Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2863 (16.2.1927)
- Date
- 1927-02-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Kien, Mittwoch Wiener Morgen-ettnng 16. Februar 10: jttr. 2868 el [STcrojlora^töTc/oilo'rcroJloYc/ oilbYc/oJ L2X2XSJ Eg© LsGXsj ® lC®jCLAi>H®jOJk° If®jOJL® 110JOJL°UöjC?Jk®Hö>PJLal(ojQAfi] (5t0^ KUPON ZU DEM KREUZWORTRAETSEL Nr. 4 D«, „WIENER MOROBNZEITÜNO U-AZ Las Rüstungs-Ballspiel. —y, Wien, 16. Februar. Uly dem MrüstungsVorschlag des Präsidenten Coolttge .ft ein Ball geworden, der zwischen Washington und Paris ileißig hin und her geschimpft wird. England hat noch nicht Stellung genommen, iveil doch ein Staat, der 'eben in einen . 'kriegerischen 'Konflikt im 'fernen Osten verlvickelt ist, nicht gut über eine Frage solchen Charakters debattieren kann. Die französische Presse dagegen lehnt einmütig ab. Die Negierung ist höfsicher. Sie regt an, daß Amerika seinen Vorschlag an den Völkerbund richten möge. Gerade das will aber Amerika nicht tun, weil es gegen beit Völkerbund eine tiefe und unüberwindliche Mneigung hegt. Der PräsideutCvolidge wünscht die Abhaltimg einer neuen internationalen Konferenz zur weiteren Einschränkung der Scerüstungen. Das Wörtchen „weitere" nimmt sich in der Note ein wenig deplaciert aus. Denn bisher ist nirgends eine Einschränkung '.'^-genommen worden und es tvaren gerade die Vereinigte!! Si.aaten, die den Ausbau der Marine mit stärkstem Eifer b.trieben. Sie beschränken sich übrigens nicht auf die Schisse. Der amerikanische Imperialismus wünscht zu Wasser, zu Lande und kn der Luft am stärksten bewaffnet zu sein, hat sich also bezüglich des demokratischen Pazifismus ganz europäisiert. In Frankreich hat der Vorschlag starkes Mißbehagen hervorgerüfen, zuinm er von "dem Gläubiger gestellt wird, km Schuldner ist immer' m seinem Mißtrauen Hellhörig und man brachte darum die so fremrbschaftlich abgefaßtc Anfrage mit den Schulden in Amerika in eine gervisse Verbindung. Vielleicht nicht mit Unrecht. Das Llbkommen über die Schuldenregelung ist von der Kammer noch immer nicht ratifiziert mid es liegt wohl sehr nahe, daß Washington über die Verwendung des ihm zustehenden Geldes zur Anfertigung von Uniformen und Kanonen ärgerlich wird. Trotzdem kann Frankreich, nämlich das heutige, offizielle Frankreich, auf eine Abrüstung nicht eingehen. Die Grundlage der französischen Politik ist der.Friedensvertrag, der bewaffnete Waffenstillstand, das Mißtrauen gegen Deutschland, gegen Italien iind gegen diesen gesamten sclbstgeschaffenen Zustand. Daß er vorhairden ist, ist zugleich Ursache und Wirkung der Schwäche des Völkerbundes und der Eintritt Deutschlands hat nur scheinbar eine Abmilderung herbeigeführt. Die Rechtsschwenkung der - Berliner Regierung, die in der letzten Zeit erfolgt ist, hat das Mißbehagen verschärft. Looarnö und Thoiry sind schon weit in die Vergangenheit geraten und die Nationalisten zu beiden Seiten des Rheins spielen ihre.Rollen ungestört weiter und bringen einander trefflich das Stichwort. Und solange sie hier wie. dort mit dem Hochverrat, operieren und ihre Oeffentlichkeit unter Druck setzen, ist es für Poincare leicht, sich seinem- Kollegen Briand' nicht'anzupassen. Amerika erstrebt also den Abbau der Kriegsschiffe. Wenigstens steht das so in der Note, die von der neuen japanischen Flottenvorlage nicht., gar so - unbeeinflußt ist. Frankreich. antwortet, daß