Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2869 (22.2.1927)
- Date
- 1927-02-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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90. Februar 100V ■".V. 90u Wien, 3)ien.vtvii Wieuer Morge«zeit«ng Unwetterkatastrophen. Eine Springflut in vNerita. ^lew Dort, 21. Februar. Eure Spnn«gflnt, wie sie iiü) in den letzten filinfzig JaHren nicht mohr ereignet hatte, hat an d r ganzen No r d o stküsi e von Maine bis Delavare ungeheuren Schaden angenZ-tet. Das Meer stahl an einigen Sollen d r o i v i e r t c T Meilen landeinwärts. Der Schiffsverkehr ift v 3 l l i g g e st ö r t. Eine Angchl kleinerer Fahm,ringe ist der Lprin'g'fl'ut zum Opfer gefallen. Heftige ölhneeflürme. New Aork, 21. Februar. In ven östlichen Staaten hrrrächen gegenwärtig heftige Schnee, stürm e. Der W.'nb erreichte stellen»^ise eine Stunbengcschivindi-gikeit von 80 Kilornetern. In New Nork ist wU-rend 18 Stunden Schnee gefallen. Drei Passanten sind erfroren. Der Verkehr ist außerordentlich e rs ch «w er t. Es sind 1 8.0 0 0 Sck'neeschaufler mobilisiert worden. In der Nähe von North Truro im Staate Massachusetts ist ein Schiff untergegangen. Neun Mann der Besatzung sind ertrunken. Schwere Stürme im Schwarze» «eer. Bukarest, 21. Fcbmar. Gestern herrschten im ganzen Lan-de gewaltige Schnee st lü r m e. Die Eisenbahnlim« Bukarest — Konstanza ist verschneit, so daß die Züge mäH verkchken können. Auch auf dem Schwarzen Meere herrschten gestern heftige Stürme. Die Nadiostation in Konstanza nimmt verzweifelte Hilferufe vom offenen Meer aus. Das rnmän'sche Schiff „Du re stör" ist an der rumänischen Küste gestrandet, konnte aber wieder flott gemacht werden. Die italienische SchissvhrtSagenbur in KonlstaiM hat ein Nadioteleyramm erhalten, daß bas Trister Schiff ,,A t l a s" bei Datum SchtMruch erlitten halbe. . ' Irr 28V. Ladestag Spinazar. Enthüllung omeS Grabdenkmals im Haag. Haag, 21. Februar. Aus Anlaß der 260. Wiederkchr des Todestages Spinozas fand heute nachmittags aus dem Grabe des Philosophen in der Haager neuen Kirche die feierlrcheEnthüllung einer Gedenksteines statt. Der Feierlichkeit wohnten zahlreiche bekannte Persönlichkeiten der Wissenschaft und der Politik bei. Die eigentliche VedachtniKfeier findet heute abends statt, bei der u. a. der Haager Bürgermeister P ä t y und der deulffche Spinoza-Forscher Dr. Karl Gebhardt aus Frankfurt a. M. das Wort ergreifen werden. Srosaverlus Leiche in Luso». Bukarest, 21. Februar. Der Zug mit der Leiche G rosav e sc u S ift Sonntag mittags in Teme 8 - v a r eing."troffen, wo er von einer größeren Menschenmenge und Vertretern der Behörden erwartet wurde. Nach einer kurzen Leichenfeier aus dem Bahnhofe wurde der Wagen nach L u g o s, dem Geburtsorte Grosavescus weiterb^fördert, wo 'die Leiche bis Mittwoch i m Nationaltheater aufgebahrt bleiben wird. Am Mittwoch findet das Begräbnis statt. ras Ae« Herker Schachtmaier. Die zweite Runde. Aus New Ilork wird gemeldet: An der zweiten, am 20. d. M. gespielten Runde des Schachturniers der sechs Großmeister kam wieder nur eine Partie zu Ende. Marshall ue.