Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2860 (13.2.1927)
- Date
- 1927-02-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Sonntag Aedl, Ausienberg, Kranz. —y, Wien. 13. Februar. Die inneren Verhältnisse der österreichisch-ungarisch:»: Monarchie, Jtnc sie sich im Verlause des Weltkrieges gestalteten, sind bisher noch nirgends in znsainmensassender Darstellung erörtert worden. Das ist ans v er schiede ne> t Grün den bedauerlich; zunächst deshalb, »veil auch den Zeitgcrwssen dieses Stahlbades, die schrveren Jahre zu rasch in den Hinterjzrnnd des Gedächtnisses zurücktreten. „Gehabte Schmerze»:, die Hab' ich so gern," behauptet Mir der Philosoph Busch, es bleibt aber trotzdem »vahr, daß die Menschen erlittene Leiden lieber »vergessen. Und damit vergessen sic auch die Ursachen. Das hat dann für uns zur Folge, daß die Generationen von heute in Unkenntnis der »vahren Entwicklung sich ineine »»erlogene Roinautik hinein treiben lassen, tvas dann wiederunt zu politischen Wirkungen führt, die sich Tag für Tag zeigen. Es »vird iirsbesoudere mit Vergessenheit bedeckt, daß erstens der Krieg nur die notivendige Folge der aggressiven Dreibundpolitik »var, u»rd daß sich ztveitcns in der Monarchie von den» serbischen Ultimatum angefangen bis zu dein letzten entscheideichen Schlag an der Piave eine einzige Kette der schamlosesten Korruption gezogen hat. 7 I Sie verschanzte sich an der: Stufen des Thrones und umgab sich nrit Bajonetten, mit Staatsanwälten und Prososen. Sie trat jedwedes Gesetz und jedwede Gesetzlichkeit in de»: Staub. Die Kriegszensnr waltete ßis jyimt letzten Augenblick ihres schändlichen Amtes; aber wo selbst sie nicht ausreichte, um die Wahrheit zu vertuschen, dort fand sie ihre:: Bundesgenossen in der niederträchtigen Feigheit der byzantinischen Presse; und es »var durchaus nicht allein die bürgerliche Presse, die diese»: Zustand deckte, es waren auch Organe dabei, die sich heute nicht genug radikal mtd republikanisch gebärden könne::. Alles hatte die Schlammflut des Krieges ergriffen, alles »var von ihn: verpestet und diese Entartung der Gesellschaft, die über fünf Jahre lang hnmer weiter sich selbst entwickelte, kann nicht so rasch getilgt werden, wenn nicht jedem einzelnen in das Bewußtsein gerufen wird, wie die Symptome der Lustseuche der Politik beschaffen tvaren. Ruft man sich diese fünf Jahre zurück und bedenkt man, daß heute gar viele Kräfte dahin wirkench iese alten Zeiten »vieder herzustellen, dann versteht man es, »varun: gar so tvenig über die innere Politik der Monarchie geschrieben und gesprochen »vird. Kein Verbrecher läßt sich freiwillig dazu herbei, seine Taten zu beschreiben. Das ganze, so gut organisierte Systen: der Zivil- und Militärbureaukratie war aktiv an dem Unglück beteiligt. Wer wird also ohne Zwang das Schweigen brechen?... .... Auch die Republik schtveigt, sie glaubt ihre kritische Pflicht mit der Veröffentlichung der Rotbücher erfüllt zu haben. Aber das betraf doch nur die äußere:: Dinge. Wie hier in Oesterreich die Ehrenhaftigkeit und das Gefühl für Loyalität auf einer logischen Linie abwärtsrutschte, das sagt auch die Republik nicht; weil die Kräfte, die in dieser Republik herrschen, sich ihrer geistigen Verwandtschaft mit der Vergangenheit bewußt sind. Was bei der Zentralbank der deutschen Sparkassen und bei der Postsparkasse geschehe»: ist, das schließt sich lückenlos an gleichartige Vorgänge während des Krieges, an die große Zeit, in der die Generale von der Etappe ins Hinterland schacherten und hohe Staatswürdenträger mit Kaffee handelten. Die Personen von damals sind nicht verdrängt worden. Sie übe»: hinter den Kulissen ihren Einfluß, ja sie streben darnach, »vieder auf die Bühne zu kommen und mit List oder Gelvalt, mit Wqhlbetrugiod er Frontkämpferei wieder zu Macht und Ansehen zu gelangen. Es geschieht deshalb der Generation von heute eine Wohltat, ivem: einer der Wissenden aus dieser vergangenen Zeit, gereizt durch persönlich erlittene Unbill, den Vorhang der Servilität wegreißt und uns »vieder ins Gedächtnis bringt, wie es doch damals war. Graf Adalbert Sternberg, »verwandt und verschwägert mit den führenden Adelsftnnilien, veröffentlicht ein Buch „WarumOesterreich zugrunde gehen mußte".