Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2871 (24.2.1927)
- Date
- 1927-02-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Donnerstag Msr-e«rrttrm- 24. Februar 1927 Nr. 2871 >JP ollo ojlo OHO Io fäjTtL« KUPONS ZU DEM S12"^ KREUZWORTRAETSEL M- IQ iir« i« DER „WIENER MORGENZEITÜNO" 12X2XS. ujytj Die Briefe des Marschalls Conrad. —y, Wien, 24. Februar. Die „Vossische Zeitung" v«röfsent.:S>t znczeh un^eoruLe Briefe des Marschalls Conrad von Hötzendorsf an den General Bolfras, den Chef der Militärkanzlei deS Kaisers Franz Josef. Der österreichische Heerführer hat sich in diesen Schreiben an einen .Freund zunächst nur seine eigenen Stimmungen und Verstimmungen vom Herzen re':«.: wollen. Da aber jeder Brief auch einen ganz bestimmten Zweck haben muß, so handelte es sich dem Marschall darum, durch den Adressaten auf den alten Kaiser zu wirken und dies in einer Richtung, die an Pikanterie wohl kaum noch erreicht werden kann. Der Marschall gebraucht gegen die deutsche Armee, gegen die Führung wie die Mannschaft die schärfsten Ausdrücke: Brutalität, Egoismus, widerliche Gesellschaft; vor den deutschen Kaiser, den er als taktlos bezeichnet, tritt er nur mit dem buddhistische.: Gefühl der Selbstverleugnung. In diesem Tone geht es durch alle (bisher veröffentlichten) Briefe. Die mit solchen Empfindungen Betrachteten sind nicht der Feind, den zu beschimpfen patriotisches Gebot war, sondern der Bundesgenosse, mit dem die Monarchie Schulter an Schulter marschierte. Erinnert Man sich an diese schöne Zeit, die uns die Wassergläser und Tabakpfeifen mit den handverschlungenen .Kämpen bescherte, in der es waffenbrüderliche Bereinigungen regnete, so muß man wohl sagen, die wahre Liebe war das nicht. Wenigstens oben in dm Regionen, die über Leben und Sterben entschieden und die das gemeine 'Volk versicherten, wir seim bei Deutschland in der starken Hut der Nibelungentreue, und es müßte nach dem Kriege unter Führung "Berlins ein Mitteleuropa entstehen, das über Wim, Budapest, Bukarest über Kvnstantinopel bis nach Bagdad reichen würde. Einschließlich der austrvpolnischm Lösung. Es war also eine große Zeit, in der Conrad von Hötzendorff seinen Krieg auf zwei Frontm schlug. Gegen Wien und Berlin, und in deiner bestrebt war, sich an allerhöchster Stelle Hilfe zu schaffen. Vielleicht kommen noch einmal ungodruckte Briefe Falkenhayns oder Ludendorffs heraus, die uns die Anschauungm der Gegenseite vermitteln. Ueber die Oesterreicher, die allesamt eine faule, schlappe Barcke warm, habm wir ja schon , einiges gehört. Daß dve großen Siege in diesem Kriege, die doch bis zu dem bekanntm Schluß immer nur von dm Mittelmächten erfochten wurden, 'Eigentum des Berliner Generalstabes waren, ist von Wien immer erbittert bestrittm woTden. Das ist aber in dem traurigm Lichte der folgmden Ereignisse höchst gleichgültig und interessiert höchstms die Professoren der Metzgerei. Weitaus wichtiger aber ist, daß Marschall Conrad in einem vom Jänner 1915 datierten Brief zornig bemerkt, durch den Ausgang der Marneschlacht sei doch ohnedies schon alles verpatzt, und dies durch Schuld der prenßisch-dmtschm Kriegsgötter. Auch das wäre keine neue Entdeckung, und die Oberste Heeresleitung trug sehr bald die bittere Erkmntnis heim. Aber sie behielt fi> bei sich. Statt sofort zum Frieden zu schreiten, stellte sie sich an die Spitze der Turchhalter. Wer zu dieser Zeit auch tmr akademisch vom Frieden zu r^en wagte, war ein jüdischer Kriegswinsler. Und siehe da, der österreichische Marschall wußte auch um das Geheimnis. Er sah als Sachverständiger auf das Gemetzel, das