<d D i d m a r einigten sich nach veuMtniSmäßig kurzem Kampfe auf R e m i s. Die Partie Spiel M ann — Aljechin wurde siziliamsch eröffnet. Nach ftünsstündigem Kampfe wurde sie in einer für Aljechin günstigen Slelluivg abgebrochen. Auch die Partie Niemzovitsch — Capablanea, ein Damenbauernsipiel, blieb unvollendet. Capablanea hat Gewinstchaneen. Stand nach der zweiten Runde: Capablanea, Mavsiyall. Didmar, Spielmann H (und je eine Hängepartie), Afsichin, Niemzovitsch 0 (und je zwei Hängepartien). Sie Wehlre!er«frase ia der Koltargemelnde. Plenarsitzung des Vorstandes. Morgen Lim H8 Uhr abends findet im Sitzungssaal der Kultuss;emeinde (1. Bezirk. Seitenstettengasse 4, 2. Stock) eme öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt. Aus der Lag.Sordnu-ng fleht die Fortsetzung der Beraimrg vom 5. Jänner 1927 betreffend den Dringlichkeitsantrag Stricker und Genossen wegen Einsetzung eines Wahlreform- Ausschusses. Die Amsterdam':» Liamautenbörse. Die iveltberühmle D ia m a it tenbör se befand sich früher in einem kleinen Lokal in der Diamanteuschleifer-Gegerrd. Erst im Jahre 1911 wurde das heutige Gebäude am Wesperlein erbaut, in dem außer etwa 150 BureauS, die de» Maklerfirmen dienen, auch ein eigenes Postamt eingerichtet ist. In einem kleinen Raum befinden sich zlvei Goldwagen von außerordentlicher Präzision. Ist im großen Börsensaal ein Geschäft zustande gekommen, so wird auf einer dieser Wagen das genaueste Gewicht der ©teilte bis auf ein Hundertstel Karat amtlich festgestellt. Erst dann berechnet man den genauen Kaufpreis. Der Pr. iZ eines Kara.s schnankt nach der Beschaffenheit deS Diamanten. Jede Farbnuance, die einem Laienauge kaum erkenntlich ist, dir Beschaffenheit in bezug auf Härte oder Feinheit, ob nur bearbeitet oder auch geschliffen, alle diese Eigenschaften beeinstussen die Preisbildung. Die Mitgliederzahl der Börse beträgt derzeitig etwa 1200. Wie auch bei anderen Börsen, ist der Zutritt zum großen Börsensaal nur möglich, wenn man als Fachmann mindestens zwei Börsenmitglieber zu Bürgen oder a's Gast ganz besondere Empfehlungen hat. In dem großen Börsensaal wimmelt es von Käufern und Verkäufern, die aus Gesprächen über die Marktlage zu Angebot, Nachfrage mrd Kaufabschluß zu kommen suchen. An den Fenstern entlang stehen keine Tische, an denen die Objekte unter scharfen Lupen gewissenhaft geprüft werden. Ueberall sitzen ein paar Menschen, die unbekümmert um den Lärm ihre Prüfungen vornehmen. Dort sitzt ein Makler, der einen Berg unbearbeiteter Steine zum Sortieren vor sich liegen hat. Schiefer-grau ist ihre Farbe, natürlich stellen sie keinen absonderlich großen Wert dar; Splitter werden für industrielle Zwecke herausgesucht, ein anderer Teil wird zu Pulver zerrieben, das wegen seiner Härte zum Schleifen von größeren Diamanten Verwendung finden. Die meisten Mitglieder der Börse lasten ihre Diamanten im Safe der Vör^e, in dem Milliärdenwerte ruhen. Meine MdhettsreNgton. Bo« Georg Brandes. Zu Haufe war nie von einem Glaubensbekenntnis die Rede gewesen. Keines der Eltern stand in einem Verhältnis zur israelitischen Religion; keines von ihnen besuchte jemals die Synagoge. Da man im Hause meiner Großmutter mütterlicherseits sich an die israelitischen Speiseregeln hielt, verschiedenes Geschirr für Fleisch und Butter und besonderes Geschirr für die Osterzeit hatte, so mußte das rechtgläubige Judentum mir als eine Sammlung schnurriger alter abergläubiger Vorurteile erscheinen, die sich ganz besonders auf das Essen bezogen. Die Poesie des Judentums war mir ein Buch mit stoben Siegeln. In der Schule, wo ich nur als Zuhörer dem Religionsunterrichte beiwohnte, hörte ich dgs Judentum stets als ein bloßes Borstadium zum Christentum und die Juden als Ueberreste eines Volkes erwähnen, das zur Strafe für die Ermordung des Welterlösers über die Erde verstreut war. Die heutigen Israeliten »vurden als Menschen dargestellt, die in hartnäckigem Widerstand und Trotz mit übrigens beinahe unfaßlicher Verhärtung sich an ein längst überwundenes religiöses Ideal des strengen Gottes im Gegensatz zu dem liebenden ««klammerten. Wenn ich selbst versuchte, mir dies klar zu machen, quälte es mich, daß die Juden nicht zu Jesus Stellung