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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-17 · Heft 2864 (17.2.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2864 (17.2.1927)
Date
1927-02-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Donnerstag Wiener Moegenzeitung 17. Februar 1927 nt. 2864 KUPON ZU DEM KREUZWORTRAETSEL a/7loi Nr. 5 DER „WIENER MOROBNZElTÜNG" Uns Juden geht es auch was an. ') r. et. Wien, 17. Februar. - In der österreichischen Sozialdemokratie ist ein Streit entbrannt. Es handelt sich um die Lebensführung der Funktionäre und Mitglieder dieser großen Arbeiterpartei. Dürfen hoch bezahlte Führer und viel verdienende Parteigenossen bürgerlichem Luxus frönen? In einem Leitartikel der sozialdemokratischen Monatsschrift „Der Mmpf" wird die Frage aufgeworfen und mit einem nachdrücklichen „Nein" beantwortet. Es wird ausgeführt, daß die Duldung der den bürgerlichen Luxus bejahenden Tendenz vor allem die Entfremdung der Jugend, die Lähmung des Kampfwillens und schließlich die Zersetzung des Parteiovganismus zur Folge haben muß. Der Artikel schließt mit den Worten: „Je mehr Sozialdemokraten es gibt, desto puritanischer sollten . alle wahren Sozialisten ihr Leben abgrenzen und reinhalten von jedem Einfluß dessen, was sie zerstören wollen!" 'Diese - Ausführungen haben nun Helle Empörung bei den Betroffenen erregt. Und da bekanntlich der Mensch dann am rabiatesten wird, wenn man ihn beim Genießen stört, fällt die Antwort recht rüpelhaft aus. In dem durchaus sozialdenrokratisch orientierten Wochenblatte „Die Neue Wirtschaft" wird der „Parteipuritaner" vonr „Kampf" gehörig abgebeutelt und — beschimpft. Man heißt ihn einen roten Pfaffen. Nicht mehr und nicht weniger! Der Verfasser des Artikels über das sozialistische Recht auf bourgeoisen Luxus konstatiert sachlich: „Man muß jedem Sozialisten das Recht zubilligen, nach seiner Fasson selig zu werden. Es geht nieder die Partei noch sonst jemanden etwas an, ob der einzelne Sozialist zerrissene Stiefel oder; ganze Pneumatiks hat;" dann wird er etwas lyrisch: „Gerade in. unserem Oesterreich, im sonnigen Donautal, in dem Lande der leichten Lebensauffassung und unbeschwerter Si'nnenfreuöe, ist für Puritanismus kein Platz;" schließlich. wird er kotzengrob': „Mag es dem Oesterreicher noch so- 'schlecht gehen, er lehnt sich auf gegen den.Zwang von' rechts littS links, er ist von 's ch tv ä r z en Pfaffen länge ’• genüg gequält worden." — Hände weg, Genossen! Hände■ weg von meinem Auto und meinem Champagner. Hände weg vom perlenbepftasterten Busen meiiier Frau und von ihrem Eintänzer! Denn dies alles sind heilige Privatsachen, an denen eines roten' Pfaffen Nase nicht herirmschnusseln darf! ^Es ist unverkennbar, daß die grundsätzliche Verschiedenheit in der Lebensführung und Lebensauffassung vieler Funktionäre und. frisch zugekommener Parteigänger einer- . seits, und der arbeitenden Masse anderseits- Gärungen und Spannungen in der österreichischen Sozialdemokratie hervorgerufe'n hat, an welchen die Führung wohl nicht länger achtlos - vorübergehen kann. ■ Die Vorgänge sind aber auch ' vonr jüdischen Standpunkte höchst beachtenswert. Wer mit organisierten Arbeitern zu tun hat, .kann feststellen, daß sich die innere Unzufriedenheit immer häufiger in antisemitischen Auslassungen kundtut. Immer häufiger übertörrt/das Word „Jud" das allgemeine Murren. Nun sind ja die Menschen im allgemeinen leicht dabei, den Juden als -Sündenbock zu wählen, 'auch wenn Jude und Unzufriedenheit