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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-16 · Heft 2863 (16.2.1927) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2863 (16.2.1927)
Date
1927-02-16
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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srr. 2865 Wien, Mittwoch Wiener Morgerrzeiirmd 16. Februar 1927 Gerte 7 JUDE ANS KREUZ! ROMAN VON KURT MÜNZER Coyprigtit 1927 by R- L&wit Vertag, Wien — Leipzig. Wel Adwr, der Junge, hatte die Natur verloren. O, -roch war . der Stern schön, der Mond ein ewig sich erneuerndes Wunder, der Dust der B.'ume Rausch: aber nur in Beziehung zum Mensch. Ueber den Firsten der Paläste, Kaufhäuser, Kasernen, Gefängnisse erglänzend, wurde der Stern Sinnbild, Welt, Schönheit. Für sich allein, am entgötterten Himmel, ohne das trostsuchende Auge, was war er? Sinnlose Gestaltung. Mar der Mond nicht erst schön, »nenn sein Licht über Kuppeln floß, Menschen blauen Schatten w"rien liest, auf wnt-n V^ä cn wie S'^er laa? W«mn er Geige spielte, rieselte kein Dach, zog keine Wolke, siel kein Swru: nur oer Mensch sprach, «so spielen Zigeuner. Es war nicht mehr die Zaubergeige des Horvathsohns Ambros, auf deren Saiten die Finger von selbst sich fügten. Jetzt war es eine alte Italienerin, und Onkel David ivar mit Ka^ar?a-'<a zu ei ww allen Gll-wn- Aauer gegangen und hatte sie für viel Geld gelaust, die kastanienbraune, mit dem Goto unter dem sah.cn Rot, die,e federleichte, honigduftende, ans deren Leib der Ton sich eine mystische uralte Seele holte. Ihr Holz erbebte, und das Leben' ging über . in des Spielers Leib. Oder bebte der Spieler zuerst? Nun, sie wuchsen zusammen. Auf sich selber spielte der junge Abel, über sein nacktes Herz glitt zärtlich schneidend, wo.'lustvoll schmerzend der Bogen. Aus feinem eigenen Innern stieg der Ton, und wenn das Konzert von Mendelssohn zu Ende war, wenn das A.'legro der Sonate von Beethoven ver'auchzte, dann war er se.'bst zu Ende, ausgeschöpft, ins All gelöst. Wunderbar: nach Minute war er wieder gesammelt, alles Lebens voll, von nur noch stürmischer, sehnsüchtiger, geschwellter Seele gefüllt, bereit, noch inbrünstiger sich zu verströmen. Er spielte vom Menschen, also von letzter, gesteigerter, ganz in Geist und Gefühl gesammelter Natur. Was er spielte, war auch dem Niedersten verständlich. Im schmutzigen Hof des Münzstraßenhauses sammelte sich das Volk, da wohnte in Vorder- und Hinterhaus eine ganze Menschheit. Tlbel kannte alle. Vor nichts, was Mensch war, fürchtete er sich. Nun standen sie und lauschten. Er war nicht geizig. Er öffnete die sogsam abgesperrten Fenster, schlug die Seide zurück, stellte sich ins Licht und spillte. Nicht die unvollkommenen Noten, noch in Beethovens und Bachs und Brahms' und SchunMns Satz unvollkommen, weil in Regel mrd Gesetz gefügt.' Ein Zigeuner,-spielte er sich, Sehnsucht, imb das heißt: vollkommenste Ahnung und i'>ea^fte Erfüllung von Ding, Mensch, Gefühl. Elf, zwölf, dreizehn Jahr, spielte er den ganzen Menschen. Es bedarf nicht des Erlebnisses,, nur des 'Wunsches. Der Wunsch treibt stärker Werk als die Erfüllung. Aus Sehnsucht entsteht schönere Schöpfung als aus Befriedigung. Frauen weinten, Kinder wurderr gesittet. Was nicht alles fand sich