Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-02-13 · Heft 2860 (13.2.1927) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2860 (13.2.1927)
Date
1927-02-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2981948--29076-3017171
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite ' Wien, Sonntag WlO««r Morgeirzetturrg 13. Februar 1W7 Nr. 2860 Vsrdaucl Lsr LLoLLstsu-KsvLsLoQLstftL OsstsrrsioLs Harfe Sonntag) den 13. Februar 1927, halb 11 Uhr vorm., im großen Saale der „SCHOLLE*, II., Lilienbrunng. la gegen Dr. Weizmanns Abmachung betreffs der Erweiterung der Jewish Agency. gegen Dr. Weizmanns Abmachung betreffs der Erweiterung der Jewish Agency. Redner: Michael Gourary, Dr. Paul J. Diamant, rer<pol. Moses Lutzky.—Zionistische Gaste willkommen /Utes und neues Judentum im (Burgentand etclsefttie/e von Ctta Jtßefes.*) Leutschtteuz, der sechste Krdtell. DicSinal trat ich zmtächst beim Gemeindcrabbiner ein. Ich tat gut daran. In fünf Minuten hatte ich ein scharfes und klares Bild der Kohilla. Was spater Auge, und Ohr erfuhren, waren bloß Bestätigungen, selbstverständliche Ergänzimgen.- - - Sr. Eydvürden,; Herr. Rabbiner Koch n,.' ein kräftiger Sechziger, mitgesunden' roten Wangen, sehr langen Schläfenlocken und mit dem runder: breitkränrpigen Samthut am Haupte, nahm meine Visitenkarte, las sie, zerknüllte sie, sah mich an (von oben bis unten) und sagte kühl und scharf: „Vor zwei Jahren etwa kam ein fremder Herr nach Zelem (nur so fcrirb Deutschkreuz von den Freden ‘ bezeichnet, Anm. d. Vers.). Zwei Stunden nach seiner An kunft wurde - ruchbar, daß dieser Fremde ein Zionist sei. Er ist rechtzeitig aus Zelem geflohen, denn sonst tväre er Um einen'Kopf kürzer zu seinen Lieben heimgekehrt/" — Ich dankte dem heiligen Manne für seine gütige und rechtzeitige Warnung. Auch dafür, daß er mir einen so kurzen und erschöpfenden Lehrkursus über die Zustände in Zelem, dem von ihm beherrschten sechsten Erdteil, gab. Ich muß rasch weitere interessante Erfahrungen auskeamen, gesammelt in der dunkelsten jüdischen Enklave des Burgenlandes. Der Rasch ha Kahal dieser orthodoxesten unter den. orthodoxen „Schema Khilles", ist Sozialbemo-l krat und vertritt das Programm der deutschösternichischensozialdemokratischen Partei irrt} Gemeinderate -des MarW sleckens Heuischkreuz. Verficht dortselbst auch Gtöckels Schük-b. Programms In der Kehilla, der er vorsteht, wird zwar kerne Frau ohne.Perücke geduldet und ein Gemeindemitglied^ dessen. Gattin keinen „Schütel" trägt, wird mit dem. Banne belegt,', darf nicht zur Thora aufgerufen werden, — aber die Kundgebung des Gemeüwerates. von Dnikschkreuz gegen die konfessionelle - Schule hat er mitunterschrieben. Ich besuchte den. interessanten Mann. Er ist ein tüchtiger Bäckermeister und ich.traf ihn beim Backofen an. Wie er denn gegen die konfessionelle Schule protestieren konnte, da doch Zelem selbst, eine konfessionelle Schule besitzt, und er, als Oberhaupt dqr Judengemeinde, um ihre weitere Erhaltunftlbst sehr bemüht ist?, 'fragte ich kleinlaut. „'Gewiß," antwortete er, „unsere Schule muß bleiben. Aber ich habe mir bei der sozialdemokratischen Parteileitung die Bewilligung eingeholt, die Kundgebung 'für die freie Schule mit- *) Siehe „Wiener Morgenz-e-it-ung" vom 3., 4., 9., 10. und 12. Fe-bvuar 1987. zum Zerrbild-der liebsten Träume wird sonst bien'? Ausstellung, und all der großartige Kur.sldetrieb erscheint als schauerlicher Hexenkessel, der Menschen zu Masken braut. Und andererseits: 4000.Bilder, das heißt 2000 Aussteller, das sind minbestens einigs hundert Menschen, -die es ernlst nehmen und mit dem Einsatz all -ihrer - Kräfte gÄschajifer: haben, ivas.sie da zeigen.' Das sind hunderte Junger, die von dieser Ausstellung Ruhm erwarten, die Erfüllung heißer Träume oder m-indcstens das Ende peinlicher Not. Und — nichts erreicht «haben. Auch gibt es gewiß unter den vielen Bildern, die hier verschwinden, oder gar unangenehm wirken, gar manche, die im Atelier, wenn man ihnen wohlwollend g,7genübevstciht und auf -sie eingcht, doch etwas zu sagen hätten. In dm: lieblosen Gedränge aber, in dem Kampfe aller gegen alle, der in dieser Monstr-e-Ausstellung herrscht, haben sie. nicht Kraft genug, sich zu bewähren, und stechen ab. Gewiß war es, nie-so arg wie jetzt. Aber t im Prinzip ist es eine alte Tragödie, die weder die Gegenwart gezeitigt hat. noch auch von der Zukunft wird behoben werden Wnnen. Immer lebten die wenigen Großen unter tausenden Kleiner, die so sehr der Vergessenheit. arrheimsMen, daß wir den Eindruck haben, als wären -sie nicht dagewesen. Denn verschwenderisch geht die Natur mit den Lebewesen um und läßt Milliarden entstehen und vergehen. Nutzlos, wie wir es nennen. Wenn es sich um uns Menschen handelt, empfinden, wir es als grausam und werden am Loben irre. . Durch die ungeiheuer große Zahl von Gersteswivken, die sie einer automatischen Ordnung unterwirst, bringt diese Riesenausstellung die Masse Mensch zum Bewußtsein und wlrd als Ganzes zu einem Marken Erlebnis. Der Menschheit ganzer Jalmrder greift unS a», Aurelie Göttlich. znuntcrzerchnen uuo daneben "stur die 'Aufvechthaltung, sta den Ausvau unsercr 'konfefsionellm Schule in Zclen: c:itzutreten." Ich bin im sechsten Erdteil,. abgegrenzt durch Ercw-, Stangen. Durch didse und des' Rabbiners Fürsorge von der Außenwelt abgesch::ittm, dän: Rebben in dunchsem Aber-- glastben und unbedingtem Gehorsam ergaben. „Wenn er von ihnen verlangt, sie müßten alle zu bestimmter Stünde aus . dm Fenstern springen, die Zelemer täten es, „flüsterte mir einer zü, der in-seinen vier Wänden ein Rebell ist. Den gehorsamen Balbattim könnte. nicht viel geschehen, wenn eines Tages solche -religiöse eUubng angeordnet würde. Es sind durchaus kleine, niedrige duinpf-feuchte Haus chm. Die Geincindenritglieder müßten sich allerdings aus den winzigen Fenstern hinauszuzwängen. Hätten aber dann endlich Gele-, genheit, frische Luft zu schnappen. . In, diesem Erdteil kennt nran nur Beleuchtung mit Petroleum und Talgkerzen und es gibt selbstverständlich keine Kanalisation. Ich. sprach mit einem Arzt. Hier gibt es nur feuchte, kalte Löcher, groß ist . der-Mangel an Reinlichkeit; die Menschen, die in diesen ewig nässen Mauen: aufwachsen — die Juden wohnen weit schlechter und unhygimischer als die Bauern —' leider: stark unter Skrofulöse und sind durch Inzucht degmerirrt. Der Schammes, im Nebenberuf -Schneidermeister, dqs "Mond des -Lebens '--- äch war 'in - seiner Wohnung!- ii dWhdÄUgeborcne Einfalt lindernd, führte. mich-in diH^ßh^- lürgög^ Ein alterstattlicher Bau, der. die jmnmertzy.llsi:,:-' zur Erde gebeugten Judcmhäu'er von Zelem auch über- . ■ ii ragen würde, wenn er sich nicht so hoch hinaufreckte. '■ Schul' ist äußerlich, ein bemerkenswerter Zufall, blau-twißgestrichen. Bevor er die Synagoge aufschließt, pocht der Schammes nach altem Zelemer Brauch, mit dem Schlüssel dreimal, au das Tor . des Gotteshauses. Ties ausgehöhlt ist das Eichenholz der Türe von diesem Schlüsfelklopfcn, tvie der Stein von Mekka von den Küssen der Gläubigen. Die Innenarchitektur der Schul' ivurde von 'Fach'enten wiederholt -'bewuiwert. 