Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2870 (23.2.1927)
- Date
- 1927-02-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2870 Wien. Mittwoch Wiener Morgerrzettirris 88. FeLrmr 1987 Gelte S Tagesbericht. Baruch, fsets Boris Bogrow. Eiss Geschichte aus der Sieekenfängerek. Eine Wüsche Geschichte von einem Aufsitzer oer nmh jitdisclien Seelen dürstenden kachoiischen Kirche wird uns ans Spanien berichtet: Eines Tages brachte die große spanische Tageszeitung „LAvangardia" auf der ersten Seite groß aufgemacht folgende sensationelle Geschichte: Der russische Bürger Baruch Bogrow jüdischen Glaubens aus einer chassidischen Nebbc-Familie, ehedem ein eifriger frommer Jeschiwa-Bocher, entlief eines Tages der Jeschiwa und trat in die russische Armee ein. Da ep große Lust hatte, fremde Sprachen zu erlernen, fand er in einem Sprachkurs in Moskau Aufnahme und lenkte hier wegen seiner großen Fähigkeiten die Aufmerksamkeit des russischen Generalstabes auf sich, so daß er, obgleich Jude, in die russische Armee ausgenommen und ausnahmsweise zum Offizier befördert wurde. Trotz alledem blieb Bogrow ein frommer Jude und lebte getreu seiner Religion. Als man ihm einmal nahegelegt hatte, den russisch-orthodoxen Glauben anzunehmen, drohte er mit dem Austritt aus der Armee. Dann kam das traurige Jahr 1914. Bogrow erhielt das Kommando eines Bataillons, und einige Tage später schon gelang es ihm, ein Stück von Ostpreußen zu besetzen. In Anerkennung seines Heldenmutes beförderte ihn Generalissimus Großfürst Nikolai N i k o l a j e w i t s ch außertourlich zum Hauptmann. Außerdem erhielt Bogrow den höchsten militärischen Orden. Die bolschewistische Revolution mit allen ihren Grausamkeiten war ausgebrochen. Bogrow war gezwungen, auszutvandern. Sein militärischer Geist konnte jedoch nicht ruhen. Er meldete sich sofort bei General Denikin, mit dem er zusammen die gegenrovolutionäre Legion befehligte. Dann kam Bogrow nach Paris, trat in die spanische Armee ein, kämpfte heldenmütig i n Marokko, wo ihm bedauerlicherweise eine feindliche Kugel einen Arm zerschmetterte, wodurch er dienstunfähig wurde. Unser Held kam dekoriert mit spanischen Auszeichnungen nach Barcelona. Hier meldete er sich bei unserem Bischof mit der Bitte, der heilige Vater möge alle Formalitäten durchführen, damit er als vollwertiger Katholik ausgenommen werde. Er begründete seine Bitte damit, daß er, der bis jetzt ein treuer, überzeugter Jude gewesen sei, im Weltkrieg sich überzeugen mußte, daß die falschesten und götterlästernden Menschen sich im jüdischen Volk befinden. Er könne nicht länger bei diesem falschen Glauben bleiben und wolle ein frommer Katholik werden. Die Bitte wurde selbstverständlich erfüllt und die Ausnahme des Juden Baruch Bogrow in den Schoß der katholischen Kirche unter großen Feierlichkeiten vollzogen. In Barcelona lciot jetzt ein aus Rußland stammender Journalist Alexander R a w i c z, dem die ganze Geschichte, sagen wir, spanisch vorkam. Er erfuhr in der Redaktion des Blattes, daß die Personaldaten über den feines Judentums überdrüssigen Baruch Bogrow von diesem seNst stammten. Rawicz ließ die Sache nicht ruhen und wie er im jüdischen ,Zodzer Tagiblatt" mitteilt, gelang es ihm folgendes fsstzusiellen: Bogrow war nie Jude. Er wunde in einem Dorf bei Moskau als Sohn sehr frommer russischorbhodoxer Eltern geboren. Er «heißt demzufolge auch nicht Baruch, sondern in Wirklichkeit Boris. Er leibt schon seit Jahren von Abenteuern und seine Abenteuerlust brachte ihn auch in die spanische Armee und da er von der kleinen Jrrvalid-enrente, die ihm die Regierung gewährte, nicht leben kann, entschloß er sich die Proselytensucht