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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-19 · Heft 2866 (19.2.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2866 (19.2.1927)
Date
1927-02-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3886 Wie«. SamStag Wisst» Mskgeszettvsg 13. Februar 1SS7 Sette S Ser Aufmarsch der Partettu. Wae Aeavervag aer Mmaam. Die politischen Parteien rüsten zu den Neuwahlen alle Anzeichen sprechen dafür, büß die Wahlbewegnng schon im Gange ist. Die Sozialdemokraten haben eine außerordentliche Parteisteuer ihren Anhängern und den Arbeitern in den Betrieben vorgeschrieben, um denWahlfonds aufzufüllen. Die Wahlparolen sind im bürgerlichen Lager schon ausgegeben worden: Sanierung der Wirtschaft und Beseitigung des Systems Breitner! Auf der Linken sucht man noch nach einem zugkräftigen Wahlschlager, nachdem die Zentralbankaffäre in der Agitation nicht mehr recht ausgenützt werden kann, weil nach der Zentralbanksache der Postsparkassenskandal und seine organische Verbindung mit Sigmund Basel publik wurde und Basel wieder Über die Hammerbrotwerke mit Maßgebenden sozialdemokratischen Führern in Verbindung steht. Das Ziel, das sich Dr. Seipel gesteckt hat, ist, eine Einheitsfront aller nichtmarxistischen Parteien zustande zu bringen, um womöglich in Wien die rote Rathausmajorität in die Minderheit zu drängen, im Nationalrat aber für die Bürgerlichen dieZweidrittelmehrheit zu erreichen, die notwendig ist, um Änderungen von Verfassungsgesetzen beschließen zu können. Bis jetzt haben die Bemühungen um die Einheitsfront nur in Wien Erfolg gehabt, wo voraussichtlich Christlichsoziale und Gtoßdeutsche und die völkischen Ableger der Großdeutschen für die Nationalratswahlen eine gemeinsame Liste und für die gleichzeitig durchzuführendenGemeinderatswahlen ein Wahlkartell abschließen dürften, das eine Stimmenzersplitterung verhindern soll. Anders liegen die Verhältnisse in den Ländern. Hier hat sich der Landbund, der jetzt fünf Nationalratssitze zählt, zu einem selbständigen Vorgehen entschlossen, weil er hofft, auf Kosten der Großdeutschen und der Christlichsozialen ein oder das andere Mandat erringen und eventuell zur Stärke der heutigen großdeutschen Fraktion (10 Nationalratssitze) aufrücken zu können. Im großdeutschen Lager wäre man bereit, in allen Ländern mit den Christlichsozialen auf gemeinsamer Liste zu kandidieren, um eine wenn auch zahlenmäßig schwächere großdeutsche Fraktion in das neue Haus hineinzuretten. Die sogenannten völkischen Gruppen, die Nationalsozialisten der verschiedenen Schattierungen, haben sich noch nicht entschieden, ob sie Lei der Einheitsliste' mittun werden. Da sie zu schwach sind, um irgendwo selbst ein Mandat aufzubringen, werden sie vielleicht beim Landbund oder bei dem christlichsozial-großdeutschen Block Anschluß suchen, um auf diese Weise einen oder den anderen ihrer Leute in den Nationalrat hineinzubringen. In den Ländern scheint der Gedanke einer gesamtbürgerlichen Einheitsfront infolge des selbständigen Vorgehens des Landbundes gefallen zu sein. Nicht einmal in Kärnten, wo bei den Wahlen des Jahres 1923 eine solche Einheitsform bestand, wollen diesmal die Parteien mit gemeinsamer Liste kandidieren. In den letzten Monaten sind auch einige neue Parteien aufgetaucht, so zum Beispiel die U de-Part ei, die Ständepartei, an deren Spitze Dr. Hornit und Hosrat R am sauer marschieren, ferner eine Angestellte «pari ei, als deren Proponenten einige — Ehemalige Führer des Reichsverbandes der öffentlichen Angestellten gerieren. Me diese neuen Parteien predigen die Abkehr von der Parteipolitik und verlangen, um sich durchsetzen zu können, zumindest eine Lockerung des starren Listenwahlrechtes. Diesen