Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2864 (17.2.1927)
- Date
- 1927-02-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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«i, 9864 BuSreit, aloNWSrsvvW wWI*7 W(vVs)vlljvl«lln0 17. K-bruar 1997 MkS Tagesbericht. Ae SeWe. 16. Februar. Das Hygiene-Komitee des stellt, daß die gegenwärtige Grippe-Epidemie gefährlicher sei als diejenige im Jahve 1924, dagegen weniger ernst als die Epidemie im Jahre 1922. Das Komitee wird nach dem Erlöschen der Epidemie in den verschiedenen Ländern einen Bericht über deren Verlauf veröffentlichen!. «b MM seien ßrkranliingen t Leningrad, 16. Februar. Die Klinik für Infektionskrankheiten an der Militärakademie für Medizin in Leningrad ist zur Behandlung von Grippeerkrankungen mit einem aus dent eigenen Blute der Erkrankten hergestellten Impfstoff geschritten. Dieses Verfahren wurde in der Klinik bereits während der Epidemie des Jahres 1919 bei schweren Grippoerkrankungen angewandt, wobei sehr günstige Resultate erzielt wurden. Bei Anwerbung des Impfstoffes vermindert sich die Zahl der Todesfälle auf ein Drittel. Bei prophylaktischen Impfungen verringert sich die Zahl der Erkrankungen auf zwei Fünftel. IEs UberflUgalt durch sein Renommee, seine riesige Wirkung der echte DIANA Fra nzbrannt wein mit Menthol sämtliche ausländischen Erzeugnisse und Haus* mittel. An NarvosllBt und Kopfschmsrzan Leidende wenden nur eine Massage an, um sich zu erfrischen und ihre ermüdende Tagesarbeit fort* setzen zu können. ooo6eoo8tMM>eoee6<MXwioof!iooo6Od0do<io6dooooo6ootta€>6eo<iedgiodOdo<idcqodOo<ioaaosoooo<h Sie Kunschak-Bersammlung verboten. Bersiiguagm der Bürgermeisters und der PolizeidirÄtw». Pestalozzi «ad die Milche« Waisenlinder. Heute jährt sich ptn hundertsten Male der Todestag des großen PLdatwgen Heinrich Pe sta« lozzi, der als erster die Wichtigkeit des sozialen Gedankens für das Erziehungswesen .rkanm hat und seine ganze Tätigkeit in Len Dienst dieser Erkenntnis setzte. PestalHzi war eine Persönlichkeit von höchstem menschlichen Wert. Dies geht auch aus seinem hier wiedergegebenen Brief an den Schriftsteller Heinrich Zschokke hervor, in dem Pestalozzi über Religion und religiöse Erziehung Worte echtester Menschlichkeit findet. Wozu ür -bemerken ist, daß es zwischen Wort und Tat bet Pestalozzi nie einen Widerspruch gab. „urtelu edler Heinrich! Mit allen Kräften meines Geistes und meines Herzens arbeite ich seit zwei Jahren dahin, in allen elternlosen Kindern eine sittliche Gemütsstimmung zu erwecken und zu beleben. Ich suche die Kinder bei der ersten Entwicklung ihrer Kräfte zu Geschwistern zu machen und mein Haus in dem einfachen Geist einer großen Haushaltung zusammenzuschmelzen. Hiebei bringe ich es fertig, über die Verschiedenheit der Religion still zu sein. Ich will den wenigen jüdischenKnaben, den herzlichen armen Waisen, für den Glauben ihrer Eltern Liebe einflößen, und durch Befriedigung ihrer täglichen Bedürfnisse, durch Angewöhnung wohltuender Fertigkeiten ihre Herzen geneigt und empfänglich für die Tat der Liebe und die Kraft der Sittlichkeit machen. Das ist doch zunächst die Hauptreligion! Ach, neulich fiel mir ein kleiner Judenknabe, der in Krakau geboren und die Eltern verloren — um den Hals und riss: Lieber Vater. Nein, mein Heinrich, wenn Du so unedel sein kannst und das Verlangen stellst, ich solle die armen Waisen zum Christentum zwingen, dann