ausgunützen und sich als Jude ausAUgsben, der dem Judentum mit Verachtung den Rücken kehrt und strenggläubiger Katholik werden will. Um noch mehr herauszuschlagen, gab er sich als Sohn chassidischer Eltern aus. Die G «schichte scheint sich ihm auch gelehnt zu >ha«ben, denn er erhielt einen überaus reichen Taufpaten, der sich das Glück nicht entgehen lassen wollte, seiner Kirche eine jüdische Seele so hoher frommer Herkunft zuguführen. Baruch recte. Boris Bogrcw hat jetzt auZg.sorgt. Aber der Bischof von Barcelona wills nicht glauben, daß er düpiert worden «sei. Irr 280. roderlag Spinozas. Einweihung des Spinoza-HauscS im> Haag. Haag, 22. Februar. Heute vormittags fand die Einweihung des Hauses, in denr Spinoza zuletzt im Haag gelebt hat, und das kürzlich von der Spinoza-Gesellschaft erworben uttb zu einem Spinoza-Forschungsinstitut ausgestaltet worden ist, vor einer größeren Anzahl holländischer und ausländischer Gäste statt. An der gestern abends abgehaltenen Spinoza-Feier nahmen außer dem Vertreter der Königin unter anderen die Gesandten Oesterreichs, Deutschlands, Frankreichs und der Vereinigten Staaten und eine Reihe deutscher Professoren teil. Splnoza-zeler einer Wischen Gemeinde. Die Mische Gemeinde in Ofen, einem Stadtteil von Groß-Budapest, dürfte wohl die einzige jüdische Gemeinde sein, die, ungeachtet der Exkommunikation des großen Philosophen Baruch Spinoza, anläßlich des 250. Todestages eine Gedächtnisfeier veranstaltete. Die Feier würbe mit einem Bortrag des Professors Dr. Sanmel Szemere über die Beziehungen der Spinoza'schen Philosophie zur jüdischen Gottesauffasfung eingeleitet, worauf dann Universitatsprofessor Dr. Bernhard Alexander einen populären Vortrag über die Philosophie Spinozas hielt. Der Feier wohnten mehrere hundert Personen, unter ihnen auch hervorragende nichtjüdische Gelehrte, bei. Jas Schachtamier in New Fork. Der Zweck des Turniers. — Die etsten zwei Runden. Aus Netvyork wird uns berichtet: Das am 19. d. M. begonnene Turnier der sechs Großmeister des Schachspiels, Aljechin, Capablanca, Marshall, Niemzow-itsch, Spielmann und. Bidmar, sollte ein Turnier der Weltmersterschaftskandidaten werden oder wenigstens so aussehen. In Wirklichkeit aber ist es derartig angelegt, daß der Kubaner Capablanca, welcher jetzt den Weltmeisterschaststitel innehat,, in einem Turnier endlich wieder Erster werde. Denn in den schwersten Turnieren der letzten Zeit, dem von Newyork und von M io s k a n, wurde er Zw-i- OCXXiOOOOQCZ)COQOQOOOOOOOOOOOCOOOOOOOOO& LSwenfranzbranntweln X mit Menthol \ ist immer schmersstil* lend, äußerlich kühlend, Ci'Iuffiw innerlich stärkend. a!S!T Ueberall erhältlioh. CXXXXXXXXXXX>OOOOCXX)OOOOOOOOOOOOOOCXXXX3I ter, bezw. Dritter. So ist es auch zu erklären, daß Dr. Emanuel L a s k e r, der stärkste Turnierspieler der Gegenwart — und vielleicht aller Zeiten — ferngehalten «nit&q. Der Sieger von Moskau, Bogoljubow, ivurde unter einem durchsichtigen Vorwand nicht zugelassen, da die Turnierleitung (diese hat der ungarische Schachmeister Maroezy) erklärte, das von Bogo.jubow verlangte Sxmderhonorar könne nicht bewilligt werden, da prinzipiell für dieses Turnier keine Sonderhonorare ausgeworsen würden. Diese Erklärung ist unwahr, da Capablanca, ime erwiesen ist, ein Sonderhonorar erhält. Gegen Dr. Lasker, der kein Sonderhonorar beanspruchte, bediente man sich noch ärgerer Machenschaften, um seine Mitwirkung am Turnier unmöglich zu machen. So hat denn unter ungünstigen moralischen Ausipizien für Capablanca das Turnier begonnen. Ueber seine Chancen, Erster zu werden, für die i«hm so sorgfältig die Wege bereitet wurden, läßt sich nach den zwei Runden, die nunmehr erledigt