Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2860 (13.2.1927)
- Date
- 1927-02-13
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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mm Seite 10 Wien, Sonntag Wiener Morgenzettung 13. Februar 1W7 Nr. 28M Copyright 1926 by OevkK Mttllef Verlag A. 0., Mönchen. ROTHSCHILDS GEIGE. Voii Hnton Tschochow. D«S Städtchen war klein, elender als ein Dorf, und in ihm wohnten fast nur alte Leute, die ganz vereinzelt starben. Im Krankenhaus aber und in der Strafanstalt wurden wenige Särge gebraucht. So ging das Geschäft recht schlecht. In einer Gouvernementsstadt hätte Jakob als Sargmacher sicher ein Haus sein eigen genannt; hier lebte er kümmerlich wie ein Muschik in eine: alten Hütte mit nur einem Zimmer. In diesem Zimmer hausten: er, Marfa, ein Ofen, eine zweischläfrige Bettstelle, die Särge, die Hobelbank und sämtliches Hausgerät. Jakob machte schöne Särge, dauerhafte..., .Muschiks und Bürgersleuten, jedem nach seinem Maß, wobei nie ein Versehen vorkam, da größer und stärker als er, trotz feiner siebzig Jahre, niemand war, auch im Gefängnis nicht; bei Vornehmen aber und Weibern nahm er mit einer eisernen Elle Maß. Aufträge auf Kindersärge nahm er höchst ungern an, führte sie nach Gutdünken aus und bemerkte jedesmal, wenn er Bezahlung erhielt: „MuH sagen: viel Vergnügen hat man nicht davon." Außer dem Handwerk brachte ihm noch etwas anderes kleinen Verdienst ein: sein Geigenspiel. Auf Hochzeiten im Städtchen musizierte meist eine Judenkapelle unter dem Klempner Moses Schrftäs, der Über die Hälfte der Einnahmen stets für sich behielt. Und da Jakob sehr schon Geige spielte, namentlich russische Lieder, so lud .Schaftäs ihn manchmal für fünfzig Kopeken den Tag, ohne die Geschenke von den Gästen, in sein Orchester ein. Wenn Jakob dann im Orchester saß, begann zunächst sein Gesicht zu schwitzen und sich zu röten; denn es war heiß und roch zum Ersticken nach Knoblauch; die Geige winselte; am rechten Ohr röchelte der Kontrabaß, am linken weinte die Flöte, die ein dünner, fuchsroter Jude mit einem ganzen Netz roter und blauer Aederchen im Gesicht spielte. Er führte den Namen des bekannten reichen Mannes Rothschild. Und dieser Rothschild hatte die verfluchte Angewohnheit, die allerlustigsten Stücke traurig zu spielen. Ohne jeden ersichtlichen Grund rvurde Jakob allmählich von Haß und Verachtung gegen die Juden erfüllt, namentlich gegen Rothschild; er suchte Händel uttt ihm, beschimpfte ihn und Ivollte ihn einmal sogar prügeln. Rothschild tat beleidigt, sah Jakob grimmig an und sagte: „Wann ich Se nicht verehrte ums Talent, warn Se längst hinausgeflogen." Dann weinte er. Dieses Streites wegen wurde Jakob nur selten, im Falle äußerster Not, wenn einer der Juden fehlte, ins Orchester gebeten. Jakob war niemals gut gestimmt, da er beständig Verluste erlitt. Sonntags zum Beispiel und an Feiertagen war Arbeiten Sünde; der Montag war ein Unglückstag — und so kamen gegen zweihundert Tage im Jahr zusammen, an denen man die Hände in den Schoß legen nmßte. Das ivar ein Verlust. Wenn in dem Städtchen eine Hochzeit ohne Musik gefeiert wurde oder wenn Schaftäs den Jakob nicht einlud, so war das wieder ein Verlust. Der Polizeiinspektor lag zioei Jahre krank — er litt an der Auszehrung — und Jakob wartete voll Ungeduld, bis er sterben würde; aber der Inspektor fuhr zur ärztlichen Behandlung in die Gouvernementsstadt, und da überfiel ihn der Tod. Das bedeutete einen Verlust von mindestens zehn Rubeln, denn der Inspektor hätte einen teuren Sarg bekommen. Die Verlust gedankt beschäftigten Jakob meist nachts; neben ihm auf dem Bett lag