Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2869 (22.2.1927)
- Date
- 1927-02-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite L Wien, Dienstag Wiener Morgen-ettnng SS. Fsbruar 1927 Nr. SSSS Die Schuld am Kriege. —y, Wien, 22. Februar. In der französischen Kammer hat der Minifterpräsid-enc Poincare vor einigen Tagen die Erklärung abgegeben, daß Frankreich bereit sei, die Archive zu öffnen und die Doku mente üücr den Ausbrllch des Krieges dem Publikum freizugeben. Dieser Entschluß - wird in einem großen Teile der internationalen Presse als eine moralische Tat von weitgehender Bedeutung begrüßt, als eine wichtige Etappe in denk Prozeß über die Schuld am Kriege. Wir sind solchen Publikationen stets mit stärkster Skepsis gegenübergestanden; erstens aus dem Grund, weit keine Negierung bei der Sichtung des Materials die Vorsicht außer acht läßt und ängstlich dafür sorgt, nicht ins Unrecht gesetzt zu tverden; ziveitens aber darum, roeil jede Ausrottung der Frage die Diskussion nur verlvirrt. Es ist nicht das geringste für die Erforschung der Wahrheit geschehen, wenn eine Regierung ein Dokument publiziert, daß sie erst auf die oder jene Meldung hin sich zum Krieg entschlossen habe. Alle Not- und Grün- und Weißbücher sind doch nur'Klischees. Die Regierung sagt, daß sie nicht angefmrgen habe; alle klammem sich an die Einzelheiten der Vorgänge im Hochsommer des Jahres 1914, malen die Details mit minutiösester Genauigkeit aus und präsentieren sich dann der Mittvelt in der bengalischen Beleuchtung des Friedensengels. Ihnen ist es überhaupt nur um die Mittvelt zu tun, denn die besteht ja aus den Wählern und Steuernzahlern, um deren gute Stiurmung man sich zu sorgen hat. Sie sind in solchen Fragen leicht zu beeinflussen. Jede Regierung besitzt die Mittel, auf die Phantasie zu wirken. In allen Staaten ist der Patriotismus in der von oben gewünschten Intensität entzündet worden, es gab Historien, Gedichte, Lyrik in jedem Ausmaß. Es gab auch Juristen und Philosophen, die mit der- Feder in der Hand, die blutigsten Schlachten für das Vaterland schlugen und Pech und Schwefel auf den ruchlosen Gegner herabfluchten. Sollen diese alle sich selbst als Lügner hinstellen? Der große Krieg wäre vielleicht im Sommer 1914 zu vermeiden gewesen. Aber das wäre doch nur eine Vertagung gewesen, da die Ursachen, die zu dieser Explosion drängten,, ftirtgewirkt. hätten. Ueberall standen Armeen, überall wirkten sie durch ihre Existenz und durch die in ihnen lebende und durch sie vertretene Tendenz in der gleichen Linie. Auf ihnen baute sich das politische System auf, das 'sich zur Popularisierung seiner Triebe gewisse Klischeeöegriffe geschaffen hatte, die es in der Schule und im Kasemhof und in den Zeitungen in die Massen hkneintropfte, so lange bis sich feste unbeirrbare Vorstellungen bildeten. Es gab da das perfide Albion, den italienischen, französischen, deutschen Erbfeind, den beutegierigen Russen, den schiefäugigen Japaner. Es gab den Haß in jeder Form und in jeder Dosierung. Dia Kinder wurden zum Haß erzogen, lernten ihn aus ihren Lesebüchern. Sie sahen jeden Soldaten in dem strahlenden ' Schein des Verteidigers der nationalen Ehre, der Geenzen des Vaterlandes und es wurde ihnen eingebläut,'es'fei schöner für das Vaterland zu sterben als zu leben. Kam noch die Mystik der Krone dazu, dann konnte sich das Erzirhungswerk wie auf geölten Schienen vollziehen. Es war nicht schwer, dies zu erreichen. Denn die psychische Grundlage, die Erziehung zum Verallgemeinern, war in gemeinsamer Zusammenarbeit von Staat, Behörde und Geistlichkeit errichtet worden. Wußte nicht jedes Kind, daß „der Jud'" an und für sich ein nichtswürdiges Geschöpf sei? In der Schule hieß es, daß