Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2869 (22.2.1927)
- Date
- 1927-02-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. MD ib.cn, D.enstatz Wiener Mvrgenzeieung W. Februar 192 Leite 5 JUDE ANS KREUZ! RONAN VON KURT MÜNZER Copyright 1937 by R- L6wit Verlag, Wien — Leipzig. Der Vater war nach Oskretscham zurückgefahren und mrel hatte sich geweigert tnitzufahren. Auch nur für kürzeste Zeit. Dort übernahm der Kommis das Adlersche Geschäft und zahlte dem alten David zweitausend Mark im Jahr Anteil. Fünfzehn Jahre lang. Dafür gehörten ihm dann HauS und Geschäft. Man packte die Sachen, die Wäsche und Kleider, die Küche, die besterhallenen Möbel, das zweierlei Geschirr, das alte Silber. Man machte Abschiedsbesuche. Rabbi Lewysohn lebte immer noch und lobte die gebesserten Zeiten. Die Juden gingen unverfpottet über die Straßen jetzt, die Schuljungen folterten die k einen Jü> ichm nicht mehr, die Judenmädchen wurden nicht mehr an dm Zöpfen gerissen, und kein S ein flog durch die Fenster der Synagoge gegen den Schrein des Allerheiligsten. Es war hoher Sommer, als Mirjam ihr Kind umarmte. MS Abel sie umfaßte, hörte er Onkel Davids sanfte weiche Stimmer „Ich liebe dich — ich liebe dich." Und erschrocken ließ er von der Mutter und betrachtete sie. Eine alternd.' Frau, der der schwarze Scheitel so schlecht, so unsinnig zu der noch zarten weißen reinen Haut, den graum Augen paßte. Die schmale Me Nase begann scharf zu werden, und der feine Bogen des Mundes erschlaffte. Der Duft ging von ihr aus, in dm gebettet das Kind immer seligen Friebm, Angstlosigkeit, Sicherheit gesundm hatte. Wie seltsam — es war die Mutter — und auch die Mutter war eine Frau... Männer begehrten sie, liebten sie. Und sie?... Mas war in ihr? Was wünschte sie? War sie glücklich, sehnte sie sich?... Mirjam weinte. ES regnete, man fuhr in einer geschlossenen Droschke, und sie nahm ihr Kind auf den Schoß. Es fügte sich schver, groß wie es war, in ihre Arme. „Abele, m:in Leben, was bist du groß und stark und schön geworden, mein Kind! Und spielst du wirklich wie ein Künstler? Werden wir stolz fein auf dich, wirst ein berühmter Mann werden? Sag mir, Abele, geliebtes, was hat der Onkel David gesagt! Ist er leicht gestorben? Bist du auch immer so zu ihm gewesm, daß er hat Freude an dir gehabt?" Abele betrachtete sie nachdenklich. Hatte sie ganz vergessen? Liebte sie den Vater so sehr, baß... Der albe Vater, mit dm Schläfenlocken, die er nicht opfern wollte, dem abgetragenen Kaftan, dem schon weißen Haar und Bart, konnte eine Fran ihn lieben?... Ach, was, war Liebe?... Unbegreiflich für den, der sie nicht empfand... Er war das' Kind dieses Mannes. Plötzlich wurde der ihm fremd, feind, verhaßt-" Abel schloß sich jäh zu. Um Gottes willen, der Vater!... Er nahm feine Hand und küßte sie abbittend. Dann schmiegte er sich in die Mutter. Und die alte Droschke schaukelt,-, daß er sich wie SäugTuN aus ihrem Arm vorkam, tiefer u»d tiefer ln Kindheit sank, in die Mutter hinein, zurück, Und er hörte den friedegebendm Schlag ihres Herzens so nah, so warm, so vertraut, als läge er unter ihm gebettet ins Heiligtum ihres innersten Lebms... Für dm alten Mer begmm e'.n: schwere Ze'.t, er war wie verloren, betäubt in den» regellosen Leben der Berliner Straße. Er tanm lte an den