Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2867 (20.2.1927)
- Date
- 1927-02-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Selte 2 Wien, Sonntag Wle«er Morgerrzeltung 20. Fibruar 1987 Mr. 2887 Gmx&öoaoooöooooooooooaoaoooooooooaooo Am besten sind dochdie Ceschka-hdte VH., KalsersfraSo 123 WIEN IX., AlssrstraSe Hr s. 0(XXXXXXXXXXXXXX^00030CXXXXX30000000000 zwischen Sst und West. —y, Wien, 20. Februar. Dem Paneuropa-Kongreß ist nun ein Kongreß gegö"' ...Filiale Unterdrückung gefolgt. Es waren etlva 87 Delegierte! ans asiatischen und afrikanischen Ländern versammelt; ihnen gesellten sich einige führende und namhafte Mitglieder dev geistigen Welt Europas zu; trotz ihrer Anwesenheit aber gestaltete sich der. Kongreß zu einer antieuropäischen Tagung. Die Versammlung war fünf Tage lang beisammen, hörte Reden und Referate cm und faßte eine Menge von Beschlüssen und Resolutionen. Das chinesische Gewitter grollte in den Saal hinein und gab den Reden einen sehr aktuellen Unterwn. Trotzdem aber bleibt diese Tagung eine Versammlung wie jede andere. Steht hinter den Beschlüssen etwas mehr als der Wille der Mstimmenden? Sicher leht in der: Kongreßteilnehmern die Stimmung ihrer Rasse, der Schmerz über die Demütigung durch die Herrennationen der asiatischen Halbinsel, die sich Europa nennt. Sicher wirken ihre Klagen gerade durch die Eintönigkeit des Inhalts, durch die immer tvieder aufscheinende Gleichartigkeit der Beschwerden sehr tief, sicher ist es nur gut, wenn die Massen Europas darauf hingewiesen werden, ans wie schrvanker Grundlage die Macht ihres Hochmutes steht und wie sehr sie bereits bedroht ist. 2lber ebenso sicher ist, daß diese Beschwerden und Klagen verhallen müssen, weit die Völker, die sie ausstößen, keinen politisch zu erfassenden Organismus darstellen, und iveit sie nicht einmal zu den rudimentären Anfängen einer ihres Zieles und Weges bewußten Gesellschaftsform vorgeschritten sind. Nur Japan hat dies vernrocht, dank einem in der Geschichte einzig dastehenden inneren Umwandtungsprozeß, dank einem mit härtester Konsequenz durchgesührten Entschluß. Die Versuche anderer Rassen blieben auf eine sehr dünne Schichte von Intellektuellen beschränkt; sie dringen nicht tiefer. Jopan konnte sich umformen, weit es das Schulsystem Euwpas akzeptierte. Es baute sich aus eigener Kraft und eigenem Willen vom Grund aus ein neues Volkstum und eine neue gesellschaftliche Maschinerie auf. Das japanisch: Volk selbst hat dies getan. Aber kein asiatisches oder afrikanisches Volk konnte dieses Beispiel nachahmen und wenn man die Reden und Beschlüsse des Brüsseler Kongresses liest, sq erkennt man nirgends diesen zur Reform des eigenen Wesens entschlossenen Willen. Diese, an europäischen Hochschulen erzogenen Studenten, haben eine tiefe Einsicht — in das Wesen Europas. Sie sehen vielleicht schärfer, mit den Augen des Hasses, wie dieser Kontinent sich selbst zerstört. Aber sie stehen selbst in seinem geistigen Bannkreis. Sie wollen europäisch werden und das nimmt ihnen die Kraft, in die Tiefe ihrer Massen zu wirken, die nicht das Glück hatten, an Colleges ausgebildet zu werden und die nicht einmal Volksschulen besitzen. Wer gegen Europa kämpfen will, ahmt seine Maschinen- 9 kultur Und die Technik seiner Kasernen nach. Damit aber infiziert er sich selbst und die Emanzipation bleibt rettungsloser Traum. Denn die Welt des Orients ist seit Jahrhunderten steril geworden, sie schasst nichts aus sich selbst heraus und sie hat nichts für ihre Massen getan, die heute noch in Unwissenheit, in einem starren Buchstabenglauben und in einer primitiven Dkdnung leben, T>te aller sozialen Erkenntms entbehrt. Es 'ist vielleicht das grösste Verbrechen der wüßen'Kutturvölker/daß! sie diesen "Zustand erzeugt haben, und laß si: cni^cr Demagogie Versammlungs- Phrasen, Fabriksspindeln und Revolvern diesen