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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-13 · Heft 2860 (13.2.1927) · p. Seite 12

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2860 (13.2.1927)
Date
1927-02-13
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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RR MW» mm T'^ - "' j1 j -^^.WDffNWW / is Wien, Soimtaq Wiener Mvrsenzett««- 13. FetzkE 18S7 Nr. 2860 TOIKiWlRTfCHAIT Sesterreichische Präludien zur Wett« wirtlchastslonferem. Zu den vielen schönen Eigenschaften, die den Oesterrvichcr zieren — Liebenswürdigkeit, Schöngeistigkeit, Fremdenverkehr, sanierte Valuta und zu sanierende Seelen —• ist neuestens das Hande l s pass i v u m hinzugekommen. Ob es- 900 Millionen Schilling Ende November 1926 betrug oder 1200 Millionen für das ganze Jahr 1926 betragen-haben wird, das haben zwar noch die Statistiker nnteinander auszumachen, ist aber hinsichtlich der Folgen des Handelspassiv ums als solchen ziemlich belanglos; hereinbringen lassen werden sich m absehbarer Zeit die 900 Millionen ebensowenig wie die 1200, die -Aufgaben, die das Defizit der Handelsbilanz dem Wirtschasts- und handelspolitischen Denken seht, sind bei dieser oder jener Ziffer gleich, zumal die Methoden zu ihrer Bewältigung erst ausfindig gemacht lverden müssen. Niemarrd sage, daß ihn das Passivum nichts angehe! So hört man es an allen Ecken und Enden. Im Gegenteil, et tua res agitur, ob du Semmeln, bereitet aus ungarischem Weizenmehl, verzehrst oder inländisches „Beinlbieh" verschmähst, ob du Hartmuth-Bleisti'fte den Zeus-Bleistiften vorziehst, stets machst du dich des Passivums der Handelsbilanz mitschuldig. Einer Sünde wider den ökonomischer; ‘ Geist des tu enge Grenzen gebannten Vaterlandes überlviesen, ist es deine Pflicht, Umkehr zu halten und der Parole zu folgen, die da lautet: Helfetdeninländis ch e u Markt erobern! Kaufet nur Erzeugnisse der heimischen Landwirtschaft mrd des heimischen Getverbesleißes! Wir Juden teniren diese Sireneutöne sehr . gut, sie klingen uns aus der jahrhundertealten Leidensgeschichte entgegen, und ob sie nur in dieser oder jener Formel grüßen, Ivir erkennen in ihnen nur die Variante des alten Rufes: „Kaufet nur bei Christen!" Von Natur und aus Erfahrung ' sind wir skeptisch gegenüber solchen Schlagworten, die das „Kaufet nur . . ." als Quintessenz der ökonomischen Weisheit verkünden, ohne die eigentlichen Komponenten der Oekonomie, Qualität und Billigkeit, in Anschlag zu bringen; skeptisch freilich bloß hinsichtlich des Enderfolges, also ohne zu verkennen, daß die unmittelbaren Wirkungen einer solchen unkaufmännischen Propaganda unheilvoll sein müssen. Was mit dern Hand elMlanzpassivuin jetzt aufgeführt wird,,bedeutet nichts mehr und nichts weniger als die Einleitung des Wirtschaftskrieges mit allen N ach Barn, auf die als Abnehmer unserer Jndustriepro-! dukte wir gar nicht verzichten können; sperren sich diese Nachbarn gegen uns ab, weil sie sich durch die fortgesetzten Revisionen der mit ihnen geschloffenen Handelsverträge herausgefovdert fühlen — seit einem Jahre haben wir bereits die dritte Zolltarifnovelle produziert .— so können wir unsere Betriebe zusperren und zusehen, ivie uns der Binnen-' markt Ersatz für die Exportmärkte bieten werde. Begonnen hat die neueste Phase der Revisiou der Handelsverträge mit der Propaganda einer Hilfe für die darniederliegende Landwirtschaft. Da diese mit der ungarischen und jugoslawischen nicht'konkurrieren kann, - so', soll ihr durch eine Steigern n g d e r l a n d w i r t s ch a f tlicheu Zölle geholfen tverden. Zollerhöhungen als Allheilmittel in einem Lande, das durch die eigene Landwirtschaft selbst bei noch so ausgiebiger Intensivierung niemals in ausreichendem Maße versorgt tverden kann und immer