fehlt Dir die nötige Einsicht. In Glaubenssachen muß weder Zwang noch Gewalt herrschen! Seit Jahrhunderten lehrt man das Christentum. Welche Gegensätze bringt es, sobald es sich um- Juden handelt, zur Geltung. Es sinkt herab zur N i e d r i g k e i t, zur Schmach, verliert die Hoheit, die Reinheit, die Stärke der Nächstenliebe, wenn es sich nicht von der Judenfeindschaft aibwenden kann. Glaubensseindschaft entsittlicht und verw il.dert. Mein einziges Ziel ist: die wahre, volle Menschenliebe betätigen. Willst Du mir dabei helfen, so stelle keine Bedingungen — und beseitige das schlechteste der Gefühle — die Judenfeindschaft. Heinrich, sanfter, edler Freund, gehorsamer! Ich bin Dein treuer und ergebener Pestalozzi." SzAlosto» in einem Warschauer Kreisgericht. Durchs einen Sprengkörper. Aus Warschaumeldet Wolfs: Gestern mittags haben unbekannte Täter im. Borzimmer des Kreisgerichtes des 9. Gerichtsbezirkes einen Sprengkörper zur Explosion gebracht. In zwei Zimmern des Gerichtes wurde schwerer Schaden angerichtet. Da für den heutigen Tag keine Verhandlungen angesetzt waren, wurde niemand verletzt. Die Versammlung, zu der Christlichsoziale und Sozialdemokraten ihre Ordnerformationen bereits mobilisiert hatten, findet nicht statt. Der Bürgermeister hat dem Magistrat den Auftrag erteilt, die Bewilligung zur Veranstaltung der Versammlung in der Volkshälle zurückzuzichen. Die Volkshalle wird für die nächste Zeit zu Versammlungszwecken nicht mehr zur Verfügung gestellt. Im Auftrag des Büvgermieisrsrs als Landeshauptmann hat darauf die Polizeidirektion die Versammlung und alle Aufzüge'u nt erjagt. Die Verlautbarung dieser Maßnahmen erfolgte im Wege der „Korrespondenz Wilhelm". Die Mitteilung hat den folgenden Wortlaut: „Der Christlichsoziale ArbottervesKn hat bei der Poliz-eidrrMion die Abhaltung oinar Versavmrlmvg am 17. Februar 1927 abends in der Volkshalls des Wiener Rathauses mit der Tagesordnung „Der Kampf gegen Breitners Finanzpolitik" angezoigt, und durch Flugzettel zum zahlartchsn Besuche dieser „Massenkundgebung" eingeladen. Von sozialdemokratischer Gölte wurde in bar Paeterpreffe an die Arbeiter und ÄnKpvllüsn dve Aufforderung gerichtet, sich'unm!tteIbar nach der Arb eit bezirksweise zu sammeln und geschlossen zu dieser Versammlung zu ziehen. Am Mittwoch nachmittags hat d«r Bürgermeister der PolizeSdirektion zur Kenntnis geboacht, daß der Magistrat die den Veranstaltern ertettte Bewilligung zur Benützung der Bottshalle zurückziehe. Zugleich hat der Bürgermeister als Landeshauptmann der Polizeidiwktion Me Weisung erteilt, diese Versammlung und alle Zuzüge zu derselben zu verbieten. Die Polizeidivektkon hat im Sinne des. § 6 be$ Bsrfammlungsgchetzes die Abhaltung dieser Versammlung ußegm der zu besorgenden Zusammenstöße und der dadurch verursachten Gefährdung der öffentlichen Sichsrheit und des öffentlichen Wohles untersagt, ans danselben Gründen auch jeden Aufmarsch oder Zuzug verboten." Der Bürgermeister hat ferner angeordrqet, daß in der VottslMe Versammlungen politischeu Charakters in der nächste» Zeit ühorhrmpt nicht mehr stattfinde« dürfeu. ♦ Die Veranlassung des ganzen Rummels war eine Rede des Abgeordneten K u n s ch a k. Dieser Herr hat durch seine RÄrereien — wir erinnern nur an sehr „Saujud!" — schon viel Unheil angerichtet, und er hat sich auch jetzt keine Zügel angelegt. Er hat letzthin ausgeführt, daß die stüdischen Angestellten zu gut bezahlt seien. Dies hat bö s es B >lut gemacht, und es wäre leicht möglich gewesen, daß es zu einer ungeregelten gewaltsamen Gegenkundgebung der von Kunschak gemeinten. Angestelltenkategorien gekommen wäre. Die Erregung in de^ Arbeiterschaft ist seit den Vorfällen in Schatteudorf eine sehr starke, und im Verlaufe der gestern im P a rlament stattgehabten Parteienbesprechnngen kam auf eine Calomon Hermann Molenthal. 