die Juden Christus gekreuzigt hätten und deshalb für alle Zukunft, samt und sonders, einzeln und als Masse mit der Blutschuld belastet seien. Der Erwachsene horte in jeder Versammlung, an der Hochschule und von den Führern, daß die Juden materialistisch gesinnt seien, daß sie zur Revolution streben, das Vaterland verkaufen. und daß jebeg Kind einer jüdischen Mutter bar der Ehre sei. Die Menschen wurden daran gewöhnt, als Kollektivum zu denken und zu handeln, und ein unter ihnen lebendes Element als Kollektivum zu betrachten. Das gelang vortrefflich in bezug auf „den Juden". Daun ergab sich alles weitere fast automatisch. „Der Proletarier", „der Bürger" und endlich „der Russe", „der Deutsche". Bei uns in Oesterreich gabs noch „der Böhm", „der Serb". Ganze Armeen von Gelehrten, Politikern, Forschern, deren Beruf die peinlichste Voraussetzungslosigkeit hätte sein müssen, bewegten sich iu den. ausgefahrenen Geleisen, die ihnen mit gutem Gruud die fürsorgliche Behörde vorgezeich-et hatte. Daraus ist der Krieg entstanden. Die Politik geriet ins Kollektive. Man gewöhnte sich, die Völler nach dem Gesichtspunkt ihrer militärischen Kraft als Freunde od«r Feinde zu schematisieren. Die Politik dachte nur mehr in Armeen und Regimentern, sie behandelte das eigene Volk nur mehr als Material und Reservoir. Nicht die geistige Kraft wurde berechnet und entwickelt, sondern nur die militärische. Völker schlosseil sich nicht zur Erzielung technischer Fortschritte, zum Ausbau der . Wirtschaft zusammen, sondern »vurden von geheim wirkenden Personen an einander gebunden und auf den Ernstfall gerillt. ES entstand ein Dreibund, der sich die Tripelalliance entgogenstcllte. Alles arbeitete bewußt auf den Krieg hin. Was die Erfurter und Elltdecker in ihrer Stube ersannen, das nahnr der Mvloch sofort an sich. Aber auch die Regierungen waren nicht frei. Sie standen unter dem Druck des Militärs. Jeder gesunde Mensch hat das Bedürfnis, sich zur Geltung zu bringen, seine Fähigkeiten zu zeigen. Dieses Streben hatten auch die Generäle, und sie, die berufsmäßigen Pächter aller Mannestugend, schürten die Oefen des patriotische» Nationalismus und hetzten gegen di« Bolksvertrotungm, wenn die zu lässig im Geldbewilligen waren. Me kümmerten sich nur um die Mitwelt. In ihr«u lyrischen Ergüssen kam auch hin und wieder das Urteil der Weltgeschichte vor, aber nur als Redensart, bet der man sich nichts weiter zu denken braucht. Das Verdikt der Nachtvelt ist den Politikern, die nur auf substantielle Ziele eingestellt sind, höchst gleichgültig. Aber die Nachwelt, die Welt von heute, steht unter genau den gleichen Gefahrenmomenten. Sie muß darüber wachen, daß sie nicht wieder als Kollektivum einrückend gemacht werden kann, und sie darf sich nicht durch Äktenpublikationen hinters Licht führen lassen. Sie soll nicht Über di« Schuld am Krieg diskutieren, sondern einfach sagen: Nie wieder Krieg! Die offenen Archive sind Gräber. ES kommt nur Moder und Lüge heraus. Die Wischnatlonale Politik in der Tschechoslowakei. Prag, 19. Februar. In T e p l i tz hat vor kurzem eine Sitzung des zionistischen Arbeitskreises Aussig-Teplitz stattgefunden. Den Vorsitz führte Herr Dr. Josef C a r - niol. Herr Adolf Pollak referierte über die Jubiläumsaktion des Nationalfonds, während Dr. Emil Marguliesein Referat über die Richtlinien der innerpolitischen Betätigung erstattete. Es wurde die folgende Resolution beschlossen: Eine jüdischnationale Politik in dieser Republik kann nur geführt werden als Politik einernationalenMinderheit; erfüllt von dem Bewußtsein der Verantwortung gegenüber dem Staatsganzen, an dessen Aufbau und Entwicklung als organisches, gleichberechtigtes Mitglied mitzuarbeiten, als selbstverständliche