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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-11 · Heft 2858 (11.2.1927) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2858 (11.2.1927)
Date
1927-02-11
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nv. 2868 Wien, Freitag W1e«rr 11. FeHrnar 1M7 Gerte. - JUDE ANS KREUZ! ROMAN VON KÜRT HUNZER „Laßt den Juden schwimmen!" schrie Karl Ehrsam aut dem Haus der Leichenwäscherin. Und schon flog, von sechzehn.Händen geschwungen, das KreuL mit dein Menschen durch die Luft, klatschte ins Wasser, sank, stieg auf, und jetzt trug ce» das barmherzige Flüßchen sanft wiegend von den Henkern fort. Lau u m spü lte es den striemenbedcckten Leib, die bluti.ze Stirn. Schilf sang ihm das Lied der Tiefe, der Nacht, der Sonne. .. Cojprigbt 192t by R- Löwit Torlag, Wie« — Leipal*. Es gab einen jüdischen Schneider im Städtchen, aus Lublin zügezogen, Samuel Lub iner, dem hatte seine Frau ein lediges Kind mitgebracht aus ihrer Köchinstellung in Deplitz, die kleine Priska. Die war ganz gewiß das Kind eines Christen. Und als hätte die Mutter Schuldgefühl und Reue, ließ sie ihre Wut an diesen» Kinde aus. Sanmel Lubliner,. dem. kein eigmes gegönnt imr, liebte es zärtlich,, aber er wagte nie, es offen zu verteidi gen. Abends setzte er sich an Priskas Bett mid erzählte ihr Märchen. „We,tn du groß, bist, ivirst du fortgehen in eine schöne große Stadt mit prächtigen. Häusern und reichen Herrschaften. Dann, Kindele, wird ein Prinz kommen Und dich sehn und, Gott, Du Gerechter, wird er sagen, Hab ich doch noch nie so eine'Schönheit gesehen! Und er wird dich heiraten und mit Perlen und Dimantm behängen." Priska schlief nicht , ein. Sie fieberte. Die Perlen kühlten ihre Brust, Diamanten zogen schwer ihre Ohrläppchen hinab, Atlaskleider schleppte sie nach. Sie keuchte noch im Traum. Mn Nachmittag lief sie hinter Abel Adler her, aus der Stadt' hinaus. ,,Du," raunte sie, „wenn ich groß bin, komme ich in die Stadt und ein Prinz heiratet mich. Und Perlen und Diamanten " da besann sie sich. „Ja, aber du? Ich will doch dich heiraten —." Sie versank in Grübeln, indes lief Mel, geringschätzig lächelnd, weiter. Sie holte ihn ein. „Du ivillst nach wohl nicht heiraten, Abel?" Er herrschte sie an. . „Sei still, dummes Ding. Ich habe gar keine Zeit. Nimm doch den Prinzen. Geh weg jetzt." Sie schlich hinter ein Gebüsch. Er öffnete den Geigenkasten. Da lag die Drekviertclgeige in blauem Samt. Indem sie ihm aufging, ging die Welt unter. Es war September. Die Wiese, das Flüßchen, Himmel, goldnes Laub, Bogelstimmen, alles verlor sich aus den Sinnenches Knaben und tauchte als Ton wieder auf, Melodie, Rhythmus, Kraft, Süßigkeit. Prislä, neun Jahre alt, lag..im. Gebüsch Plötzlich schluchzte sie wild, biß sich in die Hand, riß sich, am Zppf, schlug die Stirn an den Baum, rief „Mel! Abel!" in. Ängste. Das Kind spürte das »furchtbare Ereignis: ein Mensch nähert sich Gott, löst sich aus dem Verband der Erde und schaut das Geheimnis, Aber andere tvarcn uuerlösüar dumpf. Noch welche tvaren. dem Flüchtling. vor denk Menschen gefolgt, eben die . Menschen,-die .er floh, Eine Bande'halbwüchsiger Knaben schlich heran, überfiel den. Spieler. - „Meine Geige!" schrie der Junge. „Die Geige." Da stieg sie in die. Lüfte, hochgeschleudert, honiggelb glänzend. Priska fing, sie auf, schreiend, heulend,-entfesselte Frau.. Man . johlte, stürzte aus sie. Sie lief. Mit ihren schlanken^ Beinen, hohen Annen flog sie, flüchtig wie der Wind selbst. Und man ließ sie. Da war ja das Opfer. Man sprach nicht. Rätselhafte — ach nein, so begreifliche. Rachsucht, Urhaß des,Gemeinen auf den Reinen. Wut. des Kleinen auf den Großen, brach aus. Sie fhät'.en St ick.' mit^enonrmen. Was sollce .geschehen? So.tte Abel Adler an dem Baum hängen, dessen-wortlose Seele soeben tönend ans feiner kleinen G ige gestiegen war? Da hatte. einer, teuflischeren Einsall. Es war Karl' Ehrsam,, der. Sohn der-Leichenwäscherin. Unweit lag ein Stapel ^geschnittenes Holz.... .. Abel