die Geige, und wenn die dummen Gedanken durch den Kopf zogen, berührte er die Saiten; die Geige gab in der Dunkelheit einen Ton von sich; dann wurde ihm leichter. Am sechsten Mai des vorigen Jahres 'rvurde Marfa plötzlich krank. Die Alte atmete schwer, trank viel Wasser und taumelte; aber trotzdem heizte sie morgens den Ofen und ging nach Wasser. Abends legte sie sich. Jakob spielle den ganzen Tag Geige. Als es dunkel ward, nahm er das Buch^ in das jeden Tag die Verluste eingetragen wurden, und begann, aus Langeweile, den Jahresüberschlag zu machen. Kamen über zweitausend Rubel heraus. Das erschütterte Jakob so sehr, daß er das Buch zu Boden warf und mit Füßen trat. Und wieder rechnete er lange und atmete schwer. Er überlegte, daß diese tausend Rubel, auf die Bank getragen, jährlich an Zinsen brächten... na, mindestens vierzig Rubel; natürlich wieder Verlust! Kurz, man mochte sehen, wohin man wollte; überall Verlust und nichts als Verlust! „Jakob," rief Marfa plötzlich, „ich sterbe!" Er sah sein Weib an. Ihr Gesicht war rötlich von der Hitze und ungewöhnlich hell und fröhlich. Jakob kannte es nicht anders als bloß furchtsam und unglücklich; er wurde bestürzt. Es sah wirklich aus, als stürbe Marfa und wäre froh, aus.dieser Hütte, von den Särgen und von Jakob fortzukommen. Sie schaute an die Decke und bewegte die Lippen, und ihr Gesichtsausdruck war verklärt, als sähe sie den Tod, ihren Befreier, und flüsterte mit ihm. Es dämmerte bereits, durch das Fenster konnte man die Morgenröte brennen sehen. Jakob betrachtete die Alte; und dabei fiel ihm Plötzlich ein, daß er sie ihr ganzes Leben lang nicht einmal freundlich behandelt oder bedauert habe, daß ernicht einmal auf den Gedanken gekommen war, ihr ein Tüchteitt zu kaufen oder von den Hochzeiten etwas Süßes mttzub'ringen, Mdern sie nur angefchrien, wegen der Verluste ausgescholten hatte und mit geballten Fäusten auf sie losgegangen war. Allerdings hatte er sie nicht geschlagen, aber sie ward doch eingeschüchtert und blieb jedesmal starr vor Schreck. Ja, er ließ sie nicht einmal Tee winken, weil die Ausgaben auch so schon groß genug waren; und sie trank heißes Wasser. Und er verstand, warum ihr Gesicht jetzt so sonderbar und ftöhlich war, und ihm wurde recht schwer ums Herz. Als der Morgen kam, lieh er vom Nachbarn ein Pferd und fuhr Marfa ins Krankenhaus. Hier war eine ganze Anzahl Kranker versammelt; er mußte also warten, drei Stunden lang. Zu seiner Freude empfing die Kranken nicht der Doktor, der selbst krank war, sondern .der Feldscher Maxim Nikolaitsch, von dem es in der Stadt allgemein hieß, daß er, obgleich ein Trinker und Grobian, doch mehr verstände als der Doktor selbst. „Ergebenst guten Tag," sagte Jakob, als er die Mte ins Empfangszimmer geführt hatte. „Entschuldigt, daß wir Euch immer mit unseren Kleinigkeiten belästigen. Belieben zu sehen, mein Gegenstand ist erkrankt, die Lebensgefährtin, wie man sich ausdrückt, entschuldigt das Wort...." , Die grauen Brauen runzelnd und den Backenbart streichelnd, begann der Feldscher die Alte zu untersuchen. Sie. saß still auf einem Schemel; gekrümmt und hager, spitznäsig, mit offenem Munde, ähnelte sie einem Vogel, der trinken will. „Hm... ja... So..." meinte langsam der Feldscher und räusperte sich. „Influenza, Fieber, vielleicht... in der Stadt geht Typhus um. Nun, die Alte hat ja, Gott sei Dank, schon ein Weilchen gelebt... Wie alt ist sie?" . „In einem Jahre wird sie siebzig, Maxim Nikolaitsch." „Eine schöne Spanne Zeit." „Geiviß, sehr richtig bemerkt, Maxim Nikolaitsch," sagte Jakob mit höflichem Lächeln, „wir danken untertänigst für Eure Freundlichkeit, aber