Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2862 (15.2.1927)
- Date
- 1927-02-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2868 Men, Dienstag Wr«tsr MsrsMMtims 18. Fetzvu« im Eerte ft Set Anbruch in der Universität. Re QeftDfilenen emtetttn zaftande gedeacht. — Sin zweit« MSkecher «ersimet. In überraschend kurzer Zeit ist der Diebstahl der Ehreuketten der Wiener Universität aufgeklärt worden: Die Ketten wurden gestern nachts unversehrt zustande gebracht. Es ist auch gelungen, den zweiten Täter festzun e h m e u, ivährend die. Nachforschungen nach bem dritten unermüdlich fortgesetzt werden. Die Polizei erhob» daß der als Einbrecher schon vorbestrafte Hilfsarbeiter Georg W ö g e r e r mit dem verhafteten Kratochivil in der letzten Zeit tu Verkehr stand. Wögerer wurde gestern nachts verhaftet. Bei der Festnahme hat man sowohl die Ehrenkette des Rektors als auch die Ehrenketten der fünf Dekane unversehrt aufgefunden und beschlagnahmt. Ebenso wurde bei Wögerer ein Barbetrag von 1 006 Schilling gefunden. Er rührt offenbar auch von dem Einbruch in der UniversitätSquastur her. Auch Wögerer weigerte sich beharrlich, den Namen des dritten Mitschuldigen zu nennen. Ueber die Art und Weise, wie die gestohlenen Ehrenketten wieder zustande gebracht tvurden, erfahren wir: Wögerer, der offenbar von seinen Komplizen beauftragt worden war, die entwendeten Ehrenketten zu verstecken, entledigte sich dieser Aufgabe in der Weise, daß er Bekannte aufsuchte, in deren Wohnung er die Ketten ohne Wissen der Wohnungsinhaber versteckte, und zwar hatte er sie in ein em Blume n t o p f vergraben. Dort wurden sie auch unversehrt auf!» gefunden. Um die Ketten ungestört in diesem Versteck verbergen zu können, hatte er die Wohnungsinhaber unter einem Borwand veranlaßt, die Wohnung für kurze Zeit zu verlassen» so daß er altem dort war und sein Vorhaben ausführen konnte. Die Eiirbcuchswerkzeuge ivurden auch bei ihm nicht vorgefunden. Auch bei dem schon früher verhafteten Kratochwis sind bekanntlich solche Werkzeuge nicht gefunden worden. Insgesamt stehen acht Personen wegen des Einbruches in der Universität in Verwahrungshaft. Die Nachforschungen nach dem dritten Komplizen werden mit größtem Eifer fortgesetzt. Gezüchtete Genfer. Neue WorüUüss.Ptzantaflen. Kürzlich wollte ein Sonderkorrespondent des „Daily Expreß" bei dem berühmten Dr. Woronow, der im Schloß Grimaldi nahe bei Men tone eine große Versuchsanstalt eingerichtet hat und dort mit Unterstützung der französischen Regierung ganz neuartige Experimente von unübersehbarer Tragweite anstellt. Denn die Verjüngung von Greisen, die der bekannte Gelehrte durch Verpflanzung von Affendrüsen herbeiführt, ist — so heißt es — nur eine der Wundertaten Wovonows, und wenn man den Berichten des englischen Journalisten Glauben schenken darf, hat die Menschheit von den Affendrüsen noch weit mehr als „nur" eine Verlängerung ihres Lebens zu erwarten. Nach seiner Darstellung ist es nämlich Woronow gelungen, in Florenz zwei Italiener zu heilen, die an der Zuckerkrankheit litten und bei denen das Leiden so heftig auftrat, daß die Anwendung von Insulin nichts mehr nützte. Der berühmte Arzt pflanzte den beiden Kranken die Bauchspeicheldrüse zweier Affen ein, die nun itt der Tat genau so wie menschliche Bauchspeicheldrüsen arbeiten und durch ausreichende innere Sekretion die Diabetes zum Verschwinden brachten. Es „Flucht/ Deutsches Dolkstheater. Bon allen Hunden gehetzt, auch vom Radio, dem neu gezüchteten Biest, flieht der Hauptmann Denant aus dem englischen Gefängnis. Er hatte sich im Hydepark einer armen Prostituierten angenommen