in keinem ursächlichen Zusammenhänge stehen. Im vorliegenden Falle mag das Umsichgreifen des Antisemitismus wohl auch zum Teile dieser allgemeinen Tendenz zugeschrieben werden. Aber nur zum Teile, denn wenn man schärfer hinsieht, wird man gewahr, daß jüdische Erscheinungen mit im Spiele sind. Träger der Profitgier und Genußsucht im-sozialdemokratischen Lager sind vorwiegend die nach dem Umstürze Zstigelaüftnen, die «nicht dank der Erziehung und dem inneren Dränge' gekommen, sondern einfach dem Erfolge nachgelaufen sind. Die Mehrzahl dieser berechnenden Ueberläufer aber sind Juden. Nirgends hat die Sozialdemokratie so raschen und umfassenden äußerlichen Erfolg errungen wie in Wien,' und nirgends sind ihr über Nacht soviel Juden zugelaufen wie in Wien. Die Assimilationsjuden waren und sind immer dort, wo die Macht ist, wo es Gelegenheit gibt, sich vorzudrängen, zu verdienen und gut zu leben. Dieselben Menschen, die ehedem um Hof, Adel, Hochfinanz und die herrschenden bürgerlichen Parteien buhlten, drängen jetzt zur mächtig gewordenen Wiener Sozialdemokratie hin. Innerlich sind sie die gleichen gebkleben, von ehrlicher Ueberzeugüng keine Spur, sie wol-'!en verdienen, genießen und Einfluß ausüben. Sie streben ungestüm nach vorne, bringen ihre seichte, kleine, lärmende prosit- und Genußgier mit und reißen auch alte Partei-.!eute, die wenig Widerstandskraft besitzen, in sie hinein. Aufdringlich uttb laut A«nt das rrene rote Evangelium von ihren Lippen, ihr Her; aber ist das alle, kleine, schlechte. Vas Äfsimilationsjudentum muß den Antisemitismus steigern, wo es in die Erscheinung tritt. Also auch in der österreichischen Sozialdemokratie. Wenn nun unter den Wiener Sozialdenwkraten Leute aufstehen, um gegen Luxus und Snobismus in den eigenen Reihen zu kämpfen, so gebührt ihnen Achtung und Dank. Vor allem aber ist das nationale Judentum an dein Gelingen dies>'0 Unternehmens interessiert. Wenn Profitmacherei, Luxus und Snobismus ans der österreichischen Sozialdemokratie ausgetilgt lverden, wird mit ihnen ein Großteil der Assimilationsjuden verschwinden, jener Ueberläufer, deren Gehaben die ganze Arbeiterschaft antissmitisch zu verseuchen droht, lind auch die iüdische Gasse wird sie los sinn ' Zuden und Amber vor den Wahlen. Ban 8. Almogi. gerufalem. Es miterliegt keinem Zweifel, daß die englische Politik in Palästina eine bestimmte Linie befolgt, von der sie nicht um Haaresbreite abweicht. Nichtsdestolveuiger ist sie frei von jeher Starre und weiß sich der jeweiligen Situation anzupafsen, ohne dabei ihre Eigenart einzubüßen. Die erste Aufgabe, die Sir Herbert Samuel nach Einsetzung der Zivilverwaltung zu lösen hatte, war, zunächst einmal die politische Atmosphäre zu klären uno das Land unter die Normen zu stellen, die vor demi Kriege gültig waren; alsdann die politischen und ökonomischen Gegensätze zwischen der arabischen und jüdischen Nationalität auszubalancieren. Den Arabernsowohl als auch den Juden wurden verschiedene Konzessionen gemacht; selbstverständlich hat die englische Mandatarmacht der arabischen Mehrheit im Lande däbei Rechnung getragen und ihr größere Zugeständnisse gemacht als dm Juden. Diese Politik hatte zur Folge, daß die Judm, gestützt auf ihre, historischen Ansprüche aufs Land einerseits und auf die Balfour-Deklaration anderseits, sich mit der von Sir Herbert Samuel eingeschlagenen politischen Richtung nicht befreunden konnten, und wmn sie dem nicht offenkundig Ausdruck verliehm, so nur deshalb, weil sie Pabei von gewissen