da zusammen! Da war Frau Nockstroh, die vorn vier Treppen beide Wohnungen hatte und Zimmer an junge Danien vermietete, die am Ta,'.e schliefen. Unter ihr wohnte Buchhalter Kort Kamp mit Mutter und sechs Schwestern. Da war ein Friseur, ein Rechtsbeamter,, eine Hebamme, Tischler, Schlosser, .Tapezierer, Arle: er von Löwe und Borsig, Frau von Grawieki, deren drei Töchter bei Tietz verkauften, deren Söhne mit einem Büch'Uvagen in der Universitätsstraße standen. Ein St aß nkehrer wohn e da mit. seiner .Frau, die mittags, in der -Essenspause,. die Kownlls in if,vo Stube ^"ramkahrer mi‘ zwei k'ei.en." öchtern — ki Frau im ml eine u ausgedienten Soldaten fortgelausen — die stundenlang bei dem alten Zenzes fasten, dem Wechlela.enten im er,.eu Stock. Zu den: kamen Offiziere. Immer im Zivil, aber man erkannte Gang, Schritt, Besehlsmiene. Sie stellten dort Wechsel aus. Daneben schenkten sie den Keinen Mädchen, neun und zwölf Jahre, Schokolade. Da waren Bunkes, die Hausverwalter; der Mann Flickschuster, die Fran ging als Aufwartefrau uud Wäscherin; sie war es auch, die David Adler die Zimmer aufräumte. Biele, viele andere iroch hausten da, eine ganze Menschheit. Auch Gute, Reine, in Arbeit sich Erschöpfende. Die Weißnäherin Alberta Kühlig, die Tag für Tag in Kundmhäusern nähte und drei fette Katzen ernährte. Der alte Anselm Ladewig, der Zettel an Straßenecken verteilte, auf Brust und Rücken Plakate von Kneipen und Ausverkäufen herunMug. Die blinde Frau Ylbeljang, deren fünfzigjähriger Sohn im Poligeiprä idium Aktenschreiber ivar. Der Briefträger Gottselig mit feiner Schtvester, die im Chor der Hedwigskirche sang und Sterbelleider nähte. Bisweilen zog eine Partei aus oder wurde aus die Straß« gesetzt oder rückte heimlich nachts mit Bett und Tisch. Schrank, Stuhl und Kommode. Und dann, fast noch in derselben Stunde, zogen andere ein, Familie aus sechs Köpfen in die eine Stube mit Küche, oder eine alte Witwe mit ihren zwei Schlafburschen, oder eine B.umensrau vom Potsdamerplatz mit ihrem Säufer von Mann, oder eine Prostituierte, ein Handelsmann aus Galizien, der der Grenadierstraße nah sein wollte, ein Müllkutscher mit seiner Frau, die ungeschickten Dienstmädchen zu früherer Schlankheit verhalf. ' - Mer: sie waren Menschheit. Und wenn sie, in Wolle von Gestank und Glut, ün Hose, standen, und lauschten, war vielleicht tiefer und üchrünstiger Leben und. LÄem?- ausstrahlung, in ihnen, Begeisterung und Befeuerung de: Spielers als bei. der Gesellschaft der Philharnronie m ‘ Aingakud^nie. Und nie inniger als hier hat Abel Adlec /ernals jit . >-ilt gefühlt von Geber und Empfangenden, (11. Foetsetz««».) Künstler und Publikum, Gott und Kreatur.. Er spielte nicht mehr bloß sich, sondern jene Menschheit draußen. In ihm war sie verdichtet. Und das Kind schwieg, die Dirne weinte, der Säufer lächelte, weil er jedes Sehnsucht aufschütteln und reden lich, in jedem Herzen das Verheimlichte verstand. Nicht bewußt, nicht sagbar, nicht vorstellbar. Wer er liebte die Kreatur. Und so war er schöpferisch, 2lhnungsvoll in Liebe, war er das tzerrgöttchen des Volkes. Die alten Adlers hatten ihr Geschäft noch nicht verkauft. Man wandert« in die großen Städte aus und etablierte | sich nicht mehr in den schmutzigen Provinznestern. Oskretscham wurde