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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-16 · Heft 2863 (16.2.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2863 (16.2.1927)
Date
1927-02-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Gerte 4 Men, Mittwoch Wiener Msrgenzettnng 1*. Fckbrum mi iragischen Tod des Opernsängers ihr Ende nahm. Frau Grosavescu hatte ihrem Gatten den großen Reisekoffer gepackt mck die Schlüssel an sich genommen.. Plötzlich erklärte sie, sie werde ihren Gatten nach Berlin begleiten. Da dies nicht vereinbart war, geriet auch der Opernsänger in Erregung, es kam zu einem Wortwechsel, in dessen Verlauf er erfuhr, daß seine Gattin gegen seinen Willen ihre Kleider in den großen Rohrplattenkoffer eingepackt habe. Er verlangte die Schlüssel und warf ihre Kleider aus dem Koffer heraus. Frau Grosa- >eZcu bestand jedoch darauf, mitzufahren. Der Streit wurde immer lebhafte Fräulein Grosavescu suchte das Ehepaar zu beschwichtigen, doch vergebens. Frau Grosavescu warf dem Gatten voq, daß er ihr untreu sei und seine Sympathie einer Dame der Gesellschaft zuwende. Ein Wort gab das andere und schließlich wollte der Opernsänger die Gattin, als diese den Koffer neuerlich anfsperren wollte, um ihre Kleider 'inzupacken, aus dem Speisezimmer in das anstoßende Schlafzimmer drängen und dort zurückhalten. Das Ehepaar stand Lerade auf der Türschwelle. Grosavescu hielt die Frau mit beiden Händen zurück, um sie in das Schlafzimmer zu drängen, wobei er seinen Kopf etwas niedergebückt hielt, als plötzlich ein Schutz krachte. Das Projektil, drang ihm in den Hinterkopf und trat bei der Stirne aus. Der augenblickliche Tod war die Folge. Den Schuß hatte die Frau Grosavescu aus einem WwWmStik cHn^A^iuoünrihin .««WWWWWMk Browningrevolver von 7.65 Millimeter Kaliber abgefeuert. Wie sie plötzlich zu dem Revolver kam, ob sie sich ihn im Streite angeeignet oder im letzten Moment aus einem Versteck geholt hatte, konnte noch nicht aufgeklärt werden. Im Polizeikommissariat Josefstadt war Frau Grosavescu bei ihrer Einvernahme ganz nievergebrochen. Sie konnte vor Aufregung kein Wort sprechen und aus den wenigen von ihr beantworteten Fragen kann man nur entnehmen, daß sie wohl die Tat imZustandehöchsterErr e g u n g begangen hat. Sie gM zu, den Gatten erschossen zu haben. Auf die Frage, warum fie dies getan, entgegnete fie: „Weil er mich so gequält hat!" Befragt, wie sie zu dem Revolver gekommen sei — gab sie an. daß der Revolver Eigentum ihres Gatten gewesen und immer in der Schreibtischlade seinqs ArbeitLgirnmers gewesen sei. Erst im Jänner habe sie ihn an sich gebracht, und zwar, weil ihr Gatte vor ihrer Ueberführung in das Sanatorium erklärt habe, er werde, wenn ihr etwas passiere, sich erschießen. Da habe sie dix Waffe an sich genommen und seither im Wäschekasten im Schlafzimmer aufbewahrt. Wieso sie heute plötzlich die Waffe bei der Hand hatte, ließ sie unbeantwortet. wawfl6eeoeo06fleoeeowwo6Qoe(!)ooeflfloeflOfleoo8fleoeeooee8eMfl6eflaefl68aooo6QO(ioQ(W6< Altes und neues Judentum im ‘Bmftentand.!Reise6tie/c von Cito jfftcles.