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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-13 · Heft 2860 (13.2.1927) · p. Seite 11

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2860 (13.2.1927)
Date
1927-02-13
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 2860 Men, Sonntag Seite 11 rvtener Morgenzeitnng 13. Feibruar Wging, überlegte er, daß man vom Tode eigentlich nur Vorteil habe: man brauchte weder zu essen noch zu trinken, »wch Abgaben zu bezahlen, noch die Leute übers Ohr zu hauen; und da der Mensch nicht ein Jahr, sondern hundert, tausend Jahre im Grabe lag, war der Gewinn eigentlich ungeheuer. Vom Leben hatte der Mensch Verlust und vom Tode Gewinn... Diese Erwägung war gewiß richtig, aber dabei kränkend und bitter: wamm herrschte in der Welt die sonderbare Einrichtung, daß dieses arme Leben ganz ohne Gewinn verstrich? Es tat Jakob nicht leid, zu sterben; aber als er jetzt zu Hause die' Geige sah, krampfte sich sein Herz zusammen. Die Geige konnte man nicht mit ins Grab nehmen, die blieb als Waise zurück, und mit ihr toürde dasselbe geschehen wie mit dem Hausgerät und mit dm Särgen... Alles in dieser Welt ging so verloren!... Er trat aus der Hütte und setzte sich auf die Schwelle; die Geige hielt er an die Brust gedrückt. Sinnend über das verlorene Leben, begann er zu spielm, ohne selbst zu wissen, was; aber es kam traurig heraus, und Tränen flossm ihm über die Backm. Und je mehr er sann, desto trauriger sang die Geige. Da knackte zweimal die Klinke und im Pförtchcn erschien Rothschild. Die Hälfte des .Hofes durchschritt er kühn; aber als er Jakob sah, blieb er plötzlich stehen, schrumpfte ganz zusammen und spreizte aus Furcht die Finger, als wollte er zeigen, wieviel Uhr es sei. „Komm nur, ich tu dir nichts," sagte Jakob freundlich und winkte ihm. ' Ungläubig und furchtsam begann Rothschild heranzutreten uüd blieb zwei Schritte vor ihm stehen. „Haben Se Erbarmen, schlagen Se mich nicht!" sagte er urst) ließ sich Nieder. „Moses Schafkäs hat mich wie* der geschlickt. Sei nicht bang, hat er gesagt, geh zum Jakob und sag, ohne ihn wär's unmöglich, hat er gesagt. Mittwoch ist die Hochzeit: Herr Schapowalow gibt seine Tochter an einen feinen Mann. Es wird eine reiche Hochzeit," fügte er hinzu und zwinkerte mit einem Auge. „Ich kann nicht," sagte Jakob schwer atmerck. „Ich bin krank, Freund..." Und »nieder spielte er und Tränen tropften aus den Augen auf die Geige. Rothschild lehnte nebm ihm, die Ärme über der Brust gekreuzt, und hörte aufmerksam zu. Der erschreckte, ungläubige Ausdruck in seinen: Gesicht wich allmählich einem seltsam leidenden; er rollte die Augen, als empfände er ein quälendes Entzücken und sagte „W—achchch..." Tränen rollt-n langsam über seine Wangen und tröpfelten auf den grünen Rock. Und dann lag Jakob den ganzen Tag u»ü> grämte sich. Als abends bei der Beichte der Geistliche ihn ftagte, ob ihm nicht ein besonderes Vergehen einfiele, strengte sein schwaches Gedächtnis an und erinnerte sich an das unglückliche Gesicht Marsas und an den verzweifelten Schrei des Juden, den der Hund gebissen hatte; und er sagte kaum hörbar: „Die Geige gebt Rothschild." „Gut," antwortete der Pope. ....Und jetzt ftagen alle Leute in der Stadt: „Woher hat Rothschild solche schöne Geige? Hat er sie gekauft, oder gestohlen, oder ist sie ihm als Pfand verfallen?" Die FMc hat Rothschild schon lange aufgegcben und spielt jetzt rmr noch Geige. Der Bogen bringt ebenso traurige Töne hervor »vie früher die Flöte; aber wenn er sich bemüht, das zu wiederholen, was Jakob spielte, als er auf der Schrvelle saß, kommt etwas so Ergreifendes heraus, daß alle Hörer weinen;, und er selbst rollt gegen das Ende die Augen und sagt: „W—achchch!... Und dieses neue Lied hat in der Stadt so gefallen, daß alle Rothschild zu sich einladen und ihn nötigen, immer wieder das s^öne Stück zu spi"len. Das Buch der Zeit LITERATURBEILAGE DER .