8tt seinem 50. Todestage — 17. Februar 1877. Don Adolf Sch-mieg-er. Wer je Gelegenheit hatte, den herrlichen, ehemals Geymli'lillerschen Park in Pötzleins-dorf zu besuchen, dem wird, gleich hinter dein Schlosse <um Nordabhang des Schasderges liegend, ein verglastes Gartenhaus, einem griechischen Tempel Ähnelnd, ausgefallen sein, das nach einer iKurtisane des Banikrers Geymiüller-FaEner bis zum heutigen Tage das „Preindvsalettl" heißt. In diesem Gartercha-us, dessen eingelegter Fußlboden schenswert ist, feierte vor rund hundert Jahren der Totengräber des Bankhauses Geymüller mit Anna Maria Preindl, die in der galanten Walt bczeichnendevweise das ,MlusendgiU-ldenikräM" hieß, schamlose Orgien; ein halbes Jahrhundert später saß hier an schönen Sommertagen einer der gefeiertsten Dramattker der damaligen Zeit, der Dichter der „Deborah", des „Sonnwendhof", Regicrungsrat Mosenthal und arbettete. Pötzleinsdorf liebte der Dichter unter allen Wiener Vororten an; meisten, hier brachte er seine freien Stunden in Gesellschaft eines lieben Freundes, des Hofopernsängers Walter, zu, hier ließ er sich ein Haus erbauen, das er freilich nicht mehr selber bewohnen sollte. An der Ecke der Julienstraße und des noch dem Dichter benannten Mvsenthalweges steht es, doch trägt es heute die Inschrift „Billa Henneberg", dort iw> nach de;n Willen des Erbauers die Worte „Je nun, so dann" aus seinem „Sonnwendtag" zu lesen waren. Der rote Anstrich aber, den das Haus schon bei Lebzeiten 'Mosenthals hatte, ist ihm gebliÄen. Nicht allzu lveit von hier, am Mähringer allgemeinen Friedhof, ruht Mvsenthal an der Seite seiner von ihm heißgeliebten Gattin von einem arbeitsreichen Leben aus, das ihm wohl Anerkennung und Erfolge, aber auch Neid und Anfeindungen aller Art gebracht hatte. Hatte auch die Kritik nicht so unrecht, ihm in seinen späteren Dramen Effekthascherei vorzuwerfen, mag auch ein großer TeU seiner Bühnenwerke mit Grund von dein Theater verschwunden sein, seine „Deborah" wird, nicht nur der Paraderolle ivegen, noch lange ans der Bühne weiterleven. Welchen Eindruck das Drama, das die Verfolgung der Juden in Steiermark in grelles Licht rückte, vor beinahe achtzig Jahren auf der Bühne machte, kann man daraus ersehen, daß ein hervorragendes Mitglied der Wiener jüdischen Kultusgemeinde am Schluffe der Vorstellung zum Dichter sagte: „Wenn Oesterreich nie die Juden emanzipiert, so trägt dieses Stück die Schuld!" Zrvanzig Jahre später aber erlebte Mosenthal für diese Stunde eine freudige Genugtuung. Als in Graz die erste Judengemeinde errichtet wurde, gedachte der Vorstand in seiner Festrede auch der „Deborah" und bezeichn nete ihren Autor als den, der zuerst den Juden die Steiermark als neue Heimat gezeigt hatte. So ändern sich eben auch scheinbar fest gegründete Ansichten! Ein unbestreitbares Verdienst hat sich Mosenthal auch durch die Verfassung mehrerer geradezu vorbildlich wirkender Operntextbücher erworben, von denen, da allgemein bekannt, nur „Die Königin von