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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-18 · Heft 2865 (18.2.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2865 (18.2.1927)
Date
1927-02-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Leite 2 Men, Freitag 3um Problem der Arbetts« lofigkeit. Don Dr. Ley Goldhammer. 'Die VeröffeEichntt^ k’r mit Ende Jäinrer 1927 ermittelten Zahl der nnterftütz^en Arbeitslotfen in Oesterreich, welche 233.476 betrögt, hat in allen Parteilagern ungeheures Aufsehen erregt. Das Organ der österreichischen SosialdemEratie nimmt -lese Publi« kation zmn Anlaß, um die Tätigkeit d-er Gemeinde Men auf dam Gebiete der Arbeitslosen fürsorge zu unterstreichen und ans die Unterlassun'Münden der christlichsozialen BundesveNvailtung hinznweiisen. Es stellt fest, daß Ende Jänner 1926 die Zahl der unterstützten Arbeitslosen in Oesterreich mir 231.920 betrug, akso um 2166 augewachsen ist. Aniders, und zwar günstiger stelle sich das Bild für Wien; hier wurden Ende 1926 104.434 Arbeitslose imier stützt, während Ende Jänner 1927 ihrer bloß 99.436 waren; in Wien sei also ein Rückgang von 4981 und in den übrigen Bundesländern ein Zuwachs von 7136 zu konstatieren; in Prozenten aus'gedrückt: in Wien ist eine Verminderung von o%, in den übrigen Bundesländern ein Anwachsen von 6% g« verzeichnen. Ohne die Bedeutung und Wichtigkeit der produktiven Arbeitslosensürsorge der Gemeinde Wien irgendwie schmälern und ohne den Dorwürsen des sozialdemokratischen Organs, die es gegen die chriftlichscyiale Bundesverwaltung erhebt, di« Berechtigung absvrechen zu wollen, daß die letztere nämlich gerade jetzt aus Notstandsrücksichten eine erhöhte Investitionstätigkeit entfalten, daß sie an den Ausbau der Straßen schreiten, den Fabriken Aus träge zur Herstellung von Lokomotiven und Waggons erteilen und die Elektrifizierung der Bundesbahnen forcieren sollte, müssen wir doch feiststellen, daß die Abnahme der unterstützten Arbeitslosen in Wien nicht hauptsächlich aus die Mtigikeit der Gemeinde Wien zurüc^ufü-hren ist. Aus verschiedene bedeutungsvolle Momente wird nämlich keine Rücksicht genommen, und zwar darauf, daß die ZM der Arbeitslosen in den Bundesländern in den Wintermonaten stets eine größere ist als im Sommer, ferner daraus, daß die Zähl der Emigranten aus Wien verhältnismäßig größer ist als die aus den übrigen Bundesländern, sowie schließlich daraus, daß die Zeit, innerhalb welcher die UntersEtzung gewährt wird, in Wien bei einer größeren Zahl Arbeitsloser im Jänner 1927 abgelaufen sein dürste, ktzw. die Weiterzahlung an tatsächlich vorhandene oder nicht vorhandene schwierigere Bedingungen geknüpft wird. Denn im vorliegenden Falle handelt es sich um eine Abnahme, bzw. Zunahme der unter st ü tz t e n Ärbeitslosen und nicht um Arbeitslose überhaupt. Wir beabsichtigen mit den vorliegenden Zeilen auch nicht, uns in eine Auseinandersetzung darüber einzükafsen, wer auf dem Gebiete der Arbeitslosensürsorge mehr', und Nützlicheres leistet, die sozialdemokratische oder die christlichsogiale Partei. Wir wollen lediglich irnters'uchen, wie sich überhaupt die Tätigkeit beider Parteien in bezug aus die jüdischen Arbeitslosen in Wien auswiM. Die Daten für unsere Untersuchung, entnehmen wir dem von der Kammer für Arbeiter und Angestellte in Wien hevausgegebenen wirtlschastsstatistischen Jahrbuch für das Jahr 1926 sowie den statistischen Mitteilungen der Stadt Wien. Bei welchen Berufskateg-orien ist die ArdeitslosigLeit in Wien am stärksten vertreten? Das erwähnte Jahrbuch führt diesbezüglich aus: „Die Arbeitslosigkeit ist in Wien