Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2870 (23.2.1927)
- Date
- 1927-02-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Setze f fM Dien, Mittwoch Wiener Morgenzertung 28. Fe-druar 1927 W. SM iSuQaSjCSGISj '3/1X2 KUPON ZU DEM KREUZWORTttAETSBL Nr. 11 ORR „WIENER MORQ*I«tSm>NO" Ae Abrechnung kommt! —y, Wien, 23. Februar. Gm Mai wird gewählt werden. Das ist -heute schon gowiß un-d war bereits am vopWstr'Mn Tage schon anzunchmen. Der Bund-eskarricker hatte in sk-flsr Parteienbesprcchung plötzlich die Frage der Neuwahlen anf.g..'worfen. Er hatte erklärt, daß Sommerwahlen mit Mcksicht aus die Ernt-earÄeiKn der bäuerlichen Bevölkerung nicht möglich seien, daß demnach nur der normale Zlblanf der Legislaturperiode abzuwarten sei oder das; die Wahlen viel früher vorznnehmen wären. Doktor Seipel hatte es bisher vermieden, von den Neuwahlen zu sprechen. Das; er jetzt, mitten in den Verhandlungen über die Sozialversicherung, deren Schicksal bis zum 15. März entschieden sein soll, den Termin der Erneuerung. des Parlamerrtes in die Diskussion stellt, ist ein sehr interessanter tMischer Zug. Der N-rgierungAchef hat die Initiative an sich gencrnmen und er hat her Opposition den Termin dorgeschrrcben, den er wünscht. Und er wünscht nur diesen Termin, weil er ihn für sich und seine Partei sür den basten hält. Ob die Vorbe'reitunsen ter Regierungspartei. die einen bürgerlichen Block Hilden will, bereits abgeschlossen sind, ist nicht bekannt. Die Halttmg Doktor Seipels ließe eher eine Bejahung der Frage zu. Die Regierung, die außerhalb Wiens über den Veuwaltungsapparat verfügt, hält sicherlich schon viel weiter als c» den Anschein hat. Dem Wähler verbleiben demnach knappe drei Monats innerhalb derer er sich einen festen Entschluß zu bilden hat. In diesen drei Monaten ist er der Staat, Die Parteien, die ihn sonst vier Jahre lang nur als ein geduldetes Nebel unter und neben sich heplau'fen lassen, Mssin jetzt ihre Herrlichkeit beiseite stellen und sich um den Wähler bemühen. Sie. haben es äbg-Uehnt, das Wahlgesetz zu ändern. Die starren Listen sollest bleiben. Ja, es wurde sogar, wie man von einem landöiüMeriischen Abgeordneten 'Hort, das Verlangen nach einer Milderung als ein Unfug bezeichnet. Allerdings spar bei dieser Sitzung der Parteien die Frist für die Neuwahlen noch nicht so scharf abg? steckt. Das ist inzwischen geschehen und vielleicht ist heute den Wahl'herren etwas bänglicher zumute. Denn auch dies, ihr Festhalten an 'fern Wflhlnn-recht, wird ihnen aus die Liste geschrieben werden müssen, di? rysitz Gott lange genüg ist, Dieses Parlament ist ja keines gewesen, es 'war der gchspsamö Abstimmer. Viel Papier mit Gesetzeskraft wurde erzeugt: aber in der Haupt? fache, in. der Milderung der Wirtschaftskrise, in der Ueberbrückung der inneren Gegensätze bat 'das Par» lament aus allen Kräften versagt. Die Parteien halten sich im Schutze ihres Wahlgesetzes für gesichert und sie Hoffen, daß sie sich nun wieder zum Sachwalter des Staates werden ernennen können. Der Wähler, der nun wieder das Zentrum der Politik ist und für drei Monate das Recht 'der Aktivität erlangt, wird zu beweisen Haben, ob diese Hoffnung zu Recht besteht. Die Präludien zu diesem Wahlkampf währen schon Hübsch lange. Sie begannen, als die großen Parteien auf die Suche nach der Myral gingen und einander die herrlichsten Korruptionsschlachttn lieferten, Wir schrieben damals, daß diese Sittensanierung ihr Ende finden werde, wenn sich die Beteiligten zur Vor» bereitung der Neuwahlen zusammensetzen