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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-16 · Heft 2863 (16.2.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2863 (16.2.1927)
Date
1927-02-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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;)tr. 286.') Wien, Mttavoch Wiener Morgenzeitung 16. Februar 1887 Sette s Le Piaedor «Mag. Tagesbericht. Las Redeverbot |8t Reuuer. Die „Arbeiter-Zeitintg" hat das Mittel gefunden, für . .e Zukunft an der Universität den Zustand der Gesetzlichkeit zu sichern. Sie regt an, daß den Hakenkrenzsern die Benützung der Volkshallc des Rathauses verwehrt werden soll. Das ist das Falscheste, was in diesem Fall ersonnen wevden kann. Denn damit wird fürs erste der Ukas des akademischen Senates zur Kenntnis genommen, zweitens aber eine unzulässige Parallele zwischen den Veranstaltungen der Friedensgesellschaft und den Hetzereien der Hakenkreuzler gezogen. Es wird der gewesene Staatskanzler Renner auf eine Stufe gestellt mit dem Gatternrayer oder Snchenwirth. Das kann schön werden. Abgesehen davon aber ist es doch ein verhängnisvoller Fehler, die auf Mord und Brand gestellten Pogromorganisationen als eine politische Gruppe anzusehen, die ein Recht auf die Volkshatte besitzt. In der Volkshalle haben Leute nichts zu tun, die die Ungesetzlichkeit predigen. Wer was wäre denn für das Meritum der Sache erreicht, wenn die Volkshatte gesperrt bliebe? Ist damit an der Hochschule die gesetzliche Ordnung wiedethergestellt? Eine Aktion einer großen Partei darf nicht in einen boshaften Akt münden, bei dem das eine Mal der Rektor, daS nächste Mal der Bürgermeister die Türe zusperren. Die Sozialdemokratie hat mit der Ueberheblichkeit der Autonomie der Universität aufzurännien, dem Mißbrauch ein Ende zu machen und das zu erzwingen, was Rechtens ist. Wenn sie Ernst macht, dann fällt der Hakenkreuzspuk sofort in sich zusammen. Aber <tzer Sozialdenwkratie sticht >or allem der Judenpunkt ins Auge. Sie kompromittiert nicht mit Judenschutz.... Massen gegen Massen. Für Donnerstag abends i>st in die Vovkslhalle des Rallhauises eine christlichsozinle Vechammlnng einberu-fen, in tvelcher Abgeordneter Kunschak über die sozialdemokratische Ratlhausih-errschiaft sprechen soll. Die „Arbeiter-Zeitung" richtete nun gestern in auffallender Form an. der Spitze des Blattes an die Arbeiter die Aufforiderunig, von der Arbeit zur Versammlung zu kommen und anguhören, was Kun'schcE zu sagen hat. Das ist unter den gegebenen Umständen der Appell an die Massen, und es kann <wn Donnerstag sich leicht ereignen, daß die Arbeitevschast als Störer der Redennld Vensammlungsfreiheit ins Unrecht gehetzt wird. Das Abendblatt der .Meichspost" nimmt denn auch die Auffovderun.g der „Arbeiter-Ze-itung" als Kamp fa n s ag e auf und appelliert an die „christliche Arbeiterschaft", die Vevsammln-nigsfreicheit in der Hauptsta d t d e r B u n d e s r e publik zu sichern. Me Vertrauensmänner der christlichsozialen Arbeiterorganisationen waren für gestern abends zu einer Besprechung versammelt worden, die im Gewerk- 'cbastshaus strittstnd. Me österreichische Keren-Haseffov-Altion. Im Rahmen der Veranstaltungen während des Koreu-Hajessod-Drive findet heute um 8 Uhr abends fm Cafe Lovrana, 3. Bezirk, Löwengasse 36, ein M e ctin g statt. Redner: Dr. Nahum Gold mann. Rom, 16. Februar. Der Flieger De P i nedo ist gestern «m 11 U,hr nachts voll Villa Cisneroe Mgeflogen und heute um 8 Uhr 16 Minuten morgens in Volama (Port ugiesisch-Guinea) eingetroffen. Er hat die Distanz von 1600 Kilometern mit einer mittleren Stirndengeischwin di gke i! mm 166 Kilometern zurückgelegt. Man