Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2858 (11.2.1927)
- Date
- 1927-02-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Gerte 4 Wien, Freit»« Wiener Msrgenzettrms 11. FeLrnar 1987 «rippe und ihre Verhütung. Tn tat Uvam-ia hielt gestern Univorsi'tätsprosessor Dr. Viktor Kollert einen a »sich! ri streichen Vortrog Wer dos W-csen und die Dherapie der Grippe, die jetzt, ebeHo wie im Winter 1918/19, in der ganzen W-elt epidemisch grassiert. Einleitend stührte der Vortragende aus daß «die Grippe an verschiedenen Orten verschicken stark ausfirete, wofür B u d a p e st und Wien 'das beste Beispiel stn>d. Während in Bu'dopcist eine graste Zahl von schweren Grippofällen aft mit tödlichem '.'lusga-ng zu verzeichnen sind, ittatf fit Wien von einer Griypr-Epjtamie nicht sprechen. Die Wissenschaft hat bisher nach nicht einwandfrei $en Grippe-Erreger feststellen können. Eine Gruppe von Aerzten ist geneigt, als ihren Erreger den Pfeifersch eh Influenza-Bazillus anzunehmen, eine anlcre Gruppe schr-öbt die Entstehung 7er Grippe einem biMer unbekannten B a z i I - ■ u s zu, der derart klein ist, daß man ihn mikrci)ko-p'>).b ilberhaupt nicht wahrnchmen kann. In der men'chlichen iNuwd* und Racherlölste befinden sich ständig tausende urub abertausende J-rssluen^-a-Bazillen, die durch Hirrzutraten des Grippe-Erregers virulent, d. h. wirksam werden. Diese Gruntbazillen sind in den vermiedenen Landstrichen verschieden, woraus sich die sonderbare Erscheinunig erklären lästt, daß di« Grippe in verM'dldernn Ländrrik verschiedenartig verlauft. Mauch-e.Leute tverden nach einer einatal überstv'Ndenen Grippe für Jahrzehnte hiindurch gcgen diese Krankheit immun, andere wieder inklinieren viel starker aus diese Kranlihsit. Die Mehrzahl der Fälle verläuft gutartig und es Hut bei Fiber und leichten katarrhalischen Erkranlungen sein Bewenden. Die schweren Fälle stnd eigentlich durch die Nebenevkvamknngen charakterisiert. Eiterige Entzündungen der N'berchMen (Nasen- und Racherlhöhle), der Mvnd.Ln, Rippenfell' ent-ündungen und als schwerste Erkrankung Lun-genenizj-iindur^en treten häusig im Esfolxe d'r Grippe aus. Auch Darmerkrankung-en sind zu beobachten, so daß oft fälschlich Ruhr angenommen wird. Gefährlich sind auch Erkrankungen das Nervensystems und des Gehirnes; Delirien, Lähmungen und Gehirnhautent>',L>n.'dungen sind bei bösartig verlausenden Grippefällen nicht allzu sctten. Auch Schlafkrankheit konnte als FolMerscheinung kcnstali-ert werden. Nach überstantaner Grippe tritt hauptsächlich bei Frau e u oft Haarau ssa ll ein. eine Folgeerscheinung. die aber nicht allzu tragisch genommen werden muß. Denn die Gsftchr des KaWverdsns tastcht nicht, die .Haare Im Renaisiancethrater Strawinskys „Geschichte vom Soldaten"; nach Kleiber deutet jetzt Oskar Fried diese Musik aus Geist und Witz aus. Aber roird man damit lange daS köstliche Theaterchen füllen? Shaw! Shaw! Shaw! Zehnmal Shaw -- und dann erst ein ariderer Autor. Die Tribüne holt ihren alten „Liebhaber" hervor. Beifall gibt es immer, bei jeder Premiere. Man könnte immer denken: das ist ein Saisonerfolg. Uich am achten Tag gähnt das Parkett. Um elf Uhr Schluß. Aber noch lange kein Ende der Nacht. Anita Berber tanzt mit Henri. Das Laster flackert in Augenhöhlen weißen Gesichts. Das Weib ist wie Schlange, der Mann wie schivanker Ast, um den sie sich windet. Visionen des Irrsinns, der Perversion, des eisigen Blutrausch.es; Ersindungen des Opiums, Morphins, Kokains... Noch einmal kann man sich ausschlafcn. Aber am Samstag fünf öffenttirl-k, zwanzig