Ecken, nutz freundliche Lmte halfm ihm über den Alexanderplatz. Dann stand er da, wußte nicht, wohin, verlief sich, fürchtete sich, die Borübereilenden aufzuhalten und zu fragen. Schließlich ging er nur noch von der Hirtenin dir Münzstraße, blieb in der Grenadierstraße vor jedem Hause stehen und war schon nach drei Tagen Glied der Jndenlchaft dort, ein Sohn des Volkes, von dem ein Häuslein sich da im Norden der großen freundlichen S atzt zusammen'chane. Und Mir'am versuchte nicht erst, in die StM vorzu-- bringm. Si: besorgte ihre kl'inen Stuben und beeitete das EssÄr vor. dann ging sir zu Ml. Sie saß hin er dem Vorhang zwifchan dem Laden und'der SSW'ithp, beaustichligte Fräulein S'd was'er und sah Llbe's Mas he bu ch. Die GGQZr4~m!QV2aC!!^‘vva^^ ■ •’J&t Zionistische D-zlrknektton Innere Stadt Dienstag, den 22. Februar 1. J, um ba b 9 Uhr abends, im Klubsaa e des C a f 6 Habsburg. I., Rotcnturmslraße 24, I. Stock (Hoteleingang Adlcrgasse) (17. Fortsetzung.) VORTRAG des Herrn Dr. Leo GoUNianuner über »Kolonisationsprobleme« freie Aussprache Ollste willkommen ■■BaOMBDMNSaBaBBBUBMMMIMUMMfelik KLUB RADIKALER ZIONISTEN Mittwoch, 23. Pibruar 1927, um halb 9 Uhr abends. Im Cafd Atlashof, I., Aspernplatz (Klublokal: Eingang Wlesipgerstraße um die Ecke) Klubversam mlungy Gegenstand Das lYHnorit&tenrecht und die Juden Referent Dr, Israel Weidmann großen alten Schränke standm fast leer. Was Onkel David an Garderobe und Hemden gehabt hatte, hatte Abel verschenkt. Juden und Christm waren gekommen, hatten gebettelt, hattm erhalten. Manchmal, an dm lebhaftm Sonnabend-Nachmittagen half Mirjam im Geschäft. Auch Abel sprang auf die Leiter und holte die Kartons mit Kragen, Hemdm, Krawatten. Der alte Gerfou war hilflos vor diesen elegantm Kunde?, mit Berliner Dia'ekt, verstarb» ihren Witz nicht, ihre freundschaftliche Grobheit. Er begann kleine Geschäfte zu machen, in der Grenadierstraße, Mechselgeschäftchm, Vermittlungen, Verkäufe. Mau spazierte da auf der Schattenseite urü> sah, nüe aus Berlin Herren kamen, sich in dieses Ghetto wagtm mit dem Schritt und Blick eines, der sucht, zaudern»! Irreguläres plant, blonde reiche Herren,, auch die Juden aus dem Westm, die europäisierlen, die sich hier fremder und verlegener fühlten als dir Christm, die ihre Kaftanbrüder verachteten, sich ihrer schämten, aber doch nicht verschmähtm, 'sich ihrer bei Geschä'tchm zu b'dieue i. bei denen sie von ihnen Vorteil hattm. ES geschah auch, daß etwa ein Blonder, dessen Auto in der Münzstraße Hielt, kam, ihm zuraunte: „Du, Alter, kannst du mir nicht ein Judmschicksel verschaffen?" Ja, wahrhaftigen Gotts, auch das war hier möglich geworden, in dieser sündigen großen Siadt, wo es keinen Gott im Himmel gibt. Und es gab Juden, die sich daraus ein Geschäft machten... Gott du Allmächtiger, was war aus deinem Volk geworden! Aber Mirjam wußte nichts, die Weckt b'ieb ihr fremd, als lebte sie nicht elf ihr. Sie nahm ihr Kind an die Hanl» und ging mit ihm zum Essen nach der Hirtenstraße Und wieder, am Freitagabend, sah Abel KerMschimmer.. Gerfon brachte aus Schul einen Fremden mit, der ihm di« Mizwo tat, bei ihm zu speisen und zu nächtigm, ehr er nach Lemberg oder Kowno Her Kiew zurückfnhr. Alle 'Fasttage wurden ^gehalten, it,7ü> da m kochte Mi"'am Heimlich für Mel, ent'^stht« sich mrd den Feiertag, um*o:m gslksbdm'Kind ungemTst-nte Askese zu erbarm. Wie die Maschine den Dampf, so braucht der Körper ständige rationelle Pflege. Aber ständig, denn sonst kann die erwünschte Wirkung nicht erzielt werden. DIANA Fr a nzbranntwein mit Menthol ist das geeignetste Mittel zur rationellen Körperpflege, und deshalb soll jeder Diana-Franzbranntwein ständig benützen. Abel War Herr einer Wo.