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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-12 · Heft 2859 (12.2.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2859 (12.2.1927)
Date
1927-02-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien. Sanrstag Wiener Morgeuzeitung 12. Feibrnar 1927 Kr. 8869 S^fj*>/c&£cLc£e Amtlich empfohlen. — Gründliche Btntreintgnng. 258 lt> aller» Apolhekett Berkehtte Abrüftungsmechodeu. schm—. 12. Febrnar. . Wieder einmal ist der Abrüstungsgedanke in die Welt ...worfen worden. Der Präsident der Vereinigter: Staat«: propagiert neuerdings die Abrüstung zur See, nachdem alle Versuche, über die Abrüstung zu Lande und in der Luft ein Einvernehmen herbeizuführen, nach unzähligen Beratungen, Kommrssionsbesprechungen und völkerverbindenden Resolutionen ein tägliches Fiasko erlitten haben. Nun soll, so schlägt Präsident Coolidge vor, njvch im Laufe dieses Jahres neuerlich eine Abrüstungskonferenz zusammentreten und, wohl zur Verkleisterung der Uneinigkeit über die Entwaffnung - der Lande und Luftkriegsmütel, einmütig eine Verminderung der Seekriegsgefahren beschließen. Diese Enunziation des Präsidenten der Vereinigten Staaten ist ebenso aufrichtig wie dir seit acht Jahren, seit der Beendigung des Weltkrieges immer imeber gefaßten Resolutionen über die Abrüstung. Den besten Beweis hierfür liefert jener Passus in der Botschaft des amerikanischen Staatsoberhauptes, darin von d«c Unverletzlichkeit des Grundsatzes gesprochen rvird, daß das Verhältnis zwischen den englischen und amerikanischen Kriegsschiffen gleich bleiben und daß das Verhältnis zwischen den Einheiten der beiden genannten Wachte und den Einheiten Japans unbedingt 5:3 bleiben müsse. Mit anderen Worten bedeutet das, daß die Vereinigten Staaten, die ihr Seerüstungsziel, eine ebenso starke Flotte wie England zu besitzen, erreicht haben, dieses Ziel sich gewissermaßen international garantieren lassen wollen, ferner, daß die Kriegswacht, welche die Vereinigten Staaten und Japan in dem mit blutiger Ironie der Sprache Pacisic genannten Ozean gegeneinander halten, durch internationale Bindungen zu ungunsten des Inselreiches im Großen Ozean festgelegt werden soll. Die Folge einer solchen Vereinbarung, die von vornherein den Stempel der Unaufrichtigkeit trägt, wird natürlich sein, daß Japan sie immer wieder verletzt und diese Verletzung kaschiert, indem es unter falscher Marke von Sanitäts-, Hilssschifsön u. dgl. neue See-Einheiten für der: Kriegssall baut, zu dem es sich ebenso wie die Vereinigten Staaten seit dem Tage, da Amerika den für Japan nachteiligen Frieden von Portsmouth erzwang, unaufhörlich vorbereitet. Und England wird es sich nicht nehmen lassen, trotz aller Vereinbarungen jene Flottenpolitik zu betreiben, die ihm die Vorherrschaft zur See sichert Md für die es einen japanisch-amerikanischen Krieg geradezu in seine politischen Ziele einkalkuliert. Kalkül ist eben alles, Kalkül ist die Methode der Bindungen und Bündnisse, die in der europäischen Politik ineinander und gegeneinander greifen, Kalkül das System von Verträgen, das unter der Flagge eines falsch angelegten Völkerbundes heute in Europa läuft. Die Kalkülpolitik hat trotz allen pazifistischen Dusels zu einem Weltbrand geführt, der bis heute noch nicht gelöscht ist. Sie führt, selbst wenn die erschöpfte Menschheit für einige Jahrzehnte zu einem neuen Krieg nicht zu vertuenden sein würde, bod> immer wieder zu einem seelischen Zustand, der die Spannung in der Welt allmählich immer unerträglicher macht, bis sie sich dann in einer Explosion entlädt. Dieser Seelenzustand kann als der chronischer Feindseligkeit bezeichnet werden. Feind ist der Unternehmer dem Arbeiter, Feind der Händler dem Konkurrenten, Feind der Städter dem Bauern, Feind ein Volk dem andern, und es scheint, als ob der Urzustand der Menschheit, da in den: Angehörigen einer andern Sippe