und den. Spitzel so unglücklich niodergebcixt, daß er nicht wieder aufstand. Nach einer Verhandlung, deren Sensationen - die Londoner Gesellschaft teils kitzelten, teils entrüsteten, kriegt der Hauptmann vier Jahre Kerker, bricht aus und wir sind Zeuge der nun folgenden. Verbrechcrjagd vom Start an. Filmkonkurrenz? — Spannung, aufregende und lustige Intermezzi, Bluff, sportliche Höchstleistungen. Was Handlung, Technik, Tempo anlangt, nimmt es dieses neue Schauspiel von John Galsworthy (deutsch von Leon Schallt) bestimmt mit den gerissensten, erfolgreichsten Kinoiverken auf. Aber, dieser Film hat auch eitlen Text und die fabelhafte Ausmachung der Novität im Deutschen Volkstheater zeigt Geriilgischätzung für .diesen Text. Die kräftig' gebuckelten, höchst naturgetreuen Hügellandschaften, die entzückenden Interieurs nobler Leute, die architektonisch bemerkenswerte Sakristei des Schlußbildes — dem Auge, namentlich dem auf „Kino" dressierten ein Wohlgefallen — überschreien den Text. Ich glaube, der Dichter würde gerne auf diese Regietvunver der Naturnachahmung und auf diesen Aufwand all Drehbühlle, Bersatzstücken, Requisiten verzichten, denn Phantasievolle, wenn auch sparsam angedeutete Unwirklichkeit wäre dem Sinne des Dramas angemessener. Fe glaubwürdiger die Häufung der Hülderrlisse, je schwieriger, erregender ihre Ueüerwinduim — desto unglaubwürdiger die Haltung des fliehenden Srräslings. Er ist nämlich gleichzeitig der Raisoneur des Stückes und setzt die blitzenvsten hat also dm Anschein, als ob inan nicht nur die Keimdrüsen, sondem auch andere Organe der Affen znm Ersatz schlecht funktionierender oder verbrauchter menschlicher Organe gebrauchen könne. Diese Erkenntnis verleitete Dr. Woronow zu der optimistischen Aeußcrung: „In fünfzig Jahren wird es möglich sein, die Dauer des menschlichen Lebms zu verdoppeln." Aber ncberr der Verlängerung der Lebensdauer müßte es nach Woronows Ansichten der Zukunft auch gelingen, eine Art Uebermenscheu auf ganz natürlichem Wege zu erzeugen. Zwar seien nicht alle Kinder dazu geeignet, durch Verbesserung ihres Organismus ihr Gehirn und ihre Muskulatur sw zu entwickeln, daß sie außerordentliche Leistungen ausführen könnten; aber lucun man bei solchen Kindern, deren Konstitution besonders widerstandsfähig sei, ganz allmählich, schon im jugendlichen Älter, Drüsensäfte' bestimmter Art in den Blutkreislauf gelangen lasse, so würden diese „Versuchskaninchen" ziemlich sicher eine überraschende Entwicklung ihres Körpers und ihres Geistes erleben. Da nach Woronows Ansicht derjenige Mensch, dessen Wachstum durch zum Teil noch unentdeckte Drüsensekrete besonders günstig beeinflußt wird, sich zu einem Talent oder gar zu einem Genie entwickelt, könnte Menschheit der Zukunft auf ziemlich einfache Weise eine beliebige Zahl genialer Personen erzeugen. Die Drüsensäfte selbst aber würden in geradezu idealer Weise von den Affen geliefert, die in ihrem Körperbau dem Menschen so nahe verwandt sind, daß ein Austausch der Organe zwischen Mensch und Affe ohne weiteres möglich sei. Man müßte dann große Zuchtanstalten für Schimpansen und Gorillas anlegen, und Woronow begrüßt es, daß der König der Belgier eine Art Schutzgebiet für Affen in Belgisch-Kongo eingerichtet hat. , Schon jetzt ist der Verbrauch an Affen für die Verpflanzung von Keimdrüsen recht groß. Von den Männern, die sich einer entsprechenden Verjüngungskur unterziehen, sind die meisten Franzosen; aber auch Engländer und Amerikaner lassen häufig die Werjüngungsoperation an sich vornehmen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Drüsenübertragung in wenigen Jahrzehnten zum Gemeingut der ärztlicher: Praxis gehören wird. Jas „fünfte ßvangelium". 