nähmen, der doch so augenscheinlich den Fortschritt innerhalb der Religion bedeutete, die er erweiterte. und unfreiwillig sprengte. Jesu übernatürliche Persönlichkeit erschien mir übrigens nicht glaubwürdig. Der Anspruch auf Glauben, hie Forderung, daß die Vernunft gefangen genommen iverden solle, weckte meine» dumpfen Widerstand, und dieser Widerstand wurde genährt durch den festen Rationalismus meiner Mutter, ihr unbedingtes Mloeäfen jedweden Mirakels. Ms ich auf Grund der Bessbiinmmrgen des StaatSgefe^es kon,ivmiert werden müßte, war ich so weit, daß ich auf das Bevorstehende wie auf eine ausschließlich lästige Zeremonie herabblickte. Die Person des Rabbiners flößte mir nur Unwillen ein; seine deutsche Aussprache kam mir widerwärtig und lächerlich vor. Das schreckliche Dänisch, in dem das Lehrbuch abgefaßt war, empörte mich, der ich von Natur aus ein feines yhr für die dänische Sprache hatte. Die Mitteilung von altjüdischen Gebräuchen und Festen prallte an meiner moderne» Erziehung völlig ab. Die Konfirmation bestand nach meiner spöttischen Zusammenfassung des Eindruckes im wesentlichen darin, daß man sich, einen Zylinder vom Hutmacher borgte und ihn am nächsten Tage gesegnet zurücksandte. Es herrschte nämlich die törichte Sitte, daß. die kleinen Knaben im Zylinder antraten, so wahnsinnig er sie auch kleidete. Mit diesem auf dem Kopfe sollten sie — nachdem sie abgehört worden waren — die Treppe zu einer Balustrade hinaufgehen, auf der sie der Rabbiner erwartete, der ihnen ein paar bewegliche Worte über Eltern oder Großeltern ins Ohr flüsterte und segnend die Hand auf den Zylinder legte. Als ich das Glaubensbekenntnis im Chor mit den anderen oblegen sollte, stimmte ich zwar in das erste Ja ein, das sich auf den Glauben an einen Gott bezog, schwieg aber auf die Frage, ob ich glaube, daß Gott sich Moses offenbart und durch seine Propheten gesprochen habe. Ich glaubte nichts davon. Im übrigen war ich schwankend und außerstande, zur Klarheit zu gelangen. Was mich verwirrte, war die verlogene Art, in der man uns den völlig theologische» Geschichtsunterricht erteilt hatte. Der GeschtchtSlehrer erzählte z. B. nicht nur, daß Flamme« aus der Erde herausgeschlagen seien, als Ju'ianuS Apostata den Tempel i« Jerusalem wieder aufrichte» wollte, sondern er legte dies auch als ein Wunder aus, das den göttlichst Willen bekundet hätte. Seide 8 Der schweren Deren» der Alterserschelnungen begegnen Sie am wirksamsten durch den Gebrauch von Skterolsyrup nach Unlv.-Prof. Dr. Mladejovtky In allen Apotheken ethlltlch. Haupt-Depot: Apotheker C. BR ADV, Wien, U __Koten turm»trafle 18._ Das Safe i|t tut Kellergeschoß. Es vergeht sich, daß alle nur erdenkbaren Sicherungen vorhanden süHd, um das verwahrte Gut vor Einbruch und Raub zu sichern. Das Safe gleicht einer im Keller anfqeba:tten Insel. Ringsherum führen stählerne feuersicher« Gänge. Sinnreiche elektrische Signalanlagen würden sofort eine unbefinte Näherung bilden. Nachdem man die erste, schon hinreichend gesicherte Panzertün passiert hat, gelangt man erst durch die zweite Hanpttür zu dem Tresorraume, in dem sich ähnlich wie in den Großbanken etwa 1000 kleine Panzer'ächer be'inden, fceveit Kombinationsschlösser nur mit besonders konstruierten Schüsseln geöffnet werden können. Neben Amsterdam hat Antwerpen ein gleiches Institut, das zur Zeit wegen der günstigeren Valuta besuchter ist. Das Hauptkontingent der Käufer stellt Amerika,. Auch fielonrl Wedgwood wurde in Sherem gelegt. Vom Oberravü-iner Spina in Mukacevo. Aus Mukacevo fvird uns berichtet: Die empörende Cherem-GroteNke, deren Schauplatz vor kurssm 'die Ju.dswg,affe von Mukacevo war, lhat noch