Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2867 (20.2.1927)
- Date
- 1927-02-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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. 2867 Wien, Sonnig Wie«er Moegenzeitttttg so. Februar 1327 Sette 8 Tagesbericht. Ser rsv. Todestag Baruch svinoras. Für den 2t. Februar 1927, den 250. Todestag Spinozas, werden von den größten rvisseuschaftüchen Bereinigungen nicht des Landes allein, in dem er lebte, schrieb und starb, sondern in der ganzen Welt Vortesteitungen getroffen, um rvürdig das Andenken des Philosophen zu feiern, dessen Werk der ganzen Welt angehört. In zahlreichen, nicht nur von Juden gelieferten, tiefgründigen Arbeiten ist der Nachsveis erbracht, daß Baruch Spinoza zu den stolzesten Zierden des jüdischen Volkes gezählt werden darf, und das nicht etwa, weil er diesem durch Geburt und Abstammung angehörte, sondern ineil sein Geist, genährt an den Lehren des Judentums, gesättigt von den Werken jüdischer Geistesheroen, auch das Letzte, das er geschaffen, dem Geiste des Judentums zu vechanken hatte. In glänzender Weise hat dies auch einer der hervorragendsten — christlichen Gelehrten, Ernst Renan, mit der ihm eigenen, durch künstlerische Darstellung funkelnden Denkrede zum Allsdrucke gebracht, die er vor büßt; im Gegenteil, sie wirkt heute vielleicht noch in höherem Mäße. Ein Auszug aus Renan? Rede, nach einer längst verschollenen deutschen Uebersetznng, diuns vorliegt, wird dies ÜbcrzcuWü» beweisen. Renan sagte unter anderem: „Der berühmte Baruch de Spinoza gehörte zu der großeu Rasse, welche durch ihren Einfluß und die Dienste, welche sie geleistet, eine so ausnahmsweise Stellung in der Geschichte der Zivilisation einnimmt. In ihrer Art ein Wunder, nimmt die Entwicklung des jüdischen Volkes sogleich ihren Platz ein neben dem anderen Wunder, der Entwicklung des griechischen Geistes. Denn wenn Griechenland zuerst das Ideal der Poesie, der Wissenschaft, der Philosophie, der Kunst und der bürgerlichen Gesellschaft verwirklicht hat, so hat das jüdische Volk, wenn ich so sagen darf, die Religion des Menschengeschlechtes geschaffen. Seine Propheten führten in die Welt die Idee der Gerechtigkeit estr, die Forderung der Rechte des Schrvachen, eine um so gewichtigere Forderung, als jeder Gedanke an eine zukünftige Vergeltung ihnen fremd war. Sie träumten von einer Verwirllichung des Ideals auf dieser Erde und in baldiger Zeit. Ein Jude, Jesaias, wagt e§ 750 Jahre vor unserer Zeitrechnung onszu sprechen, daß die Opfer rvenig Erfolg haben m schönsten Werke des hebräischen Genius führen sollten. Hieß das die Bibel znsiömt? Hat diese wunderbare Literatur etwas verloren dadurch, daß ihre Physiognomie eine tatsächliche wurde? Nein, gewiß nicht. Die Verfolgungen des Mittelalters hatten aber auch im Judentum die gewöhnliche Wirkung aller Verfolgungen hervorgerufeu; sie hatten die Geister eingeengt und furchtsam gemacht. Die Kühnheit des jungen Spinoza wurde schlimm ausgenommen. Man verfluchte ihn, und er mußte eine Exkommunikation erdulden, die er nicht gesucht hatte. So war er denn gezwungen, sich eine geistige Wohnstätte außerhalb des Hauses zu suchenwelches nichts mchr von ihm wissen wollte. Er verlangt nicht, daß man ihm folge; er ist wie Moses, welchem sich auf den Bergen Geheimnisse erschlossen, die den gewöhnliche» Mensche» unbekannt sind; aber Spinoza war der Seher