die Rüstungsfrage als ein Ganzes behandelt werden müsse. Da es doch in den Aufgabenkreis des- Völkerbundes falle, die Abrüstung der ganzen Welt durchzuführen, so könne unmöglich aus dein Komplex ein Teil herausgeschnitten werden. Es sei auch nicht möglich, daß. nur.die -fünf Großmächte (Frankreich, England, Italien, Amerika mid Japan) konferieren, während die kleineren Mächte ausgeschaltet würden. Es sei überhaupt ein Gebot der Demokratie, auch an die kleinen Völker zu denken. Ihre Interessen müssen gewahrt; werden. Es ist nämlich eine Versündigung am Frieden, daß eventuell England abrüstet und Holland oder .Polen oder die Schweiz nicht. Welche Gefahr! Dm Kriegsanbetern fällt immer zur rechten Frist das Recht, der Frieden und die Demokratie ein, sei .es auch nur» um dm DÄrdgötzm nicht zu verstimmen. Zur Frage der Abrüstung gehört nämlich auch noch das Kriegspotential. Das. ist ein schon im Vorjahr beim Völkerbund von irgendeinem strebsamen Generalstäbler erzeugter Begriff. Er umfaßt die.Gesamtheit der militärischen, industriellen, agrarischm und nationalm Energien, die der Patriotismus aufbietet, tvmn er das heilige Vaterland für bedroht erachtet. Das will besagm, daß die Abrüstung nicht bloß ein militärisches und politisches, sondern auch ein geistiges und. technisches Problem ist. Es könne nur in der Gesamtheit angegangw werdm. -• Nun ist ja für diesen Zweck der Völkerbund geschaffen ivorden, wie Briand in seiner Antwortnote mit einigem Recht hervorhebt. Dieser Bund kommt aber nicht vorwärts, weil er - immer über irgendeine 'Ecke des besagten Potentials stolpert. Amerika ist nicht in der Liga, hat "sich aber sein Soicherpotenkjal hergestellt. Und so schiebt einer 'die Schuld dem anderen zu urlb dieses lustige. Ballspiel, bei dem ch um Menschen und ihr Glück geht, wird noch sehr lange das Amüsement der Diplomaten und eine ergiebige Diätenquelle für Sonfermz-BerussdelegierLe bilden. , _ Verband der Zionisten-Revisionisten Oesterreichs_ Donnerstag, den 17. Februar 1927, 8 Uhr abends, im großen Saale der „SCHOLLE“, II., Lilienbrunng. la Protest-Versammlung gegen Dr. Weizmanns Abmachung betreffs der Erweiterung der jewish Agency. Redner i Michael Öotirary, Dr. Paul J. Diamant, rer. pol. Moses Lutzky. — Zionistische Gäste willkommen 1 Sie antijMschen Umtriebe ia RumSnkri. Eine Besprechung zwischen dem Berner rumänischen Gesandten und Prediger Messinger. Bern, 14. Februar. Dieser Tage bat der rumänische Gesandte in Bern, Herr Pctresco Comnenc, den Prediger Messinger von der Israelitischen Kultusgemeinde §u sich, um sich über die antijüdischen Vorkommnisse in Rumänien auszusprechen. Der Gesandte sprach sein Bedauern darüber aus, daß in jüngster Zeit Rumänien als antisemitisch verseucht verschrien und in der Presse als pogromistisch geschildert werde/Er versicherte, daß dem durchaus nicht so fei. Wohl sind fanatisierte Nationalisten anzutreffen, diese seien aber nicht das Volk. Es sei sehr bedauerlich, das; die studentische Fuge n d heutzutage zu viel politisiere und sich von Agitatoren verhetzen lasse. Es sind aber auch Fälle in Rumänien bekannt, wo die christliche Bevölkerung meint, hier seien ausländische, r a s s e n s ch ü tz l e r i s ch e Kräfte am Werk, die durch Provokationen Exzeße Hervorrufen möchten, unr so Rumänien in der Welt als barbarisch hinzustellen und seine rasche Entwicklung zu hemmen. Die