immer und überall der Feind gesehen wurde, noch nicht überwunden sei. Das bedeutet, daß Staaten, Völker und Nationen eigentlich nie aufhören, gerüstet zu sein. Dieser Zustand seelischer Dauerrüstung vergiftet seit Jahrtausenden die Welt, die das Gebot „Du sollst nicht töten" in ihre ethische Rüstkammer genommen hat. Dieser ethischen Rüstkammer aber steht in einem geradezu widevsinnig amnutenden Gegensätze die seelische Rüstung der Menschheit gegenüber. Vor nahezu dreitausend Jahren hat ein Volk, das jüdische, den Versuch gemacht, durch eine ethische Zielsetzung, die das Mordverbot aussprach, jenen Urvölkerhaß zu überwinden. Cs hat mit äußerster Konsequenz an dieser seiner ethischen Zielsetzung für sich selbst festgehalten, aber es hat in der ganzen übrigen Welt damit kläglichen Schiffbruch gelitten. Ja noch mehr: Inmitten jenes Seelenzustandes ewiger Rüstung, der eine ganze Welt in Bann hält, mußte gerade jene Menschengruppe, die diesem Seelcnzustand den der absoluten Waffenlosigkeit entgegenhält, zur Zielscheibe unaufhörlicher, aus Unbegreifen solcher Absonderung entspringenden Verfolgung werden. Der Zustand chronischer Feindseligkeit, in dem sich die Welt befindet, steht in enger Verbindung mit jenen Instinkten antisemitischer Natur, die heute bereits die ganze Welt erfaßt haben. Und wenn heute unaufrichtige Deklarationen in pompöser Weise ein schlecht kaschiertes Abrüstungsidcal verkünden, so ist dies lebenso viel wert wie die Deklarationen von der Gleichheit der Staats-, bürger, der Klassen, Religionen, die seit so und so viel Jahrzehnten in der Welt mit mehr, oder rveniger stilistischem Geschick abgesaßt werden. So lange nicht die Seelen für diese Ideen prädestiniert sind, so lange wird die latente Feindschaft der Menschen arwauern, als Fluch, der ihnen anhaftet seit jener legendären Austreibung aus dem Paradiese wahrhaft menschlicher Gesinnung, das sich die Menschheit bis heute nicht wieder errungen hat. Zionistische Bezirkssektion Währing Samstag, den 12. Februar 1927, findet um J't9 Uhr abends im Festsaaledes Währlnger Rathauses (XVIII., Martinstr.100/ " eine ' statt. Tagesordnung: vM AllFfraU PaläStilUIS Redner: Oberrabbiner Dr. H. P. Chajes, Dr. Nahum Goldmann (Berlin). Sonntag, den 13. Februar 1927, um V,11 Ur vormittags im Iris-Kino (XVIII., Währingerstr. 123) Vorführung des neuesten Palästinafilms itKinderiand Palästina“ Ansprache Frau Dr. Nadja Stein. Neu vintvetowde Abonnenten erhalten die bisher erschienenen Fortsetzungen unseres Romans „I u d e ans Kreuz" kostenlos nachgeliefert. Abwehrvereiu, riekschn-verel« Ein Aufsatz oes Professors Baudouin re Courtenai. In der neuen liberalen polnischen Monatsschrift „Zycze Wolne" erschien dieser Tage ein interessanter Artikel des bekannten Gelehrten Professor Baudouin de Courtenai unter dem Titel „Eine Gesellschaft zum Schutze der Juden". Professor Courtenai erzählt, daß sich eine Gruppe von Personen an ihn mit dem Vorschlag gewendet habe, an der geplanten Gründung einer Gesellschaft zum Schutze der Juden teilzunehmen. Der Mveck dieser Gesellschaft soll die Bekämpfm^ des Antisemitismus sein, wobei jedoch die Bedingung gestellt werden soll, daß Mitglieder dieser Gesellschaft b l o ß r e i n e Arier und keine Semiten sein dürfen. Professor Courtenai teilt mit, er habe diesen Vorschlag abgelehnt und seine Ablehnung wie folgt motiviert: Eine solche Gesellschaft macht de:: Eindruck eines Tierschutzvereines, dem gleichfalls nur Menschen und keine Tiere, die geschützt werden sollen, angehören. Während aber die Tiere ohnehin nicht imstande , wären, sich mit Menschen über ihre eigenen oder auch fremden Fragen und Bedürfnisse auseinanderzusetzen, sind die Juden durchaus fähig, ihre Meinung zu äußer::, zu Problemen Stellung zu nehmen und sich überhaupt an von Menschen gegründeten Gesellschaften zu beteiligen^ Markgraf Wielopolsk: behauptete einmal, daß für die