seines Zeitalters; er war zu feiner Zeit der, welcher am tiefsten in Gott geschaut hat. i Spinoza ertrug es nicht, daß man sein Streben als imreligiös oder umstürzend betrachtete... Er empfand, wie gefährlich es fei, Glaubenssachen zu berühren, bei thiSisu Trinke Btathrainers misliH» MalskafNa Er ist bei großer AuSgiebigLett außerordentlich billig» D» sparst Ofcllk jfa/p*n 50. Jahren, anläßlich der 200. Todestagsferer Spinozas, im Haag hielt. In dieser, vor einem dem höchsten Geistesädel am gehörenden Publikum gesprochenen Festrede hat der französische Gelehrte mit hinreißender Beredsamkeit nicht ab lein die überragende Geistesgröße des Juden Baruch Spd noza gefeiert, sondern nachdrücklich hervorgehoben, welchar Ruhmcsanteil an dem Werke Spinozas der Bibel, dem Geiste des jüdischen Schrifttums und bett großen Lehren der Synagoge zuerkannt werden muß, auch wenn diese von Spinoza oft bekämpft wurden. Diese Dcnkrche Renans, die den Denker wie den Menschen Spinoza in gleichem Maße verherrlicht, hat an Aktualität auch gelegentlich des 250. Todestages Spinozas nichts cinge- und nur eines Wert, hat: die Reinheit des Herzens urrd der Handlungen. Diese mächtige Ueberlieserung des Idealismus und der Hoffnung, im Widerspruch mit jeder Hoffnung, diese Religion, welche von ihren Anhängern die heldenmütigsten Opfer verlangt, ohne daß es in ihrem Wesen liegt, ihnen etwas Bestimmtes über das Leben hinaus zu versprechen — dies war der gesunde und stärkende Kern, ans welchem Spinoza sich entwickelte. Seine Erziehung war anfangs nur hebräisch: die große israelitische Literatur war seine erste und, um ivahr zu sein, immerwährende Lehrerin, die Betrachtung seines Lebens. Wie es gewöhnlich vorkommt, tvar die hebräische Literatur, ürdem sie den Charakter eines heiligen Buches - annahm, der Gegenstand einer hergebrachten Exegese geivorden, in welcher es sich! weniger darum handelte, die alten Texte im Sinne ihrer Autoren zu erläutern, als darin Nahrung für die moralischen und religiösen Bedürfnisse der Zeiten zu finden. Der durchdringende Geist des jungen Spinoza wollte darüber hinweg in die Bibel eindringen. Im Grunde war er aber den wahren Vätern des Judentums ergeben und insbesondere dem großen Ma im o nid es, welcher Mittel gefunden hatte,, in die jüdische Religion hie kühnsten philosophischen Anschauungen einzuführen. Er sah mit einem wunderbaren Scharfsinn die großen Resultate der kritischen Exegese voraus, welche 125 Jahre später zum wahren Verständnis der denen wenig Menschen feine Unterschiede zulasten. ,Morsicht" war seine Devise. To seine Freunde chm begreiflich' gemocht, welche Explosion seine „Ethik" Hervorrufen würde, hielt er sie unveröffentlicht bis zu seinem Tode zurück. Er hatte durchaus keine literarische Eigenliebe und strebte nicht nach Berühmtheit, vielleicht, um mich wahr auszudrücken, weil er sicher war, sie zu erhalten, ohne sie zu suchen. Da er die Wahrheit ihrer selbst wegen liebte, war er gleichgültig gegen die Beleidigungen, welche chm die beständige Verkündigung derselben zuzog. Er hatte kern Wort der Erwiderung auf Angriffe. Er selbst griff Stic* manden an. Hätte er eine amtliche Stellung annehmen wollen, so wäre sein Lüben ohne Zweifel durch Verfolgung gen oder wenigstens durch 'Ungnade durchkreuzt worden. Er war nichts und wollte nichts sein. Alles opferte er der Ruhe seines Denkens, und er war darin