*) Der Untertitel „Die österreichischer: Hostvürdentrager" gibt eine Erklärung dieses Warum. Freilich nur eine partielle. Denn das Treiben dieser Hostvürdenträger »väre undenkbar gewesen, »venrr es nicht die aktive und passive Mithilfe der Politiker und der Presse gehabt hätte, Graf Sternberg, dessen Persönlichkeit ja aus der Parlamentsgeschichte bekanirt ist, verfügt über keine sehr tiefreicherrde politische und geschlchtsphilosophische Schulmrg. Er schildert. Und was er erzählt, genügt an 'sich Es ist ja schon viel vergesse:: woUxn. Wer spricht denn heute noch vor: dein Obersten Redl, von der Verhaftung des Generals Aufsenberg, von dem Kranz-Prozeß? Tausende solcher Fälle hat es gegeben und sie alle zusammen waren Leben Und Schicksal für Millionen braver und guter Menschen. Wir haben die drei Fälle genannt, welche am deutlichsten die Einzelmomente der Agonie markierten. Der Spion, der knapp vor dem Ausbruch des Krieges Oesterreichs Geheimnisse verkauft hatte; der siegreiche General, der die Abberufung eines Erzherzogs verlangt hatte und deshalb eingesperrt wurde; der Finanzmann, dessen Prozeß die Dreyfußafsäre tveit hinter sich ließ — sie waren Symptome der heranbrausenden Katastwphe. Aber wie man aus Sternbergs Buch erfährt, haben diese drei Fälle auch noch das gemeinsam, daß man aus ihnen die Stellung des 'Judenpunktes in der Politik der Monarchie erkennt. Wenn es noch notwerüllg wäre, nach der grauenhaften Historie der Flüchtlinge und des von den Zentralstellen bis zum letz- *) Graf Lldalbert Ste rnberg: „W-arurn Oesterreich zugrunde gehen mußte"; 1. Die österreichischen Hostvürdenträger, 1987, Verlag DageKfrage,«, Gießhübel bei SolmuS in Böhmen; HoS«VerlagAbuchhandIun'g, Men, 3. Bez., Radetzky« ftraße 14, Wiener Morgenzettung 13. Februar 1SS7 aflgm 9aE. S W ten Straßenwärter unb Nachtwächter sich ziehenden sittlich-religiösen Weltanschaunngssystems dieses Thema zu illustrieren, so müßte ma»: »:ach dem Buche Sternbergs greife»:, der zu diesen drei Fälle»: Bemerkungen macht, deren Aktualität nicht zu verkennen ist. Den Prozeß gegen Kranz, in welchem drei Minister als Aktenfälscher entlarvt wurden, hatte die Regierung des Grafen Heinrich Clam-Marti ui tz eingeleitet, und zwar, wie Graf Sternberg sagt, unter dem Motto, »nan müsse einige Juden einsperren. Das war die Parole des Hofes, der feilt« Pojnllarität befestigen mußte, und der „Aberrd", damals schwarz-gelb, heute radikal-republikanisch, besorgte die Musik dazu. Nun, dieser antisemitische Vorstoß wurde zu einer furchtbaren Niederlage der Autorität der Krone. Vorher hatte es die Affäre des Generals Aufsenberg gegeben. Man beschuldigte ihn, er habe in einer kritischen Zeit Geivehre nach Bulgarie»: verkauft (in Wirklichkeit verkaufte sie Herr Krobatin, der während des Krieges an der Stubenringfront durch Erlassung antisemitischer Armeebefehle urtd durch Korrekturen in einem Kranz-Akt sich Lorbeerreifer ertvarb) und er habe Börsenspekulationen betrieben. Beides »var unwahr. Aber um beides dem Straßenpöbel Plausibel zu machen, erklärte ihn der Salonpöbel zum Juden. Noch früher hatte es den Redl-Skarckal gegeben. Der Mann rvußte zuviel und erhielt deshalb statt des Strickes den Revolver. Er »var ein altrufsifcher Ruthene. Sternberg sagt nun: „Als der Fall Redl publik rourde, verbreiteten die Hofkamarilla und der Generalstab, er »väre eilt Jude gewesen." Es ist gewiß nicht so, daß die Judeufrage das Um mrd Auf der Politik bildet. Und es gibt gewiß außer dieser