Bercinsbälle... Presseball! Der Ball Deutschlands. Sechstausend Personen. Goldrauschfest: fünftausend. Sozialrstenball: dreitausend. Zille-, Jungfrauen-, Deröyball. Funk-, Karikaturisten-, Polizeiball. Artisten, Jachtklubs, Rudervereine, Universität, Klinikerschaft, Automobilisten: alles tauzt. Alle Theater stehen leer. Konzerte abgesagt. KlnoS schließen um neun. Cafes füllen sich erst nachts um drei. Kein Auto zu haben, Zwanzigtausend Bettl r, Wagenschlagüsfner, Streichholzhändler werden reich von acht Uhr abends bis sieben Uhr früh. Und Sonntag schläft ganz Berlin! Um halb zwölf, in der Philharmonie, macht der samosesilberhaartge Siegfried Ochs Honeggers ,Mnig David". Bon zweitausend Menschen im Saal schlummern taufetib, aber alle weckt — zu flammendem Entzücken — diese großartige Musik, bst Wucht der Chöre, die Einfälle der Themen, Und anderthalb Stunden hohen musikalischen Erlebnisses geben dem Tag Weihe. Honegger ist ein Mann, der sich der Moderne bedient, um etwas zu sagen. Urrd die Villen anderen bemänteln mit der Moderne, daß sie nichts zu sagen haben. Es taut. Sonne scheint. Himmel blaut sizilianisch. Ein Abend bet Lampe, Buch, in Stille und Einsamkeit. Einziger Abend mit verhallendem Echo Honeggerfchkr Klagegesänge ""d Davwssänge... Und morgen wieder: Berlin..ll Kurt Münzer. wachsen vielmehr, wie gewö'hrllich, vier Zchwtelmilli« mcier pro Tag nach. G r i p p e s y in p i o m e sink Ficber, Mattigkeit, Entzündung der Rachei/sii^e, Al -ger/chm-erDen, Ausschläge nnd Schnupfen, der aber nicht mit tenn gewVhnl'rchren Schnupfen als Folge e'lwer DeMYIur'U verwechselt rvertan darf. Die Grippe ist nickst eine Fole/terschorm-ng einer Verkühlung, sondern wird durch eine etwa vorchan/denr oder zögezcgen.e EvM'llnrg nur akuter. Erkrankt in einer Familie nur ein Mi'tgliod so ist meistens nur eine Influenza und keine Grippe die Ursache, weil letztere sich von Person zu Person üÄ-srbräHt. Das wlrüpmfte BordeugungKmittel gegen Grippe tiec* nicht im Machtbereich de8 Arztes. Die Menschen werden peir<li<st darauf achten «rllssen, daß sie von Bazillonträg-rrn nicht a »gehustet werden. Es must paradox anmuten, wenn man für eine ford^-worfene Itmstenüe'hnkart-e swei Schilling Straife zahlen must, während ein Mersch, -er seinen Ncbemnenischen. ohne auch nur einen Moment dabei Gewissenkbisse zu e-ms>fintan, oft minutenlang mit Bazillen überhäuft, straflos bl-eiLt. Hier muß die Erziehung der Bevölkerungeinfttzen. Gin wirÄsanres Vonbeugunvs'mittel ist eine gründliche Zahn- und Mundpflege. Ein von ö c r Wissen ischa.ft als Grippe* Hei-mittel anerkanntes Medikament gibt es eige n tli»J> n i cht Die Aergte wenden die verschiedensten H i!bmc-li>Len an, die ja in den meisten Fällen Erfolg b,-ringen. U-M-edingt uoiwenbig ist War mH alten -es ganzen Körpers, auch nach ü b e r st a n d e n e r Grippe, weil leicht bösorb'gv Rückfälle e'n^xten können. Gegen Ficüer sind Wickel und W v s ch u n g e n> zu ampfesiien. G genwärtig werden Versuche mit Impfstoffen gemacht, die nv.,hr?.l>2inlich erfc^ersprechend sin-d. Das wirksamste Mittel ist aber die Vorbeugung rmd die must die Bevölkerung selllst üben. Grlppezunahm ln Magdeburg. Aus Magdeburg wird cüir.d'lct: Die Zc.M der an Grippe Erkranken in Ma.gd:Hurg ist i n stetigem Steigen begriffen; sie wi.d auf 3 y 0 0 ^'schätzt. Die KraniHeit nimmt einen guten Verlauf. Starke Ausdreltm U Schweden. Aus Kope n'hagc u wird g:mcDet: In Goten bürg hat 'die Grippe im Gegerifatz zu anderen Teilen Schadens. einen ziemlich bösartigen Charakter. In der letzten Woche starben 25 Mensch >e n an dieser Krar.!.!he'st, g-.