eriwar'et, daß sein Start zur Ueberq u e r u n,g des Atlantischen Ozeans morgen um 8 Uhr abends stctttfinden wird. Die Distanz zwischen Bolama und Port Natal (Brasilien), der ersten Landungsstation aus dem ameriikanischen Kontinent, beträgt nngefälbr 3000 Kilometer. SifersuHt das Motiv der Tat. - Der Tenor der Staatsoper Trajan Grosaveseu ist gestern von seiner Frau nach einer Eifersuchtsszene durch einen Pistolenschuß ins Hinterhaupt getötet worden. Die Schreckeirs Nachricht durcheilte in den späten Abendstunden die Stadt. Die Tat erregte um so größeres Aufsehen, als Grosaveseu und seine Frau nicht nur in der Kunstwelt Wiens einen großen Bekanntenkreis hatten, sondern auch in der Wiener Gesellschaft eine sehr angesehene Position einnahmen. Grosaveseu, ein gebürtiger Rumäne aus R u h o j (Bezirk Caras), stand im 32. Lebensjahr, seine Gattin Nelly, eine Tochter des Bezirksrates K ö v e s d y, hatte nach Scheidung ihrer ersten Ehe den berühmten Sänger geheiratet. Sie ist in Skot schau bei Bielih geboren und nur um ein Jahr jünger als ihr Mann. Aus erster Ehe hätte die Frau eine neunjährige Tochter, Grosaveseu hatte ein zweijähriges Töchterchen. Das Ehepaar bewohnte in der Lerchenfelderstraße 64 eine elegant eingerichtete Bierzimmerwohnung. Gestern abends hätte Grosaveseu eine einmonatige Gastspielreise nach Berlin antreten sollen. Nachmittags waren die Koffer bereits zur Abreise gepackt. Das Ehepaar und die Schwester des Opernsängers, die Studentin der Philosophie Olga Grosaveseu, weilten im Hause, als plötzlich das Dienstpersonal gegen halb 4 Uhr aus den Zimmern die Detonation eines Schusfes hörte. Als das Personal ganz entsetzt in die Zimmer eindrang, sah es . . Frau Grosaveseu ganz * zusammengebrochen, am ganzen Leibe zitternd , aus der. Schwelle, die vom Speisezimmer in das Schlafzimmer führt, am Boden hockend, während Fräulein Grosavesm eb^en .'im Nebenzimmer, im sogenannten . Salon, die Rettungsgesellschaft alarmierte. Durch die offene .Tür sah das Personal den Körper, des Opernsängers, der Länge nach ausgestreckt, leblos am Boden liegen. Fräulein Grosaveseu teilte ganz erregt mit, daß die Frau ihren Gatten angeschossen habe, und eilte darauf sofort in die Wohnung des in der Nähe etablierten Hausarztes Dr. Wallisch, der sofort herbeieilte, jedoch nur mehr den Eintritt des Todes feststellen konnte. Grosaveseu hatte , , . , einen Durchschuß des Kopfes mit Einschuß im Hinterhaupt ooooo(xx>oooooooaoooaococooaoooaacoooo& LBwenfranzbranntweln ' Mit Menthol rväb=o \Ihreöesuodheit erfordert i I es* daß ble ihn selbst I 1 ein- oder zweimal ausprobieren» dann bleiben Sie ständiger Benutzer. Schutzmarke. üeberall erhältlich. OOODOOOOOOOOOOOOOCXXXXXXXXXXXXXXXWOOQO» Die verhängnisvolle Sastfptelreise. und Ausschuß in 'der Stirne erliidkeir, welche Verletzung seinen augenblicklichen Tod hevbeigc>fü-hrl haben mußte. Frau Groisavescu wurde dem Polizeikommissariat Jose'fistaÄt übergeben. Hier vernahm zunächst Reiglerunigsrat Kaluzä die Schwester des Getöteten, Fräulein Olga Grosaveseu, sowie die Hausgenossen ein. Die Schwester Grchaveseus gab an, daß offenbar Eifersucht die Ursache der grauenvollen Tat gewesen sei, die im Grabe großer Erregung begangen worden ist. Fräulein Grosaveseu teilte mit, die Ehe ihres Bruders mit der Schwägerin bestelhe seit dem Jahre 1923. Frau Grosaveseu war vorher seit dem Jahre 1916 verheiratet und dann geschieden worden. In der letzten Zeit war es wiederholt Mischen den Ehegatten zu erregten Szenen gekommen, da Frau Grosaveseu auf ihren Gatten sehr eifersüchtig war und schon durch den Umstand allein, daß ihr Gatte mit einer anderen Dame längere Zeit sprach, in den >höchsten Grad