noch die Hälfte seines Getreide- und Mehrbedarfes aus dem. Ausland wird beziehen müssen! Getreidezollsätze, die den . Laib Brot um 15 Groschen verteuern müssen, wodurch sofort .das-ganze mühsam erreichte Lohn- und Gehaltssystem erschüttert wird, das ist die Folgerung, die aus dem Handelsdefizit gezogen wird! Es ist. merkwürdig, daß die Industrie für die agrarischen Wünsche nach Erhöhung der Zollsätze für landwirtschaftliche Produkte eintritt, obwohl sie weiß, daß Lohnbewegungen die unvermeidliche Folge sein werden. Freilich hat sie sich dabei ein sonderbares System zurechtgelegt, ausgeklügelt nach der Maxiine: „Eine Hand wäscht die aridere." Bekommen die Agrarier ihre Zollerhöhungen. so verlangt sie für sich die ihrigen. Daß sie durch den Pceisaufschlag für ihre Erzeugnisse die erhöhten Löhne werde hereinbringen können, ist ihre Kalkulation»aber eine.recht trügerische Kalkulation, denn so empfänglich, so ausgedehnt kann der Jnnenmarkt nicht iverden, um dem Ausland, das der Industrie ihre Ueberschöffe abnehmen soll, die Bedingungen zu diktieren. Soktionsches Dr. Schiller suchte bk Bedenken gegen die neue Zolltarifuovelle damit zu beschwichtigen, daß wir als die st ä r k e r e n K ä u'f e r g-egenüderden Nachbarn, die landwirtschaftliche Produkte feilhalten, r;ns schon einiges leisten dürften, um die Preise zu best-i mimen. Stiiinden wir nur als Muse-, einer Koivknrrentz von Verkäufern gegenüber, so ließe sich das Argument noch anhören. Aber die Voraussetzung trifft nicht zu, denn wir könnest die ian-Liwirtischaftlichen Produckte, jenen Teil nämstch, den rms die 'heinn'sche Landwirtschaift niemals liefern wird, doch nur mit industriellen Erzeugnissen bezahlen, d. h. wir sind nicht bloß die ,,starken Käufer", sondern auch Verkäufer. Die erste Folge der Erhöhung der Agrarzölle wird also eine Verteuerung der Preise der i.m Jnlland produzierten land» wirtschaftlichen Artikel «sein, die „starcken Käufer" werden HW er bezahlen. Die zweite Folge e-ime Verteuern-ng der einyesüihrten Agranproduktc; denn diese iverden. und müssen sich nach dem inländischen' Preisniveau richten, soll die Konkurrenziernng durch das ausländische Produkt wettgsmachit werden; und so wird wieder der inländische nichtag-rarische Produzent die Zeche bezahlen. Die dritte Folge: Der geschwächte Absatz der ausländischen landwirtischaftlli'chen Produktion bedingt eine Minderung der Kaufkraft des Auslandes für unsere durch die erhöhten Jndustriezölle verteuerten Industrie- Produkte, bedeutet also einen M i n d e r a b s a tz unserer industriellen Produktion, und wir, die ,/starken Käufer", werden auf einmal zu sehr schwachen'VeMusern, die, wenn sie ihre Ware doch anbringen wollen, sich zu Nachlässen werden bequemen müssen. - -Ob dies Sinn und Ansicht des zwischen Agrariern und Industriellen tim Zeichen des wirtschaftlichen Burgfriedens int Wahljahre 1987 geschlossenen Zollpaktes ist? Offenbar. Wenn a!ber nicht, so sind dies doch die unerbittlichen Konsequenzen' des P-acktes, aus die nicht rechtzeitig genug hinqewresen-, vor denen nicht sr>üh -genug gewarnt werden kann. Gegen eine Verschleuderung der Ware auf' dem Jnueümarkte wird die Industrie durch das Zollsystem jedenfalls ausreichend geschützt sein. Hier werden die Preise hochgbhalten werden können, es wird dem inländischen Konsumenten mmröglich sein, durch die Maschen des. Zollschultzsystems hindurchz-uschllüpfen und äus das billigere Auslandssabrikat zurückzugreisen. Die hohen Zollsätze Nterden prchibitiv wirken und die F u nkt i o n Bon Importverboten erfüllen. Den Rücken gegen das Inland gedeckt, wird sich die Industrie wohl'erlaube^, dürpen;-aus >üen Etzpordmä'vkten ein- Dumping zu etablieren, und siesnag wohl glauben,', hjer die Praktiken der' dentschen Industrie nachahnren zu können, die es diesererwögst chen», immer wieder neue Märkte .zu erobern, Aber D e ntsch l a n d vermag dies, weil es sich auf seine u n e i nn e hmbare P os i ti o.n i m I ij n e r n stützt, die ihm die Gewinnmarge, sichert und das Gewinnmimrs i,m Export durch das Gewinnplus bei Deckung ° des Inlandsbedarfes kompensieren hilft. Mer wenn -zwei dasselbe tun, muß es doch nicht dasselbe sein. Die österreichisä-e.Industrie würde sich bald überzeugen, daß der 'winzige' Jnnenmarkt O e st e r r e i ch s nicht dasselbe . 