Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2862 (15.2.1927)
- Date
- 1927-02-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Dienstag Renner, der HakennSsler. ~y, Wien, 15. ftebmr. . „Hakenkreuzler und Hakcnnäslcr" hatte die „Arbeiter-Zeitung" gespottet, als vor drei Jahren dielandesüblichen Universitätskrawalle das fand.Südliche .Maß überschritten. ES seien doch nur Raufereien zwischen deutschnütimlalen und jüdischen Bourgeoissöhnen, und dctS Proletmiat könne beruhigt fein. Kein Element der Freiheit sei in Gefahr. Zwar mußte die „Arbeiter-Zslturlg" zur Ergänzung ihrer prinzipiellen Darstellung berichten, daß mich ein Sturm auf die jüdische Mensa erfolgt war, auf eine Institution also, die nicht so ohne weiteres mit dem Stigma des Bürgerpackes versehen iverden kann. Mer das Zentralorgan änderte seine Anschauung nicht, uiid die große Volkspartei der Freiheit und des Rechtes tat das gleiche. Sie ist keine Judenschuhtruppe und fie hat alle Hochachtung vor der aus dem Mittelalter vererbten Autonomie der Hochschulen. Da drinnen mag geschehen, toas da wolle, es sind doch nur Raufereien zwischen Hakenkreuzlern und Hakennäslern. Nun haben die Hakenkreuzler die Macht, ihr Geist beherrscht die Hochschule, und der Rektor der Universität verbietet dem Nationalrat Renner das Reden in einem Hörsaal. Renner bedeutet etwas in der Politik, wir wollen sogar sagen, daß er mehr bedeutet als das Kulturamt. Er ist der erste Staatskanzler in der Republik gewesen, hat für die großdeutsche Idee gekämpft, den Anschluß des Burgenlandes durchgeführt und ist schließlich auch ein führender Abgeordneter der zweitgrößten Partei. Er wird abgelehnt, weil er die Universität als Mörderzentrale bezeichnet habe. Zur gleichen Zeit verbietet der Rektor der Abgeordneten Frau Freundlich das Reden, weil es einmal an einer anderen Hochschule wahrend ihres Vortrages zu schweren Unruhen gekommen sei. Die Vorwände sind irrelevant. Wichtiger ist die Tatsache, daß zwei leitende Persönlichkeiten der sozialdemokratischen Partei es an sich erfahren, welche Bewandtnis es mit den Raufereien zwischen Hakenkreuzlern und Hakennäslern hat. ' Sie werden wohl auch darüber Nachdenken müssen, ob ihre Partei mitsamt dem Zentralorgan nicht auch daran die Schuld tragen, daß es so weit gekommen ist. Die Partei hat die Gefahr gewiß gesehen, sogar besser, als dies das Zentralorgan tat. Die Parteizeitung hat sich damit unterhalten, die einzelnen Etappen dieser Raufereien als unbeteiligter Zuschauer zu schildern. Die Partei hingegen, die doch schließlich etwas tun muß, hat in jedem Jahr im Budgetausschuß und im Plenum des Nationakrates über die Vorgänge an den Hochschulen hübsche und auch interessante Reden halten lassen. Eine wirkliche Tat hat sie nicht unternommen, obzwar es für eine so mächtige und große Partei nicht allzu schwer gewesen wäre, wenigstens einen erträglichen Zustand zu erzwingen. Da diese Partei u. a. auch den Landeshauptmann von Men stellt, so hätte sie wohl die Exzesse aus eigenem unterbinden, können. Aber die Partei weiß sehr wohl, daß das antimarxistische Geschrei der ehrenfesten Couleurs nur Dunst ist und daß es nur auf gewisse Geldquellen berechnet ist. In Wahrheit istfs ja der Judenpogrom, und — Bauer, das ist was anderes! Wozu sich da ereifern? Diese Juden iverden dafür bestraft, daß fie. eine jüdische Mutter gehabt haben. Was geht das die Freiheit und ihre Partei an? Das Hakenkreuz merkte sehr bald die Stärke seiner Position. Seine Bekenner und Amtswalter waren - aber beflissen, die sozialdemokratische Milde im ganzen Umfang festzuftellen. Sie prügelten also sozialistisch-jüdische Studenten und Studentinnen, sprengten