sind, noch nichts Bestimmtes sagen. Daß es darum geht, Capablanca in jedem Fall den Spitzenstand im Turnier zu sichern, dasiir ist ein Beweis, daß es matchartig ausgefochten wird, in «dem jeder Teilnehmer vier Partien mit jedem Gegner aL'solvieren muß. Caipa'blanca, der ein besserer Matchals Turnierspieler isst, hat alsso auch in dieser Hinsicht seine Chancen wahrnehmen lassen. Die ersten zwei Runden waren dadurch geckennzeichnet, daß es nur zwei beendete Partien gab und zwar die Spiele Capablanca — Spielmann und Mars H all — Vid mar; beide. wurden remis. Die übrigen Partien mußten vertagt werden und Montag fand nun die Erledigung der Hängepartien statt. Capablanca, der in seiner Partie gegm Niemzowitsch Stellungsvorteil erlangt hatte, vermochte diesen zum Sieg a-uszunützen; Niemzowitsch einerseits gewann durch hervorragende Behandlung des Endsipieles seine offene Partie gegen Marsh all. Die Partie Aljechin— Vidmar endete nach langwierigem, von beiden Seiten tadellos behandeltem Endspiel mit Remis, die Partie S p i e l m a nn — A lj e ch i n mußte abermals — in einer für Aljechin günstigeren Stellung — abgebrochen werden. Demnach ist der Stand des Turniers nach der zweiten Runde: Capablanca 1/4, Niemzowitsch, Vidmar je 1, Aljechin, Spielmann je % (und eine .Hängepartie). Unser „Glitsch". Eine Erinnerung von I. Tiger. Winterabend in Ostgalizien. Wir saßen im dumpfen „Cheder" an die zwanzig Knaben in sehr zartem Alter zusammengepfercht um den langen Tisch mit der altmodischen Stehlampe. Jedes von uns Kindern mußte „für Petroleum" zwei Kreuzer die Woche beisteuern, welche von der Rebezzin pünktlich cingefordert wurden. So oft man diese zwei Kreuzer von der Mutter verlangte, murrte sie, war sehr unwillig liub meinte, daß sich die Rubezzin, die Hexe (sie gab sich nämlich «tit Bleigießen ab), daran bereichere. Aber diese duldete keine wie immer geartete Ausrede und achtete darauf genau, daß ein jeder zahlte, zwei Kreuzer die Woche — keinen Heller weniger! . . . Der Frost draußen war grimmig und es tat gut, so vertraulich und enge beisammen zu sitzen. Alle waren wir gleich gekleidet, nämlich schäbig und schmutzig. Man trug abgelegte und zerissene Kleidungsstücke des älteren Bruders, schwere, cisenbeschlagene Röhrenstiefel, um die teueren Ledersohlen zu schonen. Ost trug man zwei oder drei Röcke übereinarlder, „der Wärme halber", wie Mutter sagte, die Aerinel-Enden des oberen Rockes waren stets mit einer dicken Kruste behaftet, da man sich ihrer gewöhnlich als Taschentücher bediente . . . Mutter konnte darauf nicht besonders achten, denn sie hatte wahrlich andere Sorgen; Brot, Kartoffeln und Geld für den Melanred, — alles andere war nebensächlich... Im biederen, kleinen „Cheder", in welchem sich außer uns Schülern auch die zahlreiche Familie des Melamed aufhielt, war cs feucht-warm. Die Fenster Nmrden nje geöffnet und von den tiefblau getünchten Wänden troff es unaufhörlich. Die zahlreichen Spalten der bresthasten Türe waren mit Stroh und Fetzen verstopft und wer sie voll außen öfflrete wurde Volt einer Welle übelriechenden Dampfes empfangen, der allfstieg, wie in unserem Primi- „Merchez", der Badeanstalt, lucuu der hinkende und halb- Mitthc Schabbesaoj Iwan Malegei re mit großer Wucht einen Scheffel siedenden Wassers über die rotglühenden Steine goß. Unter den Betten waren + -.rtofsiel und in umfangreichen Fässern ein großes Borr^ an eingestamptem, saurem Kraut urü> sauren Gurken aufgespeichert. DaS waren die wichtigsten Nahrungsmittel für den Winter. Brot backte man nur einmal in der Woche, am Freitag, aber schon am Montag war es verschwunden. Einen großen Teil hatten wir bis dahin aufgezehrt, den