-nung. Aber er fühlte sich niefy: allein. Onkel Davids Seele lebte in jedem Gegenstand wei ter und er konnte keinen Schrank öffnm, ohne zu mehrat er berührte seinen irdischen Nest. Alles, was da stand, war David Adlers leibliches Gehäuse. Wenn der Tisch in der Nacht knackte, war eS ein Senfzrr, den er ausstiest wmn die Seidengardinen knisterten, flüsterte er 'Liebeswort. Aber es war nicht beängstigend. Im lebendigen Schatten, dm der Tote warf, zu leben, war Sicherheit und Schutz. 'Mel schlief allein in dem goldleuchtenden Naum mit dm schwarzen Möbeln. Manchmal ergriff es, in den .heiße» Sommemächten des Jahres vierzehn, den Jüngling, der fertig gereift war, ein blutschwellendes Kind des Orients, in dem noch die Seele sinnlich bedürftig war. Aber lieben konnte er nicht. Lieben. — . Wo er Lust erbeutete, war sein Herz kalt. Und wo er anbetete, in Zärtlichkeit schmolz, verflüchtigte sich die Wollust beS Blutes in Gebet. Demut, schmerzloses Glück. Wer so konnte er noch ins Laster tauchen und stieg unberührt daraus empor. (Fortsetzung folgt.) 89er guflte Ee erHiamtlscSaiili stammt aus der Fabrik Haslinger 11., Hollandstraße 11 1., Rotenturmstraße 23 I. Preis: Eins BlhlloM von 300 Bindsn II. Preis: Eins firitisrsiss nach Palästina III. Preis: Fünf Ounam Land In Palästina und weiters 47 Preise Kreuzworträtsel-Preisausschreiben — Ausschneiden SVr. 10 20 | 21 | 23 j s I 24 | 1 1 8 25 27 Bezeichnungder Worte: Wagrecht: 1 Zeiterscheinung, 4 Männl Vorname, 7 Ort im Freistaat Danzig, 8 Altes Schriftzeichen, 10 Kleinster ehern. Bestandteil, 12 Nebenfluß der Donau, 14 Getränk, 15 Teil des Automobils, 17 Französ. Fürwort, 18 SIten, 20 Land in Asien, 23 Engl. Abkürzung für Herr, 24 Paradies, 25 Berg bei Jerusalem, 27 Ital. Musik* note. 28 Insel im Mittelmeer. Senkrecht: 1 Verbrechen, 2 Fluß hi Europa, 3 Fremde Bezeichnung für Schüler, 4 Weib Adams, 5 Hölzerne Einfriedung, 6 Bezeichnung, 9 Dokument, 11 Nordische Münze, 13 Ruhm, 16 Waffe, 17 Lebewesen. 19 Weib!. Vorname, 21 Französ. Adelsprädikat. 22 Nebenfluß der Donau, 23 Straßenpöbel, 26 Fremdsprachl. Artikel. Name: Adresse:-- Ausschneiden Freie Aussprache. Ffkiä.unv: Ab 13. Februar erscheint täglich In der „Wiener Morgenzeltung" ein Kreuzworträtsel. Die Diagramme sind auszusc'tneiden und mit Tinte oder Tintenblei auszuföllen und sämimein. Am Schlüsse unserer Serie sind dann die gesammelten Lösungen samt den in zu Morgenzeitung" mauor Zeitpunkt IW? | jeder Nummer befindlichen Rätselkupons an ule »ftftteelredfiktiyn der Wiener_ ein?M'■enden, Jeder Einseruier kann an der Otter»Meli sUUfindenden Verlosung» deren genauer nori DekunuigegeUen wird, teilnehmon. Blatter, ln welchen unsere Rätsel erschienen sind, können Jeder* zeit gege« f^nsend-ing des Betrages in Briefmarken von unserer Administration nachbezogen werden NB. Der Beiscbiuß des auf Seite 2 befindlichen Kupons ist unbedingt erforderlich*