ihm doch schon als sinnlos Vorkommen mußte, ihm noch eher als seinen preußischen Gegnem. Tenn er hatte zu jener Zeit bereits die erste Kraft Oesterreichs und Ungarns verbraucht; die Armem der ersten Linie warm zu Schlakkm ausgebrannt, im Hinterland begann schon der Hunger, der sich durch keinm Patriotismus stören ließ. Conrad wußte, daß die Monarchie versagen mußte; er wußte, daß Jtalim trotz aller Künste der deutschm Diplomatie, die mit österreichischem Gebiet sehr freigebig war, auf die beite der Entmte treten werde — aber trotz seiner Wissenschaft blieb er, trotz der widerborstigen Preußm, bei »der großen gemeinsamen Sache" und ließ unbeirrt Menschen zu Hekatomben hinmorden. Und auch in Oesterreich- Ungarn war jedes Anstreifm an den Frieren als jüdische Feigheit, jüdischer Verrat stigmatisiert. Das ist nun die besondere Ethik deS Krieges, des Vaters der Dinge. DaS ist die Ethik, dle aber mit dem Kriege nicht ihr Ende gefundm hat und noch weiter grassiert. Wird nicht immer wieder erzählt, daß dir diversen Treubund-Vaterländer nach vierjährigem Helden-, haften Siegm durch einen Dolchstoß aus dem von den Juden dirigierten Hinterland um die Frücht« ihres heroischen Ringens gebracht worden feien. Aus diesen Erzählungen ist doch ein ganzes, wohlgeschlossenes politisches System geworden, das sich auch feine Literatur geschaffen hat. Me Staatserhalter und Hinterlandpatriotm leben und athmen in dieser Ethik, deren Begründer und Vorkämpfer die Wahrheit zur rechten Zeit erkanntm und still blieben, Weil ihr Bedürfnis nach dem Lordcer stärker war als ihr Mut und ihr Menschlichkeitsemp'inden. Nach der Marnefchlacht war der Krieg verloren, aber die Wissenden, setztm den Massenmord unbekümmert fo t; sie verlangen heute noch die politische Führung und die soziale Geltung und toben gegen die jüdische Demokratie. mm ma a k. mmmrn^ mm * 4M* m »«M»« M mrmmmam . „ , 4 Von Lr. Rahum Solvmann*) m. Ich habe versucht, in: vorstehenden die wichtigsten Argumente aiteinartderzureiheii, die die jüdische Majorität in Palästina als den heute einzigen formulierbaren Inhalt des politischen Endzieles des Zionismus klarstelle'i Welche Einwände gegen diese Formulierung unseres Zieles werden nun vorgcbracht? Es kann sich natürlich nicht darum Handels daß es Zionisten gebe, die gegen eine jüdische Majorität wären. Vielmehr handelt es sich bei der Diskussion lediglich um die Frage, ob die Majorität die unerläßliche Voraussetzung unseres Endzieles oder nur etlva im besten Falle wünschenswertes ist, in keinem Falle aber entscheidendes. Ueberprüft man die Gesichtspunkte, dle gegen die hier behauptete entscheidende Bedeutung der Majoritätsbildung in Palästina vorgebracht werden, so wird man drei Arten von Einwendungen unterscheiden können, imd was es besonders lohnend macht, diese Einwendungen zu prüfen, ist der Umstand, daß all diese objektiv gegen'den Majoritütsbegriff vorgebrachten Gesichtspunkte zugleich eigentlich die psychologischen Motive sind, aus denen heraus eine Reihe von Zionisten heute sich dazu bereit finden, die jüdische Majorität als die conditio sine qua non des Zionismus fallen zu lassen. Der erste Gesichtspunkt, der am wenigsten bedeutsame, auch in seiner psychologischen Bedeutungsschwere für diejenigen, die ihr: vertreten, ist der Zweifel an der ökonomischen Möglichkeit für die zionistische Be- Magen ii. Darmlefdende nehmen mit bestem Erfolge „BOLUCARaON“, zusammergesetzte Tierkohle-Tablet*en. Boiucarbon, von ältlichen Autoritäten empfohlen, bestbewährt bei Bläliurgen, Aufstoßen, akuten und chronischen Magen- und Daimbeschwerden etc., sind in