'Der Pariser,Matin" veröffentlicht Einzelheiten aus dem angeblichen , fünften Evangelium, das vor kurzem in Italien entdeckt worden sein soll. Sachverständige sollen sich dahin geäußert haben, daß das fragliche Schriftstück aus dem 14.. Jahrhundert stammt und entweder die Uebersetzung eines hebräischen Urtextes oder eine Kopie desselben ist. * * •* Dieses fünfte Evangelium, das von der Kirche abgelehnt wird, erwähnt weder die unbefleckte Empfängnis Marias noch die Auferstehung Jesus', spricht hingegen von mehreren Geschwistern des Stifters der christlichen Religion, beschreibt die meisten Wundertaten mit Ausnahme der Wiedererweckung Lazarus' zum Leben, der Speisung der sechstausend Menschen und der Verwandlung des Wassers in Wein. Ganz neu in diesem angeblichen Evangelium ist die Lebensbeschreibung Jesus' im Alter von zwanzig und dreißig Jahren, als er durch Asien und Afrika wandelte, um die Mysterien der verschiedenen Religionen kennen zu lernen. Pointen, von Hunger und völliger physischer Ermattung durchaus nicht irritiert. In dieser Satire schlügt ein Herz. Dieses rasende, tvillkürlich aueinandergereihte Geschehen begleitet die Strlndbergsche Klage: Es ist schade um die Me.eschen. Und Negiewunder dürften die Klage nichr abdämpfen. Nämlich: Hauptmann Denant erfährt auf dieser Flucht zu seiner nicht geringen Ueberraschuug, daß dir Leute weit besser sind, als er vermutet hatte. In ihre Gesellschaftslügen verstrickt, in ihrer Selbstsucht, Eitelkeit, Angst vor der Obrigkeit helfen doch die meisten dem gehetzten NLaune weiter, und daß der Flüchtige selbst, ein freier, gesunder, tapferer Mann, unsere Liebe so rasch erwirbt und die Teilnahme an seinem Schicksal — in diesem Wirbel von Kinoereignissen! — legitimiert Galsworthy den Dichter. Legitimiert aber bei dieser Ausführung auch Anton Edthoser, den liebenswerten Menschen und ganz bedeutenden Bühneickünstler. Er läßt dem Autor jeden erdenklichen Beistand angedeihen. Die federnde Elastizität der Point ierung zeigt alle Vorzüge des Dialoges auf, Anmut und Würde der Erscheinung machen eS verständlich, daß diesem Sträfling so viele gut sind, die ihm böse wollten. In der ergreifenden Schlußszene mit dem Pastor, einem wahrhaftigen Diener Gottes, den die Anwesenheit des Flüchtigen in der Sakristei in argen Zwiespalt bringt, ist ihm Ferdinand O n n o ein tauglcher Partner. Für jede der zehn Episoden ist ein kleines Volkstheater-Ensemble aufzubieten, und man hat Ursache, sich über die große Zahl der Ätwure zu freuen, den sie sind alle vortrefflich. Besonders zu neuner die Damen Markus, Lbovsky, Hetsei, ft ekler m,d Förster, die Herren Lessen, Homma und Eh mann. Das blutjunge Fräulein Bulla, die erst jüngst anläßl.ch einer Schülervorstelluug der Akademie die. Aufmerksc-mkeit auf sich lenkte, erwies gestern wieder in einer Evisiwe rassige Begabung. Ein sehr starker Publikumserfolg ist zu verzeichnen. O. A. I Regen, I Wind, I Kälte I wird man laicht von Erkältung befallen Man muß H daher rechtzeitig Sorge dafür tragen, daß im Hause H nie fehle der in seiner schmerzlindernden Wirkung H einzige echte H DIANA Fra nzbrann t wein I mit Menthol 1 welcher für Massage, Einreibung, Umschläge H und als Ourgeiwasser gleich unentbehrlich ist. H Btefoerall nrla4fcMlfi«fin. R Oitt Schüchtemheltrvottor. Aus Paris wird uns gemeldet: Der ehrenwerte Doktor Philippe Marti nie von Paris wollte sich spezialisieren. Seine Kollegen hatten das längst getan. Schon gab es für jedes Uebel, das den Menschen plagt, einen besonderen Heilkünstler. Und iMartinie