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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-13 · Heft 2860 (13.2.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2860 (13.2.1927)
Date
1927-02-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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! £ | fc I!; Nr. 2860 Wien, Sonrrtvg Wiener Morgenzertn«- 13. Fsbruar GsktvÄ Wie die Wiener IlniveriitU ihre Würde wahtt. 8in Anschlagkaftenerlab des Rettoratr. — Le. Reaser darf in der UniverMt nicht sprechen. Die österreichische Friedensgesellschaft hatte an das Rektorat der Universität das Ersuchen gestellt, ihr für vier Vorträge Räume der Universität zu Verfügung zu stellen. In diesem Vortragszyklus tvaren u. a. die Vorträge des Nationalrates Dr. Karl Nenner über „Nationalwirtschaft, Weltwirtschaft und Weltfriede" und der Nationalrätin Ennny Freundlich »Die Weltwirtschaftskonferenz" vorgesehen. Während für die Vorträge des Direktors der Bundeserziehungsanstalt Erich Tesar „Schule und Friede" und des Paul K e r y „Der Krieg der Zukunft" vom Nekorat die angesprochenen Hörsäle zur Verfügung gestellt wurden, hat sich das Rektorat außerstande erklärt, für 'die Vorträge Dr. Nenners und der Frau Freundlich Universitätsräume, zu überlassen. Diese Ablehnung wird vom Rektorat damit begründet, daß Dr. N e n n e r im Jahre 1926 die Universität als„Mörderzentrale" bezeichnet und diese Beschuldigung nicht zurückgenommen habe. Die Universität könne daher . in Wah rü ng ihrer Würde ihn nicht als Gast in ihren Räumen aufnehmen. -er «Mlagtasienftcmdal. In einer Zuschrift des Rektors, die als Antwort auf die Beschwerden Wer die aufreizenden Affichier u n g e n in den Anschlagkästen der Hakenkreuzler im Univcrsitätsgebäude gedacht ist, teilt Rektor Molisch unter anderem mit, daß die schuldtragenden Studierenden, die im Anschlagkastcn des nationalsozialen Studentcnblocks drei Zeitungsausschnitte veröffentlichten, der eine grove Beschimpfung der Judeir darstellt, disziplinäre Maßnahmen eingeleitet worden sind, die allenfalls auch auf andere beteiligte Studierende ausgedehnt werden. Das Ansuchen» jene Personen zur Rechenschaft zu ziehen, die darüber zu wachen hätten, daß die Universitäts- Vorschriften nicht verletzt werden, konnte nicht erfüllt werden, weil eine Kontrollpflicht für Organe der Universität nicht besteht. Die Beamten der k m verändert. Bei Uebertretunyen erfolgt eine Verwarnung, bei Wiederholung und in schweren Fallen kann eine Vorzensur durch das Rektorat für eine bestimmte Zeit verfügt werden; auch die Entziehung des A n s ch l a g k a st e n s ist für besonders schivere Fälle vorgesehen, unbeschadet der disziplinärer: Verantwortlichkeit. Reichlich spät ist das Rektorat der Wiener Universität daraufgekommen, daß das, wa§ in den Anschlagkästen der hakenkreuzlerischen Studcntenvereinigungen an geschriebenem, gedrucktem und gezeichnetem Unflat ausgestellt ist, denn doch nicht mit dem Charakter einer Unterrichtscmstalt vereinbar ist. Rektor Molisch ist ein sehr milder Jugenidbildner. Cr sieht vor: jeder Ahndung der bisherigen Hebertreiungen dev Affichierungsvorschriften ab unid verspricht nur für die Zukunft Abhilfe, das heißt, er droht bei mehrmaliger Uebertretung der Affichierungsvorschriften rnit der Entziehung des Anschlagsrechtes, eine Maßregel, die bisher schon nach einmaliger Verwarnung verhängt werden könnte. Nun wird auch der Grund seiner Milde klar, denn nachdem er und seine Vorgänger im Amte jahrelang die böswilligsten Verhöhnungen und Verleum- Trinke ^Kathreiners Kneipp MalsKaffee Wenn Du ihn ganz fein zubereite» S. M 'toiUfi, dann beachte die auf der Rückseite des SriginalpaketeS aufgedruckte Kochvorschrift und befolge sie bitte. Kien Vortrag der Frau Freundlich will das Rektorat nicht bewilligen, weil seinerzeit ein Vortrag der genannten Dmne an der Hochschule für Welthandel zu schweren Unruhen geführt habe. Die Ablehnung habe nicht sbattgefundeu wegen der Themen der beiden nicht zugelassencn Vorträge, auch nicht wegen der Parteistellung dieser beiden Sprecher. Zum Beweis hiefür wird weiters mitgeteilt, daß das Rektorat auch einen von der deutschen Studentenschaft angekündigten Vortrag: „Der Anti-Judaismus in der Welt" im Hinblick darauf verboten habe, daß