Vorlesungen sozialistisch-jüdischer Professoren und maßregelten sozialistisch-jüdische Dozenten. Die sozialdemokratische Partei verwies ihnen das sehr ernst; Die „Arbeiter-Zeitung" setzte die Brille aus: „Das dürft ihr nicht noch einmal tun, sonst..." Die Hakenkreuzler waren neugierig auf das Sonst und fetzten ihre Tätigkeit fort. Jetzt erhob sich einer der Führer des Proletariats, und in einer Versammlung in der Bolkshalle sagte er Fehde an. Wenn das an der Universität fortdauere, sagte er, so wird die sozialdemokratische Partei eine Volkshochschule errichten. Schrecklich! Alle Hakenkreuzler uud verwarnten Pogrombrüder lachten. Dieser Führer war der Hqrr Staatskanzler a. D. Dr. Karl Renner, Mehrer des Besitzstandes des deutschen Volkes, dem heute der Rektor das Reden an der Universität verbietet. Herr Renner hat als Vertreter der Republik den Friedensvertrag von Saint Germain übernommen und unterfertigt, der bestimmt, daß keinem Einwohner Oesterreichs aus seinem nationalen oder konfessionellen Bekenntnis ein Schwaden erwachsen darf. Dieser Vertrag ist in offener und zugestandener Beziehung auf die Juden durchlöchert worden. Die Partei des Herrn Dr. Renner hat sich nicht widersetzt, und so ist aus dem Unrecht geltendes Recht geworden. Im Verwaltungsgertchtshos, in der Verwaltung und schließlich auch ick Gesetz. Ist nicht Herr Dr. Renner einer der Erfind«: des Wahlrechtes, als dessen Vorzug er rühmte, daß es die unerwünschten Minoritäten der Volksvertretung sernhalte? Wenn man's . so ansieht, so merkt man, daß dem Herrn Renner bitteres Unrecht geschieht, wenn ihm Herr Molisch die Türe weist. Herr Renner hat sich, weiß Gott, angestrengt, um fein deutsches NationalgesÜhl urbi et orbt zu verkünden. Er kann es sich und seiner'Partei ankreiden, daß er von den Hakenkreuzlern zu den Hakennäslern geworfen wird. Das Kulturamt zieht die Konsequenz aus der spöttischen Bemerkung der „Arbeiter-Zeitung", und di« Sozialdemokratie muß de« Schimpf einstecken. Wiener Moegen-ettnns rs. Februar I9ß7 yir. LS62 ©er fünfzehnte Sion.i. «Wir tu «itioiMtonlteu in MI in WIM». Berlin, 14. giteuar, Li« „SftMIdjc RmMckou" «moldct: Der Norsitz-ende des SMi-ons-iKonntces, Herr Leo Mohlkitt, äußerte sich üsb>r SBcifropi zu d>cr in der Presse aufgetnuchten Nachricht einer möglichen Verschiebung des K o n g r e s s e s. Herr Motzkin erklärte, daß wach seiner Meinung die eMM)Uten Ge-viichte völlig grundlos sind. Woihl fei die Meinung ausgesprochen worden, daß silr den Fall der En>tfendmi.g 'der geplant-en Sachvoriständiig'en-Äom' Mission Jur Ausarbeitung eines Wirtischastsptan-es der Kongreß vor einer schwierigen Situation stünde, weil er ohne die Reisuitate dieser Kommission gu kenne,:, den Arbeitsplan der nächsten pm Jahre schwer auGtellen könnte. Doch bestehe -die Hoffnung^ daß die Kommission bis zum Herbst ihre Arbeiten beendet hat und 'dann könnte der Kongreß im Oktober stattfiniden. Dies seien jedoch nur Kombinationen, >da eine Entscheidung über diese Frage nur das Aktions- Komitee fällen könnte. Wie Herr M o tz k i n mit* teilt, besteht der Plan, das AMtons-Komibre Anfang Mai in Palästina zusammen treten zu lassen. Eine gange Anzahl von Mitgliedern der Exekutive und des A.