'Weit in den Saal ist die Fraueng "-erste - vorgebaut, ohne gestützt werben zu müssen. Nun sieht man freilich jetzt in großer -Zahl Holzfäulen eingefügt, die nach einen! - besonderen Ereignis hiehcrgefetzt wurden, aber bloß dm Zweck erfüllen, die Gemüter zu beruhigen.. Bor lan-. gm Jahren, an einen: Kol-Nidre-Abcrw, löste sich ein Slück Berputz vom Gewölbe und cs mtstand eine arge Panik, die viele Opfer kostete. Man wähnte, die Wciberschul' sei eingestürzt, aber.d:p Synagoge war unversehrt geblieben., Da- . mals hat man.die zwecklosen und gar nicht schönen .Holzfäulen „eingebaut". Oben auf der Frauengalcrie zeigt mir cct. Schaiymes recht.stolz eine Neuerung, jüngeren Dalupls. Gegen den Männersaäl hin war die Galerie durch ein' Hölzgitter abgeschlossen. Ueber Anordnung des Rabbiners, welchem Zelem noch immer nicht gesetzestreu genug ist, würde dieses Gitter burch ein engmaschiges Sieh von dichtester Fügung verstärkt. — Ich bin im sechsten Weltteil. Und bin in einer Gemeinde von 350 Seelen, deren fleißige, zu großem Teil den: Handwerk ergebene Jnsaßen, deren Schuster, Schneider, Spängler, Giaserer, in kärgster Armut, derm Handelsleute in recht kleinen Verhältnissen leben. Der Zaun um das Gesetz läßt keine Entwicklung zw „Hier gibt die Religion Nahrung,", fügte mir der. heilige Mann, der mich - so 'liebenswürdig empfing und er scheint dafür besorgt zu sein in -seinem frommen Eifer, dm ich für echt halte, daß anderweitige Nahrung, leibliche und geistige, seine Balbattim nicht üppig macht. Hingegen tvird täglich in fünf größeren und kleineren Stuben gelehrt und gelernt. Die Jeschibah von Zelem zählt M Hörer.; eit: großer Teil der Schüler'kommt aus der Tschechoslowakei- und aus 'Ungarn. Entsetzlich, wie diese -Jugend lebt und. haust! Die darbenden vielköpfigen Fämilim pressen sich noch en-.er zusammen, unl an die Jeschibahschüler „Quartier" abgebm zu könnm. Nur, daß die Bachurim in diesen nassen, vernachlässigten Räumm schlafen müssen, mildert die erschreckliche Tatsache, daß ihnen das Studiun: und des Rabbi Eifer kaum drei bis vier Stunde:: täglichen Schlaf gönnt. Dunkler Erdflecken, mit Brettern vernagelt. DieSchöpfungen eines großen. Sohnes von Zelem, die Musik Karl Golldmarks hat man hier wohl noch nie gehört. Aber der .Ghettogeist, wie er hochgezüchtet wurde in den Zeiten des gelben Flecks, erhältsich hier in Reinkultur. . Ein Kenner der Verhältnisse, ein ausgezeichneter Jude,' der .sein Volk.liM unh. tjefresigiösesElNpfinden hat, sagte mir ' von' den pömischM. Zuständen' in Deutschkreuz.:' „Die- Judeuschaft hat in den Deutschkreuzer Gcineinderat drei Mitglieder mtsendet. Zwei Sozialdemokraten und einen mm. Ä n ... - A io mieten gesndit möglichst mit Aussicht auf Rathaus, Stadtpark oder Volksgarten, bestehend aus ca.7Räumen. Bedingung: Mezzanin oder Lift, ev. Tauschräume zur Verfügung. Anträge sub. „Zeitgemäße Ablose 76081“ an Schalek, I., Wollzeile Nr. 11 Freiheitlichen. Aber das Bedürfnis, sein Recht durchzusctzen, indem man Fotdermrgm stellt und für sie politisch käinpft, besteht hier noch nicht. Man geht lieber hinter die Kulissen und sucht sichs zu richtm, wie einst beim magyarische:: Beamten." Und von Wien aus wird dafür gesorgt, daß der Antiseinitismus in die nmerworbene Provinz Burgenland!nrportiert wird und gedeiht. Die von der Regierung nach Eiscustadt mtsendeten, zum großen Teil Hakenkreuzlerischen Deamtm sind am Werk, das Judentum des Burgenlandcs zu dezimieren. Das schöne Haus der Gendarmerie- und Sleuerbehörde, welches die Republik Oesterreich in Deutschkreuz errichtet hat, beherbergt Aeniter, die mit großem Eifer ge -gm die Juden Vorgehen und geflissmtlich jüdische Exjster^eu untergraben. Mein Gewährsmam: gibt wir empörenda Beispiele, wie die