Saba", „Die lustigen Weiber von Windsor" und „Das goldene Kreuz" erwähnt zu rverden brauchen. Auch hier kam Mosenthal seine stets theatersichere Hand, sein untrüglicher Bühneninstinkt, eben das, was ihm. am meisten von seinen Neidern angekreidet wurde, zustatten. ' Als Sohn eines kleinen Buchhalters hat Salvmon Mosenthal am 14. Jänner 1831 in Kassel das Licht der Welt erblickt. „Wenn der Vater," so schreibt der Dichter in seiner Lebensfllzze, „am Sabbat uns zum Tempel führte, mit weißer Halsbinde a la Jerome und mit dem aus besseren Zeiten stammenden, sorgfülttg konservierten, feingefülteten Batistjabot, schritt er so vornehm einher, als habe er alle Qualen und Demütigungen der Abhängigkeit vergessen." Und so fromm wie der Vater blieb auch der Sohn: niemals versäumte er, den Bersöhnungstag in der Synagoge zuzubringen und sich der Enthaltsamkeit von Speise und Trank an diesem Tage, ivenn auch jüdische und christliche Freunde darüber spöttelten, zu befleißen. In Kassel hatte Mvsenthal das Gymnaftalstudium beendet und stand nun vor der Wahl eines Lebensberufes. Da fügte es der Zufall, daß Moritz Goldschmidt, der Prokurist des Hauses Rothschild in Wim, einen Erzieher für seine beiden Sühne suchte. Bon seinem Oukel wurde ihm Mvsenthal aufs wärmste empfohlen, und wer war nun glücklicher als der junge Gymnasiast, endlich iu die Welt hinaus zu kommen, für sich selbst zu sorgen, die Stadt, wo der von ihm heißverehrte Grillparzer wohnte, i sehen zu können. Am 30. November 1842 kam nun Mvsenthal nach Wien, das ihm eine zweite Vaterstadt werden und das er niemals mehr dauernd verlassen sollte. An einem der ersten Feiertage besuchte Mvsenthal den Tempel in der Seitenstettengasse, wo er den berühmten Sulzer singen hörte. Bon dem Zauber der Stimme entzückt, wagte Mvsenthal einen Besuch bei Sulzer, der ihn freundlich aufnahm. Schon in Kassel hatte Mvsenthal seine poetische Ader entdeckt, auch hie und da in einigen Zeitschriften Gedichte veröffentlicht. Durch SulzerS Vermittlung lernte er nun den Dramattker Otto Prechtlrr kennen, was auf sein ganzes ferneres Leben besttmmend einwirken sollte. Prechtler fühlte sich zu dem jungen Manne sogleich hingezogen und führte ihn in die Künstlergesellschast „Concordia" ein» wo die Maler Ranftl, Waldmüller, Ganermann, Amerling, die Schauspieler Löwe und Staudigl, die. Schriftsteller Bauernfeld, Seidl, Castelli, Frankl/ Alexander Baumann und Grillparzer verkehrten. Durch Grillparzer und Prechtler angeeifert, versuchte sich Mosenthal als Dramattter. „Der Holländer Michel" hieß sein erstes Theaterstück, das am Theater an der Men unter der Direktion Pokorny 1845 zur Aufführung gelangte und gefiel. Aber erst sein drittes Stück, die „Deborah", sollte ein großer Erfolg werden. Zuerst ebenfalls im Theater an der Wien aufgeführt, ging eS später Über fast alle Schauspielbühnen der Welt, so daß sich sogar das Burgtheater nicht ansschließen konnte und das Drama in einer schlechthin vollendeten Aufführung mit der Wolter, Svnnenthal und Lewinsky herausbrachte. Alle großen Schauspielerinnen, die Ristori, Klara Ziegler, die Amerikanerin Kate Batemann, Zerline Gabillon, sie alle spielten die Deborah und machten Dichter und Werk bekannt. Im Jahre 1851 gelang es Mvsenthal eine Stellung als Kanzleibeamter im Ministerium für Kultus und Unterricht zu erlange; und damit schien auch die Zue kunst des Dichtes so wett gesichert, daß er ans Heirate«