wichtegoistisch, denn dieses Denken kam allen zugute. Wiederholte Male wies er den Reichtum zurück, denn er wollte nur das Notwendige. Der König von Frankreich bot ihm eine Pension an, er schlug sie aus. Der Kurfürst von der Pfalz Lot ihm einen Lehrstuhl in Heidelberg an; er lehnte ab, weil er sich ein ruhiges Leben nur unter der Bedingung zu schaffen glaubte, wenn er jeder Art öffentlicher Vorlesungen entsagte. Spinoza fühlte, daß seine Pflicht Ser Gott Spinozas und der Gott der 8«de» und Wiste«. SU Spinozas rso. Todestage. Von Dr. N. E. Pohorilles. Nicht aus Hang zu Paradoxen und noch viel weniger aus Nachgiebigkeit gegen den Obskurantismus irgendeiner Couleur wird ein Jünger Platons in dem Konflikt Spinozas mit der Amsterdamer Judengemeinde auf mildernde Umstände zugunsten der letzteren plädieren. A m i c u s mihi BenedLctus, magis amicus Deus sive veritas! Das ist gewiß spinozistlscher gedacht, als wenn man etwa daraus, daß der Bann kein Argument ist, fchon schließen möchte, daß die Prinzipien der Lehre, in deren Namen er angeblich erlassen wurde, eo ipso als falsch erwiesen seien. Amiens nrihi Benedictns! Ihm ist das Unrecht der beleidigten Menschheit widerfahren und groß und erhaben wie er das Leid ertrug, schuf er der Menschheit in seinem Leben ein Vorbild des Weisen und in seiner Lehre ein Nachbild des Gottes, wie er ihn erkannte. Nur dem aus dem Judentum Kommenden komtte sich die Lehre von der Einheit und Einzigkeit Gottes gegenüber der (beseitigten) Göttervielheit zur. Einheit und Einzigkeit auch gegenüber der (zu beseitigenden) Welt erweitern, da ihm deren substantielle'Selbständigkeit Gottes Snbstanzialität zu beeinträchtigen schien. Für zwei oder gar mehrere Substanzen (Absolute) ist in der metaphysischen Welt kein Platz. Und die Substanz wäre nicht absolut, wenn ihr etwas auch nur von relativer Selbständigkeit gegenüberstiUrde. Alle Substantialität gehört nach den Getetzen der ewigen Natur Gottes Gott selbst. „Ich bin, der ich bin!" Wie sollte also Gott ein anderer werden, wie sollte er.von seinem Wesen einem anderen etwas Mitteilen können, ohne aufzuhören, das zu sein, was er ist. ' Die Gesetze der Natur Gottes bringen es mit sich, daß das Sein nur Gottes ist: von ihm stammt es, bei ihm bleibt es, und man kann nicht einmal sagen, daß es, von ihm ausgegangen, deveinst zu ihm zurückkehren wird. denn cS tonnte sich von ihm niemals trennen, da es immer bei ihm gewesen ist. ' Aus der Unendlichkeit deS unendlichen Wesens Gottes folgt unendlich Vieles auf unendliche Weise. Es bleibt daher kein Raum mehr übrig, weder für eine Kausalität Gottes, noch für eine Kreation durch, noch für eine Emanation, aus Gott. Denn fein Wesen, das notwendig die Existenz einschließt und mit ihr einerlei ist, sejn Wesen, das alle Realität ausmacht, ^gestattet kein Mehr und kein Minder, feilte Veränderung, was alles von jenen Begriffen unzertrennlich ist. Die Entfernung dieser drei Begriffe aus der spinozistischen Gottesidee scheu» auf den ersten Blick mit den ausdrücklichen Worten Spinozas nicht übereinzustiMrnen. Geht er doch von der Definition der causa sui aus, die seine Substantialität und Allmacht ausmacht, nennt er doch Gott die bewirtende Ursache aller Dinge, ihrer Existenz wie ihrer Wesenheit, die unbedingt erste Ursache ustv.; auch spricht er imnrer wieder davon, daß Gott alles geschaffen hat, wasin seinenr unendlichen Verstände