sah den Kuchen verteilt, ohne daß er etwas davon abbekommen hättft Aber IMartinie überlegte und war rricht dumm. Es gab eine Krankheit, die bis jetzt noch keinen Arzt gefunden hatte und die doch heute ein besonders schweres Uebel darstellen mußte: die Schüchternheit. iMartinie wollte die Schüchternheit kurieren. Warum auch nicht? Wenn man Hühneraugen und Asthma heilen kann, wenn man nach Coue schließlich nur gesund sein wollen muß, um es zu werden, so konnte man den Schüchternen auch das iMutigsein b eibringen. Gedacht, getan. . Martinie hatte bald einen Bombenzulauf. Alle kamen zu ihm, die sonst schüchtern waren und doch gar nicht so - aussahen. Im Grunde war es ganz die Mechode des Rancher Helfers. Die Kranken mußten sich allabendlich selbst davon überzeugen, es sich selbst vorsagen, daß sie-, gar nicht schüchtern seien, daß sie an HeDenrnut den Löwenbändigern gleichkämen, daß ihr Auge hinreiße usto. Alles wäre gut gegangen, und ohne Polizei aögelaufen, wenn der Doktor nicht unglücklicherweise einen nichidiplomierten Gehilfen gehabt Hätte. Das erfuhren - die lieben Kollegen, die mit Neid den Zulauf beim neuen . Spezialisten gesehen hatten. Schnell wurde Martinie denunziert. Das Gericht lud ihn vor. Aber er war schlau! genug, nicht ohne Zeugen aufzutreten. - Energisch der-: focht er die These, daß Schüchternheit gar keine /Krankheit" in dem Sinne sei, daß sie zu ihrer Heilung, eines diplomierten Arztes bedürfe .Zwar wollten ihm die Experten widersprechen. Aber der erstaunliche Aufmarsch der. Zeugen trat für " den Angeklagten ein. Und was für Zeugen! Ein Gefangenenwärter! Ein Hauptmann bei den Zuaven! Ein Seminardirektor! Zwei Advokaten, die vor, den Schranken vor Schüchternheit stotterten, und ganz am' Schluß der langen Reihe auch noch ein Bräutigam, dem der gute Doktor in letzter Stunde den Mut zur Hochzeit beigebracht hat. Dieser hat denn auch mit seiner Jas lockende Phantom. Uraufführung des Ballettes von Franz Salmhofer im Operntheater. Wie in Richard Strauß',/Schlagobers" ist in Salmhofers ,Locken>de,m Phantom" ein Anigsttraum die Grundidee des Tanzpo eins. Diesmal rührt er nicht von einenc verdorbenen Magen sondern von einem. ailkoholisierten Kopf und einem verliebten Herzen «her. Dev Winzer Heinrich, welcher bei einem Weinlesefeist ii&er' seinen Dunst getrunken hat, verfällt den Lockmlgen einer koketten Winizerin. Während er seinen Rausch.aus-, schläft, jagt sie als Phantom ihn durch Wald und Feld, durch Gewitter und Sturm und zuletzt als Irrlicht in einem Sumpf. Er erwacht und kehrt rchiig in die Arme seiner Braut zuriück. Wie Heinrich und sein Phantom,' so jagt auch die Balletdmusik des kaum 26jährigen, ebenso hochbegabten, als vorläufig durchaus unkritischen im'b völlig undisziplinierten Tondichters Wer Stock und Stein.. Seinen Stammlbaum fährt er mMerlicheriseits aus Franz Schubert zurück, ohne daß er sich in dem Reichtum der melodischen Erfindung auf seinen Ahnherrn berufen könnte. Zudem steht die Melodik seiner Rauschmusik keineswegs fest auf eigenen Beinen, sie schwankt vielmehr zwischen 'der Trivialität von gestern und den Klangexzessen von morgen unschlüssig hin «und her, deren akkordische Kl-a-nghärten hier nicht wie modernes Empfinden sondern wie willkürlicher Aufputz amunben. Allerlei fremde Einflüsse — gleich zu Beginn. Schrekersche Mschakkor'de und Modulation — sind. nat'Mich das gute Recht des noch blutjungen Ton» dichters, be.dauerlicher ist der gleichmäßige Trott in der Rhythmik — ein Grundübel in einem Tanzpoem! — wie überhaupt die äußerst man>gübha,fte Differenziert heit der Tänze. Immer die gleiche TonKprachs. ob. MW