eine etwas dumme, cf>:r immerhin lustige Fortsetzung gefunden. Oberra,Miner S p i r a, der mit seinem großen Gherem g<Hen den Deller Rabbi so böse aibg-.'ischnitten hat, wollte sich offenbar durch einen neuen anbiziom. st Ischen Streich die verloren gegangene Gunst seiner Geiminke wiederstewininen, hat sich aber abermals unsterblich blamiert und die Empörung gegen sich nur noch gesteigert. Wir berichteten kurz, daß Colonel Wed-sivood auch in Karpathorußlanid Vorträge zugu>nsten des Keren Hajcffod hielt. In Mubacevo waren 2000 Zuhörer zu dicisem Vortrag gekommen. Da hatte Ober» rabbiner Spira nichts Eiligeres zu tun, als sowohl g^gen Cal-onel Wedgwood als auch alle Inden, die. 1‘cimsm Aufruf folgend, an der Sammlung jiür ziomstilsche Kvecke Mreriid teilnahmen oder Spenden wiidmen, den kleinen C h e r e m zu verÄnden. Colone4 Wedgiwoad, der davon gHört hat, soll nn'bändig gelachi haben. Auch wir würd-en lachen, wenn der Narr nicht uns g.hörte. So aber trösten wir uns damit, daß. die Aktion für den Keren Hajessod in unserer Stadt einen großen, Erfolg aufweiist und die A-uSführungen des C-olonel WedGvooü der zionistischen Sache hier uu'd in gang Karpathorußland viele neue Anhänger gebrach! haben. Sine ginge gegen hnndert Rabbiner- AuS Lodz wird unS geschrieben: Großes AuffehyN hat hier ein außergewöhnlicher GerichtSfalk hervorgsrufen; der hiesige Advokat Laski hat gegen 100 Rabbiner eine Klage eingebracht. Diese Klage entspringt einer Scheidungssache: Ein gewisser Borenstein hatte nämlich von der Schweiz aus gegen seine in Lodz zurückgcblüibens Gattin das Ehescherdungsverfahren angestrengt, konnte jedoch wegen der Weigerung der Frau die Scheidung nicht erreichen. Es wurde ihm nun geraten, gemäß dän jü- Entsprach es der Wahrheit — und ich vermochte es nicht zu widerlegen — so hatte Gott ja ausdrücklich gegen das Judentum und die Juden als Volk Partei genommen. Dieses Volk schien also wirklich von ihm verflucht. Indessen schreckte das Christentum mich gründlich ab durch seine Sagengesrhichte, seine Dogmatik und seine kirchlichen Gebräuche; die unbefleckte Empfängnis, die drei Personen der Dreieinigkeit, besonderdas Sakrament des Abendmahls wirkten auf mich wie ein Ueberrest dev niedrigsten Barbarei des Altertums. Unter diesen Umständen flüchtete meine jung« Seelle in ihrem Drange nach etwas, dasie verehre» konnte, von den Gottheiten Asienzu denen Europas, von Palästina nach Hellas, und klammerte sich mit lebhafter Begeisterung an die griechisch« Schönheitswelt und ihr« Göttersagen. Meine ganze gelehrte Erziehung hatte für mich dies eine Ergebnis: Schwärmerei für das alte Hellas und dessen Götter, die meine Götter waren, wie sie die JulianS gewesen waren. Apollon und Artemis, Atheüe und EroS und Aphrodite wurde« Mächte, die in ganz anderem Sinne Glauben in mir erweckten und Freudigkeit verliehett, als irgendein auf dem Sinai oder in EmauS geoffenbarter Gott. Sie standen mir nahe. Unter diesen Umständen wurde der Antikensaal zu Charlottenborg, wo ich als Schulknabe die Vorlesungen Höyens, deS ausgezeichneten und beredten Kunsthistorikers, hörte, eine Stätte, die ich mit Andacht betrat, und ThorvaldsenS Museum mein Tempel, so unvollüommen er auch dm religiösm und heroische« Bewußtseinsinhalt der Griechen wiedergab. AVer ich hatte in jener Zeit keinen anderen und bessere» Zugang zu der antik«: Götterivelt, als ihn das Museum darbot, und Thorvaldsm mH die Griechen schmolzm im Alter von vierzeh«, füntzeh» Jahren für «ich in eins zusammen. DaS ThorvaldfenlOtufeum war mir eine strahlende Illustration zu Homer. Hier war meine Kirche, hier wohnten meine Göttqr, war die wahre Heimat meine- Geistes. . /