-C. «haben bereits ihre Zustvmmung erteilt. Doch ist eine definitive Anberaumung der Sitzung noch nicht erfolgt. Ae Steife der Srvertenkommilßon nach PalÜstlna. Paris, 14. Februar. Wie der ,/Kasnt" erifAhrt, erhielt ein hiesiges Reiscbureau dieser Dage bereits eine Bestelluing von 16 reservierten Reisebilletts flirr Mitglieder der Expertenkommission, welche im März ans Amerika über Paris nach Palästina fahren wird. In -hiesigen zionistischen Kreisen ist die genaue Zusammensetzung «der Kommission noch nicht -bekannt, ebe-Ho stche die Persönlichkeit, die das Präsidium der Kommission iibernehmen soll, noch nicht J&fi. Hingegen wird an gut informierter Stelle versichert, daß Präisident Weltmann im Mai nach Palästina fahren «wird, zu welcher Zeit die Expertenkommission ihre Tätigkeit in Palästina bereits cmfigenommen haben wird. Ae politischen Affären in der Tschechoslowakei. Prag, 14. Februar. Die V-srha>ndiung über die GhreNbeleidlgungsklage, welche der gewesene Minister Stvibrny gegen den gewesenen Sekretär der tschechischen nationailsogialiistischen Partei, Biciste, eingebracht hat-te, weil dieser Stribrny der Unehrenhaftigkeit im politischen Kampfe beschuldigt hatte, endete mit einer Ehrenerkilärung für Stribrnh, nachdem der wichtigste Zeuge, der BrAnner Universiiätsprofesslor Tryb, die Erklärung abgLgrben -hatte, daß sich der Brief, den er über Ersuchen des tschechischen nationalsogialistischen Senators Klofac geschrieben halbe und . der von einer angeblichen luetischen Erkrankung Stribrnys sprach, sich nur auf Dinge allgemeiner Natur bezogen halbe. Ardeiterdersicheruug oder Neuwahlen. Gestern mittags wurden die Verhandlungen der Re-' gierung mit den Parteien über die Arbeit er Versicherung fortgesetzt. Ein wesentlicher Verhandlungsfortschritt ist nicht erzielt worden. In den Hauptstreitpuntten, Einbeziehung der alten Arbeiter in die Versicherung, Junktim mit der Selbständigenversicherung und Beginn der Arbeiterversicherung, sind Mehcheit und Opposition noch weit voneinander entfernt. Während die Sozialdemokraten das Jnslebentreten der Sozialversicherung mit 1. Jänner 1628 verlimgen, wM die Regierung die Aktivierung erst vom 1. Jänner 1688 an zugestehen. Unter diesen Umständen ist es mehr als wahrscheinlich, daß bis zum 16. März noch kein verhandlungsreifer Ausschußbericht über die Arbettervarficherung vorhanden sein wird, in welchem Falle, dann, wenn man sich nicht doch noch für eine kurze Verlängerung der vom Nationalrat gestellten Frist entschließt, der Nationalrat aufgelöst wird. In den nächsten Tagen sollen auch Beratungen über die Sozialversicherung der Selbständigen geführt werden. Wie der Bundeskanzler den Vertretern der geloerblichen Organisationen erklärt hat, bleibt das Junktim der Selbständigenversicherung und der Sozialversicherung aufrecht. Die Mehrheit der Gewerbetreibenden ist bereits für die Versicherung, nur sind noch einige Fragen bezüglich der Höhe der zu leistenden Beiträge und des Berwaltungsapparates sowie der Zeit für das Eintreten des Genusses der Altersversicherung zu regeln. Die Parteienverhandlungen über die Arbeiterverstcherung werden morgen fortgesetzt werden. La« Bateriaad wird gröber. Wie man aus einem Geschäftsstück des niederösterreichlschen Landtages erfährt, hat das Land Niederösterreich als Kompensation für die an die Tschechoslowakei abgetretenen Uferstreisen der March bei Lundenvurg eine Insel, zugewiesen erhalten. Sie siegt ln der March und führt den schönen Namen Lußparz. Dem Landtag liegt der Gesetzesvorschlag vor, die Insel zwischen den OrtsgemeindenjMarchegg und Markthoj zu 12X2A2J (oYÖr'ol KUPON ZU DEM KREUZWORTRAET'^’ Nr. 3 BEB „WIENER MOROENZEITONO" Tagesbericht. Stellte Herabsetzung »er Mtlschen Stemm. Breitnev dementiert. — Nur der DerzögerungSzirschlag soll ermäßigt werden. Die gestern verbreitete Nachricht, daß die Finanzabteilung der Gemeinde Wien damit beschäftigt sei, eine allgemeine Herabsetzung der städtischen Steuern vorzubereiten, wird von Stadkat Dreitner entschieden dementiert. Der städtische Finanzreferent erklärte gestern dezidiert, daß an eine Herabsetzung