rumänische Negierung wird den. Quellen .dieser Geheimkräfte nachgehen müssen, um die Schuldigen zu strafen. Herr Prediger Messinger unterließ es nicht, darauf hinzu- Iveisen, daß die Ausschreitungen, wenn auch nur vereinzelt, immerhin schon Menschenleben gekostet haben; ferner daß es nicht zum Ruhme eines Landes gehört, wenn seine Bürger ihres Glaubens wegen verfolgt, auf der Straße behelligt' und verhöhnt und aus fahrenden Zügen geworfen wenden. Die Inden setzen große Hoffnungen auf das neuzeitliche Großrumänien: sie wollen nicht Gast-, sondern Bürgerrecht genießen, wie es ihnen vor aller Welt zugesichert wurde. Solange gewisse Kreise in Rumänien über die Bürgerrechte per Juden sich hinwegsetzen, haben sie kein Recht, sich darüber zu beklagen, daß Juden und Nichtjuden des Auslandes.^nÄt ihre Sympathie entgegenbringen, die wegen ihres Glaubens noch im 20. Jahrhundert dulden und bluten müssen. Was mag doch die Zukunft für die Juden Rumäniens noch im Schoße bergen, wenn die ganze akademische Fuge n d im wüstesten Antisemitismus sich ergeht, mit Vorurteilen und kriegerischem Judenhaß später in Amt und Beruf, Parlament und Schule treten wird? Es dürste der rumänischen Regierung nicht schwer fallen, das Märchen von den „Protokollen der Weisen von Zion", von der „Weltherrschaft der Juden"- und wie all die Lügen heißen, zu prüfen, und zu zerstören. Die Juden zahlen ihre Steuern, stellen dem Militär ihre Söhne, fördern Verkehr und Wohlfahrt des Landes. Es tväre nun höchste Zeit, mit den mittelalterlichen Vorurteilen der Hakenkreuzler, die schließlich ihre Geschäfte dabei machen wollen, endlich . n: räumen. Die Regierung Rumäniens besitzt dazu genau jo .die Macht wie die Negierung jedes anderen Kulturlandes, , welches von dieser Kriegsseuche ebenfalls bedroht war. Wenn nur ein kleiner Teil in Rumänien über den Antisemitismus so denken würde wie der rumänische Gesandte in Bern, dann gäbe es im neuen Rumänien keine Judenfrage mehr. mm in Mwda. Jerusalem, 14. Februar. Der ,,Effiassa" teilt mit, -daß Phil -b y, der betonte frühere englische Kon-suck ht Dschidda, dort ein Kommissionsunterneihmen eröffnet habe und sich in seiner Kleidung nstv. den Dcmdessitten völlig angopäßt habe. — Philby, der edamals Beamter der Palästinaregierung war, ist antizionistisch eingestellt. Er hat seinerzeit die Verhandlungen mit König Hussein geführt Keine Aeodernng des starren Proporzes. Im Salzburger Landtag hatten die Christlichsozialen einen Antrag eingebracht, der eine Milderung der starren Listen für die Landtagswahlen vorsah. Jeder Wähler sollte nämlich durch Beisetzung von Ziffern auf dem Stimmzettel die Männer seines Vertrauens bezeichnen können, welche er vor allem in den Landtag entsenden will. Der Antrag wurde mit den Stimmen der Sozialdemokraten, der Großdeutschen und der Nationalsozialisten abgelehnt. Dagegen wurdy einstimmig ein Antrag angenommen, der die Landesregierung auffordert, einen Gesetzentwurf über die Volksbefragung auszuarbeiten. mmammmmmmmmmmmmmmmmmaammmmemmmm Neu eintvotmde Abonnenten erhalten dvk bisher erschienenen Fortsetzung^« unseres Romans „Jude a u s A r e u z" kostenlos nachgeliofert Sie Erdbebenkatastrophe in Jusoslalvle». SMeiche Alesipfer unti seraimtcte. — UnaeQeucet SMAven. Belgrad,. 16. Februar. Infolge der S.örung der Tol-ephon-- und Dcleg>raplhenleitungen in der HerzegowiiiQ ist es noch umncigllich, ein genaues Bild der Erdbcibenkatastrophe zu >geben. Das Gpigentrmn dos Bebens befindet sich . 