stabiler als in den anderen Gegenden, was namentlich aus die ständige Arbeitslosigkeit einzelner Berufsgruppen, wie zmn Beispiel der Angestellten, zurückzulführen ist", ferner: ,Mi ungünstigsten 'fat sich die Lage in der Textilindustrie entwickelt, die infolge der Verschlechterung der Konjunktur in der Wirk- und Strickwarenindustrie eine Steigerung der Arbeitslosigkeit auf mehr als das Doppelte anfweist." Ein starkes Anwachsen der Arbeitslosigkeit weisen ferner auch die Branchen der Hut- und Bauarbeiter auf, obwohl das Baugewerbe ,Mrch die Aufträge der Gemeinde Wien schr gut beschäftigt" ist. Aeußerst ungünstig ist die Läge der Schuhmacher, bei denen ebenso wie bei den Schneidern „eine geradezu,,katastrophale Arbeitslosigkeit" herrscht. Absolut genommen, ist die Zahl der Arbeitslosen bei den Hilfsarbeitern, Metallarbeitern und Angestellten am größten, relativ genommen, jedoch beinahe katastrophal in den Berufen der Hutmacher, Schuster, Schneider, kurz, in der Bekleidungsbrauche. Wenn wir uns die Bevussgliederung der Juden Wiens in Erinnerung rufen, so werden wir konstatieren, daß gerade in all diesen Kategorien, in welchen die Arbeitslosigkeit am stärksten ist, die Juden mit einem ungeheuren Prozentsatz vertreten sind. Wenn auch die Arbeitslosen nicht nach Konfessionen gesondert aufgezählt werben, so ist doch erfahrungsgemäß jedem, .der sich mit dieser Frage beschäftigt, bekannt, welch ung?' heure Zahl von abgebauten jüdischen Bankbeamten und Ddtschen .Handelsangeftellten vorhanden und wie stark die Beschäftigungslosigkeit in den stark in Händen jüdischer Frauen und Mädchen ruhenden Modisten- und Schneideägewerben ist. Es drangt sich daher die Frage aus: Was bedeutet die vom Bunde gewährte, in »der Bezahlung von wöchentlichen. Barbeträgen bestehende Arbeitslosenunterstützung, und was bedeutet die von der Gemeinde Wien ittaugu* < Wiener Morsenzeitnng 18. Februar 1927 Nr. 8866 KUPON ZV DEM KREUZWORTR AETSEL Nr. 6 DER „WIENER MORGÄNZBlTtWa" ü! ’O] OJfOjPJL®! rierte und gepflegte Art der Arbeitsloseuflürsorge für den jüb rsche tt Arbeitslosen? Die Gewährung der Goldiimterstlültzun'g kann von jedem, der die jüdischen Verhältnisse kennt, für den jüdischen Arbeitslosen nicht gleichbedeutend gehalten werden, wie für den nichtjiibischen. Während bei dem letzteren der iihm zur Verfügung gestellte Arbeitslcsenbeitrag fast zur Gänze zur Ernährung des Unterstützten und seiner Familie verwendet wird, geht — und zwar ein nicht unbeträchtllicher Teil — bei dem jüdischen Arbeitslosen auch auf die Befriedigung gewisser, für ihn unerläßlicher kultureller Bedürfnisse aus. Dem nichtjüdischen Arbeitslosen kann es bei der eventuellen Erlangung einer neuen Beschäftigung nicht hinderlich sein, wenn er sich in seinem ArbeitSgewande dem Arbeitsgeber vorsöellt; der jüdische Stellungssucher ist schon mit Rücksicht auf die Art des von ihm angestrebten Postens gezwungen, sich auch äußerlich besser zu präsentieren, damit nicht von vornherein Mißtrauen gegen ihn en'ftcht; er kann ferner nicht vollständig dem Ankäufe einer Zeitung, dem Def suche eines Kinos oder Theaters oder einer änderen Bild'ungsanstalt entsagen. Aber auch die von der Gemeinde Wien geübte Arbeitsloisenslürsorge vermag nicht die Weiche Wirkung beim jüdischen Arbeitslosen hervorzurufen, wie beim irichbjüdischen. In den nachfolgenden Arbeltskaiegorien betrug die monatliche Durchschmtiszahl der Arbeitslosen: bei den Angestellten: 1926: 11.199, 1926: 16.611; in der Schneiderbranche: 1926 : 5748, 1926 : 6283; in der Branche der Bauarbeiter: 1925 : 5333, 1926 : 9626. Die Vermittlungsstelle der Gemeinde