*) Dar ftumdNche Lakenbach. Mij Regen folgt Sonnenschein. Nach den Stunden in der atembeklemmenden dumpfen Enge von Deutschkreuz (Zelem) folgte ein heller Tag im freundlichen Lakenbach. Nach de» Mahnungen des Zelemer Zeloten Rabbi Kohn, mich durch schleunigen Rückzug außer Lebensgefahr zu bringen, ein überaus herzlicher Empfang beim Lakenbacher Rabbiner Krausz. Ein Greis, dem Gelehrsamkeit und HUlelsche Milde, Frömmigkeit und Duldsamkeit keine dispcmrten Begriffe sind. Die Stube gibt diesem edlen, schlichten und sehr Vornamen Antlitz die Folie. Ragende Regale, mit alten gewichtigen Büchern gestillt, alles wohl geordnet und gut gehalten. Trotz häufigen'Gebrauches. Denn,'daß hier die Lehre durchgepflügt wird, inbrünstig und in Weltckbgeschiedenheit, alle bre 25 Jahre Hindurch, die der Rabbi von Lokenbach seine Gemeinde führt, bezeugt der mächtige Tisch, glatt gescheuert von den ledernen Einbänden der Folianten, die auch jetzt vor ihm aufgeschlagen sind, weit über die Tischplatte p. Lazar Krestin, verehrter Freund! Diese Stube und ihr Bewohner, die niederen Fenster und der hohe Geist, der im Dämmer des Raumes waltet, die feine Stirne und die groben Stiefel dieses Greises würden Ihr jüdisches Malerauge fesseln. Und draußen am Platz, das Haus des Rosch ha Kahal mit dem gedeckten, durch kräftig geführte Mauerbögen verzierten Stiegenausgang ins Stockwerk, breit hingesteltt quer Über die Hausfront; der Durchblick vom Platz (sagen wir lieber Plätzchen) auf das ansehnliche Chewra- Haus, dunkelrot gestrichen; einige alte Bürgerhäuser der Judenstadt, mit deq steirischen Bergen im Hintergrurw; dort im Winkel das Gedränge uralter Judenhausl, eine Erzähl lohnender Motive für die Leinwand. * Ueberraschend die Innenausstattung der Synagoge. Die Judengemeinde von Lakenbach, einst die größte von den „Schema Khitles", stärker bevölkert als Eisenstadt, ließ es bei dem sehr ansehnlichen Tempelschmuck: zwei gewaltige Lichtstärwer, ein holzgeschnitzter Hängeleuchter, von Üppigster Entfaltung der Aeste und Zweige, sowie bei den sehr wertvollen Messingstücken der Weiberschul' nicht bewenden. Bor siÄzig Jahren holten sich die Gemeinden äter einen damals angesehenen Künstler, den Maler Krausz nach Lakenbach, damit er ihnen das Gewölbe und die Wände der Synagoge mit Fresken schmücke. Seine Auftraggeber mußten ihn bei guter Laune Halten und für genügende Weinflaschen Vorsorgen, denn er tat ihnen vor Uebernahme des Werkes kund, daß er seine Kunst richtig zu üben nur dann vevstehe,- ivenn er tüchtig getrunken habe. Die Malerei hat durch Feuchtigkeit stark gelitten, soll aber vor zwei Jahrzehnten noch wunderschön gewesen, sein. Freilich hat der gute Maler Sujets gewählt, die damals selbstverständlich waren, aber jetzt, seitdem Herzl die Juden verrückt gemacht hat, von unwillkommenster Tendenz sind. Zion, Zion und wieder Zion! Am Ende hat da- Laken- - bacher Mädchen, welches, wie ich höre, als Chaluza nach Erez Israel ging und von dort Briefe schreibt, sich von diesen Gemälden verführen lassen... Im übrigen glaube *) Siebe „Wiener Morgenseitung vom 6., 4^ 9, 10., 13. uub 13. Februar. ich, daß die Kehilla in ihrer Klugheit und Jüdischkeit aus! diese erste Lakenbacher Zionistin der Tat noch stolz sein wird. Einst war der Marktflecken zu sieben Achteln von Juden und bloß einem Achtel Nichtjuden bewohnt. Jetzt ist das Verhältnis fast umgekehrt. Die Lakenbacher tragen den Spitznamen „Schwalben", sind weithin zerstreut in der nichtjüdischen Welt: Warum sollen sie sich nicht in der altneuen, jüdischen niederlassen — und jüdisch bleiben? * Draußen, am guten Ort, der neben den uralten klei-- nen Steinen auch schon Nobelgrüfte a la Döblinger Friedhof aufweist, liegt der Sohn des Maharam Asch Eisen« stadt, Rabbi Benjamin Asch, der das Rabbinat von Lakenbach