neuen Parteigründungen gegenüber beobachten die Christlichsozialen und Großdsutschen großes Mißtrauen, weil sie von ihnen eine Zersplitterung der bürgerlichen Stimmen befürchten. Schließlich wären auch die beiden Blockparteien etwa gezwungen, Wahlwerber der neuen Parteien auf ihre Einheitsliste zu nehmen, was wieder Schwierigkeiten bei der Kandidatenaufstellung mit sich brächte. Bon einer Aenderung des bestehenden Wahlsystems, von dem alle jetzt im Nationalrate vertretenen Parteien profitieren, wollen diese nichts wissen. Sie haben sich die Wahlbezirke nach ihren Bedürfnissen zurechtgeschneidert und glauben, mit dem starren Listenwahlrecht sich auf ewige Zeiten ihren Mandatsbesitzstand ungeschmälert erhalten, zu können. Erst gestern hatte wieder im Parlament eine Beratung von Vertretern aller parlamentarischen Parteien sich mit der Wahlordnung zum Nationalrat beschäftigt. Man einigte sich dahin, daß grundsätzliche AenderungeU <m der bestehenden Wahlordnung nicht vorzunehmen seien, dagegen herrschte Uebereinstimmung darüber, daß die bei den letzten Wahlen gemachten Erfahrungen und die von verschiedenen Behörden erstatteten Vorschläge benützt werden sollen, um eine Reihe technischer Einzelbestimmungen ab zu ändern. Es wurden mehrere Vorschläge gemacht, die nach einer neuerlichen Beratung der Regierung untsrbreitet werden. Das Wahlordnungsunrccht bleibt also aufrecht. Mit Rücksicht darauf werden die kleineren Parteien, die durch seine Tücken um ihre Vertretung, gebracht werden sollen, ihre taktischen Entscheidungen treffen müssen. In den letzten Tagen hat sich wiederum ein Grüppchen den Wiener „freiheitlichen Wählern" durch große Straßenplakate in Erinnerung zu bringen gesucht, das noch bei allen Wahlen mit mathematisch vorauszuberechnendem Mißerfolg debütierte. Bei den letzten Nationalratswahlen hat diese „demokratische" Partei in ganz Wien knappe 18.000 Stimmen aufgebracht, also nicht einmal so viel, um in einem Wiener Wahlbezirk ein Mandat erlangen zu können. Der traurige Rest der Altliberalen besteht natürlich nur aus jüdischen Assimilanten. Daß trotz aller Mißerfolge diese Leute auch diesmal wieder kandidieren wollen, ist wohl dem Umstand zuzuschreiben, daß ein findiger Zeitungshcrausgeber, dem man gewisse Beziehungen zu den Sozialisten nachsagt, bei dieser Partei nichtmarxistische Stimmen einfangen will, von denen vielleicht ein Teil doch einem aufrechten jüdischen Kandidaten zufallen könnte. Wenn es möglich wäre, diese 18.000 Stimmen den 25.000, die bei den letzten Nationalratswahlen für die jüdische Liste abgegeben wurden, zuzuführen, so könnte damit im ersten Wahl gang ein jüdisches Mandat in Wien erreicht und mindestens ein zweites aus den Reststimmen gewonnen werden. vie ParteiWrer verhandeln. Die Parteienbesprechungen über die Arbeiterversicherung haben bei ihrer gestrigen Fortsetzung abermals gezeigt, daß die Streitfragen, die der Ausschuß offen gelassen hat, auch von den Parteiführern nicht einvernehmlich gelöst werde nk önnen. Am Montag sollen die Besprechungen fortgesetzt werden. Die Parteifühverkonferenzen werden sich nunmehr auch mit der Landarbeiterversicherung befassen müssen, da der Unterausschuß, der die Landarbeiterversicherung beschließen soll, seine Beratungen bis nach der Beendigung der Parteiderhandlungen ausges e tz t hat. w#___ _. ' JicirlrcVI Klelderhaus Melnrtdk Wetnberjtcr 7. Bezirk, Singerstraße Nr. 6 fmoAtnä~Jtw**u$ j» fOO*— Fr«c*> «and Smoklngr teihandalt Sk Unwetterkatastrophen. Sie Stieme an Iet ade Des edlen stemu. Pari-, 18. FGruar. ,Mho de Paris" «eröffentlichl eine Meldung aus New Hork, wonach bei den Stürmen entlang der Küste des Stillen Ogoans 32 Personen ums Leben gekommen fitüb. 