Rest verschloß die Rebezzin in ihrem Schrank und teilte kleine Rationen zu. Man solle sich nitr mit Kartoffeln und Kraut sattessen, sagte sie oft, und wohl oder übel befolgte man ihren Ratschlag. Bor dem» Hause des Rebbe war die Fahrstraße hügelig, im Winter rutschten oft die Pferde aus, obwohl in ihren Hufeisen Stollen befestigt waren. Die Kutscher sti:gen aus, hielten ihr Ftthrwerk mit aller Kraft zurück und atmeten erleichtert auf, wenn sie samt den Pferden unten heil aiblangten. Für uns Kinder hatte dieser Hügel im Winter besondere Bedeutung — es war unser „Glitsch" (Eislaufplatz), wo wir uns nach stundenlangem, unterbrochenem Hocken über den Büchern zu erholen pflegten. Zu diesem Zwecke verschafften sich die meisten von uns einen, gewöhnlich selbstverfrrtigten, „Sporn" (Schlittschuh) aus Buchenholz, an dessen Boden man ein Stück irgriDwo gestibitzten, verrosteten Eisendrahtes anbrachte. Der „Schlittschuh" wurde mit Hanfschnüren am rechten Bein befestigt urw frisch-fröhlich ging man'auf den „Glitsch". Der Rebbe „knellte" (dozderte) vor einein begriffsstützigen Schüler den schweren Wochenabschnitt, der den Bau der Stiftshütte und der Menorah behandelt. Der „verstopfte Kopf", wie ihn der Rebbe nannte, konnte sich, jedoch tveder die Konstruktion der Stiftshütte und ihres Borhofes, noch die Anzahl der Röhren, Schalen, Knauf.- und Blumen der Menorah merken. Die Pläne des genialen Bezalel leuchteten ihm nicht ein und der Rebbe schnaufte, hustete schwer mit seinen kranken Lungen mtib schrie, bis er heiser wurde. Diesen Moment benützten tvjr, um ans dem Zimmer zu entschlüpfen und Anstalten für den „Glitsch" zu treffen. Man llammerte sich dann an einen Bauernschlitten, der gerade des Weges kam, schützte sich, so gut es ging, vor des Bauern Peitschenhieben, und sauste in rascher Fahrt, am rechten Bein balancierend, den Hügel hinunter. Man blieb gewöhnlich nicht bei der einen „Tour", war längere Zeit mit allen Sinnen bei dem verwerflichen Vergnügen und merkte es nicht, als der Rächer nahte ... Es war dies mein Vater, der tagsüber in einem nahegelegenen Dorfe zu tun hatte und jetzt, wie immer, zu Fuß nach Hause zurückkehrte. Bart und Schnurrbart waren ein einziger Eiszapfen, die große Pelzmü^ mit Reif bedeckt, und die Hände, in deren einen er einen selbstverfertigten Stock hielt, steckten in großen Fäusteln. Trotz der Dunkelheit erkannte er den Sprößling sei ner Lenden sogleich an dein lustigen Gejohle, das alles übertönte. Ich war vernichtet. Er faßte mich bei der Hand, führte mich zurück, küßte umständlich die Mesuse und wendete sich in großer Verzweiflung an den Melamed. „Reb Srul", sagte er fast weinerlich, „zu diese,n Zwecke zahle ich Ihnen monatlich einen „Reinisch" (Gulden), damit sich das Jüngek auf dem Glitsch herumtreibt?" . . . Wahrlich, war es nicht leicht, den Reinisch zu verdienen, das wußten beide sehr genau, sowohl mein Vater als auch der Melamed. Dieser suchte sich zu verteidigen, tat ganz zerknirscht und wälzte die ganze Schuld auf mich, dem „Schkuz" (Lausbub), der es sehr arg treibt. Weiter kam er nicht, denn es befiel ihn sein böser, hartittickiger Husten, er griff sich krampfhaft an die Brust, während sein Gesicht hochrot wurde. Die Rebezzin, welche die ganze Zeit tvie schützend vor ihm stand, brachte ihm einen selbstgebranten Trank, lispelte einen ihrer geheimnisvollen Sprüche und spuckte, wie beschwörend, dreimal aus. Der Melamed erholte sich, beteuerte wiederum seine Unschuld und schließlich ging mein Vater ohne ein Wort zu sagen fort, seine Schritte dröhnten unheilverkündend. Was hierauf geschah, davon könnten die krunnnen Wände unserer numnehr zerstörten Holzschuhe vieles c.