Steuerpraxis gehandhabt mW ganz ofsm die jüdischen in: Vergleich zu den nichljüdischen Steuerträgern mit unerhörten Vorschreibungen belastet mW derart bedrängt werden, daß sie jetzt schon ruiniert sind. Fanatischer, orthodoxer Geist, die Peitsche des Mürchtctm Rebben im Innern, zielsicherer, praktischer Antisemitismus von außen — sie beide haltm die uralte berühmte Kehilla von Dcutschkreuz nieder. Ich wandere durch die Judengasse — sie ist ein Teil der allgemeinen Dorfstraße mW schon vielfach mit nichtjüdischen Bctvohnern durchsetzt — ich durchstreife die ganz ..Wmmorlichen-,' ganz unmöglich versallenm und vernach äs» -nsigten-, Judengäßchmhinter der Synagoge und ich treffe• öot der Türe seines Hauses-wieder Herrn Rabbiner Kohn, -an der mächtigm Pfeife-saugend, seines Leibes.Fülle in 'die Februarsonne stellend, die :wch immer behaglicher ist als die Kellerluft seiner Studierstube.' Er ist jetzt weit milder gestimmt, sucht zu erforschen, was ich über Zelem mW ganz besonders, was ich über ihn in die Zeitmrg.schreiben werde und verlraut mir schließlich das Rezept an, welches er zwecks entgültiger Lösung der Judenfrage empfiehlt:.Alle Juden, die nicht so gesetzestrm leben, wie die Juden von Zclcm, -mögm.sich schleunigst taufen lassen: Dann gebe es keinen Judenhaß, keine materielle und seelische Judennot mehr. - . -. ' Aus Dankbarkeit dafür, daß man dem 'ZioMteu, in Deutschkreuz-das Hmcpt auf den Schulter': beließ daß ich nicht die Flucht ergrNsen ncußte und gleich vöhl nnve7.ehrt zu . leinen Lieben hei'mkam, promulgiere ich hiemik das Rezept des großen heiligen Rebben von "Zelem. > Einbrecher im llnivrrsilArgebiknde. . Gestern nachts wurde in der Quästür der Wiener Universität ein Vevwcgener - K affe n ea nbru chs verübt. Die Einbrecher erbrachen drei' eiseme Mssen.-In der einen Kasse war die g.o l d e n e N e k t o.r sck e t t, ,c mit dem. sechszackigen Stern und der Krone aufbelvahrt, die Kaiser Franz, der Erste der Universität geschenkt hat, ferner die gleichartigen g o.l d e n o n K e t t e n \ö c r f ü nfD c f a n e der Universität.- Die Ketten haben die ^Einbrecher mitgehen lassen. Dann erheuteten sie in d-n «^"ddren Kassen etiva 8000 Schilling. )urch ein auf die Grillparzerstraße führendes Fenster verließen sie die Universität. Ein Wachmann sah gegen 4 Uhr früh Itvei Männer aus dem Fenster springen und den: Rathaus zueilen, ihnen folgte ein dritter; der'Wachmann lief ihnen nach und könnte' einen von ihnen festnehmen. Der Verhaftete ist der angebliche Kunsünalcr Hermann Kvatochwil. Er will feine ^fcnnplizen nicht näher nennen. Man fand bei ihm 2000 Schilling, die er von den Einbrechern als Lohn für Aufpassevdienste erhalten haben will. Die Erhebungen der Polizei ergaben, dgtz die Einbrecher sich schon vorgestern abends in das. Universitätsgebäude eingeschlichen hatten. In der Nacht sind sie .dann in die Quästur eingedrungen, sprengten die Türen und gelangten so-in-den Kassenraum. Wertpapiere und Sparkassenbücher ließen sie unangetastet. - Die gestohlenen Ketten sind durchwegs aus Gold und Von s e h r h o h e m g e s ch i ch t l-i ch e n W e.r t. Die gxoßen .Zepter der einzelnen Fakultäten ließen die Schränker unberiHrt. . ' '' zlonlstlschrr Partelrat- Heute firwet um 3 Uhr nachmittags im Klubheim der Häkoah, 1. Pez., Wippliugerstraße 24 (Eingang durch den Hausflur) die'Sitzung des zionistischen. ParteirateK. statt, T,q^esvHnu»g-: .1^ ^Kooptiefunvvn fünf.Mitgliedern;' 'Stellüngnahme zu den-' Wmmto» den Wahlen; 3. Eventualia. Die Mitglieder werden ersucht, Pünktlich und zuverläßlich zu erscheine^.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.