der Apotheke C. BRADY, Wien, i., Rotenturmstraße 18, Ecke Flelschmarkt, stets lagernd, wo auch Literatur gratis erhältlich i$t Postversand überallhin. wegung, in absehbarer Zeit' eine jüdische Majorität in Palästina zu schaffen. Wir alle leiden daran, daß wir sanguinischen Temperamentes sind, und wenn der Zionismus es sich zur Ausgabe gesetzt hat, die seelische Verfassung des jüdischen Volkes zu ändern, um es überhaupt zu großer kolonisatorischer Wirksamkeit zu befähigen, so liegt hier der eigentliche Punkt, an dem! er seine erzieherischen Aufgaben erfüllen muß. Wir sind, so paradox es klingen mag, ein sehr wenig zähes Volk; unsere Zähigkeit liegt länglich in der Passivität. Wir sind große Dulder, aber ebenso wie die meisten Heldengestalten unserer Galuthgeschichte passive Figuren sind, alle mehr oder weniger Märtyrergestalten, so liegt auch die vielbewunderte Zähigkeit des galuthjüdischen Volkes in seiner Fähigkeit, vieles zu ertragen und noch dort eine Existenzmöglichkeit zu finden, wo ander« verzweifelt zusammenbrechen würden. Hingegen sind wir im Aktiven ein durchaus sprunghaftes Volk, leicht begeistert mW leicht verzweifelt, darum ebenso geneigt zu Illusionen wie zur Resignation. Wir haben uns in der Galuth so sehr daran gewöhnt, alles nur als provisorisch zu betrachten, daß uns das Gefühl, daß man das Leben auf eine Sache stellen karj:, ziemlich verloren gegangen ist. Ist es nicht dies, so ist es jenes; das ist eine grundlegende Form der seelischen Beziehungen des Galuthjuden zu den Dingen seines Lebens, und dieser Elastizität, wenn man es so nennen will, verdanken wir im Grunde die Möglichkeit, durch die Jahrhunderte der Galuth hindurch unsere Existenz gerettet zu haben. Diese Veranlagung, entstanden und außerordentlich bewährt für das Galuthvolk, ist gefährlich für ein Volk, das ein Land kolonisieren und eine neue Heimat bauen will. Kolonisation ist das schwierigste, am meisten Geduld und Zähigkeit erfordernde historische Unternehmen. Nur'Völker langen Atems auch im Aktiven,. Völker die warten, die die Verwirklichung des gesetzten Zieles auf Generation^ hinausschieben können, ohne das Ziel preiszugeben, nur solche Völker haben große kolonisatorische Leistungen vollbracht; und welthistorisch betrachtet, bedeutet der Zionismus die Bewältigung einer der schwierigsten kolonisatorischen Aufgaben der Geschichte. Gerade das letzte Jahr hat die Gefährlichkeit unserer galuthjüdischen Veranlagung gezeigt. Als im vorigen Jahr die große Einwanderu-nx *) Siche „Wiener Morgenzeitung" dom 19., A. und 33. Februar. nach Palästina vor sich ging, war. eine Majorität der Bewegung bereit, alle nüchtern:« Maßstäbe und jcden kritisch prüfenden Blick zu verlieren und die Verwirklichung des Endzieles bereits für die nächsten Jahre zu erwarten, ganz zu schweigen von jenem dummen und blinden Taumel in der ersten Zeit nach der Balfour- Deklaration, den auch diejenigen mitgemacht haben, die heute nichts besseres zu tun wissen, als zu warn.cn und Resignation zu predigen. Und es bedurfte nur des unvermeidlichen Rückschlages, der in dies:m Jahre erfolgte, um ebeuso weite Kreise der Bewegung wieder ins Pessimistische Umschlägen zu lassen und. eine gcwisie Hoffnungslosigkeit zu verursachen. Biele von den Stimmungen, aus denen heraus jene verzichtende Haltung erwachsen ist, gegen die ich hier ankämpfe, sind aus diesen Wirkungen deS letzten Jahres heraus erwachsen. Biciste glauben nicht mehr an die Möglichkeit einet Majoritätsbildung in absehbarer Zeit. Man kennt die Gesichtspunkte, die dafür vorgebracht werden; Professor Franz Opp:wheimer hat ihnen das