Verpflichtung betont, aber auch als selbstverständliches Recht beansprucht wird. Der Kreistag spricht Herrn Dr. Emil M a r g u l i e's für seine Tätigkeit in der Union der Völkerbundligcn und bei dem Kongresse dieser Ligen den Dank und die Anerkennung aus und erklärt sich mit der von ihm hiebei geführten Politik vollkommen einverstanden. Der Berich' der gewiss» A«e«rh an die Mandatskommission. Jerusalem, 21. Februar. Die Zionistische Palästina- Exewtive hat laut dem „Haaretz" die Vorbereitung des Materials für das Memorandum, daS der im Sommer stattfindenden Sitzung der permanenten Mandatskommission des Völkerbundes unterbreitet werden soll, vollendet. Das Material, das Antworten auf den Fragebogen der Kommission bezüglich der Tätigkeit der Jewish Agency enthält, wurde der Zionistischen Exekutive in London übermittelt, die das Memorandum ansarbeiten wird. Sie innere Rühe im Staat. Eine Erklärung des Bundeskanzlers. Äug eine den letzten Pcistchanfs^urstreik betreffende Jnliciipello.tlon i,m Tiroler-Landtag hat der Bundeskanzler namens der Rssrerung mit einer Erklärung geantwortet, in der es u. a. 'heißt: . Die BU'N'Lesrc.glevung ist darauf bedacht, Mittel umd Woge zu finden und nid.it nur zu finften, sondern auch anznwenden, um den Übergriffen (in der. Anwendung d-es Streiikrechtes) wirksam zu begegnen. Als solche Mittel betrachtet sie vor allem: a) Die Stärkung jeder moralischen Autorität i>m gangen Bunde biete; b) un-ermiidilichs Arbeit an der E n t p o l i t i 'i i e r u n g d e r Verwaltung; c) unparteiische Gerechtigkeit gegeni'iiber den B.'-amten unld Angestellten aller Grade und Parteien; d) ernste Bemühungen um d i e B e s s e r st e l l u n g der Beamten und Angestellten, scl.v"it kS die f'uranziells La-ge des Bundes, die Trcg,M)'H?eit der Wirtschaft und die Erfolge der staallicken Betriebe erlauben; e) beharrliche Evzi-ehm'g des gangen Volk.'s zur Verabscheuung jeglicher Gewaltanwendung und Gewaltdrohung g-cgen den Staat oder gegen Mitbürger. Das ist ein Programm.. das der freu-di-gsten. Zustimmung aller Bcwchner Oesterreichs sicher wäre, wenn es nicht eben leider mir ein Programm wäre. Die Mittel, die die Bundesregierung zur Erzielung der inneren Ruhe in Aussicht nimmt, finden sich in der Liste einer joden Negierung, aber wer die Vorfälle der letzten Jahre üiühevdeiM, der kann Niick.it finden, daß. sei cs in der Entpolitisierung der Verwaltung, sei cs in der beharrlichen Arbeit gegen Gewatt-ani.vendttng ein merklicher Fortschritt zu verzeichnen wäre. Der gute Wille der Negierung allein gensigt nicht, eS müßten auch Beweise ihrer Tatkraft zu sehen sein. 'Jnsbcisondere tritt sie der Movdagitation der. Nationalradikalen nicht entgegen, und dieses Versäumnis wirkt sich nach allen Seiten hin aus. Man kann übrigens gleich die Probe aufs Exenrpel machen und die Regierung fragen, tvieso eS trotz ihrer Beharrlichkeit möglich ist, daß in -dem Schmierblatt der Hakenkreuzler in dieser Woche das folgende Inserat erscheinen kann, ohne daß der Staatsanwalt sofort eingreift: „W er sin angi ert Herausgabe einer Broschüre über den Rlt» almord? (Drnckkosten zirka S. 800 viS 1000. Beteiligung auch mehrerer.Personen möglich.) Zuschriften unter «Ostern 1087" an die Verwaltung deS Blattes." , Das Gelichter, da» eine Broschüre schreibt, ist auch imstande, einm Ritualmord auSzusühren und zu diesem Zweck ein« Kompagnie zu bilden, dir dann zu Ostern 1V37 mit dem gehörigen Applomb auftritt. WaS gedenkt dir BundeSvegikrimg zu tun? KUPON ZU OEM KREUZWORTRAETSEL Nr. 10 oer „Wiener morobnzeitunom EöS fSJ /öjpulo)muSjLoi/oSjLo^ Tagesbericht. Las draht or telegra-tzirrte Stenogramm. Aus Berlin wird uns berichtet: Das Reick.Sppstiirinisisruim wird schon in den