alles, vermieden werden müsse,- was die bestehenden Gegensätze verschärfen könnte. NektoratskaiPlei können bei dem bestehenden Geschäftsumfang Unmöglich mit einer solchen Pflicht betraut werden, dagegen stehe es jeder Vereinigung, die sich durch irgend welche Anschläge beschwert fi'chlt, frei, in jedem Falle Ä bhilfe zu verlangen. Betreffend der Beschwerde über eine Rede des Studentenführers K ö r b e r und den Artikel „Der F r e iheitskampfderdcutschenStuden t en s ch a ft gegen die jüdische Schande" wird in der Mitteilung festgestellt, daß Angriffe gegen das Profefsorenkollegium in der Rede nicht enthalten seien. Der Ausspruch „professorale Schande" sei redaktionell, so daß Korber dafür nicht verantwortlich sei: ‘ Das Rektorat teilt, schließlich Mit, daß der Akademische Senat ' eine Ergänzung der Bestimmungen über das Anschlag - wesen vorgenommen hat. Nach den nunmehr geltenden Bestimmungen sind von der Veröffentlichung ausgeschlossen: au f g e s chla g e n e Bücher und Broschüren, ferner Karikaturen, unanständige Zeichnungen u. dgl., Zeitun gen und Ausschnitte, wenn sie nicht streng wissenschaftlichen Inhaltes sind, Anschläge mit Angriffen gegen Behörden der Hochschulen, Lehrpersonen us-w., mit beleidigenden Ausfällen gegen andere studentische G r u p pe n oder Beschimpfungen und Verhöhnungen irgendwelcher Art. Das Verbot fremdsprachiger Anschläge und solcher gegen den deutschen Charakterdcr Hochschule bleibt undungen des Judcntmus in 'den Anschlagekasten schmunzelnd' toleriert haben, kann er nicht gut, da sich doch die Universitätsbehörden an dem dadurch begangenen Verbrechen der Aufreizung mitschuldig gemacht haben,, diese selbst zur Verantwortung ziehen. Er redet sich darum aus, es bestes keine Kontrollpflicht für Organe &■<*£ Universität. rnmrlMmW« vtudmit. Budapest, 12. Februar. Trotz der scharfen BeMrrmwA .die Unterrichtsminister Graf KlebelSderg vor einigen Tagen an dm P ros es so re nkörp er der hiesigst medizinischen Fakultät und an die Stüde »Lens Haft wegen ihres Verhaltens gegenüber der Ernennung des Professors Dr. Adam ergehen ließ, haben die Studenten» Verbindungen „Csaba" und „Turul" in einer gestern abends abgehaltenen Versammlung, der auch die Professorsn K e t h l y u n d Heck l e r beiwohnte n, beschlössen, die Aktion gegen Professor Dr. Ada m fortzusetzen. In der Versammlung hatte, wie „Pester Lloyd" rmWet, Professor Kethly mit Berufung auf das bolle Bswußt-. fein seiner Verantwortlichkeit erklärt, die medizinische Fakultät werde an ihrer bisherigen Haltung kein Jota ändern. Daraufhin beschlossen die Studenten, die Vorlesungen Dr. Adams.zu boykottieren und sich auch zu den bei ihm ausgeschriebenen Rigorosen nicht zu melden. . Ferner wollen die rassenschützlerischen Studenten, «nett zweitägigen P r o t e st st r e i k durchführen. Ser Menschheit ganzer Jammer... Slam einem Bestich st» Met „Salon »et unaWnglgen". Von Amelie Gottüeb (Paris). Ui>n Mißverständnissen aus dem Wage zu gehen, will ich es feierlich bekennen: Ich glaube an hie Malerei und all ihren Zauber, ich verehre ihre Heiligen, die alten und die neuen, und selbst die Ketzer, die noch unter uns weilen und in keinen Himmel eingegangen sind. Ich halte sie für die Kunst, die uns heutigen Menschen das . Meiste sagen kann, weil sie kurz und bündig spricht. Ich bewundere ihre Geschichte, die in den letzten Jahren so reich war an Abenteuern, Aufschwüngen und reuigem Jn-sich-gehen, und wie keine andere den Geist der Zeit verkörperte. Kurz, ich bin 'der Gläubigsten einer. Mer diese U-üssiellunig geht über meine Kraft. Erwartungsvoll geht man hin.. Eon von weitem wehen Fahnen. Erwartungsvoll betritt man den Saal. Er liift riesengroß. Die Bilder hängen dicht nebeneinander und in zwei Reihen übereinander. Leise Bangigkeit regt sich. Doch man hat .frischen Mut und wird bald ihrer Herr. Voll Interesse wendet man sich den ausgestellten Werken zu. Ein Bild in Rot und Gelb wirbt überlaut um AusmeEsamikeit; Es. ist ein Russeder ln seiner Uebersetzung Matisse wisd-orgi'bt. Gegenüber sicht in Lebensgröße eine badende Frau am Dach; alles ist matt gehalten: ein Norweger ist. von Renoir inspiriert. Daneben eine Serie von Landschaften a la Utullo und Zirkusszenen, wie ber vorkubistifcha Vicasso. Nun hat man