nationalm Rücksichtnahmen geleitet wur-!dm. Wer auch die Araber gaben sich nicht zufrieden mit dm ihnm eingeräumten Rechten. Galten sie früher, unter dem türkischm Regime, politisch als eine Null, so wurden sie sich plötzlich ihrer großm Bedeutung bewußt und stellten dementsprechend weitgehende Forderungen, die schlechterdings nicht erfüllt werden konntm. Daraus entsprangen gewisse nationalpolitische Friktionm, die unter dm bestehen- ■bett Umständen unvermeidlich warm. Wer auf die Dauer war dieser Zustand unhaltbar, rmd eine Aenderung, sei es von innm heraus, sei es von .außerhalb, lag in der Entwicklnder Dinge begründet. Aus der kurzen und knappen R dv, di? Lord Pümer, der Nachfolger von Sir Herbert Sanu.e, beim Antritt seines Amtes vor dm Notabeln der verschiedenen Nationalitäten hielt, war nicht ersichtlich, daß mit dem neum Oberkonrnrissär ein radikaler Systemwechsel Platz greifen würde. Aber Bekämpfen Sie das Alter durch Verwendung von SKLBROLSYRUP nach , Unlv.-Prof. Dr. Mladejovsky. 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Man gewann die Erkmntnis, daß der Schwerpunkt der englischer: Politik bezüglich Palästina nicht imLande selb st liegt, vielmehr außerhalb seiner Grenzen, vielleicht an den Ufern der Themse. Nun begriffen die Araber, daß ihre Politik mit Bezug auf die Judm eine verfehlte ist, und in ihrem ganzm Verhalten gegmüber dm Juden trat ein radikaler Stimmungswechsel ein. Etwas reichlich spät begann es den Arabem einzuleuchten, daß man sich mit dm.Juden nicht verfeinden ^>ürfe, weil sonst die politische und ökonomische Isolierung eintretm muß. Vor allem wurden , sich die Araber der großm Vorteile bewußt, die ihnen aus der jüdischen Einwanderung erwachsen. 'Die Lebensmittel- und vorwiegend die Bodenpreise habm dermaßen stark angezogen, daß man getrost behaupten kann, Palästina sei jetzt fast das tmerste Land. Was Wunder, daß die arabischen Groß»- grundbesitzer vor kurzem offen erklärten, ihre Jntereffm seim mit der jüdischen Einwandermig aufs mgste verknüpft. Wer nicht allein der arabische EffeM sehnt sich nach der jüdischen Einwanderung.'Auch der arabische Mittelstand und der Fellache sind heute in starkem Maße ökonomisch, von ihr abhängig. Der arabische Hauswirt, der arabische Krämer, selbst der arabische Staatsbeamte sind hmte auf die Judm angewiesen. Das starke Angebot auf dem Wohnungsmarkt, ebmso das Wehklagen des kleinen Kaufmannes sind eine direkte Folge der jüdischen Auswanderung. Und dem Fellachen, der seine landwirtschaftlichen Produkte an die Juden verkauft, geht es auch nicht besser. Dieses ökonomische Interesse des Arabers am Juden dokumentiert sich neueftens in einer Revision der politischen Einstellung zur sogenannten Judensrage. Aul seiten der Araber wird in letzter Zeit einer Verstäirüigung mit den Juden das Wort geredet. Diese Idee beschäftigt heute die besten arabischen Köpfe, und wmn es auch unter ihnen vereinzelte Quertreiber gibt, die eine Pazifizierung der Verhältnisse in Palästina Hintertreiben, so karm dieser Prozeß nicht länger aufgehalten werden. Dennoch sind wir weit entfernt vom allgemeinen Frieden im Lande. Die arabischen Parteien, die soziologisch ganz anders zu werten sind als die Parteien in Europa, ver-. treten keine Klasseninteressen, ihre Politik erschöpft sich lediglich in Familienzank und -streit um die Hegemonie auf dem religiösen Gebiete. Gaben früher die Hinterkulissen der Gesellschaft und die Warterüume der jeweiligen Herrscher den Fcchtbodeu für diese Kämpfe ab, so sind