Wien hatte in dem Jahre 1926 monatlich im Durchschnitt die nachfolgenlden Stellen zu verschaffen vermocht: bei den Angestellten: 453 (4.04%); in der Schneiderbranche: 741 (12.88%); in der Branche der Bauarbeiter: 4246 (79.61%). Es ist selbstverständlich, daß in einzelnen Monaten die Anzahl der vermittelten Stellen in den einzelnen Berufskategorien größer oder kleiner. als die Durchs ichnittszahl war; speziell in der Branche der Bauarbeiter betrug die Zahl der vermittelten Arbeitsstellen in ■ der Zeit der Baatkonjunktur oft über 200%. Mir die Kategorie der Angestellten ist diese Art der Mrsorgetätigkeit ein Schlag ins Wasser. Die produktive Anbeitslosenfü'rforge der Gemeinde Wien, besteht fast apslschließlich im Bau pon Volkswohnhäusern. Aus der Durchschnittsziffer der arbeitslosen Bauarbeiter und der vermittelten Stellen bei den nau aufgeführten Bauten ergibt sich, daß diese Art der Avbeitslosen'üVsorge bei der vorhandenen ungeheuren Zahl von Arbeitslosen der verschi-e'densten Berufe nicht von ausschlaggebender Bedeubung ist; damit soll absolut nichts gegen die Wichtigkeit und Notwendigkeit dieser Notstandsarbeiten gesagt seirr. Jedenfalls ist sie für die Kategorien, zu denen ein Großteil der jüdischen Arbeitslosen gehört, von verschwindend geringer Wirkung. Schon im allgemeinen gilt die Erfahrung, daß sich in der Regel nur der Hilfsarbeiter anderer Berufskategorien leicht und sofort entschließt, für den. Fall seiner Beschäftigsttugslosigkeit eine Arbeit bei den neu aufgeführten Bauten angunchmen. Nun sind ber den Juden nur sehr wenige als Hilfsarbeiter tätig, so daß behauptet werden kann, daß die Art der Arbeitslosensürsorge der Gemeinde Wien für sie völlig wirkungslos bleibt, daß der jüdische Arbeitslose eigentlich beinahe viel mehr Nutzen von der durch den Bund gewährten Davg-ekdunterstiützurlg hat. Auch indirekt bedeutet -löse Art der Arbeitslosenfü'rsorge «für den jüdischen Arbeitslcffen keine Erleichterung, da bekanntlich der jüdische Spengler, Schlosser, Tischler u>sw., mit Ausnahme des Zimmer-- malers, fast Überhaupt nicht in Betracht kommen, weil sie in der Reg-l ahne oder nur mit sehr wenigen Hilsskräften' arbeiten. * . Die mißlichen Arbeitsverhältniffe, speziell -der jüdischen BevöMerung Wiens, kommen übrigens nicht allein durch 'die Anzahl der Arbeitslosen zum Ausdruck, sie liegen vielmehr in der ErwerbsloWkeit des Großteils der im Handel rmd Gewerbe Tätigen, die 'durch die Statistik bisher nicht erfaßt wurden. Wie wir bereits nachzuweisen in der Lage waren,*) stellen die Juden ln Seite 60 ff» Verlag R. Löiwrt, 1927. den Kategorien „Handel" sowie Industrie und Gewerbe" eine bedeutende Anzahl von seMständigen Berufstätigen. Die katastrophale Lage im Handel und im B'ekleidungsg'Swerbe wirkt sich somit verhältnismäßig am stärksten bei den. jlübilschen Berufstätigen aus. Damit also die Mrsorgetätigkeit wirkungsvoll wird, müßte sie aus einer Arbeitslosenin eine produktive Erwerb lose nfürsorge umgewandelt werden. Die von der Gemeinde Wien inaugurierten Notstandsarbeiten genügen nur für eine, und zwar nicht allzi^- große Kategorie von Arbeiis- und Erwerbslosen, ■ dre Erweiterung des Wirkungskreises der Kreditkassen für den Kleinhandel und Gewerbestand, welche vornehmlich von den Mitteln der Gemeinde Wien zu speisen sind und die Kredite, ohne Rücksicht aus den politischen, konfessionellen oder, nationalen Standpunkt des Kvsdid- Werbers einzuräumen hätten,, die Zuwendung einer größeren Aufmerksamkeit auf die Fraise der Berufsumschichtung, die Inangriffnahme der inneren Kolonisation, kurz, die Uebevleidung der heutigen Wirtschaft in