würden. Das -ist pünktlich eingetreten. Aber inzwischen ist allerlei geschehen, was jetzt zur Abrechnung kommen muß. Hinter der Moralrettung hat sich der schäbigste Straßeninstinfft der Judenfresser gesammelt. Sie' vermeinten ihren Krieg aus Kcsttn des jüdischen Wählers zu führen und sie machten sogar aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Sie warfeil einander die Juden vor und während für die Sozialdemokraten alles Ach und Weh in dem Konto Aberbach konzentriert, seht ihren Wi'derpartnern die antimarxistifP? Parole vor. die doch nur als ein anderer Ausdruck für den Pogrom gedacht ist. Man kann das politische Kaleidoskop schütteln wie rnan will, stets zeigt es die antijüdisch? Färbung. Die Parteien sinh so arm an Ideen und so faul an Gedanken, daß sie nichts anderes zu ersinnen vermögen, daß aber ihr Tun immer nur antijüdisch wird. Pie Stenern trägt der jüdische Ettverbsnlaun, er ist es, den die Brestner-Politih mit ihrer vollen Wucht trifft. Der jüdische Intellektuelle ist nur Ansbeutungsobjekt für den Bund, er darf fein Bestes g ben und er weiß nicht, ob noch sein Kind hier wird die Hochschule besuchen dürfen. Der jüdische Wähler kannaber Abrechnung Halten. Auch ihm sind die drei Mannte Frist, gegeben. Bon Zr. Ratz«« yolvaW, *) BMtf es stsch w-sitsjtzr DßtzumöNk ffcMtffr Dei fiMor, bks. AMiffe- HsiMts- Muß tt«H ^Milckijch gesagt werden, daß iefee KonMtion,- disWn. Begriff der Heimat eines HpIes mit dem 3»ftoflfrr seiner dauernden Ex ist-eng ms Minorität in diesem Lande für vereinbar hält, nicht nur antizionistisch, sondern antinational ist? Wenn n der Tat ein Zustand in der Welt wünschenswert itnfr .erreichbar «st, M tzM die gkM Majorität und Minsrität eines Landes von ür Tagesordnun-g der GMichke verschv'mden wird, dann ist nicht nur der Zionismus eine überflüssige Anstrengung, sondern dann ist Her WtsyMe Gedanke als solcher b^deutungöla^' Eine solche Konzeption negiert den inneren Zusammenhang zwisck«?n einem Volk und seinem Lande. Sie stellt sich, konsequent zu Ende gedacht, aus den Standpunkt, Laß Gottes Erde für alle Menschen überall die gleiche Erde sei, und das ist, von einem rein menschhoitlichen Standpurrkte aus g eschen,^ auch richtig. Ich bin durchaus der Uebevzeug-Mg, bah es ein angeborenes Recht eines jeden Manschen ist, das ihm d-en Anspruch gibt, wo immer er seine Wohnstätte wählt, st? sich hört errichten zu dürfen; und zweifellos sind alle JmmigratlonöbeschränkuN'g'en, ist jeher Herren standpunkt eines Volkes in dem Sinne ass ob das von ihm hcwchnte Land sein auMstießliches Eigentum sei, n-nmoralisch und antikulturell. Dies ist eine klare imd nnbezweifelbare Kionsequentz des Menschheitsgeda-nkens in der Geschichte. Mer dies unterscheidet doch den Anhänger des nationalen Gedankens von dem Kosmopoliten, dgtz der Rationalist davon üiderzeugt ist. daß der MenschheitZgedanke allein in seiner abstrakten Mechanisierung der Menschen, »in seiner Negation aller tatsächlichen nationalen Differenzen nicht genügt, nm Kultur und Gvschichte zu schaffen. Und der nationale Gedanke besagt eben, daß bei allen abstrakten Rechten eines jeden Individuums auf Errichtung seines Wohnsitzes in jedem helicüi-gen Platz der Welt, der nicht von einem anderen besitzt ist, das noch ein anderes Element ln der Geschickte wirksam ist: das Element der tiefen Perbundenhest zwischen einem Lands und seinem. Volke, die Tatsache, daß es in der Welt nicht. nur Individuen, sondern natio-nyle Wahrheiten gibt, die beheimatet sind, die ebenso ihren Wohnsitz