Frage eine Menge von Problemen, die für die Staaten wichitiger sein mögen. Aber die Stellung zur Judeufrage ist eines der wesentlichsten Kriteria, aus denen man den Stand der Gesetzlichkeit und des Rechtsempfindens in einem Staat mit absolutester Sicherheit erkennt. Wenn man aus der ganzen österreichischen Geschichte der letzten Jahre nichts anderes erfahren »vürde als diese drei Fälle, in denen sich die Bosheit und Niederträchtigkeit des in seinen Sünden verreckende»: Systems durch werktätigen Antisemitismus ergänzte, so hWte man schon genügend Anhaltspunkte, um die Frage zu beantworten: „Warum Oesterreich zugrunde gehen mußte." Voranzeige I Ich beehre mich anzuzeigen, daß ich das RESTAURANT „ZITAHOF“, VII. MARIAHIDFERSTR. Nh. 88a erworben, nach den Grundsätzen modernster Hygiene voütandig neu renoviert und mit solidem Komfort zu einem angenehmen Aufenthalt hergerichtet habe. Vorzügliche Wiener Küche sowie die in meinem Betrieb Restaurant „National“, II., Taborstraße 18, beliebte erste Original Orient« Küche Meinen P.T. Gästen und Fre.unden zur Kenntnis, daß, ungeachtet der Übernahme des Rest. „Zitahof“, der Betrieb meines Restaurants „National“, II., Taborstraße 18, unter meiner Leitung unverändert weitergeführt wird. Erstklassige Getränke! Aufmerksamste Bedienung! Solide Preise! IV £wöffnun& fn meni&en (Tasten H Restaurateur: W. SPRITZER las Wesen des Imperialismus. Von Dr. Leo Golvhammer. Der in seinen Folgen eigentlich »roch nicht beendete Weltkrieg hat ein Problem in den Vordergruill» gestellt, das bereits von verschiedener Seite Behandlung, aber noch keineswegs ertdgültige Klärung gefunden hat: den Imperialismus. Dieser hat begrifflich einer: zwiespältigen Charakter, indem er sowohl die staatliche Machtentfaltung als auch die Kapitalsexpension bedeutet, d. h. der Imperialismus kann rein politisch oder rein sozialökonomisch gedeutet und in seinen Konsequenzen gewertet werden. Es ist klar, daß die Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung, also jene Gruppe von Schriftstellern, welche bei jeder historischen Erscheinung zunächst einen materiellen Unterbau als Voraussetzung suchen, sich mehr mit der Kapitalsexpension beschäftige::, bezw. diese als dem staatlichen Imperialismus vorausgehend ansehen. Nach ihrer Ansicht kann von einem staatlichen Imperialismus unabhängig vom Kapitalismus nicht gesprochen werden; für sie ist vielmehr der Imperialismus in einem gewisser: Entwicklungsstadium des Kapitalismus naturnottoendig, oder wie sich Fritz Sternberg*), der Autor der neuester: Untersuchung Über dieses Thema ausdrückt „denknotwendig". Ist in einem bereits innerhalb des „kapitalistischen Nexus" stehenden Gemeinwesen noch eine *) Fvitz Slernbera „Der Imperialismus" (iMlit* Verlag, BerÜn, 1066), ClLI ™ KUPON ZU DEM ggf KREUZWORTRAETSEL ÜH Nr. 1 DER „WIENER MOROENZEITÜNO" ol\o Plfo größere in der Landwirtschaft tätige Bevölkerung und zugleich ein stärkerer Handlverkerstand vorhanden, nimmt also tit einem Staate bk vorkapitalistische Form der Wirtschaft noch einen größerer: Raum ein, so kam: der Kapitalismus im eigene»: Larrd de»: akkunnllierten Mehrwert alllegen. Ist aber im Einzclstaate die vorkapitalistische Form der Wirtschaft verschwunden, wird also das Bauerntuin und Handwerk, oder — um mit Sternberg zu sprechen — ,cher nichtkapitalistische Raum" infolge Ausdehnung der kapitalistischen Wirtschaftsform vernichtet oder in seiitem Umfange eingeschränkt, dann tritt die Notwendigkeit des Vorbrechens des Kapitalismus in nichtkapitalistische Territorien ein, da sonst der kapitalistische Unternehmer innerhalb des eigenen Staates nicht Mehr seinen Profit voll realisieren kann. Der Kapitalismus muß nämlich nicht nur Mehrwert „hecken", er nruß auch die sich immer mehr steigernde Masse an Produkten absetzeu. Die Einverleibung des Mehrwertes, der durch die industrielle