eine Planwrrtschaft, sind die Mittel, die allmählich in allen fortgeschrittenen Ländern zum Durchbruche kommen , und die einzig und allein diese, die gesamte^ Wirtschaft in Oesterreich lähmende Erscheinung zu beseitigen vermöchten. *) Siehe unsere statistische Srndre »»Die Juden Wiens?, Das Schvarzbarth-Mentat vor der Weiten Znternationale. Re kxekotlve hat keine zeit. Paris, 16. Februar. (J.T.A.) In der Schlußsitzung der Exekutive der Zweiten Internationale fragte der Vertreter der Poale Zion, Herr Berl Locker, an, ob die Kommission für nationale Minderheiten den ihr üufgetragenen Bericht über die Haltung der ukrainischien Sozialdemokratie in der Angelegenheit Sch warzbarth-Pe tljura noch in dieser Sitzung erstatten wird. Der Sekretär der Internationale, Fritz Adler, erwiderte, die Kommission hätte sowohl von ukrainischer als auch von jüdischer Seite umfangreiche Memoranden zugestellt erhalten, sie hat aber noch nicht die Zeit aufgebracht, ,dte Memoranden zu studieren und Beschlüsse zu fassen. Deswegen kann die Angelegenheit in der gegenwäv- Ligen Tagung dex Exekutive noch nicht zur Erledigung gelangen. In dem jüdischen Memorandum wird nachgewiesen: ,1. Die Behauptung der ukrainischen Sozialistm, daß P ogrome nicht vorgekommen sind oder daß andere die Schuld tragen, ist vollkommen falsch. Die Pogrome zwischen Dezember 1918 bis Ende 1919 wurden von ukrainischen Soldaten und Elementen der nationalen Ukrainischen Bewegung veranstaltet. 2. Petljura hat nichts unternommen, um die Pogrome zu beenden und die Schuldigen zu bestrafen. Die Leiter der Pogrome waren seine nächsten Mitarbeiter und. nahmen hohe verantwortungsvolle Stellen etn. Einen Aufruf gegen die Pogroms erließ Petljura, als die Macht bereits seinen Händen entwunden war und die Bolschewisten Herren des Landes waren. 3. Die Behauptung der Ukrainer, Schwarzbarth wäre ein bolschewistischer Agent, ist ganz und gar falsch. Die ukrainische Sozialdemokratie begeht ein Verbrechen^ wenn sie sich mit der Vergangenheit Petljuras solidarisiert. Andererseits feien '"t Mischen Sozialisten verpflichtet, gegen die Propaganda, die Schwarzvarth zu einem Nationalhelden stempeln will, aufzutretem Für Sozialisten gibt es nur eine sozialistische Politjk. Die jüdischen Sozialisten haben, wie man hier sieht, sofort erfahren können, daß es über; sozialistische Politik verschiedene Auffassungen gibt, wenn der Judenpunkt aufs Tapet kommt. Die eine Auffassung geht dahin, daß Schwarzbarth zu einem Nationalhelden gestempelt wird. Das ist nicht wahr. Die jüdische Oeffentlrchkeit lehnt jedes Attentat als dem jüdischen Wesen fremd ab, aber sie fühlt doch, daß Schwarzbarth auch nach feiner Tat zu ihr gehört. Sie spricht dieses.Gefühl aus. Diese Tatsache anders zu färben, ist in diesem Augenblick, vor! dem Prozeß und angesichts der Gegenagitation } ein eklatanter Bruch ver jüdischen Solidarität. Die aMre Auffassung ist die der Exekutive. Da vor ihrer nächsten Sitzung der Prozeß wahrscheinlich schon vorbei sein wird, hat sich die Internationale in einer peinlichen Situation befmiden. Sie hat das Auskunftsmittel gefunden, keine Zeit zu haben, die Memoranden zu lesen. Sie hat über die Opfer des Fasttsums sehr viel gesprochen, aber für die Opfer der Petljura-Pograme — zu denen doch auch Schwarzbarth gehört — hat sie keine Zeit. Es ist nur ein bemi.'rkenswerter! Zusalp daß der Sekretär,; der den Bescheid erteilte, der Attentälier Fritz Adler » ift. Er gehört der Wiener Schotte an und das erklärt alles. Ob und was Herr Locker geantwortet, hat, wttd nicht mitgeteilt.

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