der Erregung geraten konnte und dann ihren Gatten mit argen Bor-, würfen überschüttete. In der letzten Zeit , glaubte Frau Grosaveseu Grund zur Vermutung zu haben, daß ihr Gatte sich einer Dame der Gesellschaft, der Gattin eines Universitäts'prosessors, zuwende. <Äe machte ihm deshalb bittere Vorwürfe. Sie erklärte manchmal in ihrer Erregung, sie werde noch einmal dem Gatten, et was an tun imb rief auch, daß ihr ein Froisprrrch gewiß sei, wenn sie wegen begründeter Eifersucht die Tat begehen sollte. Immer wieder wurde jedoch der Konflikt . beigelegt und als Frau Grosaveseu int Jänner ein Wiener Sanatorium nach einer Totgeburt verließ, waren ihre Nerven anscheinend noch mehr überreizt, sie selbst manchmal in ihrer Eifersucht dem Verzweifeln nahe. Gestern mittags nun war der Staatsopernsänger etwas . früher als sonst heimgekehrt, um das Mittagmahl einzu-! nehmen und nachher gctzes wieder eine heftige Szene, die von halb 2 Uhr bis halb 4 Uhr nachmittags; im Beisein der Schwester währte und schließlich mit dein SpernsSnger Srosavesm von seiner Frau erschossen. Bei einer jüdischen Revue. Vor zwanzig Jahren etiva, zur Zett der „Elf Scharfrichter", der „Fledermaus", des „Nachtlicht", gab es in einem dieser Brettl einen mehr närrischen als begabten Kabarettmenfchen (ich glaube, er hieß Danny Gürtler), der mir zum Symbol geworden ist. Er schrie mitten in seine Vorträge und Rezitationen ein Wort: „Stimmung!" Schrie es immer wieder, mtt einem Unterton verztveifeltcn Kampfes. Wie ein Ertrinkender „Hilfe" schreit, halb irr, halb erstickt, vom Schauer geschüttelt. Diesen verzweifelten Notruf „Stimmung" glaube ich immer wieder in der mitteleuropäischen Unterhaltsamkeit zu hören. Sie muß überall erst mit den stärksten Mitteln der Ueberredung,. der Suggestion, der Äorreklame aufgedrängt werden. Gewissermaßen durch Massage erzeugt. Kann Stimmung — stellt sie überhaupt sich ein — sich nie anders einstetten? . . . Ein kleiner häßlicher Saal in der Praterstraße. Viel schmutziger Stuck mtt graugrün gewordenem Goldanstrich. Dicke, schwere Luft, die von vielen Menschen herrührt, Sesselrücken, Tischegeschiebe, laute Reden, die irgendwie skeptisch-spöttisch klingen. Gläserklirren, Gabelklappern, Füßcscharren, Grüßeschnarren, kurz, das mißtönige Geräusch, das ein paar hundert Menschen erzeugen, die sich zur „Unterhaltung" versammelt haben. Ein wimmernder Geigenton mischt sich in dieses Chaos, ein Akkord auf einem schlecht gestimmten und schlecht behandelten Klavier folgt, ein Takt, zwei Takte der beiden Jammerinstrnmente und — die Menschen in dem kleinen Saal fiitb gepackt: sie fassen sofort die Melodie des chaffidischen Marsches, den ein Musiker aus dieser Musik nur schwer heraushören tarnt; die vorher chaotische Bewegung orbnet sich, Bewegung dennoch bleibend, und hunderte Hände klatschen den Takt, hunderte Lippen summen mit, hunderte Augen bekommen.Glanz — di? Stim IN UNg, um die alle mitteleuropäische Unterhaltsamkeit krampshast ringt, ist im Bruchteil einer Minute vorhandetl, geweckt durch acht Töne eines einfachen chassidischen Marsches. Das ist inehr, weit mehr als Wirkung der Musik . . . ch „Bon SeüMow bis Amerika" führt eine jüdische Revue in (angeblich) fünfzehn Bildern, die in diesem gräßlichen Saattotal vorüberzieht. Also eine Art „Zug nach dem Westen" (teils ein echter Zug, teils ein entlehnter). Zu dieser Revue ist nichts besonderes zu bemerken: sie ist — wohlgemerkt — nicht schlechter als tausend andere. Revuen, geht wie diese dem leicht faßlichen Schlager nach, entlehnt chn, wo sie ihn findet, und wird, von der äußeren Aufmachung abgesehen, um nichts schlechter und um nichts besser wiedergegeben als tausend