in geistiger und physischer Not erstarrten Böllern nichts gegeben haben. Für sich haben europäische Genies unerhörtes an technische Wundern vollbracht. Sie haben Teile Hr Sahara bewässert, die Baumwollkultur gehoben, sie haben tausend und ein Märchen belebt; aber nichts für die soziale Regeneration getan. Und lrarmn kann auch der neu erwachte Nationalismus, so selbstbewußt und anspruchsvoll er sich gibt, nichts tieferes schassen. Er ist der unerlösten Vollskraft fern und fremd geworden. Die Jungtürken sind daran gescheitert, die Jungägypter bleiben ebenso steril. Die vielen intellektuellen' Araber, die in Europa gelernt haben, verschwinden spurlos in der Masse. Der Kongreß der unterdrückten Völker will, daß statt englischer oder französischer Industriellen indische oder chinesische Fabriksherren treten. Mehr strebt er nicht an und sollte dies erreicht werden, dann entstünde eben ein indischer oder chinesischer Imperialismus und Kapitalismus. Die Mafien des Orients sind nun nicht imstande, über das dumpslastende Gefühl ihrer Lage hinauszugehen und eine Reform anzubahnen. Japan ist eine Insel und konnte sich unerwünschte Einflüsse und Einwirkungen fern halten. Es besaß auch die bewaffnete Faust, die dem europäischen Militärgötzen gewaltig imponierte. Die Orimtvölker können sich nicht so abschließen. Ihr Appell an die europäische Oeffentlichkeit ist wertlos. Er trifft nur einzelne auserwählte Geister, wie Einstein und Barbusse. Der europäische Sozialismus ist im Ernstfälle eben europäisch und zeigt nur au Feiertagen die Geneigtheit, von einenl Menschheitsbewußtsein zu sprechen. Zu mehr, zur Tat langts nicht, denn das europäische Kapital und das europäische Proletariat ist durch das gleiche Interesse zu einer Einheit verbunden. Man sage nur dem europäischen Arbeiter und seinem amerikanischen oder australischen Bruder, sie müßten für die Zulassung von Negern oder chinesischen Kulis in Glasgow und Essen, in Mailand und Mährisch-Ostrau stimmeil! Mer cs ist doch so, daß die Studenten und Lehrer, die da in Brüssel waren, aus der Seele ihrer Massen reden. Sie habeir zuinindest für den Kampf gegen Europa die Möglichkeit einer sehr weitreichenden Resonanz inrd von hrer aus kaicn einmal die grandioseste Katastrophe koinmen. Es gibt leinen Vermittler zwischen Ost mld West. Der englische Kolonialminister Amery hat jüngst über Palästina und die jüdische Arbeit gesprochen und in diesem Zusammenhang auch einige tiefer schürfende Gedanken ausgesprochen. Der Zionismus ist der Ansatz für eine aufrichtige Zusanvmeuarbeit mit den Ländern des nahen Ostens; durch eine solche Zusammenarbeit tverde der Mgnrnd zwischen der westlichen und östlichen Welt und Wege zu den en sernteren östl'ch.n ^ändern geschlagen. „Auf diee Wei'a wird der Zukunft der g samten. ...euschheit gedient. Die Kluft des Rassenhasses, die zwischen Europäern und Asiaten heule noch besteht, birgt immense Gafahren für die Zukunft. Um diese Gefahren zu bannen, ist ein großes Werk zu tim. Das Werk ist in Angriff genommen, wir dürfen nicht die Hände davon lassen, bevor es vollendet ist." Hier ist die großer Bedeutung des Zionismus von einer Seite dargestellt, tut die man heute nur sehr selten denkt. Die jüdische Aufschließuugsarbeit in Palästina ist in der Tat der einzige Weg, die Brücke zu schlagen. Und gerade deshalb wird der Zionismus von den europäischen Unterdrückungsenthusiasten verlemndet und an seinem Werk gehindert. GESUNDHEIT auch in vorgerückten JAHREN erhalten Sie sich durch Verwendung des wirksamen Mittels gegen Alterserscheinungen SKLEROLSYRUP 0 0 nach Univ.-Piof. Dr. Mladejovsky. 