“WIENER MORGENZEITUNG- 'S Kleine Notiien über grobe Bücher. Wenn Rene S ch i ck e l e seinen Roman „Das Erbe am Rhein" fortsetzt und vorerst den bisher erschienenen Teil als Band eins „Maria Capponi" (Kurt Wolfs, München) neu durchgearbeitet wiederbringt: nun,. zum dritten» und vierter: Male wird inan dieses unvergleichliche Buch wieder lesen. Es steht in Saft wie Baum im Früh" ling; die Jugend eines Mannes ist darin aufgefangen, so wahr, so blutdurchpulst, so dokumentarisch in Gefühls-«, Zeit-, Kulturbeziehung, daß dieses Werk noch den Enkeln Buch in der Hand sein wird. Wir haben von höher berühmten Zeitgenossen gigantische Romanwälzer, in denen Beobachturrg von Mitmensch und Zeit, in peinlichster Sprachform, zu heute schon veralteter Klassik sich ausgewachsen hat. Schickeles Buch, mit leichter, anmutiger Hand geschrieben, reich an entzückenden Einzelheiten, doch über sie hinweg den großen Schwung mrd Bogen wahrend, ganz ohne Prätention, ohne Eitelkeit, ohne Geste, Schickeles Dichtung wird das längere Leben haben. Seite für Seite, in Mensch und Landschaft, in Vorgang und Schilderung, blüht es, strahlt es. Es ist Beglückung, das zu lesen. Hohe Vollendung hier, in jedem Sinn, menschlich und künstlerisch. Und da schauerliche Größe im Unvollendeten, Genie im Fragment: Franz Kafka: „Das Schloß" (Kurt Wolfs, München). Ein Buch für die Allerwenigsten, ein Buch vom Symbol, ein Buch um die Gottheit. Nichts und niemand hat den Sinn seines Anscheins. Oder, ebenso: jedes Menschen Tiefstes und unnennbar Geheimes ist in seine Erscheinung getreten. Als ob man Bilder, von Kokoschka und Munch sieht. Ein Denker tu« Dichter, ein Metaphystker im Wissenden hat diese»: Torso zurückgelassen, die Saga vom Sucher nach der Gnade, vom Wanderer zu Gott. Die Menschen, die dieses Buch verehrend lesen können, »nüssen ein Orden sei»:, ein selbst beit Brüdern unbekannter Geistesorden durch die Länder. Ein großartig »nännliches Buch von einer Frau! Martha Osten so: „Der Ruf der Wildgänse" (F. G. Speidel, Wien). Drüben eine Art Sensatio»:, bei uns Ergriffenheit und Bewunderung. Der Roman einer Fam'iltc, einer Landschaft, eines Lebenskreises. (Gar kein Frauenthema!) Wo Liebe vorkommt, ist sie in geradezu heroischen: Stil abgewandelt, das Gefühl überall so echt und tief, daß eS nie auch nur zu sentimentaler Anwandlung kommen kann. Das ga»»ze Buch ist nicht aus Empfindung, sonder»: aus Erlebnis, persönlichster Anschaum:g,»aus geistiger Erfassung uttfr Verfassung geschrieben. Nicht gerade ein Buch, das man liebt. Aber man schlägt auf den Tisch und schreit: Donnerwetter! Großartig! Und großartig! wiederholt man, nun in anderen: Toilfall, bei Chestertons „Mensche»:skind" (Musarion-- Verlag, München). Das ist die Höhe englischen Witzes, es ist eigentlich schon Geist. Tiefsinn an der' Grenze des Unsinns. Oder wenn man will: Unsimr, der Weisheit wird. Einfälle, die ein a»»derer als Chesterton nicht einmal zu habe»», geschloeige denn. aufzuschreiben wagen