ihresgleichen; es wird mit und ohne Stimme gesungen, mit und ohne Anmut getanzt, mit und ohne Komik geulkt und mit utch ohne Begabung gespielt; es gibt Girls und es gibt Tänze, Herz, was willst du troch mehr? Aber eines ist interessant: so ein jüdischer „Zug nach dem Westen" hat natürlich jüdische und nichtjüdische Elemente in sich; und das Publikum läßt die nichtjüdischen Elemente dieser Bilderfolge mit einer gewissen distanzierten Reserve auf sich wirken, es verwandelt sich bei diesen Szenen aus der „großen . Welt" sofort in den Zuschauer im wahrsten Sinne des Wortes. Wer sowie die jüdischen ursprünglichen Teile der Revue zutage treten, da scheint die Entfernung zwischen Bühne mrd Zuschauerraum mit einemmal verkürzt, es ge.ht eine Welle unmittelbaren Jneinandergreifens von dem Podium zu den Sitzreihen, Bild auf der Bühne: Ein alter Jude verrichtet das Mitternachtsgebet, das der Zerstörung des Tenrpels gedenkt, und träumt vom künftigen Zion. Die Melodie, die diesem Text beigelegt ist, hat verteufelte Ähnlichkeit mit einem banalen Schlager, aber es herrscht eine Ergriffenheit, die nicht mehr zu überbieten ist. Und wie ein kleiner jüdischer Pfadfinder den Weg nach Zion singend antritt, löst sich jäh irgendetwas in brausenden Jubel auf — uralter Instinkt, der ohne Ueberlegung, ohne Reflexion,, ohne hemmenden Gedanken. an Wo und Wie geweckt wird. Hier ist mehr als Wirkung, . die Illusion wird Wirklichkeit . . .' * Natürlich komm: immer wieder ein Motiv zutage: Welt und Umwelt, aus der jüdischen Perspektive gesehen. Es manifestiert sich auf der Bühne wie im Zuschauerraum in grotesken Phänomenen, und man begreift, daß Schalom Aleichems„Menachem Mendel" die Figur, der Typus einer jüdischen Welt geworden ist. Irgendwie taucht ' dieser Menachem Mendel auch auf der Reise von Sechestow nach Amerika auf und das Publikum lebt ihn mtt. Ist es eigentlich schon über Menachem Mendel hinaus? j Auf dem Bahnhof in Sechestow, da der „HW" der Revue seine Reise antritt, wird das Theaterbild zur - Groteske und auf der Praterstraße in Wien, da jener; Jude aus Sechestow einem Wiener Pülcher begegnet, wird es zur Philosophie des kleinen Lebens. Der Jude aus Sechestow und der Pülcher aus Wien sprechen ewig aneinander vorbei, fürchten einander ewig, wie es Geschöpfe verschiedener Lebenskreise immer tun, und sind fortwährend auf der Hut vor gegensettiger Uebervorteilung. Dieser Zustand schafft eine geradezu drückende Spannung, die sich elementar von der Bühne in den Zuschauerraum verpflanzt, und der Augenblick, da der Wiener Pülcher sieht, er könne einen polnischen Juden hineinlegen, wirkt mit so ursprünglicher komischer Kraft, wie etwa jene berühmte Szene in Gogols „Revisor", da die ganze Beamtenschaft des Städtchens zur Erkenntnis gelangt: der Revisor nimmt GeÜ». Uraltes Komödiengut rauscht aus unversiegbarem Quell deS kleinen, menschlichen Lebens. Der Revue „Bon Sechestow bis Amerika" fehlt das große Tableau am Schluß. Ihr Held, der nach Amerika gereist ist, um dort große Reichtümer zu erben, ist in seinen Hoffnungen betrogen. Kein Anlaß für ein großes Revue-Finale, aber solcher Schluß und nur solcher entspringt irgendwie der Mentalität des Publikums, das Cu den Keinen Saal in der Praterstraße kommt, in Schareit kommt, mm eine jüdische Revue zu sehen: es besteht aus denen, die bisher auf ihrem Weg in die große Weit nur Stöße, Püffe und Enttäuschungen davongetragen haben. Sie sehen sich und erkennen sich wiärer, mit einem lachenden und einem feuchten Auge erkennen sie ihre bisherige Äbeysbilanz. Denn jedes Publikum hat seine Revue: Das ist der Lauster Wett. Siegfried Schmitz.

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