es and). gemerkt: Me Unterschriften beginnen mit A. Die Ausstellung ist nämlich alphabetisch geordnet. Der Gerechtigkeit halber — belehrt der Katalog — und der wahren Demokratie wegen. Man geht weiter. Erst langsam, gewissenhaft anschauend. Dann ermüdet das Auge rmd das Gehirn. Die Bilder werden zu Gespenlstern. Die -grellen Farben versetzen Hiebe, die dunklen schrecken. Die Häuser und Bäume der Landschaften, die Schachbretter, Flaschen und Zwiebel der Stilleben tanzen wild umeinander, die nackten Leiber, der Badenden und Ruhenden, die Gesichter der Kompositionen verzerren sich drohend. Hie und da leuchtet es zwar mild und versöhnlich, aber kommt man üäher, ist -das Bild von seinen Nachbarn erschlagen und dev schöne Augenblick ist nicht zu genießen. . So geht es von Saal zu Saal. Endlich eine freie Halle. „Wer Hier ankommt," — verkündet pathetisch eine Aufschrift — ,,befindet sich in der Mitte der Ausstellung." Und Mm lassen, die hier emtr-eten, endgültig alle Hoffnung fahren, denn 'der Saal 'hat die Nummer 29, und es gibt also zu wählen: W^Säle zurück oder ebenso viele nach vorwärts, Ich gehe vor. Wieder geißeln mich Farben^ quälen kubisiische Figuren, ärgern tote Gipsköpfe; Von der Ferne lächelt eine Christus, der mit vermummten Aipostelnals emsiger Ungeschminkter das letzte Abendmahl einnim'mt. Das Bild scheint interessant komponiert zu sein. Doch zu seiner Rechten hebt ein Brunhildenweib ihr Hemd hoch und Links wirft ein scheu gewordenes Pferd Wagen und Insassen um. Ich weiche dieser sinnvollen Fügung des Alphabetes aus imd schleiche weiter erschöpft. Und mit mir andere Entkräftete. Die apodiktischen Urte-ile in allen Sprachen des Dünnes zu Babel sind venstummt, und auch die Vorträge . der Allwissenden: „Die Kunst soll doch", „'der Künstler muß" sind nicht mchr zu 'hören.. Müde, resigniert bewegt sich der Menschenstrom dem WuÄgaug zu. Unborwegs noch ein paar Japaner, die es nach kurzem Aufenthalt in Paris zuwege gebracht haben, dle Welt mit Vlanrinoks Und Andre Ghotes' Augen -u sehen, Italiener, die Bragne nachahmen, und zwei Porträts, die aus großen, offenen Augen a la Kokoschka befremdet und entsetzt um sich blicken. Dann ist es Ende. In dem großen Korridor, der -den ASaal mit dem A-Sral 'verbindet, stehen be- 'V qurnte amerikanische Fauteuils. Matte Gestalten mit geschlossenen Augen liegen -drinnen. MH segne hie Zeit, die uns solche Möbel beischert ihat, und bald ruhe auch ich. Wut packt mich nun, daß ich in diese Ausstellung wie in eine Falle geraten bin imd -an 4000 (!) Bi-ldem Vorbeigehen mutzte, ohne sbichen Kr können. Jetzt erst, >da ich so windelweich deWagen bin von all der ansWrmenden Produktion, die gejsehen, bemeE und gewertet werden^ will, ermesse ich die Tragweite her schändlichen Exhibitionslust und des nwvergeWichen Mangels an SelbisEritlk «und Verantwortungsgeifühl, die so viel bedeutungslosen Kram^zuv Schau bringen. . Der Salon der Unabhängigen, ernst von großen iMMlern geglÄrrhet, durch ihre Schuld lvnvde er jetzt zum wahren refugi-üm ign-orantiae, wo unter dem Schutze der Horzlosigjke.it allerlei lichtscheues Ge-kritzeh sich an die Oberfläche drängt. Gute Maler, die nur irgendwelche Möglichkeit Habens anderswo auszustellen, weiden diese Vereinigung, die die Wiege der modernen Kmsst war. Und diejenigen von ihnen, die hier aus Not oder Liebe Kur ruhmvollen Vergangerchoit der Jndependant doch ausstellen, werben von der Menge plattgedrückt wvd kommen nicht zu Worte. Zwei wunderbare^ Werke «van Matiffe hänyen hier zum Beispiel, aber kein Mensch bemeE sie unter den vielen Matisse-Mchahnmngen, die an allen Wanden toben, und so entfalten sie ungesehen Hve stille Musst, nach -er alle jene Dotgeborenen tanzen. Aehnlich gibt es Hunderte Variationen irgch allen Größen von gestern und heute, und auch wenn man sucht, die eigenen sind spärlich gesät. Auch die eHnÄscheu Unterschiede sind verwischt. Japaner und Amerikaner, Russen und Italiener, verschieden nach Kaffe md Traditiou — da sprechen sie em gemeinsames Cesanne-Roinault-Volapuk, das kaum Betonungsunterschiede austveist. Wer darin eine Nereinheitlichnng durch die Kmtst «sehen kann und an die Echtheit dieses Kostüms glaubt, ist wahrlich selia. Den» i

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