Reservearrnee möglich wird, nützt den: Kapitalismus nichts, wenn das durch ihn erzeugte Produkt keine zahlungskräftige und zahlungsfähige Nachfrage findet. Es muß sich also mit der. Steigerung der organischen Zusammensetzung des Kapitals auch der Absatzmarkt vergrößern, sonst gelangt der Kapitalisrnus mit der durch ihn ungeheuer gesteigerten Produktenmasse an einen toten Punkt. Da innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft die Produktionskraft stets größer ist als die Möglichkeit des Absatzes der Produkte, muß der unabsetzbare „Konsumtionsrest" in einem vorkapitalistischen Wirtschaftskreis zum Verkaufe gelangen. Der Kapitalismus muß vorwiegeiid Territorien mit vorkapitalistischer Wirtschaft, ausfindig machen, um sie als Absatzort für den Konsumtionsrest. auszunützen. Der Kapitalismus kann also aus der Krise, in die er durch die Häufung der Produkte gerät, .nur' herauskomme»:, wenn er eine Bevöltzerungsyermehrung bewirkt, die eine Verwertung des Kapitals ermöglicht, mit anderen Wortes i»:dem er sich nricht auf die eigene natürliche Bevölke-- rungsvermehrung beschränkt, sondern diese durch den „imperialistischen Vorstoß ergä»:zt, durch Einbeziehung immer neuer Territorien in den kapitalistischen Nexus, durch Erweiterung des Marktes." Durch' den imperialistischen Einbruch in nichtkapitalistische Territorien, woselbst der Kapitalismus zunächst dieselbe Funktion zu erfüllen hat, wie im Mutterland: Expropriieren der Volksmasse von den Produktior:smitteln, Lostrennung eines großen Teiles der Bauernschaft von Grund und Boden, Verwandlung derselben in landwirtschaftliche Arbeiter und damit Schaffung von „freien" Arbeitern, frei im doppelten Sinne, nämlich frei von Produktions:nitteln und frei von Arbeitsmöglichkeit, durch den imperialistischen Einbruch wird die Volkswirtschaft des Koloniallandes wesentlich mngestaltet; an Stelle der Güterproduktion tritt immer mehr die Warenproduktion, Bauerntum und Handwerk verschwinden immer mehr, bezw. »verden expropriiert, der Judustrialisnrus nimmt immer mehr zu und damit der Prozentsatz der Städter. , Durch die int Kolonialland sich herausbildende kapitalistische Produktionsweise als Folge des Imperialismus entsteht diesem der Gegner, der ihn in seiner weiteren Ausdehnung unterbindet. Durch das Eindringen des europäischen Kapitals wird nämlich in den Kolonialländern die Industrie geschaffen und die Bevölkerung aus ihrer Geschichtslosigkeit herausgezogen und zu nationalem Bewußtsein geiveckt. Es verlieren die Kolo- »üallällder allmählich ihren vorkapitalistischen Charakter; toähvend in Europa die Basis für einen imperialistischen Vorstoß sich immer mehr erweitert, wird der „vorkapitalistische Raum" in den außereuropäischen Ländern immer kleiner. Es muß also in der Zukunft zu immer neuen Krisen kommen, aus denen sich die „Unabwendbarkeit des Krieges zwischen den aktiv imperialistischen Staaten" ergibt. Sternberg erblickt somit in , der schon heute sichtbarer: „Disproportionalität zwischen den nichtkapitalistische»: Territorien der einzelnen imperialistischen Staate»: und deren Expensionsnotwendigkeiten" die eigentliche Ursache aller imperialistischen Kriege. Von Führern der österreichischen Sozialdemokratie »vird nicht selten der zionistischen Bewegung der Borwurf gemacht, daß sie denr englischen Imperialismus Borspanndienste leiste, ja daß sie eigentlich nichts anderes sei als ein Mittel, dessen sich der Imperialismus Englands im Osten bedient. Die hier inhaltlich in groben Umrissen wiedergegebene umfangreich« Arbeit Fritz Sternbergs, gegen welche viele Einivendungen zu erheben »vären, die in manchen ihrer Voraussetzungen und in vielen ihrer Schlüsse falsch und unzulänglich ist, »vird dennoch durch jene Teile, die zrveisetlos einen positiven Wert besitzen, auch in dieser Hinsicht eine gewisse Klärung herbeizuführen in der Lage sein. .