erlaubt die Bemerkung, daß jeder doch, gern leben möchte..." „Ei, worum nicht gar!" sagte der Feldscher in einem Tone, als wenn es von ihm abhinge, ob die Alte am Leben bliebe oder stürbe. „Nun, mein Lieber, du wirst ihr auf den Kopf einen kalten Umschlag tun mrd wirst ihr dieses Pulver geben, zweimal am Tage. Und jetzt aus Wiedersehen." Am Ausdruck seines Gesichtes sah ° Jakob, daß die Sache schlecht stand und daß hier Pulver schon nicht mehr halfen konnte; ihm war jetzt klar, daß Marfa sehr bald sterben würde, nicht heute, aber morgen... Er stieß den Feldscher mit dem Ellbogen an, zivinkerte mit - dem Auge und sagte halblaut: „Schiröpftöpse setzen, Maxim Nikolaitsch?" „I bewähre! Nimm deine Alte und geh mit Gott." „Habt Erbarmen!" flehte Jakob, „Ihr selbst geruht zu wissen: wenn bei ihr, sagen, wir, der Bäuch krank ist oder etwas Inneres, dann Helsen Pulver und Tropfen, aber dieses ist doch Erkältung, und bei Erkältung ist das erste, Blut Massen, Maxim Nikolaitsch." Aber der. Feldscher rief schon den folgenden Kranken, und in das Empfangszimmer trat eine Frau mit einem Knaben. „Scher dich weg," sagte er finster zu Jakob, „was weißt du von Erkältung!" „So setzt ihr rvenigstens Blutegel! Wir wollen ewig für Euch beten!" Da ward der Feldscher zornig und schrie: „Jetzt red noch ein Wort, daun...!" Auch Jakob wurde böse und ganz rot im Gesicht, aber er sagte keine Silbe, sondern nahm Marfa bei der Hand und führte sie aus dom Empfangszimmer. Erst als beide in der Telega saßen, brummte er mit einem finsteren Blick auf das Krankenhaus: „...Nette Künstler eingesetzt! Einem Reichen hätten sie schon Schröpf köpfe gegeben, aber bei dem Armen ist ihnen auch ein Blutegel zu schade! Seid verflucht!" Als sie nach Hause kamen und in die Hüte eingetreten waren, stand Marfa wohl zehn Minuten aufrecht gegen den Ofen gelehnt. Sie glaubte, wenn sie., sich hinlegte, würde Jakob wieder von Verlusten reden und sie schelten, weil sie nicht arbeiten wollte. „Aber Jakob' sah sie bekümmert an und dachte, daß morgen Johannes, der Gottesgelehrte" fei, übermorgen „Nikolas der Wundertäter", dann Sonntag, dann Montag, ein Unglückstag.... Vier Tage, an denen man nicht arbeiten dürfte! Sicher würde Marfa an einem dieser Tage sterben; man mußte also den Sarg heute machen. Er holte seine eiserne Elle hervor, trat zur Alten und nahm ihr Maß. Dann legte sie sich nieder, er aber bekreuzigte sich und machte sich daran, den Sarg herzustellen. Als die Arbeit fertig war, setzte Jakob die Brille auf und schrieb in sein Buch: Marfa Jivanowna, Ein Sara.... 2 Rbl. 40 Sov. Und er atmete auf. Die Mte lag die ganze Rächt über schweigend mit geschlossenen Augen da. Abends, Äs es dunkel wurde, rief sie plötzlich den Alten. „Weißt du noch, Jakob?" ftagte sie ihn freudig, „weißt du? Vor fünfzig Jahren gab uns Gott ein Kindchen mit blondem Haar... Da saßen rmr zusammen am Fluß und sangen Lieder... unter der Weide." Und traurig lächelnd fuhr sie fort: „Das Kindchen ist gesüttbeN." i Jakob strengte sein Gedächtnis an, konnte sich aber durchaus nicht an ein Kind oder eine Weide erinnern. „Du schwatzest Unsinn," sagte er. Dann kam der Pfarrer, gab ihr bas heilige Abendmahl und die letzte Oelung. Nachher begarm Marfa etwrc Unverständliches zu murmeln — und gegen morgen verschied sie. Nachbarinnen wuschen, den Leichnam, kleideten ihn an und legten ihn in den Sarg. Um nicht den Küster extra bezahlen zu müssen, las Jakob selbst einen Psalm; für das Grab nahm man ihm nichts ab, da dst Totengräber sein Gevatter war. Vier Muschiks trugen den Sarg auf den Kirchhof, aber nicht für Geld, sondern aus Gefälligkeit. Hinter