dev städtischen Steuern in einem größeren Ausmaß, als dies anläßlich der letzten Budgctberatung geschehen sei, nicht -gedacht werden könne. Lediglich der jetzt 25 Prozent betragende Verzüge rungszuschlag, der auf die Inflationszeit zugeschnitten rmd daher überholt ist, könne herabgesetzt werden. Die Frage bilde Gegenstand eingehender Beratung und werde demnächst «den Gemeinderat beschäftigen. Ae LandeomietmkommWo». Zur Feststellung des Ist and haltungSzinses wird die nlederösterreichische ßanbeSmletenlotttwifbn am 22. Februar um 3 Uhr zusammentreten. Nie Stockemner Markomannen. Ein Ueborfall auf den israelitischen Tempel. Man schreibt uns aus Stockeran: In der Nacht auf Sonntag hat man auch hier einen Probe der arischvöllischen Jugenderziehung zu verspüren bekommen. Es gibt in Stocke rau eine Mittelschülerverbindung mit dem stolzen Namen „Markomamna", und die Mitglieder dieser Vereinigung lernen das, was man in solchen Zirkeln lernt: Säbelrasseln und Alkoholvertilgen. Die Markomannen haben eine Kneipbüde in einem Gasthaus, das sich gegenüber dem israelitischen Tempel befindet. Vorgestern nachts nun gegen 12 Uhr war eine solche Kneipe zu Ende und die Markomannen schickten sich zu Taten an, um zu beweisen/ daß sie würdig ihres Namens und ihrer Ahnen wären. Sie kamen auf die Straße und übten Aug und Hand fürs Vaterland. Sie schmissen Steine gegen den Tempel und warfen sämtliche straßenseitigen Scheiben ein. Die Ausbildung war also zweckentsprechend. Die nächtliche Szene lockte auch Publikum an, aber die Helden waren rasch verschwunden, nachdem sie einen Sachschaden von etwa 1600 Schilling ungerichtet hatten. . Die Polizei hat Erhebungen gepflogen und festgestellt, daß die Attacke hauptsächlich von zwei Stockerauer Ghmnasiasten, einem Wiener Realschüler und einem Angehörigen der Wiener Staatsgewerbeschule in der Schellinggasse ausgeführt wurde. Man darf neugierig darauf sein, welche Verfügungen der Landesschulrat treffen wird. Nie »udapefter Sittlichkeit. Budapest, 14. Februar. Die sittliche Maßregelung der Hauptstadt ist iw vollen Gange. Nachdem daS gestrige Amtsblatt eine Verordnung des Innenministeriums veröffentlicht hat, nach welcher Personen, dle unbekannten. Damen nachsteigen, sie molestieren oder ihnen unsittliche Angebote machen, aus das strengste bestraft werden - sollen, alle gegen die Sittlichkeit verstoßenden Vorstellungen und Ausstellungen verboten werden und auch das Fluchen auf öffentlichen Plätzen unter Strafe gestellt wird, fand heute in einer höheven Mädchenschule, in der Beves-Palne-Gasse, in der bestrenomiertjen Mädchenschule der Hauptstadt, eine allgemein« Razzia auf kurze Röcke und SeidenstrÜmpfe statt. Alle- Midchen, die fleischfarbene Strümpfe trugen oder Röcke anhatten, die oberhalb des Knies endeten, wurden mit dev strengsten Weisung nachhause geschickt, sich rrntzukleiden und in schwarzen Strümpfen und langen Röcken wieder zu erscheinen.!' Gleichzeitig fand eine Konferenzdes Prosessorenkollogiums der Mädchenschule statt, in der beschlossen wurde, künftighin alle Mädchen, die krtrze Röcke, SeidenstrÜmpfe oder Juwelen tragen, oder gefärbte Lippen austoeisen, aus der Schule zu entfernen. Svöif Ander durch eine Sug..»^ii-..üng gelötet. Aus London wird geinel-det: In dev Nähe von Hüll stießen zwei Perfonenzüge zusmnmen. Von dem einen Zug entgleisten sechs Waggons, in detren sich zahlreiche,-auf der Fahrt zur Schule begriffene Kinder befanden. Zwölf von ih-nen wurden getötet, zahlreiche weitete verletzt. Man führt den Unfall auf den dichten Nebel zurück, der zrtrzeit iwer England siegt und zahlreiche Unglücksfälle, auch Gästssszusammönstötze, .hevvorgerufen hat i 147166