Adler hörte nicht, was-sie berieten und beschlossen. Beine und Hände waren ihm. gebunden. So rächt sich die Menschheit am Menschen, der über sie wächst, ihr das Ideal zeigt, in. sich die höhere Bestimmung, die schönere Möglichkeit ihres Westys. Was der Mensch nicht erreicht, läßt er nicht unangefochten auf seiner Höhe. Er zieht es hinab zu sich. .Er erträgt nicht, Ideal über sich zu sehen. Gäbe es iwch Go.tt, -wenn der Mensch ihn erreichen könnte? . Abel. sah dm Himmel über sich, seliges Blau, selige Weite. Weiße Wolken ruhten glücklich unbewegt in Räumen, von deren .Unendlichkeit nur.Musik weiß. Dort hinauf sah er, wo seine Musik herunterklang, von wo das Wunder in ihn sich , senkte. Und es . begann so herrlich, brausend, getvaltig zu tönen — später, nach manchem Jahr, als er zum erstenmal Bruckner hörte, das Finale der fünften Sinfonie, diesen Aufgang Gottes leibhaft über dem harmonisierten Chaos, Seinen Aufgang aus der vollendeten Schöpfung, das Geschaffene mit Seinem enthüllten Antlitz krönend — da, bei diesem Ruf der Posauuen, erinnert der junge Abel sich jenes Reichs, in das er damals geschaut. Dort aber war die Heimat Brucknerschen Werks, das nichts als Echo ewiger Gottgeburt ist. So also, umbraust von der Vollendung kosmischen Geschehens, ging dem Knaben das Martyrium in dieser Wonne unter.., Seine Feinde, die ohnmächtigen Hasser, sich zu Tätlichkeiten rettend, weil der Tat nicht fähig, hatten zwei große Aeste des Stapels in Kreuzform zusammengebnnden. Sie hatten weder Nägel noch Hammer. Unvollkommen nur. ahmten sie das große Beispiel nach. Sie-entfesselten den Juden und fesselten ihn'aufs neue an das Kreuz. An jeden Krcnzarm eine Hand, fest geschnürt, die Beine übereinander an dm Stamm. Sie hatten nicht unterlassen, ihn zu entkleiden. . Ein Dornbusch wuchs ihnen, gefällig entgegen. Und das Kind'erhielt. deic Stiriireis des Erlösers. (6. Fortsetzung.) „Jude ans Kreuz!" heulte das Volk. Acht Knaben steMen es in ganzer Vollendung dar. Rache, Neid, Haß, Grausamkeit, Feigheit, Hinterlist, Scheelsucht, G ilheit: sie vertraten den Mob, die Welt, die gegen das Genie ausstehl. Sie spien dem ans Kreuz Gehefteten ins Gesicht; sie lehnten ihn an den Baum, der höher, höher stand als Mensch. Sie schlugen mit Gürteln auf die kindliche Brust, die mädchenhaften Lenden. Ihre Mäuler troffen von Schimpf. . Der Knabe am Kreuz lächelte... „Mamuschka," flüsterte er. Aber es war kein Hilferuf. Ihm brauchte nicht geholfen zu werden. Er schwebte tit Musik und hing an keinem Kreuz. Sie nahmen es auf. Wohin? Singend marschierten sie am Ufer der Klödnitz. Ein furchtbares Lied sangen sie von allen Inden, die ans Kreuz geschlagen werden müßten wie Herb Jesus Christ; von allen Juden, die man wie Ungeziefer zertreten muß. Waruin gab es. Töne für solche Worte und Worte für solche Wünsche! Aber da hatte Mel Adler geschrien, als er. durch die Luft flog und sank. Es war ihm tvie bodenloser Sturz gewesen, und er versank in glückliche Nacht. Die Peiniger flohen, ihr Werk war vollendet. Sie sahen nicht, und der kleine Jude spürte nicht, wie die gute Klodnitz das Kreuz ans Ufer wiegte. Sie schob cs in Sand und Rasen, in den Schatten von Erlen, gluckste, plätscherte, damit der Erwachende Frieden und Freude hörte. Indessen hatte die kleine Priska Mirjam Adler ausgestört. Die Mutter stürzte durch die Stadt. Samuel Lublincr - sah sie laufen, setzte ihr nach. Priska voran. Sie 'schlug an die Tür des Rabbi Awrohom. „Rettet ihn! rettet ihn! sie schlagen ihn tot." Der Rabbi folgte, seine Frau, an alles denkend, mit einem Fläschchen süßen Festlrcincs. Niemand . wußte, alle ahnten. Christen schlossen sich an, wollten brüderlich mit den Juden laufen. Aber sie verschwanden, als sie - sahen. Beschämt, mitschuldig? Nur Severin Gurassa, aus - der Promenade in ein Buch versenkt, hinter Mirjam' eilend, blieb. . (Fortsetzung folgt.) .......-.-..uil .. > VOLKSWIRTSCHAFT Semeindeanleihen überall, nur nicht in Wien. Vor kurzem erst haben wir berichtet, daß die Stadtverwaltung Berlin», die eine sozial demokratische Mehrheit besitzt, ein« Invest itio>nsanleiche ausgenommen hat, xtnr.