250 Personen sollen verletzt sein. ein Slelelftntn ln soulllono. Ghrevepart (Kouisiana), 18. Februar. Durch einen Wirbslstu-rm sind im Gebiete von Saibint zehn Personen getötet und zwanzig verletzt »vordem Der Sturm, der in einer Breite von znxmzig Meilen über das Land ging, z e r st ö r t e z a h l r e i ck!e Häuser und Farmen. Starke Schneeverwehungen la der Me!. Aus Athen wird gemeldet: Das Gebiet di-r europäischen und astatischen Türkei ist von starken Schneeverwch urigen heimgesucht worden. Eine b t d c Schneedecke bedeckt Konstantinopel und seine Umgebung. Infolge der scharfen Kälte sind ganze Rudel von Wölfen bis in die unmittelbare Nähe der Stadt vorgsdrungen. Eine Herde von Wölfen brach in.die Stadt Trapezunt ein und tötete acht E i nw o h n er. In ganz Kleinasien herrscht strenge Kälte. In Ada na ist der erste Schnee seit siebe,' Jahren gefallen. sie Gebilde ln der lettegottlna Dauern an. Belgrad, 18. Februar. Die ErPötzin der Heqe> gowina dauern an und dürften sich so lange fortsetzen, bis die Neuordnung der Schichten im Innern der Erde vollendet ist. Die Erdstöße sind aber schwach und meist unschädlich. In Stolae und Ragus-a wurden zwei neue Beben verspürt die eine Panik verursachten. 78.000 Grlppesiwe in Bnlgarlen. Sofia, 18. Februar. In der vergangenen Woche wurden in Bulgarien 7 8.0 0 0 n r u e Grippefälle verzeichnet, die Zahl der Todesfälle betrug in dieser Woche 2204. In Sofia allein sind in der vergangenen Woche 5500 Personen an Grippe erkrankt und 130 an Grippe ge st orben. Georg Brander im Sterbe». Kopenhagen, 18. Februar. Georg Brandes liegt im Sterben. Er hat Heute abends das Bewußtsein verloren, und die Aerzte erklären, eS bestehe keine Aussicht, daß er -den morgigen Dag erleben könnte Se Pinedeo Wellflns Rom, 18. Februar. De Pinedo hat heute nachmittag 2 Uhr 45 Minuten Bolama (portugiesisch Guinea) mit dem Ziele nach Dakar (Senegal) verlassen, von woerdenFlugüberdenAtlantischen Ozean nach Pernambuco antreten will. Bom javanischen Drama. Bon Maria Piper. Die nachstehenden Ausführungen sind dem soeben imBerlagWalter deGruyteru.Co., Berlin, erschienenen vortrefflichen Buch „Die Schallkunst der Japaner" von Maria Piper entnommen, darin die Verfaflerin eine Reihe von klastischen Dramen deutsch wiederglbt und ihren Eindruck durch reiche N'dliche Darstellung von Szenen, Schauspielern, Masken usw. ergänzt. Die klassische Drama, wie es bis jetzt noch auf der Kabuki-Bühne, -dem vornehmen Stiltheater Japans, dargestellt wird, dient in evster Linie als RaHmen und Hini-ergründ für die Kuinstendf-attung des Schauspielers. Meistens werden nur einzelnx Dramenakte, welche die dramatischen Höhepunkte enthalten, wie etwa die Steigerung der Spannung bis zum Entladungspunkt, die Aufdeckung eines Komplotts oder der Sühne- und Opfertod, um ihrer darstellerischen Wirkung willen aufgeführt. Das altij-apamsche Duma ist rein darstellerisches Objekt.. ' DerJnlhalt des bürgerlichen Dramas — Sewamon-o — ist dem täglichen Leben entnommen und die Texte der GeschichfAdramen — Judaimono — sind eiben nur geschichtliche Uebevlieferuwgen, die für die Bühne zweckentsprechend mit szenisch und dramatisch wirksamer Verbrämung bearbeitet worden sind. Die S'itteng'setze des altjapanischen Ritterstandes lind Bürgertulns schreiben auch der Handlung des Dramas Norm und Grenze vor. Uebemll im Leben der Japaner sind Schranken und Grenzen gesetzt. Von altersher dem Wortlaut nach festgesetzte Satzungen des guten Tons in der Familie Md in der Gesellschaft, eben» falls ungeschriebene Forderungen des Tektes und der Herzsnshöftichkeit, gilt es zu befolgen. Tradition ist SeÄenlbijidnexin des Japaners. Der Bühnenmensch -mtevstcht denselben Geltungen und Satzungen, denn das iavaniAche LLeater iß inhaltlich der genaue Abklaisch des