gesetzlichen Grenzen, so ist dem Gläubiger weiterhin bis zur Abstattung der Schuld der Betrag auszufolgen, dessen Abzug auf Grund der bisherigen Vorschriften von dem dem Schuldner zuletzt im Jahre 1926 gebührercken Monats- oder Wochenbczug zulässig war. Erdbeben i« Bulgarien. Sofia, 23. Februar. Wie die Abendblätter melden» wurde heute früh im Kreise Schumen ein heftiges Erdbeben verspürt. In der Ortschaft Kastitschan ist das Gemeindehaus e i n g e st ü r z t, mehrere andere Gebäude wurden schwer beschädigt. Nähere Einzelheiten fehlen noch. Zum Tode Foel ö.iyels. Von C. Sirkes (Tel Awiw). Ein plötzlich hereingebrochenes furchtbares Gewitter tobte drei Tage und Nächte ohne Unterbrechung. Aus bleigrau-en Wolken strömten ungeheure Wassermengen, Hagel, Blitz und Donner. Das Meer schrie derzweifelt, vom Sturme aufgewühlt. Riesige Wassenbergs rasten wert über das Ufer heraus. Doch stärker als die entfesselten Natu Gewalten brach über die verängstigten Gemüter die Nachricht vom plötzlichen Ableben Joel Engels herein. Den von einer schweren KranVheit Genesenden, den der Arbeit, dem freudigen Schaffen, der Gemeinschaft und Liebe Wiedergcwonnenen raffte plötzlich eingftretene Herzschwäche in lvenigen Augenblicken dahin. Noch lag das Notenblatt, auf dem er an seinem Liede ,.Oneg Scha.bat«h" (die Schabalihfveud-e) bis zum letzten Atemzug gearbeitet hatte, unvollendet, noch erfüllte den Raum seine warme Persönlichkeit, doch er selbst lag inmitten der ausgeschreckten Freunde, die in Scharen seine stille Behausung auffuchten, still, bleich entrückt... Joel Engel, seit 1897 als Musikkritiker in Moskau tätig, erzwang sich kraft umfassenden Wissens, scharfen Geistes, rmd vor allem durch das unbestechliche vornehme Wesen die führende Stellung in den ersten Zeitungen Rußlands. Sein Urteil ivar bestimmend für das gesamte Musikleben. Es dauerte nicht lange als der trotz seiner Jugend schon berühmte Mann sich mit dem ganzen Wesen der jüdischen Volksmusik zuwan-dte. Er sammelte und ordnete das verschüttete und, verstreute Material, arbeitete vieles um, bereicherte es mit eigenen Sstüpfungsn. Durch zahlreiche Veranstaltungen, durch das lebendige, überzeugte Wort, durch literarische Aufsätze, durch musikalisch illustrierte Vorträge in Moskau und in den Pwvinzstädten, die er teils allein, teils mit Anffi (dem Verfasser des Dybuk) veranstaltete, gelang es ihm,, die Aufmerksamkeit der breiten jüdischen Massen immer stärker auf das Gebiet der jüdischen Volksmusik zu lenken. Die Gründung der ersten Gesellschaft für jüdische Volksmusik in Rußland, «die starke Bewegung in den Kreisen der Mischen musikalischen Jugend und die Tatsache, daß bedeutende jüdische Komponisten zum jüdischen Stoff zurückk-chrten, sind auf Engels unermüdliches Wirken zurückzuführen. — Mit ganzer Seele in der jüdischen Musik aufgehend, verlor er nicht den Zusammenhang mit Tonwerken allgemeiner Natur. Jedes echte Kunstwerk fand in ihm starken Widerhall, jede neue musikalische Erscheinung einen willigen, unvoreingenommenen Lauscher. Seit drei Jahren lebte er in Palästina. Er war gekommen, um am Aufbauwerk der Heimat teilzuhaben. Um leben zu können, wirkte er als Lehrer im Seminar und in Musikschulen. Die Musilk zu „Dybuk", die sowohl in Europa, wie in Amerika starken Erfolg erntete, die Musik zu den Pere-z-Einaktern, eine große Zahl von Liedern und sehr viele literarisch bedeutsame musikalische Aufsätze bilden die Hinterlassenschaft. Gerade jetzt sind es 25 Jahre geworden, seit Engel sich der jüdischen Musik zu widmen begonnen hatte, 25 Jahre stillen, emsigen Wirkens an der Aufgabe, der er bis sum letzten Augenblick treu und selbstlos gedient hatte. G Joel Engel war eine giftige Seele, eine edle Kämpfernatur, dem alles Kleinliche, Trübe fernblieb- Ein Fanatiker der Arbeit, der Pflicht. Schon durch sein ehrliches und heiteres Wesen, durch die Strenge des Verantwortungsgefühls, welches i'fjm innewohnte, wirkte er aus uns, denen er Führer und beratender Freund lvar, ermutigend. Als ich einmal vom Umnut eines Augenblickes hingerissen, zu behaupten wagte, daß es vielleicht erst der kommenden, hier geborenen Generation gelingen wird, die Verhältnisse im Lande zu meistern, unterbrach mich Engel heftig: .. Und der Schweiß, der heute diese Erde tränkt, das Herzblut das hier täglich und stündlich fließt? Jeder Tag ist heilig. .."Er verstand es wie nur Wenige, jeden Augenblick zu schätzen, in der Gegenwart zu loben. Beim zweiten Symphoniekonzert im Jänner, welchem er trotz der schon keimenden Krankheit beiwohnte, kam er auf mich freudestrahlend zu: „... Es war schon wirklich ein Mozart; diese, Feinheiten! Und an Stelle des Fagots ein altes Reisekofferhavmonium, haben Sie gesehen? Aber es wird, es wird immer besser und mehr..." Ein vornehmer, bescheidener, ^allzu bescheidener Mensch. Immer bereit zu geben, ohne das Geringste für sich zu beanspruchen. Ich entsinne mich, wie er ängstlich abwehrte, als man ihn anläßlich seiner 25jährigen Wirksamkeit an der Belebung jüdischer Volksmusik während des Musikerkongreres feierte. Er haßte das Getue, die Aeutzerlichkeitcn. An seiner Leiche (er wiederholte es bei jeder Gelegenheit) wollte er keine Blumenspenden, keine Grabreiden haben. Leidenschaftlich hing er am Leben, ganz besonders liebte er Kinder, immer bereit ihnen zuzuhören, sie zu beschenken, mit Kinderliedern, Kindertänzen. Was er für sie tat, es war ihm immer zu wenig. Die musikalische Ausbildung in der Arbeitertheaterschule ,,-Ohel" war ihm eine Quelle reinster Freude. Mit der ,^>hel"-TruPPe, die vor einigen Monaten in den Kolonien die Peres-Einakter darstellte, bereiste Engel das Land. Die Liebe, die begeisterte Aufnahme, die er überall vorsand, verjüngte

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