Polen wohl etwas erreicht werden könnte, aber nicht unter der Beteiligung von Polen. Er betrachtete die Bürger, die mit der Autonomie bedacht wurden, bloß als stummes, passives Vieh, das sich nicht zu melden habe, wenn ihre usurpatorischen Sachwalter und Gesetzgeber über ihr Schicksal berate. Eine ähnliche Erscheinung wäre auch die Gesellschaft, die den Antisemitismus bekämpfen, dabei jedoch die Juden ausschließen und ihnen das Recht verweigern will, in eigener Sache ihre Stimme zu erheben. Professor Baudouin führt weiter aus, er habe auch nicht die Absicht, sich an dem Kampf gegen den wirtschaftlichen Antisemitismus zw beteiligen. „Geschäfte zu verteidigen" — sagt er — „möchte ich nicht unternehmen. Der jüdische /Geschäftemacher' und der christlich-katholische Geschäftemacher werden sich immer finden und vereinigen." Uebrigens sei es auch nicht angebracht, in einem Lande mit demokratischer Verfassung, die, wenn auch nur auf i>em Papier, besteht, solche Gesellschaften zum Schutze der Rechte einer Bürgergrupps zu gründen. Interessant ist die Charakterisierung des Antisemitismus, die der unvoreingenommene Gelehrte aus diesem Anlaß,-gibt. „In einem Lande, in welchem Menschen nicht, ■nad): ihren persönlichen Verdiensten, sondern nach ihrer, Konfession oder Abstamnnmg qualifiziert werden, blüht, und herrscht eine geistige, Idiotie, die keinerlei, geistige Ueberlegenheit oder die Kraft wissenschaftlichen Denkens, weder künstlerisches Schaffen, noch bürgerliche Leistungen anerkennt. Antisemitische Minister geben G eheimzirkulare über Numerus clausus und andere Beschränkungen gegen Juden heraus und die feigen Verwalter der Hochschulen unteUverfen sich ohne Murren diesen ungesetzlichen Verordnungen. Die höchste Intelligenz des Volkes, die gelehrten Professoren, erfinden, weil sie nicht den Mut besitzen zuzugeben, daß die Juden ihres Judentums wegen verfolgt werden, allerlei Vorwände, A:lsreden und unaufrichtige Verdrehungen. Bücher, die man lesen und die man nicht lesen soll. Vkisiprechunsen von Dr. Wolsgung von Werst, Kairo. Ein paar Bücher liegen ans meinem Tisch, alte un-d neue, üibe-r die ich eim paar Worte zu sagen hätte — um zu zeigen, wie man heute schreibt und nicht schreiben soll. Vor allem Bücher über den -Orient. Da ist eines, bas :vns besonders beschäftigen sollte, das uns besonders interessiert. Der „Ehemalige Vice- Resibent .de France in Donkin" gibt unter dem kühnen Libertitel ,/O r: e n t f r a >g e n" und dem Untertitel „Die arabische Revolte" den zweiten Band der 'Geschichte 'des arabischen UnabhänMkeitskampfes von 1916 bis ans unsere Tage heraus. (Librairie Colbert, Paris, 1965.) Monsieur Jung kämpft —durch persönliche FreunHchaift -mit vielen arabischen Nationallisten verknüpft — seit vteilen Jahren in Europa dafür, daß sich die öffentliche Meinung mit Arabien beschäftig. Sein erstes Buch darüber erschien vor über zwanzig Jahren; er sagte damals die arabische Revolution voraus und forderte Europa atiif, mit den Arabern gemeinsame Sache gegen -die kulturfeindlichen Türken zu machen. Sein letztes Buch registriert, wie dieser Aufstand und wie -dieser Versuch einer Kooperation Europas mit Arabien ausgegamgen ist und Jung macht, mit Recht, der französischen Regierung der: Vorwurf, nicht ver-! standen zu Haben, wie wichtig die arabische Nationalbswegung für sie hätte werden können. Schön, so weit ist alles in -Ordnung und manches, was J:mg sagt, ist klug, alles, was er sagt, ist menschlich schön empfunden und edel gedacht. Mer: das Buch selbst, das einen Versuch objektiver Geschichtsschreibung darstellt, zeugt von einer so bodenlosen Unwissenheit oder Einseitig^»it des Verfassers, daß es ein betrübliches Zeichen für das Niveau «der fran- , Mischen orientalischen Publizistik darstellt, die einem .Dilettanten gleich, M. Jung nicht energischer zu redet, Novellen statt Geschichtsbücher zu schreiben. Das gange