'leisten kann, was der größe-deutsche Jnnenmarkt, daß. eine Export'förderilng auf Kosten eines kleinen Wirt- . schaftsgebietes in der Praxis scheitern muß, daß sich hier' Gewinnplus und Grwinnminu-s nicht Ndrden kompensieren lassen, ' geschiveige denn, daß jenes noch einen Üeberschnß zur allinMlichen lLeberwindung des. Handesspassivums' ergeben kömite. Miuderabsatz im Jn- "lünde -i'nsolge geschwächter Kauskrast, Verschlonderung. der Produktion i.m Auslande, das wird der Effekt'des- Uebergang.es zum Hochschntzzoll. sein, und suuehmend-e Deravnmng au-ch dann,, wenn das Dmltping unterlassett ' werden sollte. D'm Bi.lauzpasfivnin ist >init solchen Mt- ' teln nicht zu begegnen. Wenn das die Aoußerungen des Strebens nach Wirtschastsfreiheit und Zusaminenarbe.it der Völker sind, zu der sich Dr. Seipel in seinem Vortrag über die Weltwirtschaiftskonferenz bekannte, so stchen sie z-n dein angvstrebten Ziel in seltsamem Kontrast. Von den drei Wurzeln, denen, nach Dr. Seipel Oesterreichs Interesse an der Weltslvirtlschaftskon'ferenz entstannut, der Not, der Ersahru-gg und der Sehnsucht nach Frieden, ist bei der neuen Zollt-äriifnovelle mindestens die Er.fahrnng darüber, daß die Aufrichtung von Schutzzollbarrieren kein geeignetes Mittel siird, tum ein Hant>elZbtlanzpassivmn wirksam zu ^bekämpfen, außer acht gelassen worden. zEmMimsen in 3UBflfiatsfen. Belgrad, 12. Februar. In seinem in der gestrigen Sitzung der Skupschtina gehaltenen Expose betonte der F ina n zm i n i st e r, daß die Regier nag die Herabsetzung .oder voWständige Auifhebung einer großen Anzahl von Zollsätzen für landwirtschaftliche Arbeitsgeräte als eine sehr wichtige Ausgabe betrachte. ♦ Ae Snlicit in der Wirtschaft Pole»». Warschau, 12 .Februar. (I. T. A.) In der letzten Sitzung des polnischen Sejnt, bei Beratung des Budgets des Handelsministerinms, ergriff der Abgeordnete W i s zlicki als Vertreter des Jüdischen Klubs das Wort mrd führte aus, die Bevorzugung des landwirtschaftlichen Elements gegenüber dem industriellen Element in der Wirffchaft Polens sei ein schwerer Fehler; Polen sei kein AgrikulNirstaat, sondern ein gemischtwirtschaftlicher Staat. Man habe die jüdische Kaufmannschaft von dem Export ferngehalten; dies aber ist Polen teuer zu stehen gelominen. Die Kanfinannfchaft erhebe Anspruch auf direkte Staatskrcdite. Es ist die Tragödie Polens, daß nmn . überall den Jude u wittert und darum bestrebt ist, überall den Juden zurückzusehen. .Die Politit des Ministers G r a b f k i hat die g a n z e jüdische B e v ö l k e r"u n g- Polens a u den B e t t e l st a b gebracht. Die kleinen Kaufleute tverden von den S t e u e r n erdrückt.. Nach Wiszlicki sprach der Mgeordnete Prilucki, . der sich insbesondere gegen die Z w a n g s s o n n t a g s-- r u h e wendete. Me Me« iorlee» «em aus Arbeit. Vorher hatte die jüdische Abgeordnete Frau M e l z e r über sozialen Schutz im Judentum gesprochen. Die jüdischen sozialen Institutionen —- führte sie aus -- werden von der Regierung sehr vernachlässigt. Abgeordneter Heller führte aus, den Juden werde das Recht auf Arbeit vertveigert. Aus allen staatlichen Unternehmungen werden die Juden entfernt. Als die polnische Regierung die Tabakerzeugung in Monopol nahm, wurde die Tausende jüdischer Arbeiter und Angestellten auf die Straße gesetzt. Die polnische Regierung soll den Juden auch die Möglichkeit gewähren, sich der L a n dwirtschaft zu widnren. Aus dem Herczen der jüdischen Massen kommt der Ruf: „Wir fordern Recht auf Arbeit."