würde. Mit typisch englischen: Mut stürzt dieser Witzbold sich und seine Leser in das phantastischeste Abenteuer, das er langsam und schließlich zu lachender Lösung bringt. Wie er, der Unbegreifliches span»»e»ld und geistreich aufblättert bis zuguterletzt nichts oder: der Si»»n des Lebens übrig bleibt, das ist famos uitb keck gemacht. Aber we»»»» unfere Nachfahre»: längst in feinem Buch lntzhr lese»: werde»: (weil die Wirklichkeit aller Erfindungen und Verklärungen spottet): in einem werden sie auch dann. noch blättern, in Ernst Benkards „Das ewige Antlitz" (Frankfurter Verlagsanstalt, Berlin). Selbst roenn man Benkards wissensreiche interessante Einteilung überschlägt — sein Bildmaterial ist unvergänglicher Hingabe gewiß. Totenmasken. Könige und Mimen, Dichter und Unbekannte, Feldherrn und Philosophen, Fürstinnen und Tragödinnen. Und inan sieht: her Tod ist des Lebens höchster Gewinn, im Tode ist das ganze Leben gesawnrelt. Wie oft ist ein Mensch nie lebendiger gewesen als hier in seiner letzten Form.. Nur »wch Form: und ^welche Aus-- dvucksfülw, welche BeredsanMt, letzte Steigerung seelischer Hingabe an die Welt, Das erschütterndste Dokument, das je zwischen zwei Buchdeckeln Platz fand. . Ein unerschöpfliches Brevier göttlicher Mitteilungen, geistiger Offenbarungen. Erst dieses letzte Antlitz erläutert, enthält den Mensche»». Blick ins ewige Geheimnis. Und es ist nicht ganz Geheimnis mehr. Kurt Münzer. Mauer. BSlker and zelten. Ein ziemlich gut geschautes GefamtibM der Weltgeschichte, das n-icht so sehr feie nackten Tatsachen als vielmehr ihre geistigen und kulturellen Entwicklungen aufzeigt, bietet das im Verlag von Georg Westermann, Braünschweig, erschienene Buch von Dr. Avbrecht Wirth. Flüssig dargestellt werden die großen Bewegungen der Vergangenheit bis zum Weltkriege geschildert. Das alte China wind Rom entgegengestellt, vie Anfänge der modernen Völker, die Geburt heutiger Vvlkstümer und Sprachen, das Vordringen der Weißen geisteswissenschaftlich bsron-t ht markanten Linien ausgezeichnet. Desonireres Interesse erweckt die Einschaltung eines Kapitels vorn Zeitalter der Industrie und der Banken in die moderne Weltgeschichte, das bezeichnenderweise mit der Woge des Liberalismus beginnt und,über den StaatSbegrifif der Neuzeit (mit starkem industriellem Einschlag) beim Nationalttatenhader ln Oesterreich endet. Zahlreiche Bildtafeln und Karten erhöhen den Wert dieses geistvollen Buches. —ch SOEBEN ERSCHIENEN: UDEN WIENS Eine statistische Studie von Dr. LEO GOLDHAMMER Die gegenwärtige Situation der Judengemeinde Wien und ihre Zukunft -beschreibt diese wertvolle Broschüre, die für jüdlsch- * politische Kreise von größter Bedeutung ist PREIS 4*50 SCHILLING R. Löwit Verlag - Wien i, Fleischmarkt 1 Rotenturmstraße 22 Richard A. Edon: Se. Hochwürden, der Jude (Roman zweier Rassen). Maximilian Salzer Verlag, Berlin-Wierr. Ein Pope, der jüdischer Abstammung ist, ohne es zu wissen, M tglied des Verbandes der „Cchtrussisthen Leute", ohne es zu wollen, liebt seine (jüdische) Schwester, ohne es zu ahnen, lebt in einer fremder: Welt, ohne es z»: merken. Dazwischen allerharrd Unerquickliches von Ehe und Ehebruch, Glaube und Aberglaube, Dorf und Stadt, Mord und Totschlag. Reichlich, allzu reichlich Trämne und Visionen, Technik durchwegs Schwarz-Weiß; Jude»: bessere Menschen, mit gehemmteren. Trieben, die anderen — na ja, Nächstenliebe. Das Ganze vermittelt nirgends Erlebnis, höchstens