heutzutage die arabischen Parteien bestrebt, ihre Angelegenheiten coram publieo auszutragen. - Diese neuen Kampfformen treten grell in die Erscheinung bei den gegenwärtigen Vorbereitungen zu den. Wahlen in die Stadtverordnetenversammlung in Jerusalem. Die arabischen Parteien bedienen sich dabei solcher «Methoden, die unter anderen politischen Auspizien, und hätte man nicht eine Verständigung mit den Juden heröeigervünschit, undenkbar wären. Das neue Wahlgesetz, das keinen Unterschied zwischen den verschiedenen nationalen Gruppen macht, veranlaßte die beiden arabischen Hauptparteien, die Naschaschibis und die Husseins, den Jicken ein Wahlbündnis anzutragen, bei welcher Gelegenheit sie ihnen eine Reihe von Versprechen machten, die unsere besondere Aufmerksamkeit verdimen. Soweit bekannt istschilagen die Araber den Juden folgendes vor: 1, Die Kommunalbeamten werden paritätisch aus Juden und Arabern genommen, und zwar derart, daß auch die höheren Posten prozentuell von Juden besetzt sein werden. 3. Die öffentlichen Arbeiten, die der Magistrat zu vergeben hat, werden auf ,arabische und jüdische Un-' i ternehmer verteilt. 1 ' 3. Der hebräischen Sprache wird inallenAbteilungen des Dragistrats derselbe Spielraum geioähri wie ' der arabischen Sprache. 4. Kein Beamter darf .angestellt noch entlaste» werden ohne die volle Zustimmung des Magistratsrates, rates. 5. Der Bürgermeister darf weder administrative noch politische Schritte unternehmen ohne vorherige Genehmi des Magistratsrates. Wgesehen von diesen, lokal gefärbten, Versprechung .en haben die Leiter des arabisch-nationalen Exekutivkomitees den Juden, die feierliche Zusage gemacht, ihre, negative Stellung zur zionistischen Politik in Palästina aufzugeben und auf.eine Verständigung mit den Juden iu gewissen Grenzen hinzuarbeiten. Vorläufig haben diese Zusagen keine allzu große Begeisterung innerhalb der palästinensischien Judenheit ausgelöst, da man dm Liebeserklärungen der notorischen Todseinde des Zionismus nicht traut. Wer die politische Zwangslage, in der sichaugenblicklich die arabischen Haupt- Parteien befinden, könnte sie dennoch dazu zwingen, ihren Versprechungen auch die entsprechenden Tatm folgen zu lassen, wenn wir Juden die nötige Einsicht für. eine arabisch-jüdische Verständigung aufbringen »vürden. Eine solche Verständigung könnte uns als reife Frucht in dm Schoß fallen, da der Moment eingetreten ist, das größte Hindernis aus dem Wege unserer Palästina-Arbeit wegzuräumen — die arabische Frage. Kein Zweifels daß diese Arbeit nicht an einem Tage geleistet und erreicht werden wird. Biele Enttäuschungen erwarten die Kämpfenden in beiden Lagern. Aber jetzt ist der Augenblick gekommen, dieser Verständigung den Weg zu ebnen, und dieser Augenblick darf nicht verpaßt werden. Wer wir dürfen keineswegs unser eigmes Interesse an Palästina als jüdisch^natlonale Heimstätte zurückstellen, wir müssen sehr vorsichtig zu Werke gehen, um keine politischen Trümpfe aus der Hand zu geben. Nach der Verständigung mit den Arabern, die uns zweifelsohne den Rücken stärken wird, werden wir vor die Mandatarmacht treten können und ihr den Wechsel ihrer feierlichen Versprechungen uns gegenüber zur Einlösung präsentieren. Werden auch dann die Engländer nein sagen? Neue politische Ereignisse in Palästina iverfen ihre «Schatten voraus — und unseren Verantwortlichen Führern liegt jetzt die Ausgabe ob, den kommenden Ereignissen nicht unvorbereitet gegenüberzutreten.

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