- Dieser Ruf muß gehört werden. Bankrinrsub und AuleihepISne in Sagland. London, 12. Februar. Wie der City-Korrespondent der „Times" schreibt, sei eine b a l d i g e H e r a b s e tz u n g des Bankzinsfußes nicht zu erwarte n. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf die starke Zunahnie von Städteanleihen. Sechs britische Gemeindeanleihen stünden gegenwärtig zur Erörterung und noch zwei weitere seien für die nächste Woche zu erwarten. Der Erfolg dieser Art Anleihen werde den niedrigen Dividenden zugeschcicbcu, die von den Jndustriegesellschaften infolge des Avbeitsstillstandes ausgezahlt tverden. Der Berichterstatter warnt jedoch die öffentlichen Körperschaften vor der Veranlagung v on so v ie l G e ld f ür E rh o lun gS- 7. platz e, Schwimmbäder usiv., denn die lokalen Abgalicn brücken'schwer auf die Industrie und ' deshalb' sollten' die Anleihen auf lukrative Unternehmungen beschränkt werden. Ein beveuteuder Buswertungrautrag im veutjcheu Reichstag- Berlin, 12. Februar. Die demokratische Reichstagsfraktion hat gestern folgenden Antrag eingebracht: „Der' Reichstag wolle beschließen, die Reichsregierung zu ersuchetl, unverzüglich einen Gesetzentwurf vorzulegeu, durch den im Wege einer sofort verzinslichen Umtauschanleihe oder auf andere geeignete Weise die alten Besitzer von ReichIatlleihen' an Stelle von Anleiheablösungsschuld und Auslosungs- ' rechten in den Besitz eines Wertpapieres gesetzt tverden, dessen Wert einer m i n d e st e n s 12 p r o z e n t i g e u A u fw e r t u n g des ursprünglichen Betrages der gegen Anleihe- Ablösungsschuld umgetauschten Reichsaulcihe entspricht ltjtb ‘ das laufend mit mindestens 6 Prozent jährlich verzinst - wird." Das Defizit der Bundesbetriebe. Während sich die Gebarung des Bundeshaushaltes im abgelaufcneu Jahr trotz der anhalteitden Wirtschaftskrise als recht günstig erweist, stellt sich der Erfolg der Bundesbetricbe als recht wenig erfreulich dar. Für die Bundesbahnen liegen leider keine Ziffern vor, doch hat sich dort zweifellos ein ziemlich großes Defizit ergeben. Bei der P o st - u n d T e l egraphenanstalt ergibt sich in den ersten elf Monaten ohne Investitionen ein D e f i z i t v o n ü b e r 4, mit Investitionen ein Defizit von 30 Millionen Schilling. Bei den Bvrsten und Domäne n lieträgt das Betriebsdefizit 2V5 Millionen, das Defizit einschließlich der Investitionen 3 Millionen, bei den übrigen Betrieben 0.5, beziehungÄvoise 21 Millionen SchMing. Die Devisenpreise. Die Lira hat sich gestern vorübergehend auf 22.30 gegen Zürich abgeschtoächt, da 5er EindruA der Erklärungen des Finanzministers Volpi über den Erfolg der Liktorenanleihe sich als nicht nachhaltig erwiesen hat. Die Spekulation schritt auf den internationalen Plätzen zur Lösung ihrer Hausseengagements in Lira, wobei der Impuls von Italien selbst ausgegangerl lvar- Gegen Schluß erholte sich jedoch die Lira auf 32.37)4. Auch der Zloty bröckelte im!1urse ab, Dollar gegen Zloty 8.05, im Wiener Deviseitclearing »vurde die Geldnotiz für Warschau auf. 79.05 (gegen 79.11 tags vorher) ermäßigt. In den übrigen Devisert gab es nur tvenig Geschäft. Mad ri d war abgeschwücht. Anglo-Austrian-Bank. Aus L o n d e u,!2. Februar, wird telegraphiert: Die Auglo-Austrian-Bank hielt eirie außerordentliche Generalversamntlimg ab, in der die in der vorangegangenen außerordentlichen Generab'.'.'rsammlung vom 14. Jänner II Indien I Zionisten Befolget die Botschaft Col. Wedgwoods und erfüllet Eure Pflicht dem Palästina-Aufbaufonds gegenüber. Zeichnet für den Keren Hajessod! zasssassm^

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