war und was überhaupt nur erschaffbar gewesen ist, so daß Gott nicht noch weiter oder Mehr zu schaffen L-.auche. Indessen nicht auf die Namen, sondern auf den Inhalt der Begriffe kommt es an. Die Kausalität Gottes hat bei Spinoza nichts zu tun mit dem zeitlichen Prius der Ursache vor der Wirkung. Auf Gott paßt nur die Ewigkeit, die nicht Mit Dauer (einer noch so großen, über die sich eine noch größere und so fort ins Unendliche denken ließe) zu verwechseln ist; die Kausalität in diesem Sinne muß von Gott ferngehalten werden; denn die Ursache erzeugt nicht die Wirkung irr schöpferischer Weise, die Kausalität ist lediglich die wohlgeordnete Form der Erscheinungen, die erst das Rätsel des Seins ist, das Rätsel, das, wen.: etwas ist, ein anderes nottvendig folgt. Fiele aber die Kausalität Gottes mit der Kreation zusammen und verstünde man unter Kreatton ein zeitloses Entstehen des Kreierten mit dem Kreierenden, wie denn^ogar der Aquinate sagte „mundurn eoepisse sola flbe tenetur" (daß die Welt einen zeitlichen Anfang hat, läßt sich nicht beweisen und ist nur ein Glaubenssatz), so wäre er verfehlt, selbst einen solchen Schöpfuugsbegriff, als dem Spinozismus angemessen anzusehen. Spinozas Definition: „Eine erschaffene Sache ist die, welche außer Gott nichts zu ihrem Dasein voraussetzt", erfährt sofort eine den Schöpfungsbegriff vernichtende Korrektur dadurch, daß es nur eine einzige Substanz, Gott, gibt, und daß Denken und Ausdehnung, die Attribute der Substanz, als Pas definiert werden, was die Wesenheit der Ottlichen Substanz ausdrückt, das heißt, was zur Substanz gehört;, genau das Müssen die Attribute selbst in sich schließen. Nun aber gehört zur Natur der Substanz die Ewigkeit; folglich Muß ein jÄws ihrer Attribute die Ewigkeit in sich schließen. Kann man diese dann noch erschaffen heißen? Und Hibt es denn überhaupt iwch etwas Erschaffenes, wenn es airsdrücklich heißt, daß die Modi, das heißt die Akzidentien und Zustände der Substanz (zu denen auch der aus Körper und Seele zusammengesetzte Mensch gehört), nicht erschaffen seien. Gewiß Würde dieser Modus Mensch noch eine geschaffene Substanz voraussetzen, die Attribute Gottes — Substanz unb Ausdehnung — sind es gewiß nicht. Denn die Attribute sind ebenso wie Gott ewig, sie drücken notwendige Existenz aus, sie stellen Gottes ewige Existenz dar, ihre Natur ist unbedingt, jedes wird durch sich begriffen, sd wie die Substanz, nur daß diese, da sie alle Realität ist, diese und auch noch andere unendliche Attribute hat. Aus der unendlichen Natur des unendlichen Wesens folgt nnandlich BiebeB auf unendliche Weise! So schrieb denn auch Spinoza jenen den Zeitgenossen so anstößigen Satz von der Ausdehnung Gottes nieder, eilten Satz, der keineswegs dadurch gemildert ist, daß nicht konkrete Körperlichkeit, eine begrenzte Anlehnung von Gott ausgesagt wich, sondern, wie es dem unendlichen Wesen geziemt, das Ganze, das den Teilen vorangehtdie unendliche Ausdehnung, die von der begrenzten Körperlichkeit des Kreatürlichen als' etwas unendlich Verschiedenes aufzufaffen sek. Durch die Einbeziehung des Attributes der Ansdehnung in die Gott-Substanz hat Spirwza die Außexweldlichkeit des Gottes der Juden und Christen überwunden. Gott ist die inwohnende Ursache aller Dinge! Aber diese Ueberwindung stellt sich den Juden und Christen als ein Herauztehen Gottes in die Welt dar: Deus sive natura!