46 Kilometer südlich von Mostar ln Dabarsko Polje. Der südliche Teil der Hergegomina ist streckeniweise m ein Trümmerfeld verwandelt. Die Bevölkerung kampiert aus Furcht vor einer Wieid-erholunig der E^,stoße im Freien. Bisher sind fünfzehn Todesopfer und viele Verwundete gemeldet worden. Aus Popovv Polje werden Schreckensszenen berichtet. Eine ganze Häuserzeile stürz e dort in das Flußbett der Treibisnica. Die Bewchner liegen unter den Trümmern begraben. In Mostar, wo die Bevölkerung bei dem Erdbeben von Panik ergriffen wurde, werden sehr s chw e re Sa ch schä-d e n verzeichnet. In Metkovie stürzten zahlreiche Häuser ein. In R a g u s a, C a t t a r ö und S p a l a t o wurden zahlreiche Gebäude beschädigt. Das Erdbeben ist auch in >g anz Montenegro und in Nor dal >5 a n i e n verspürt worden' 808 Tod«?-. Graz, 16. Februar. Die „Tagespost" meldet aus B e l g r ä d : Die heute eingatroffenen Nachrichten über das gcstrig'? Edrb Iben besagen, daß in Bosnien, in der Herzegowina und in Dalimatien mehrere tausend Härter voUcmiuen zerstört worden sind. Die Zahl der Opfer an Menschenleben w i r d a u f 600 geschätzt. Das Erdbeben wiedeiholte sich auch während der Nacht. Der Sachschaden wird mit ungefähr 100 Millionen Dinar angegeben. Das Erdbeben wurde auch an der gangen italienischen Kl'iste von Triest bis Bari vevspürt, doch wird von dort kein Suaden gemeldet. M MWe des Medens. Belgrad, 15. Februar. Die,seismo.'o.sische Station in Belgrad teilt zu dem gestrigen Erdbeben folgendes mit: Das Erdbebm wurde durch die Bewegung dreier großer Blocks der Erdrinde in der Herzegowina infolge eines Druckes vom Westen her hervorgerufen, die durch eine Gleichgewichtsstörüng auf dem Meeresgründe der Adria verursacht wurde. Die größte Bewegung wurde längs der sehr zahlreichen tektonischen Verschiebungeni n dieser Gegend verspürt. Der Sachschade und die Zahl der durch das letzte Erdbeben 'verursachten Opfer ist wegen Unterbrechung der telephonischen Leittrngen n o ch n i ch t best i m m t. Etrasanzeige bei Aafolvenze«. Ein Erlaß des BunL-cx-.ulnistermmS für Justiz. Das Bundesministeriüm für Justiz hat in einem Erlaß die Ausgleichs- und Konkursgerichte angewiesen, in jeder Lage des Ausgleichs- oder Konkursverfahrens zu prüfen, ob die ihnen zur Kenntnis gelangten Umstände nicht etwa dm Verdacht einer von AmtS wegen zu verfolgenden strafbaren Handlung des Schuldners erweckest. Im Ausgleichsverfahren fei insbesondere der Bericht des Ausgleichsverwalters zum Anlaß einer solchen Prüfung zu nehmen. Hat sich nicht schon früher Anlaß zu einer Strafanzeige gegen den Schuldner ergeben, so wird sich daS AuSgleichSgericht anläßlich der Beschlußfassung über die Bestätigung des Ausgleiches oder über die Einstellung deS Ausgleichsverfahrens, daS KonkurSgericht aber anläßlich der Entscheidung über die Bestätigung eines Zwangsausgleiches oder über die Aushebung des Konkursedarüber schlüssig werden müssen, ob die erhobenen Umstände nicht den Verdacht einer strafbaren Handlung des Schuldners erwecken. Kommen dem Ausgleichs- oder KonkurSgericht von Amts wegen zu verfolgende strafbare Handlungen zur Kenntnis, die nicht dem Schuldner, sonderrt anderen Personm zur Last fallen, so ist eS nach der Strafprozeßordnung verpflichtet, an den Staatsanwalt die Anzeige zu erstatten.