Buch besteht aus nichts anderem als aus Zeitungsausschnitten, die feinsäuberlich aulfgeAebt sind und alle Quellen, die in frangösiischsr Sprache erschienen oder ins Französische übersetzt wurden, aber auch nur diese, berücksichtigt. Alles, was Herrn Jung nicht in den Kram paßt, verschweigt er einfach, was ihm in dar: Kram paßt, wird als ,Mudoritätsmeinung" zitiert. Beispiele für diese Taktik, die in antizionistischen Kreisen der französischen Levante leibhaisten Anklang gefunden hat: M. Jung spricht beharrlich von Hussein als „König der Araber", vom ersten bis zum letzten Blatt. Seite 19 schreibt er: „der Grand Cheris ließ sich als König der Araber anerkennen", Seite 20: „der neue Souverän wurde von «den Alliierten anerkannt" — ohne zu erwähnen, daß kein einziger arabischer Fürst, weder Jbn Sand, noch der Imam vor: Assir auch nur eine Sekunde lang daran gedacht haben, König Hussein als ,König der Araber" anzuerkennen. M. Jung spricht Seite 93 von einer Botschaft, die von „den" Doktoren -und Interpreten -des mohammedanischm Gesetzes an die mohcvmmedanische Weltt gerichtet wurde: ,Mir kennen keinen mohammedanischen König, der frommer ist als der Enkel des Propheten (das ist Hussein), der über die arabilschen Länder regiert (sie!)" ... und er vergißt zu sagen, daß dieser Regent der „arabischlsn Länder" nicht einmal Wer Medina, die Stadt, tri der Mohammed begraben Liegt, regierte und daß Jemen einerseits, die Schammar andererseits bis zum Kriegs-!ende den Türken treu blieben und nichts von eitler „arabischen Unabhängigkeit" unter dem König des Hedjaz wissen wollten. Uebrigens waren auch „die Doktoren-des Islam" niemand anderer als die von Hussein und den Engländern bösolde-ten Richter und Schreiber und Prediger von Mokka, der Hauptstadt dös HMaz und König Husseins. Zum Schluß kommt M. Jung auch ans den- Zionismus zu sprechen. Er spricht, wieder sehr anständig und ehrlich, einer judeo-arabischen Zusammenarbeit, das Wort, die kommen muß und kommen wird, sobald die Juden die nötigen Geldmittel zu politischer Arbeit, wie wir sie verstehen (Bankengründu-ng-en, Kolonisation von Arabern in Syrien und Mesopotamien, Subvention von wissenschaftlichen Instituten, Anleihen an arabische Staaten, Fürsten und Städte), bereit haben werden. Aber dann steckt Herr Jung plötzlich wieder die Ohren aus dem Fell heraus, 'das er, überbeworfen hat und, der Unglückliche, er zitiert wieder einmal. Und dieses Zitat ist so schön, daß wir es übersetzen 'müssen: „Einer unserer Freunde, der Forscher und Gelehrte 90£.. de Laigue, hatte uns seinerseits wertvolle Hinweise gegeben, die bald in einem sensationellen Buch ,L'Angolsse des Peü» ples" erscheinen werden. Er sagte uns: Gewisse Dokumente bestimmten mich, die Bibel... aufmerksam zu leien... Die 40 Jahre Wüstenwandorung sind unerklärlich angesichts der Entfernung zwischen Aegypten und Palästina. In diesem Gebiet konnten niemals die großen Völker existieren, gegen welche die 660.000 jüdischen Krieger... gekämpft haben.... Alles spricht dafür, daß sich das Gebiet in Wirklichkeit längs der Mittelmserküste... in Toledo, am Tajo, in Spanien findet. Die Tatsachen sind absolut sicher. Nabuchodonosor war ein irländischer König, und in den Bergwerken von Cornwall ... die jüdischen Emigranten. Hundert Jahre vor unserer Zeitrechnung beschlossen die, welche von dort entkommen waren, aber sich nicht in ihre alte Heimat begeben konnten, eine neue zu schaffen, und sie gewannen Palästina... (Wer lacht da?) Sie gaben ihrer neuen Stadt den Namen „Yoroush al Aim", Vision de Paix, und tauften ihre Flüsse, Hügel usw. nach den Namen ihrer alten Heimat. Dies war der erste zionistische Versuch... er dauerte «inhundertfünfzig Jahre.. Und nun kommt der Clou des Ganzen. Diesem Idioten, der nicht weiß, daß der Arrfenthalt der Inden rn Aegypten durch ägyptische Quelle»

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