0 0 in allen Apotheken erhältlich. Hauptdepot: Apotheker C. BRADY, Wien, I., Rotenturmstr.18. Brandes' Stellung zum Judentum. Gelegentlich des 85. Geburtstages des nun verstorbenen Kulturphiloiophen l;a.'en wir (am 5. Februar)' darauf hingewtesen, daß Brandes erst in hohem Alter zum jüdischen Volkstum zurückgefunden hat. Diese innerliche Wandlung hat Brandes selbst in einem vor einigen Jahren veröffentlichten Aufsatz dargestellt, der die Ueberschrist trug: „Meine Stellung zum Judentum". Ich betrachtete das Judentum von meinem 15. bis zu meinst 60. Jähre 'lediglich 'als 'eine Religion. Die Juden in Wasteuro'pa, die dänisch, französisch, englisch oder deutsch sprechen, haben sich in der N.g?l, seit sie dieselben Rechte wie die übrigen Einwohner d?r be 'rossenden Länder erhalten haben, stöbst als reine Dänen, Franzosen, Env/länder und Del-'i'che ge.fl'Tll. Auch wenn sie religiöse U^berzengimg-en hegten, blieb ihre nationale Stellung davon unberührt. Meine W'ltanschauung stammte von Spinoza — und dieser war nickst nur von den Christen veraltet, sondern auch aus der Synagoge ausgestoßen worden. So kam es. daß ich mich nur dann als Jude fühlte, wenn 'dieses Beiwort in schmähender Form angewandt wurde, und dies geschah vom ersten Tage meiirer öffentlichen Laufbahn an. Daher war es mir «7 _L2)f<LQJL®} (SYtys) ro)|oTtJr<>JloT7TojloTCJ-OJloTCJ «I leuojnLo](ojC)\ß)iOjC>XP)[ojC>±P) [SJQXSJ foYO'cl KUPON ZU DEM KREUZWORTRAETSEL Nr. 8 DER „WIENER MORGSNZ EITU NQ‘* unmöglich, e u vergessen, daß ich Jude war, oder — um es genauer zu form liieren — daß ich weder daheim noch wn Auslande als vollwertiger Däne angesehen wurde. . . . Niemrils habe ich peusön'lich das jüdische Volk als eine Nation betrachtet, und ich bin auch noch heute voll davon nüerg"ugtz daß es keine jüdische ,^tasse" gibt. Diese Geda.ssen aber haben mich niemals davon akg^halten, zu versuchen, rneln. AeuHerstes zu tun, um mich an dir öffentliche Meinung zu wenden, so'bald die Juden verfolgt wurden. Vor ungefähr 40 Jahren erheb ich meine Stimme zugunsten der rumänischen Juden. Ich war der erste Nichbfranzose, der für Alfred Dreysus' Unschuld kämpfte. Dann kämpfte ich für Finnlands rmd sipäier für Pol e n s Juden. Nichtsdestoweniger wurde ich über 30 Jahre sang von der jüdischen Press? in verschiedenen Ländern verfolgt. Selten wurde ich ohne Hohn und Verachtung in jüdischen PublVet'vuen erwähnt. ... In den letzten Jahren hat meine Ansicht über ■ die jädische Frage eine starke Veränderung durchgemacht. Die Juden in Westeuropa können meiner i Meinung nach kaum in Veracht gezogen werden. Nur in Osteuropa gibt es Jüdische Massen, in denen größte schöpferische Kräfte schlummern, und diese haben recht, wenn sie versuchen, eine Nation aus eigen'm Grund und Boden zu bilden. Das verstand ich vor 20 Jelhren nicht. Seitdem ist viel Wasser ins Meer geflossen. ... Wunderlich genug, bah, obwcih'l das Judentum keine religiöse Renaissance erlebt hast sich ein gewaltiger nationaler. Enthusiasmus der Juden bemächtigt hat. Diese Bewegung hat, obgleich ich durch rmd.durch Kosmopolit bin, all meine Sym- . patztzre.' Sie ist berechtigt, weil sie tieswunzelnd und natürlich ist. Seit man sichüber Palästina als Ziel der 'irdischen Kolon'sa'ion einig geworden und seit dieser G-eda-nike von mehreren Negierungen gebilligt worden isst scheint mir die Zukunft des Z t o n Ismus gesichert. . . . Und es ist außer aller Frage, daß die Kolonisation in Palästina eine ungeheure m o r ä l i s ch e S t ü tz e für alle Juden in der Welt werden wird. Das jüdische Prestige wird bedeutend g-stärkt werden und je'drr wird schen können, daß ein großer Teil des jüd'schen Mr§ mit prodi «kl'iver Arbeit aus seinem eigenen Boden 'beschäftigt ist und alle Pflichten erfüllt, die ein unaLstäng'ges nationales ’ Leben -einem naiiovalen Gemeinwesen auserlegt." Sie haben nicht mehr 'viel Zeit wenn Sie aus der Prämien-Aktion der „Wiener Morgenzeitung* die herrlichen Oeschenkwerke erhalten wollen, die für Jahres- und Halbjahresabonnenten ausgesetzt sind. Nur noch bis 31. 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