und Kobersdorf innehatte und hier geliebt, geehrt war, wie sein größerer Eifenstädter Vater. Ihm folgte durch drei Rabbinergeneratronen die Ullmannsche Dynastie. Den hundertsten Todestag des Stammvaters, der den Beinamen Charew (der Scharfsinnige) führte, und eine Leuchte in Israel war, hat Man zu Lakenbach im Vorjahre gefeiert. Reb Scholem Charew soll auch körperlich ein Riese gewesen sein und einst einen Bären erwürgt haben. Sein Urenkel erzählt mir von seinen berühmten Ahnen, während er im Gewölbe die Kundschaft bedient. Ein interessantes Ledergeschäst! Oberhalb der Warenstapel laufen Bücherbretter rings um die Wand. Es sind keine Geschäftsbücher, sondern ererbte Bibliotheksbestände. Das Gespräch mit dem Träger eines berühmten Namens erweist, daß nicht viele jüdische Kaufleute der Großstadt über fo viel Bildung, Kultur und geistiges Interesse verfügen, wie dieser Lakenbacher, der jetzt für 20 Groschen Holznagel zuwiegt und sie in die selbstgedrehte Tüte schüttet. * ,Hier oben," erzählt er während des Tütendrehens und weist auf das Stockwerk über seinem Gewölbe, „hier in diesem Hause wohnte Rüben Hirschler, der im Leben Franz Liszts eine bedeutsame Rolle spielte. Der alte HirMer, ein wohlhabender und kunstliebender Mann, ließ — damals bei Juden eine Ungeheuerlichkeit — seine Töchter bereits das Klavierspielen erlernen. Mit Liszts Vater, welcher Verwaltungsbeamter ESzterhazys auf dem Nachbargute Raiding war, stand er in Geschäftsverbindung. Als Vater Liszt mit dem Äeinerr Franz einst hier zu Besuch weilte, erkannte der alte Hirschler die Begabung des Knaben, schenkte ihm das Klcwier und kümmerte sich um seine Ausbildung." So hat ein Lakenbacher Jude dem großen Franz Liszt die Laufbahn des wettberühmten Pianisten und Tondichters eröffnet. * - Beim Spazierengehen zähle ich nebst zahlreichen Handwerkern drei jüdische Bäckermeister, zwei Buchdrucker und einen Buchbinder. Zu vermerken, weil hier jüdisches Handwerk und Gewerbe den ganzen Bauembezirk beliefert. Das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden läßt nur den 1 hakenkreuzlerischen Beamten und den Frontkämpfern zu wünschen übrig, die, wie man nrir erzählt, jüngst erst bei einer Versammlung im Nachbardorf« Nikitsch feierlich erklärten, die Bereinigung mit den magyarischen Fwntkämpfern zu erstreben. Noch ist ihre Saat in der Bevölkerung nicht aufgegangen. Im koscheren Gasthaus kehren die Bauern ein. Der Besitzer, ein gesetzestreuer Lakenbacher Jude, 86 Jahre alt und noch knorrig, wie es sich für den Sohn einer Khille ziemt, deren Rabbi einst einen Bären erwürgte, sitzt bei seinen bäuerlichen 'Gästen, man ist auf Du und Du;imb bespricht Familienfragen. Wie lange noch? — Bon der Landeshauptstadt Eisenstabt ans wird amtlich der Judenhaß geschürt. schwere Grlpßeepivemle!« Belgrad- Wie aus T r i e st berichtet wird, ist in B e l g r a d eine schwere Grippeepidem ie ausgebrvchen, von der fast keine Familie verschont blieb. Die Grippe ist in vielen Fällen vory einer Art Schlafkrankheit begleitet. Slae Familientragödie in Warschau- Aus Warschau, 12. d. M., wird uns g-«schrieben'. Gestern fand das L-elchenbegän-gnis der fltimf Opfer einer furchtbaren Famikientvagödie statt, die sich Mittwoch ereignete, als der Mechaniker Masilani die gange Familie Wktkowski erschoß und dann Selbstmord beging. Boi d'm Begräbnis kam eS zu aufregenden Szenen. Die Freunde des Seivbistmörders Maslani forderten, daß dem letzten Willen MaÄams