dem Sarge schritten alte Weiber, ein paar Bettler, zwei Blödsinnige; und das begegnende Volk bekreuzigte sich andächtig. Jakob um: sehr zufrieden, daß alles so wohlanständig und billig abging und daß kein Verlust, damit verbunden' war. Als er von Marfa Abschied nahm, strich er mit der Hand über den Sarg und dachte: eine schöne Arbeit! Bei der Heimkehr vom Kirchhof aber packte ihn der Gram. Ihm war unwohl. Sein Atem ging heiß und schwer, die Beine wurden schwach, es zog ihn zum Trinken. ..Und dann flogen wieder alle möglichen Gedanken durch seinen Kopf. Abermals fiel ihm ein, daß er sein ganzes Leben lang nicht einmal' Marfa bedauert oder freundlich behandelt hätte. Die zioeiuudfünfzig Jahre, die sie in einer Hütte verlebt hatten, waren lang genug gewesen, aber er hatte während der ganzen Zeit auch nicht ein einziges Mal an sie gedacht; nicht so viel, als wäre sie ein Hund oder eine Katze! Und dabei hatte sie jeden Tag den Ofen geheizt, hatte gekocht und gebacken, war nach Wasser gegangen, hatte Holz gehauen, hatte mit ihm in einem Bett geschlafen, und wenn er betrunken vvN einer Hochzeit heimgekehrt war, hatte sie jedesmal behutsam seine Geige an die Wand gehängt und ihn ins Bett gepackt — und alles das schweigend, mit schüchternem, bekümmertem Gesicht... Jetzt war er schon nicht mehr abgeneigt, ihr eine Kleinigkeit zu kaufen, aber das war nun unmöglich; dazu war es schon zu spät ... Lächelnd und nickend begegnete ihm Rothschild. „Ich suche Sie, Freundchen," sagte er liebenswürdig; „Moses Schafkäs läßt schön grüßen und bittet, doch einmal zu ihm zu kommen." Aber Jakob war gar nicht danach zumute. Sr Hütte cnn liebsten geweint. „Laß mich," sagte er und ging weiter. „Wie heißt, laßt mich?" Rothschild wurde unruhig und hüpfte vor Jakob her. ,Moses Schaftäs wird sein beleidigt! Er läßt bitten!" Jakob erschien es widerwärttg, daß der Jude außer Atem war, daß er blinzelte und so viele Sommersprossen hatte. Es war in der Tat ein häßlicher Anblick, wie die dünne, gebrechliche Gestalt in dem grünen Rock mit dunklen Flicken hin und her sprang. - „Was überläufst du mich, Knoblauch!" schrie Jakob. „Bleib weg!" Der Jude ward böse und sing auch zu schreien an. „Bitte, reden Se etwas leiser, sonst fliegen Se durch den Zaun!" ' „Aus den Augen, du Hund!" brüllte Jakob und stürzte mit geballter "Faust auf Rothschild los; „fort Grindiger, oder ich Wage dir die dreckige Seele aus dem Leib!" > Rothschild wurde leichenblaß vor Furcht, sank in die Knie und fuchtelte mit den Händen über dem Kopf herum, als schütze er sich vor Schlägen; dann sprang er mit einem Satz in die Höhe und rannte fort. Die Jungen fteuten sich über den Anblick und stürzten Rothschild nach mit dem Ruf: „Jidl Jid!" Die Hunde setzten auch mit Gebell hinterdrein... Ein Pfiff ertönte; das Gebell wurde lauter, bösartiger. .. Dann mußte einer der Hunde den Rothsihild gebissen haben, denn man hörte einen gellenden Verzweiflungsschrei. Jakob ging langsam hinterdrein, bog dann am Flusse ab und kam nach Hause. Nachts im Traum erschien ihm Marfa, die im Profil einem Vogel glich, der trinken will, und das blasse, jämmerliche Gesicht Rothschilds, und viele Schnauzen bewegten sich von allen Seiten heran Und brummten von Verlusten... Er wälzte sich von einer Seite auf die andere und stand wohl fünfmal auf, um zu trinken. Morgens erhöh er sich mit Anstrengung und ging nach dem Krankenhause. Maxim Nikolaitsch befahl ihm, kalte Umschläge auf den Kopf zu legen, und gab ihm Pulver; an seinem Gesichtsausdruck und Don bemerkte Jakob, daß die Sache schlecht stände und daß Pulver hier schon nicht mehr nützten. Als er darin nach Hause