haben, wie. es das einzelne Individuum haben; muK pMis Mch Land sein Volk und jedes Volk sein Änd, seine Heimat hat und haben soll. Mr nicht an dieses Prinzip glaubt, für den muß doch Zionismus in "der Tat ein wahnwitziges Unternehmen fein. Wentt Majorität belanglos, wenn das Bewußtsein einer Nation: dies ist mein Land, ein unberechtigtes Bewußtsein ' ist, warum soll das jüdische Volk das schwierig?, mWelitzS.rM PpsiW los pon vielen Ständpunktefl aus riskän-je und gefährlichg Experiment der völligen Migeftalt-ung siines Lebens durch die Konzentration in Palästina unternehmen, und warum soll .es nicht im Manben an den sittlichen Fortschritt der Menschheit versuchen, in ben Galuthländexn durch die Sicherung seiner Recht? als nationale Minorität sich definitiv einzurichtcn? Ge? rad-r di-ejenigon, die den Begriff der Majorität als belanglos erachten, die daran glauben, daß zur Sicherung der Existenz eines Volkes in seinem Lande gar nicht die Majorität notwendig sei, sondern die internationale Garantie" durch PertrsiM PölkschMh usw., gerade diejenigen mühten doch in ihren; tiefen Glauben an die schnelle Verwirklichung dieser idealen politischen Weltordnung die definitive Gestaltung des jüdisch-nationalen Daseins ig den Galnthländeru flir möglich und genügend erachten. Und nun noch «in letztes iit dieser Apgmmmtatiou: Palästina Heimat im Untsrschiede zur RWheimat als Paterland im Mmnsatz zur Galuth, enthält doch in sich auch bas andere Element noch, daß wix Zionisten davon überzeugt sind, daß ein« weife, absehbare .Zest .hinaus ein; wlMlche Sicherung unserer nationale); Rechte in dar Galrrth gar nickst möglich sein wird, west eh für lMM Zeit hinaus für Minoritäten keine durchschlagenbßN Sicherungen geben wird und daß die Tatsache der Existenz von Majorität in einem Lande eine sehr viel stärkere Mb wipkiMrexe .Sicherung des . nationalen Charakters bildet. Ich sage nicht, daß Majarstät eine absolute Sicherheit sei; es gibt so etivas nicht, in der Geschichte und w?vn es der Gang der histori'schtzn Ipt' Wicklung erfordert, gchen groß? Völker in ihren eigimn Ländern allguHlich zugmnde, Uber sofern Menschen, die die Zukunft ihres Voltes MeriMen wollen, .voraus-sckanen und voraussorg-eu - können und dies bedeutet in iHnom höhsreu Sinne nationale Politik treib:» ist die Sicherung der Majorität in einem Laude noch von Mn anderen SicheruWS-mäg' lichkeisin die -yeitgnS MiMamsto und damchasteste. Gewalt «r.d Macht iofleu ^eisillas nicht hk?nthiMlscher Entwicklung sein (auch Ieß. Patz chuß kicktig verstanden und nicht im Sinne jmkh:HanMr. WifiMus entstellt werden): aber wir söffst als OeWter htzx Zu-knuft unseres Volkes doch in unserer Z.it und sind verpflichtet, mlt den Tatsachen und den Zuständen dieser Zeit zu rechnen. Glaubt denn nun wirklich ein nüchteruar Beurteiler unseres Jahrhunderts, das; so schnell die Zeit kommen MZd?, jn der internationale Verträge, internationale. Sicherlm-ff-u und Völkerbundsikovtrvue jene Sicherhekt der Wahrung des nationalen Charakters ersehen werden, die die Tatsache der'Majorität verleiht? Es gehört ein glücklicher Optimismus dazu — um den ich seinen Vesitz-er trotzdem nicht beneide — daran als eine Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit, schon von morgen und übcrmorgen zu glauben; aber es gibt scheinbar solche Optimisten unter UNS. Daß Seltsame und Paradox? hjex besieht nur darin, daß simisten sinh nur nach der einen Seite; hinsichtlich der ckLastaltung der allgsrueinen Weltvcrhältnisse. Man hat früher einmal uns Judcll