Folge geleistet werde, ihn mit seiner Gattin, die er Liber alles lrch'e, gsmeiusam zu bestatten. Die GeWichkeit, die das Begräbnis der fünf Opfer vornahm, weigerte sich jedoch, den Selbstmörder mit seiner Gattin gemeinsam zu bestatten. Daraufhin nahmen die Freunde 'des Selbstmörders seinen Saig auf die Schultern und trugen ihn auf den Friedhof. Dort forderten sie wieder die gemeinsame Bestattung. Auch auf dem Friedhof stellte sich die GeMichkeit gegen diese Forderung- und erst alls Polizei herheigerufen wurde, konnten die fünf Opfer bestattet worden. Der Selbstmorde^ wurde hinter einer Frie>d>ho>f§,mauer allem begraben. Geburt außerhalb des Mutterleibes. Aus Berlin wird berichtet: Der bekannte Berliner Frauenarzt, Professor Dr. Wilhelm Liepmann, machte in einem in der Gynäkologischen Gesellschaft von ihm gehaltenen, aufsehenerregenden Vortrag Mttteilungen über einen außerhalb des Mutterleibes erfolgten Geburtsakt. Professor Liepmann war genötigt gewesen, bei einer tuberkulösen Arbeitersfrau die Schwangerschaft zu unterbrechen und die Gebärmutter heranszunehmen. Dabei.ereignete sich der sonderbare Vorgang, daß die aus dem Körper der Frau bereits entfernte Gebärmutter selb sttätig den Geburtsakt ausführte. Der ganze Vorgang wurde im Film auf das genaueste festgehalten. Professor Liepmann erklärt den erstaunlichen Vorgang damit, daß die Gebärmutter über ein Organ.verfügen müsse, das den Gebärvorgang selbsttätig und u nabhängig von dem übrigen Körper vollzogen hat. Mkkrachl-Fabllöam. Wie bereits berichtet, begeht die Misrachi in diesem Monat die Feier des 25jährigen Bestandes ihrer Organisation. Als Theodor Herzl den Zionismus im Westen proklamierte, traten führende Rabbiner unter dem verstorbenen Rabbiner Reines aus Lida (Litauen) in Wilna zusammen, -um den Zionismus religionsgesetzlich zu approbieren. Sie schlossen sich entgegen allen Protesten der extremen Orthodoxie dem großen Führer an. Die Gründung der Misrache im Osten war zugleich ein Schlag gegen die seinerzeitigen Proteftrabbiner des Westens. Heute verfügt die Misrachi über eine stramme Organisation in allen Ländern der Welt und leistet in Palästina mit Hilfe der zionistischen Fonds selbständige religiöse, kolonisatorische und erzieherische Arbeit nach ihrer traditionellen Einstellung. In Wien sind aus Anlaß dieses Jubiläums mehrere Veranstaltungen unter Teilnahme hervorragender Persönlichkeiten geplant. So werden demnächst Rabbiner Dr. Hoffmann (Frankfurt) und Ministerialrat Goslar (Berlin) in großen Versammlungen sprechen.. Auch Rabbi Meier Berlin (Newyork) hat seine Teilnahme zugesagt. Den Auftakt zu diesen Veranstaltungen bildete eine am vergangenen Samstagabend im großen Saale der „Scholle" unter Vorsitz des Kultusvorstehers Viktor Baumln ger abgehaltene Versammlung, in welcher Herr Isidor Austerlitz, ein Teilnehmer der Gründungskonferenz der Misrachi vor 26 Jahren, Reminiszenzen aus der Gründungszeit vortrug, und Rabbiner.Dr. Feuchtwang über die „Ideen des Misrachi" referierte. Cr bewies, daß selbst die extremsten orthodoxen Denker des Westens, wie zum Beispiel Raphael Samson Hirsch, die jüdische Nationalität und ein jüdisches Staatsleben als primäres uud selbstverständliches Gut der jüdischen Religion anerkannten. luden Zionisten Befolget die Botschaft Col. Wedgwoods und erfüllet Sure Pflicht dem Palästina-Aufbaufonds gegenüber. Zeichnet für den Keren Hajessodl

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