still und stiller. Der Laden Gersvn Adlers lvar auch an Markttagen nicht mehr überfüllt. Und eine Reift zum Kinde nach Berlin war eine Ausgabe, die sorgfältig erwogen werden mußte. Jetzt hatte Mirjam ihren Abele seit zwei Jahren und länger nicht mehr gesehen. Sie alterte, ihre Gestalt sank zusammen. Fast Vierzig, ging sie schwerfällig, gebückt von Kreuzschmerzen, und ihre Hände zitterten. Gerfon Adler, bald sechzig, bückte sich für sie, betete sär sie, fuhr auf die Märkte, um 'den Wsatz zu 'heben, stand in zugigen Läden nttt Pfeifen, Hosenträgern,'Porzellan- Madonnen und Zwirn. Er kutschierte das Keine Kosaken, psc'rdchen, dessen Schellen traurig in kühle oder regnerische Morgenfrühen, in kalte, windige oder staubschwüle Wende hineinläuteten, über die schon russisch geiveitete, schvermütM niedrige Landschaft hin. Wälder und Sumpf, Flüsse, Wiesen, geduckte Dörfer, in denen auch der Kirchtum sich nicht zu recken wagte. Und am .Horizont die Schlote, die schwarzen Wolken der Gruben, der Fabriken, der Hütten . . . (Fortsetzung folgt.) I. Preis: Eine Bibliothek von 300 Bänden II. Preis: Eine Gratisreise nach Palästina III. Preis: Fünf" Land in Palästina und weitere 47 Preise I Kreuzworträtsel-Preisausschreiben «sä Ausschneiden . ...-—...Ausschneiden. BEZEICHNUNG PL» WORTE Wagrecht: 2. Englisches Bier. 4. Musikalische Be- 6. gekocht. 8. Hund (engl.). Zeichnung. 6. Besitztum. 7. Synonym tur langweilig. 9. Reinigung. JO. Farbe. 12. Synonym tür klar, 13. Erfinder. 15« Abkürzung für Babel. 16 Griechische Göttin. 18. Stimmlage. 19. Tempei^turbezeichnung. 21. Griech. Buchstabe. 22. Drei (italienisch).?3. Hebiäisches Fürwort. 25. Monat 26 Artikel. 28. Ansturm. 29. Span. Bezeichnung tür Fluß. 31. Oewicht. 32. Form von sein. 34. Tier. 35. Schiffseite. 37. Sohn Adams. 38. Stadt am Balkan. 40. Artikel. Senktecht: 1. Jüd. König. Z Amt!. Schriftstück. 3. Zahl. 4. Kaffeesatz. *. Poet. Bezeichnung für Raubvogel. 9. Spielkarte. 11. Getränk. 12. Filmkomiker. 14. Sonne (lat). 15. Körperl. Gebrechen. 17. Teufel. 18. Nordische Göttin. 20. Schweizer Kanton 24. Luft (engl.k 25. Tapferkeit. 27. Zustand des Wassers 28 Ungekocht. 30 Fett. i1. Europ. Münze. 33. Asiat Münze. 34. Nordisches Haustier. 36. Schwur. 39. Gewässer. Magische Mitte: 41. Hauptstadt Palästinas. 42 senkrecht und 42a wagrecht, Erfinder des Thermometers 42 wagrecht u. 42 a senkrecht, Wild. 43. Türkischer Name. 44. Stadt in Persien. 45. Franzos. Zeichner und Maler. 46. Nordisches Haustier. Erklärung: Ab 13. Februar erscheint täglich in der „Wiener Morgenzeitung“ ein Kreuzworträtsel, -^Oie Diagramme sind auszuschneiden and mit Tinte oder Tintenblei auszufüllen und zn sammeln«,Am Schlüsse unserer Serie sind dann die gesammelten Lösungen samt den in jeder Nummer befindlichen Rät sei kupo ns an aie „Rätselredaktion der Wiener Morgenzeitung“ einzusenden. Jeder Einsender kann an der öffentlich stattfindenden Verlosung, deren genauer Zeitpunkt noch bekanntgegeb$n wird, teilnehmen. Blätter, in welchen unsere Rätsel erschienen sind, können jederzeit gegen Einsendung des Betrages in Briefmarken von unserer Administration nachbezogen werden. NB. Der Beischluß des auf Seite 2 Befindlichen Kupons ist unbedingt erfordert!?*. 2

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