vorgeworfen, daß wir allyu sehr optimistisch sinh in bezug auf uns und g'leichzsitig allzu pessluristisch in bezug auf die. nicktjüdische Welt. Diesen hier genannten LPtimisten gilt genau das Umgekehrte. Sie glauben nicht -daran, daß -es dem Kdischen Volks gelingen kann, in absihbarer Zeit eine Majorität m Palästina zu bilden; aber sie glauben wohl daran, daß die n-jckMdische West in absehbarer Zeit das Ideal der messianischen Weltyrdnunig real)- sie»t haben würde. Wir anderen können zu dieser selb stmneu Gemütsart nicht bekehrt werden. So schwer die BUdu-ng einer jüdischen Majorität in Palästina sein rnag, sie ist leichter, näher, gr-eifbarer, nröglicher als die Verstvirklichmm der messignischeu Weltordrruug. Und solairg? dies der Fall ist, ist die jüdische Majorität in Palästina die einzige wirkliche Sicherung unseres nationalen Charakters.-Was wix im Kleinen in diesen letzten Jahren hinsichtl-ich der Garantierung unserer nationalen Minoritäts'rechte in Litauen und Polen und Rumänien erlebt haben, das^ wollen wir M Großen nicht später einmal in Palästina. crl'?b:n. Wir können solche Enttäuschung?u und Schläge kn den Ständern der Galuth ertragen, weil Galuth eben für das jüdische B-ewutztsein cittrgs Zeitweiliges ist, letzten Endes nur DurchoqugS-sta>d!unr und Episode. Großartige des Zionismus bestM doch darin, daß er EnH'Utiges schaffen will; an StM des PpovisyxinmS ein Dofinitivum, an. Stelle b?s Dnrchgän'gSstad'iüW ein Gndstadittm, an Stesse der GalzrH eben die Heimat. Wo es um solches g-cht, sind Enttäuschungen unerträglich. Ein Zusammenbruch unserer politischen, und kulturellen Hoffnung''n in Palästina Mre so etwas wie ein Todesstraich für das Mische VM, und Wp vieles — mbenbei sei dies bemerkt — von hex Angst dex u-ichtzionistischcn Juden vor dem Zionismus resnlt-ext doch, ob sie sich Hessin bewußt sind oder picht, ebe)l daraus, daß sie davor zurückfchrecken, an Stelle des ProvrsorirMrS, das . jeder Aenderung unterworfen . sein' kann, ohne das Grundschicksal des Volkes zu gefährden, sin solches Definitivmn zu sstzni, in dem Sein und Nichtsein des Volkes, dabei auf «dem Spiels steht. Wir fürchten dieses Definitivum nicht, aus vielen Gründen. .Aber das l-eat doch die Verpflichtung auf, mit all-ni' dor.Mar-eu Sichsrungen diesen neuen .. Zustand jü'hjschsn Leb?ns a-nMusiatten, Uud dsi sntsckWheMte. pyn all dicsen Sicherungen ist die ßp? Msjyrität im Lande. *) Sieh: Februu. „Wiener Momenzsttung* dom lll und 01, Nr Wahlreformskage in der Kvltusgemeinde Die Vorstgndssitzung verschoben. Von seiten des Präsidirrms der Kultusigenieinde' wird uns mitgereilt: Infolge eingetretener Hindernisse Muß -die - für heute anberaumt gewesene Plsnatz- Sitzung auf einen noch m Hestimmeuden Tag der .nächsten Woche verschoben werden. BnndrsrattMtzrn» gene« da» errknUon»-!re>« Mlnimnm. Letzthin hat dex Rationalrat ein Wetz heschlossiAtz hurch bas. rückwirkend vo'm' l, Jänmp d, I , daA eimb Pfünhnng nicht unsirliegtznde EiukouMNwmi,nl-mum -rhüht wird. Der Bundescat hat mm gestsikN wegg;; dyrRück wirkungsklansel Einspruch das Msetz w. hoben und begründet ihn damit, das; die stredstgenossenschusten der Beamten ans den regelmDtgen Eingang dex tzereinhartsn Raten ausgebaut sind, Per Nationalrat nmß also noch einmal das Gesetz in Beratung zirhen. Um jedoch die brauchbaren Brstirmnunaen der Porlagv bald in Kraft tpoteit zu lassen, hat sich der Vundesrat bereit erstärh da» nach seinen Jiüentioneir vmu Nationalrat umgebaute Gesetz noch in diesem Monate einer Beschlußsi'- sung uul?:ffcheii.