-genüber sechs in der Woche vocher. ' Sie Bekümpsung (er Rachitis. Aus Güttingen wirb brr-ichtet: Professor Wolf Windaus, der Leiber des „Allg-'-ureinen Ghemischen "Unitn.csitäts6orotortums", hat im Hörsaal des Cihemüschen Institutes erklärt, baß er in gAneinifchasisicher Arbeit mit englischen und amerikanischmr Gelehrten fesigestellt hätte, daß das Provitamin gegen die englische, Kran,Heit mit dem Ergosterin identisch ist rmd daß durch Bestrahlung mit ultraviolettem Licht das ciigentliche heilende Vitamin entsteht. Eine -tägliche Dcsis von lOOOftel Milligramm genüge, eine r a ch i t i s ch-e N a t t e in drei Wochen zu heilen. Das Ergosterin kann je-dem Nchrun-gsmitte! (z. B. der Margarine) in der richtigen Dosierung bergesetzt werden. Falls die g-genüber der Nattenrachitis gsfumt-ene Heilwirkung sich auch gegenüber der merschlichen Rachitis bewahren sollte, wiivde ein durckg-r-eisöndes Mittel g-.'gen die englische Krankheit gewonnen ssin. In einem Jntewlew, das Prof. WindauS einem Journalisten gewährte, Mlävte der Entdecker aus Befragen folgendes: „Es sind bislang nur Versuche^ an Tteren vor-genommen worden. Doch wird das Mittel zurzeit an verschiedenen Ksini-ken an Säuglingen aukgeprobt. ES ist angunchmen. dah in eb.va zwei bis br-ei Wachen über die Erg-bm'sse ausftchrlich tarichret werden kann. Ich w-ertz.? dann über meine Arbeiten in einer bekannten Fa^eitschrift herichten. Jim übrigen habe ich einer Fivma Mitteilung gemacht und ihr auch ar/;eimgeWllt, sich mit der Sache zu befassen, vor oHrm ftstüust.'llen, cb man das Vitamin in groben Mengen -u einem niodrigen Preis? wird Herstellen können." Es bedarf keiner b<sor<deren Erwähnung, dast die neue Entdeckung eiwe ungeheure Tragweite besitzt. Professor W i u b a u s hat im L'cHre 1918 in Innsbruck rmd dann 1914 in Wien gewirkt. Oeffenmg im Seünten 9eors Brantzer'. Wie aus Kopenhagen gemeldtt wird, gibt das Befinden Georg Brandes' zu keinerlei Befürchtungen Anlaß. Brandes hat an einer akuten Magenerkrankung gelitten, hält sich aker bereits vier bis fünf Stunden am Tage außer Bett aus und empfängt Besuche. .l«:. ..-.. - ------.. ... " r'-ts:;!*::1:, -.ir.s-, ,:::ra 1« Jitllimminliitt in Ui 2tlief Aus Konflaiitinopel wird uns geschrieben: Die heutige Türkei umfaßt ein Gebiet -von etwa 750.000 Quadratkilometern, über deren BwölkerungSzahl die Schätzungen zwischen 9 und 20 Millionen hin und her schivanken. Die Türket beabsichtigt nun in diesem Jahre eine Volkszählung zu veranstalten. Die Organisation der Volkszählung ist einem belgischen Sachverständigen, Jaquard, anvertraut worden, der zugleich Leiter des neubegrüntatcn statistischen Amtes wird. Eine Volkszählung stößt in einem Lande mit schätzungsweise 80 Prozent Analphabeten naturgemäß auf besondere Schmerigkeiten. Als erste Borstudie der geplanten allgemeinen Volkszählung wurde vor einigen WockM die Zählung der Bevölkerung in Angora vorgenommrn. Das Ergebnis hat außerordentlich enttäuscht, denn während man bisher nach den Aeußerungen der türkischen Presse auf eine Bevölkerung von etwa 80.000 Köpfen rechnete, ergab sich nur eine solche von etwa 58.000 Seelen. Zu einer optimistischen Deutung deS Bevölkerungsproblems veranlaßt die Ausstcl-- lung auf Grund der Einschreibungen bei der Poliz iöehörde über die Einwohnerzahl von Konstantinopel, die gegenwärtig verösieittlicht wird. Danach hat Konstantinopel über eine Million Einwohner, darunter 60 Prozent Mohammedaner, die im Msentüchen mit den Natioualtürken zusammensaUen. Die nationalen