ö nunmehr tri'.W aus Prag <die Meldung ein, daß der dortige StM.vät die Aukgalbe einer 5K%tßen Emissionsan-IÄHe iim Betrage von 2 0 0 Millionen t s ch e ch ischen Kronen zur Deckung des JnvestitionMudgcts für 1927 vor nimmt. Die Anleihe -wird von einem Konifortium von Geldinstituten fix Lider-- nonrmen werden, id-ie. LanfgoiL.20 Ja/Hre. betragen, die . Amortisierung.. durch Rückkauf aus den freien MarLt zulässig sein. Die Verwendung der Anleihe wird ausfckMeßlich Kr pr o d ukt i ve Zw e ck e erfolgen. Wenn wir davon absehen, daß auch kleinere Städte, wie z. B. die Gemeinde Neusatz in Jugoslawien, auswärtige Jnvestitionsanleihen aufnchmen (Neusatz soll eine englische Anlc-ihe im Betrage von 3 -Millionen Pfund erhalten), so blei'bt, wenn wir bloß aus die Finanzpolitik der mittetceuvopaischcn Großstädte .Berlin und Prag Hinweisen, Ne grundlegende Frage, die immer und immer wield-er gestellt wenden mutz: Warum betreibt Berlin, das eine sogLaNemokra bische StadtratAmehrheit hat, warum betreibt Prag, düssen Staldtverwaltung in der Hauptsache von sozialistisch orien'l'ierten Parteien geführt wird/ seine FinanKpol'itiL mit Zuhilsenahnie von Anleihen, und warum wird von der Wiener Gemeinldeverwaltung eine Anleihepolitik geradezu perh o r re s z i ert? Die Gemeinde Wien unternimmt koschpielige Investitionen, die an sich gewiß Kr die Entwicklung Wiens wichtig sind, jedoch ausschließlich aus den Geldern, welche ihr durch rücksichtslose Hanlkhabmiig drückender Steuerm-etho'den, die eigentlich aus die Inslat r o n s - verhältn >i sse zngcspitzt und noch' iminer ' nicht modifiziert sind, zufließen. Bei dem Verglvich mit Berlin und Prag konvmt noch Hingu, daß die beginnende . wirtschaftliche Gesundung Deutschlands es sicher eher ermöglicht, Gomeinde-Jnvestibionen aus Stcu.ergelldern zu bestreiten, daß die Stadtgemeinde Groß-Prag, die Hauiptstadt eines Staates, dessen W-irlschastSlage trotz' häufiger Rückschläge weit konlfolidierter ilft als die Oesterreichs,' ebenfalls «die -Möiglichtk.'ilt' hätte/'rsüv ihre Investitionen die Steuergelder ihrer erwerbenden Schichten heranzMehen. Dennoch wird in bvifcit brHen Städten düe Finnnziernng ihrer Jnv.isMonen mit woit gwm.^ercr Staner- Lelastung durchgeführt, als tiin Wien, der Stadt ' der seit droi Jahren chronischen Wirtschaftskrise, ' geschieht. Von der Miiener städtischeir Finanizverwaltung wirb immer der Eimvand erhoben, daß Anleihen eigent- - lich nichts and?res sind als Präsumpt-ioueu künstsger- Steuerbelastungen, die sich aus der Rückzahlung der Anleihen erg.ben müssen. In dem jetzt aktuellen Anleiheplan -der Stadt Prag ist nun sicher auch ei-ivkalkuliert, daß die Schaffung, der Stadt Groß-Prag, mit der durch die Eingemeindungen eine Vermehrung der Steuereirgänge verbunden ist, gewisserniaßou die finangielle Unterlage Kr die jetzt arüfzu nehmen de Anleihe bietet. Doch muß-entschieden daraus verwiesen werden, daß es in Wien genügend Unterlagen Kr die WIR HABEN,, UNSERE PRÄMIEN AKTION VSRH Jahres - Abonnenten Halbjahres - Abonnenten erhalten bei sofortiger Vorausbezahlung der Jahresbezugsgebühr nach Wahl: JosepAus ^VaviiM SÄMTLICHE WERKE. In drei eleganten Pracht* leinenbänden, Mehr als 2000 Feiten, schönster, klarer Druck, holzfreies Papier, oder Kehtvicfi fhcaetx GESCHICHTE DER JUDEN. Drei vornehme Geschenkbände. 2200 Seiten stailfe oder fvcnüTedUn PALÄSTINA. Ein herrl.Lexikonband m 300neuen Bildern aus Erez Israel in melsterhaiter Reproduktion. Text v. d. berühmten Forschungsieisenden. erhalten bei sofortiger Vorausbezahlung der Bezugsgebühr folgende Gratisprämien nach Wahl:!7Aeo<fot F$U LLETONS. Zw?i geschmackvolle Gescheukbände. 700 Seiten stark jfdol/ üStfAm DIE ZIONISTISCHE BEWEGUNG Zwei Bände in einem hocheleganten Großoktavband. Gebd. ca. 400 Seiten JVcvmunn ArucA DAS OSTfÜDISCHE ANTLITZ. 52 Meisterzeichnungen. 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