Lcbens mit der tendenziösen Zugabe, erzieherisch aufs VE zu wirken. Das Theater wird auch Haya Gakumon — leichtfaßliche Wissenschaft — genannt, weil im alten Drama das gute Beispiel dem DE in leicht faßlicher, anregender Form vor Augen geführt werden sollte. In einer Form, die ihre große Airiziehungskraift aufs Volk seit Jahrhunderten in ungemindertem Maße beibohalten hat. In jeder Regung des öffentlichen Lebens, soweit man es in die Vergangenheit zur-ückverfolgen kann, wirb die Volksgemeinschaft aus Gründen des staatAerhalten-den Prinzips auf die Ideale der Dasallentreue, der AufoPfwungAfühigkeit und der Rücksichtnahme auf den Mitmenschen hingewiesen. Die folgenden vier Gebote, der Tugendlehre des Konfuzius entnommen, beherrschten das Leben jedes einzelnen und gaben ihm seine sittliche Direktive: Erstens: Das Gebot der Vasallen- und Untertanentreue — Chygi. Zweitens: Das Gebot der Kindespflicht unid des Gehorsams gegen die Eltern — Ktökö. Drittens: Das Gebot der Nächstenliebe — Ninjö. Viertens: Das Gebot, die Sitten und Vorschriften der Gesellschaft zu befolgen — Giri. Der tragische Höhepunkt'des bürgerlichen Dramas Sowamono — erwächst aus den Konflikten zwischen, menschlicher Schwäche unid den drei letzten Geboten und zeigt den Menschen im Zwielfpalt Mischen Liebe und Pflicht. Die Verherrlichung der Vafallentreue bildet den Stoffkern des historischen Dramas. Die verschiedensten, zur Dramenvevarbeitung sehr geeigneten Konflikte uno tragischen Schlußfolgerungen ergeben sich aus folgenden Wichtgeboten des Samurai: Die Hintansetzung aller persönlichen Wünsche und Fmnilienrtücksichten gegenüber der ersten Wicht des Samurai, stimm Herrn die Treue zu bsmchrsn. ein gegebenes Wort zu hätten, mit dem eigenen Loben oder dem des eigenen Kindes ftir das Leben des Herrn oder FiirstenkindeS rinzutveten. Die Selbstentleibung, vorsuncihmen, zur eigenen Ehrenrettung, alls Sühne für ein Versehen ober um an das Gewissen eines pflichtvergessenen Herrn zu appellieren, und schließlich, den Tod des Vaters oder des Herrn an dessen direktem Mörder oder an dem Urheber zu rächen. Die pessimistische Weltanschauung des ritterlichen Mittelalters Japans, das bis in -das Jahr 1363 reicht? — als die japanische Regierung angesichts der amerikanischen Kriegsflotte des Commobore Perry in der Bucht von Podo unter dem Drucke der Uebevmacht ihr Land den Fremden erschließen mußte —, und die immanente Todesbereiffchast eines jeden Samurai, ob Dasall, ob Lehnsftirst, verleiht den farbenprächtigen, glänzenden Zeitgemälden auch ohne Las Hinzukommen blutiger Geschehnisse einen melancholischen und 'düster vechaw genen Hintergrund. Die stereotype Wiederkehr -des Motivs der Vasallentreue — Clhygi — und -der kindlichen Pietät — Kökö — zusammengefaßt in einen Begriff — ChäW —, die Aehnlichkeit der Konflikte, welche iminer nur aus dem krassen Zusammenprall menschlicher Schwächen mit. den Gesetzesschranken erfokgen, geben dem Inhalt von vornherein etwas Starres, -Monotones, Synonymes. Das stets als Beispiel gesetzte ethische Ideal der ehernen Pflichitevfüllung und die wenigen Schlußfolgerungen, welche em konsequenter Verlauf -der Handlung unter strenger Berücksichtigung der sittlichen Gebote zuläßt und die gemeinhin auf Selbstmord oder Flucht ins Kloster hinauslaUfen, lassen dem Dcamenschreiber mch^ viel Möglichkeiten zu abweWungsreicher Ausdeutung des Materials. Die Etiketten- und Kvstümfr-age prägt dahistorische Kolorit, und zwar mit solcher Echtheit und Treue tat Zeitgeist, daß man meint, das Zubehör sei dem kulturhistorischen Museum entnommen. In einer historischen Theatevvovstell-ung entzückt den japanischen Zuschauer das Wiedersehen m-i-t altbekannten

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