Minderheiten sind nach den vorliegenden Statistiken schwer voneinander zu trennm, da bei ihrer Aufstellung konfessionelle und nationale Gesichtspunkte wirr durcheinandergehen. Die Zahl der Griechen in Konstantinopel betrügt et.va 150.000, die der Armenier 60.000 und die der Juden sogar 70.000. Wie immer aber das Gesamtergebnis der Volkszählung auch ausfallen dürste, so ergibt sich doch zum mitldestcu für die ganze asiatische Türkei eine unzureichende Besiedelung, die den von der Angora-Regierung erstrebten wirtsclM>tliü)en Fort.'chrtlt sehr erichw-ert. Da aber die Türken, in ihrer Besorgiris um die Nationalisierung der Wirtschajt, der Besiedelung durch fremde Elemente feindlich g e g c n ü b e r st e h e n, so wird es ihre Tlusgabe sein müssen, vor allem jene Ursachen zu verstopfen, die heute eine rasche Bermeyrung des türüschrn Volkes vcrhitwrrn. Diese Ursach«» sind die hohe Sterblichkeitszifser und die überraschend writ verbr.Üete Geburten Verhütung. Daneben scheint die türkisch: Regierung auch bemüht, jeiur noch im Lande besindlichen Minderheiten, deren nationale Aufsaugung ihr politisch uubedmAch erscheint, zu assimilier e n. So beschäftigt man sich nach Blättermrtdungen aus Angora mit dem Entnmrs einrs Gesetzes, daS bestimme» soll, daß in der T ü r k e i geboren: Klirder hirr ansässiger Eltern entwed.r dl: türkische Nationalität zu erwerben »der mit ihrem zwanzigsten Lebensjahre das türttschr Staatsgcbiet zu verlassen haberl. Es verlautet, daß dieser Gesetzent.vurs tan Bestimmungen Frankreichs und mehrerer amerikanischer Staaten nachgehsitat sei. Lrsterreichi'che Keren Haleflod-riMon. Im Rahnren der Oesterretchistl-en Keren Hajejsod-Aktion finden in den nächsten Tagen nachstehende Veranstaltungen statt: Samstag, den 12. Februar, hrlv 9 Uhr absndSr Meeting im Mähringer Genielndehans, 19. Bez., Marlütstraße 100. Redner: O'öerra-Viner Dr. Cy^jeS und Dr. Nahum Goldmann (Berlin). Sonntag, den 16. Februar, halb 11 Uhr vormittags; Maisemneeting im 9. Bezirk. Fliegerklnv, 9. Bez., Ltochtensteinstraße 37. Redner; Dr. Nahnm Goldmann (Berliit) und Dr. Leo Gotdhammer, Präsident der zionistischen Landesoreani.ation. -- Filmvv.itthrungen; Halb 11 Uhr vormittags im 18. Bezirk, „Iris-Kino". Nednennr Frau Doktor Nadja Stein. - Halb 13 Uhr vormittags im 10. Bezirk, Kino „Nnlverslm" 10. Bez., Sied-ermgerstraste. Red»- nerr Dr. Alfred Ld'wtz. Montag, den 14. Februar, 8 Uhr abends; Massen- Versammlung im Zentralkelier, 2. Bez., Taborstrqß« 8. Redner Dr. Nahnm Gokdmann (Berlin) und Dr. Leo Gold-- hammer, Präsident der Zionistischen Landesyrggnisation. Dienstag, den 16. Februar. 7 Uhr abends: Meeting ün 10. < a ino Zi'ge itz, 10. BeD" k n o ' a vtllräiie 76. Vtednerr Dr. Nahnm Gokdmann (Berlin). .;~ 9 Uhr abends; M.'eting im 0.^8. Bezirk. 8. Be»., Bemwplatz 1. Redner; Dr. Nahnm Go'dmann (Berlin). Mittwoch, tan 16. Fobrna?, 8 lihr abends; Meeting im 3. Bez., Cafe Lovran^, 3. Bez., LAvengasseSL Redner; Dr, Rahum Goldmann (Berlin). Sa» SS Mrsge gubllSvm des „Merachi". Im Monut A'dar w.'rden «s 25 Jahre, seitdem di« FrEion öer G'seheslreuen Zionisten, der Misrachi, gelgrüM'-t wurde. Dieses Inbi-läum wind der W'ener Misrachi' durch verschiedene iöpifcwwhiruw und Veranfk'ltvrQeti feiern. Tcr Au-stM wird «ine Misrachi.Versammlung s-lln, die morgen -SamslM, den 12. d. M., um 7 U'br dbmfö im Gaule der ,Scholle", 2. Bezirk, Gredl-Slstraste 1 (Dianabad- Gebäude) Thcmar Die Ideen des Misrachi. Redner: NEiner Dr. Davitz F e u ch twa«n g und Mor Austerlitz (Del^i-evter der Misrachi-Grim dungsikonferens vor 2v Jahren).