Rhetorik — und die ist tausend Jahre alt. Behauptung, daß in der anderen Raffe die Schweinerei liegt, ist ebensoviel wert wie die Behauptung, sie liege in der Raffe. Wozu also der Auflvand? Der Witz vom Goj, 'der „pejgert", und vom Juden, der „nister wird", ist kürzer und besser.. , —tz. Historische Schnitzer in literarischen Meisterwerken. Mancher literarischen Kuriosität kam: man begegnen, »oe»u: man aus die historischen Schnitzer achtet, die von der: besten Autoren gewöhnlich ganz unbewußt gemacht werden. So läßt beispielsweise Go b ine au in seiner „Renaissance" »m Kapitel „Savonarol-a" den Ludidico Sforza über die doppelgesichtige Politik des Regenten von Mailand die Worte sagen: ,,Es ist im Grunde nur ein einstweiliges ur:d zerbrechliches Gerüst, ein Bau aus Z ü n d hö Hz e r n, die brechen oder Feuer saugen werden." Das Kapitel spielt um das Ende des 16. Jahrhunderts, Zündhölzer aber gibt cs erst seit dem dritte»: Jahrzehnt des »MNIchnten. — Zn Strrndber gs „Historischen Miniaturen" wird beührieven .wre in der Ne,.üahrsnacht des Wahres 999 in einer Kirche zu Rom die Turmuhr tickt und dann Mitternacht stillagt. Die Szene ist sehr wirkungsvoll, aber historisch unrichtig, da es im Jahre 999 noch keine tickenden und schlagenden Turmuhren gab. — Wenn Marchs Schwerdtlei»: im. „Faust" den Tod ihres Gatten gern „im Wochenblnttchen" lesen möchte, so wäre dieser Wunsch kaum cvfüllbar, weil es in der Mitte des 16. Jahrhunderts noch kein,,Wochenblättchen" gab. „Gedenktage 1927." Ein wertvolles Nachschlagebuch Wer die wichtigsten Gedenktage, des 'Lausenden Jahres gibt Horst Dike im Verlag Robert Dike, Berlin, heraus. Ueberlsichtiich geordnet, finiret hier der Neugierige eine umfassende Zusammen« stellung aller jener Personen, derer die Kulturweit im laufendem Jahve gedenken soll. Ein genaues Bild der Judenschaft Wiens bietet das eben im Verlag R. Löwit ettchienene Buch von Dr. Leo Goldhammer „Die Juden Wiens". An der Hand offizieller Erhebungen und Zahlreicher zerstreuter Arbeiten hat Dr. Goldhammer hier e:ne interessante statistische Studie geschaffen, die für jüdisth-polittsche Kreise von besonderer Bedeutung ist. BÜCHEREINLAUF. Artur Schnitzler: Der Geist im Wort und der Geist in der Tat. Verlag S. Fischer, Berlin. Dr. Artur Rosenberg: Beiträge zur Geschichte der Juden in Steiermark. Verlag Wilhelm Braumüller, Wien. 1914. Adolf Altmarm: Jüdische Welt- und Lebensperspektiven. Verlag Karl Angermayer, Preßbürg. Adolf Altmann; Aehren und Beeren, homiletische Weckrufe. Verlag Karl Angermayer, Preßbürg. Adalbert Gmf Sternberg: Warum Oesterreich zugrunde gehen mußte. (1. Die österreichischen Hoswürdentrüger.) Verlag Tagesfrage»:, Gießhübel bei Solmus in Böhmen. Rmwlf Lothar: Zwischen drei Welten (Pilgerfahrt Lines Gläubigen). Drei-Masken-Verlag, München. Mazim Gorki: Das Werk der Artomonows. Malik-Verlag, Berlin. Herrn. Lutz: Lord Grey und der Weltkrieg. Deutsche Ber* lagsgesellschaft für Politik und Geschichte m. b. 'H., Berlin. Arthur Eloesser: Elisabeth Äiergner. Verlag Williams u. Co., Berlin-Eharlottenburg. Karl Englis: Handbuch der Nationalökonomie. Verlag Rudolf M. Rohrer, Brünn-Leipzig.. Alax Maurenbrecher: lieber Friedrich Nietzsche zum deutscher: Evangelium. (1. Band: Bon Gott und Heiland, 2. Baud: Bor: Zucht und Züchtung), Verlag Glaube utch Deutschtum, Dresden. Horst Dike: Gedenktage 1927. Verlag Robert Dike. Bern»:. *

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