Gewicht wissenschaftlicher Term'.uologie belgegeben, und alle Gegner des Zionismus sind mit lautem Geschrei nachgesolgt. Ich muß gcstrhen, daß ich selten weniger begründete Deduktionen gehört und gelesen habe als diejenige!:, die für die angebliche Unmöglichkeit einer jüdischen Majoritätsbildung vorgebracht wurden. Historisch gesehen, sind zehn und auch zwanzig Jahre gar kein Maßstab dafür, und psychologisch, wirtschaftlich, kulturell betrachtet, ist nicht im geringsten cinzusehen, warum das jüdische Volk, wenn cs d«n ernsten Willen hat, auch nur einen we- 'scntlichen Bruchteil seiner kollektiven Energie auf den Aufbau Palästinas zu konzentrieren, nicht zu dieser Leistung imstande sein sollte. Prophezeiungen in der Geschichte sind schon an sich etwas sehr Mißliches. Wahre Prophrtcn prophezeien auf Jahrtausende hinaus. Aber an die prophetische Gabe der Professoren, die auf die nächsten 89 bis 50 Jahre den Gang der Weltgeschichte vorausbestimmcn können, habe, ich nie geglaubt. Es ist noch immer anders gekommen, als sie. behauptet Haber:, und wenn gar nach diesem Kriege,. in dem .von allen Wissenschaften die nationalökor.vmische zweifellos am kläglichsten abgeschnitte'n hat, Soziologen und NationalöHtwmen mit ihren Prophezeiungen und Vo.Herbestimmungen kommen, so bewundere ich ihren Mut, beneide sie aber nicht um ihre Sicherheit. Es ist kein einzig ivesentliches Momrnt gegen die Möglichkeit einer jüdischen Majoritätsüildung vorgebracht worden, vorausgesetzt,, daß wir den nötigen Willen dazu haben und die Fähigkeit, genügend lange warten zu können. Ob es in. einer Generation erfolgen wird, dessen kann wirklich niemand gewiß sein; aber wo cs sich um ein Ziel..von dem Ausmaß und der Brdeutung deS zionistischen handelt, ist eine Geiwration und sind auch zwei durchaus kein entscheidendes Maß. Air müssen lernen, warten , zu könne«, ohtw destvegen den Glauben zu verlieren. Nut Ungläubige wollen das Wunder sofort erblicken (nvmit nicht im geringsten auch nur angcdeutet werden soll, als oh es sich beim, Ausbau Palästinas um eine irrationale, Angelegenheit heuchle). Das Unglück ist, daß manche von uns nicht warten können; entweder die Majorität morgen ::nb übermorgen oder gar nicht. Solchen Zionisten fehlen wesentliche menschliche Voraussetzungen für den Zionismus,, und es ist immer kurios — aber dabei nur zu verständlich — daß gerade diese mit den Argumenten zu operieren belieben, daß wir anderen schlechtere Zionisten wären. Eins ist allerdings richtig: die Fähigkeit des WartenkönnenS hängt mit dem Endziel zusammen. Das jüdische Volk wird auch länger als ein und zu-ei Genera- .ionen auf die Verwirklichung des zionistischen Endzieles warten können und den Glaubet: nicht verlieren, wenn cs weiß, daß das Ziel, groß get:ug ist; daß eS sich lohnt, dafür ein Leben hinzugeben, ohne eS selbst mit Augen zu sehen. Für jenes kleine Ziel, das Uns die „Jüdi.-che Rundschau" präsentiert, wird das Volk nicht warte,:. Ein solches Ziel hat nur innere Bedeutung für die wenigen, die selbst hinausgehet:, und für die relativ noch wenigeren, die sich an der Hilfeleistung für jene seelisch bereichern. Für Massen eines großen Volkes ist das kein Ziel für Generationen. Beides hängt eng zusammen; das große Ziel und die Fähigkeit, eS zu verwirklichen, sind miteinander verknüpft. Es ist die Bestätigung deS alten Satzes, daß Einzeln« uitb Gesamtheiten groß werden nur an großen Aufgaben, die sie sich stellen. IüHaM? sollet Eure Keren Hajessod-Pflicht vor Abschluß 0 0 111 UvII « der Österreichischen Keren Hajessod-Aktion. « »!!! 895301303130010023522300000231313102