nächsten Tagen im Verein mit der Firma Delesu-wken den Probebetricb einer neuen Artvon Telegraphie aufnehmen. Diese besteht darin, daß man Stenogramme drahtlos stenog-raph lisch von einer Station zur andern übermittelt. Es scheint, daß diese Methode der Nachrichtewirhermiitlung bedeutend schneller und wirischastlicher arbe':t"t als der g-'geni.värtig verwendete Maschinenielegraph. Das übertragene BiD wird in winliigie Punkte zerlegt, die, je nachdem. ob das Bild weiße o-d-er schwarze Flächen zeigt, die Fähigkeit haben, das Bild zu reflektieren oder nicht. DaS Bild wird mit einem feinen Lichtstrahl mit großer Schnellig>5eit abg-etastet und die reflektierten LickAstrahlen werden in der von Prof.ssor Carolus konstruierten TelesunkeniMe von LichtsehrvaiAunicen in Stron'ischlvar.lkr:>ng>cn mugewanidelt, die verstärkt und mit d-em Sender zugsleitet werden. Dieses Verfahren - wird nun dazu verwendet, nicht Bilder, sondern stenographische Schviftyeichen KU übermitteln. Lustpsstd-enst Kairo—DaMd—Aarra. Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Laut „Commercial Bulletin" vom 1.'Februar teilt der General-Postmetster mit, daß seit dem 31. Dezember der Zustpostver* kehr Kairo—Bagdad bis Basra verlängert worden ist. In den bcstchcnden vierzehntägigen Zwischeuräumen dieses Luftpostverkchrs tritt keine Aeuderung ein, aber die Post von Palästina wird an dem entsprechenden Mittwoch statt Dcnncrstag abgehen. Die Dauer der Fahrt von Gaza nach Bagdad ivlrd für den Anfang auf etwa acht Sttnkden mü> von Gaza bis Basra auf 27 Stunden geschätzt. Es wird beabsichtigt, die > Flugpostverbindung im April bis Karachi (Indien) auszudehnen. 81? Jewrrbrr um einen öcharsriüterpofteu. In ver Tschechollowakci. Prag, 20. Februar. Nach Pensionierung deS Henkers. Wohlschläger ist die Scharfrichterstelle für die Tschechoslowakei neu ausgeschrieben würden. 66 Personen haben sich angebotcn. Die Wahl fiel auf den 31jähri^ gen Franz Nechyba aus Dobruz, der sich als Polizcibcamter abfertigen ließ und als Versicherungsagent tätig .war. Averescu über die Slodentene«effe. Der Premier droht den C«za--Stu,denten mit Kriegsgericht. Bukarest, 21. Februar. Ministevpräsident Aves re s c u richt'te an den U n t e r r i ch t S m i n i st e r ein Schreiben, worin er diesen auffordert, aus die Studenten ei uv «wirken, damit diese von den Agitationen und Nuhestörungen auf den Straßen endlich ablassen, da er en'.ischlosien sei, mit allen gesetzlichen Mitteln die Ordnung z u s i ch e r n. Falls sich neue Ruhestörungen in den Orten ereignen sollten, wo noch das S t a n d r e ch t besteht, würden die Ruihcstvrer vor das Kriegsgericht gestellt werden. Gasvergislungen ln einem Motorboot. Aus Wiesbaden wird Gemeldet: Gin« schwere GasvergiftungSkatastvophe hat sich gestem abends auf einem Motorboot entf dem Rhein ereignet. Fünf Pevsonen, darunter drei Kinder, kamen umS Leben. Sveben. weitere Personen wurden unter schweven GaSvergtftungSvrscheinungen in daS Krankenhaus eingeliefert. DaS Boot befai.d sich bei Eintritt der Dunkelheit auf der Fahrt von Grbach nach Rheingau, wobei die Passagiere in der Kajüte eingesch'lossen waven. Als eirier von ihnen austvachte, bemerkte er, daß die 5kajüte mit tinem süßlich riechenden Gas an ge füllt war. Er schlug sofort ein Fenster ein und alarmierte den Bootsführer. Belm Anlegen würbe festigestellt. daß fast sämtliche Insassen der Kajüte bewußtlos waren. Im.Krankenhaus konnte bei fünf Peesomn Mw noch der Eintritt des Todefeftgestellt tyerben. Von den drei toten Kindern gehörten ztvei dem BootSfLhrer. Die im Krcmkenhm'S befindlichen Pevsonen sind sämtlich außer Lebensgefahr. Der Lenker de- Bootes, der sich enrßerhaw der Kajüte befand, ist ohne Schaben davmvgekommm.